Peter Kratz: "Die Götter des New Age.Im Schnittpunkt von 'Neuem Denken', Faschismus und Romantik"© 2002 Copyright by Peter Kratz.Jede Verwendung des Textes unterliegt dem Urheberrecht.
3. New Age und FaschismusZur Identität zweier Weltanschauungen
Inhalt des Kapitels 3:
Gorbi et orbi: "Neues Denken" verbindet die europäische Rechte
Rudolf Bahro im "Neuen Zeitalter"
Erste These: Gemeinsam gegen materielle Ansprüche -
Respiritualisierung statt Veränderung der Gesellschaft
Zweite These: Gemeinsam aus denselben Quellen schöpfen
- Quantenphysik als Weltanschauung
- "Ganzheit", "Leben", "Äther", "Tat-twam-asi", "Holismus"
Dritte These: Gemeinsam für das organisch-kosmische Weltbild
- Der "Wille des Ganzen" als Politik
- Zerstörung der Ethik
Vierte These: Gemeinsam für den selbstvergöttlichten
faustischen Menschen
- Selbst Schöpfer sein
- Totale Mobilmachung der Technik
Fünfte These: Mit dem faustischen Übermenschen fürs Kapital
Vom dritten Reich zum New Age
Die Rückkehr der Indogermanen
Die Ideologie des New Age stellt den größten Angriff auf die Linke, auf ihre dialektisch-materialistische Weltanschauung und ihre praktische Politik für gleiche bürgerliche und soziale Rechte aller Menschen seit der Entstehung des historischen Faschismus dar. Dabei wird der Angriff des New Age im wesentlichen mit denselben geistigen Waffen geführt wie der Angriff des Faschismus. Auch versteht sich das New Age mit seinem Konzept der "Transformation" der Welt in einer "sanften Verschwörung" (Marilyn Ferguson) wie der frühe und der Neo-Faschismus als "Dritter Weg" zwischen Kapitalismus und Sozialismus, als der wahre Weg zum Glück. (168)
Ein wesentlicher Unterschied besteht - bisher - in der Praxis: Das New Age gibt vor, auf offenen Terror verzichten zu können, wenn es zur gesellschaftlichen Macht gelangt ist. Damit bietet es den entscheidenden Vorteil gegenüber dem "klassischen" Neofaschismus. Eine zukünftige antiegalitäre Gesellschaft, die mit dem historischen faschistischen und neofaschistischen Gesellschaftsentwurf vergleichbar wäre, wird besser auf der Basis der New Age-Ideologie zu errichten sein, die "sanft" daherkommt und die wahren ideologischen Wurzeln und politischen Ziele verschleiert, als im offenen Rückgriff auf faschistische Konzepte. Denn der Faschismus als Weltanschauung ist im öffentlichen Bewußtsein zu sehr mit den Verbrechen seiner historischen Praxis verknüpft, als daß ein offener Bezug auf ihn hegemonial und damit politisch wirksam werden könnte. Auch die Versuche einer "Entsorgung" des Faschismus zwecks Wiederverwendung haben es bisher nicht vermocht, die Nachwirkungen der Verbrechen tatsächlich verblassen zu lassen. Das New Age steht scheinbar ohne diese historische Belastung da. Es kann die Funktion des Faschismus als Weltanschauung heute besser erfüllen: die ideologische Absicherung einer Politik der sozialen Ungleichheiten und des Abbaus demokratischer Gesellschaftselemente.
Einer der führenden deutschsprachigen New Ager ist Hans-Peter Dürr, Direktor des Werner-Heisenberg-Instituts (Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik München), Träger des "Alternativen Nobelpreises" des ehemaligen Grünen-Europaabgeordneten Jakob von Uexküll. Dürr war maßgeblich an dem New Age-Kongreß "Geist und Natur" beteiligt. Das von Dürr herausgegebenen Buch "Physik und Transzendenz. Die großen Physiker unseres Jahrhunderts über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren" ist heute eines der deutschsprachigen Grundlagenwerke des New Age. (169) In seinem Vorwort stellt Dürr die Aussöhnung von Religion und moderner Naturwissenschaft im - allerdings so nicht explizierten - faustischen Menschen als die adäquate Lösung der Weltprobleme dar, die mit demokratischen Grundpositionen jedoch unvereinbar ist. Er leugnet nach dem Schema des altbekannten Angriffs der Idealisten auf den Materialismus plump die Existenz einer dinglichen Wirklichkeit, die der menschlichen Erkenntnis und Praxis zugänglich ist, als hätte es den Sieg des Materialismus in dieser Debatte niemals gegeben. (170) Die politische Konsequenz, daß die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit, also auch die gesellschaftlichen Zustände, demnach auch nicht der tätigen menschlichen Praxis unterliege und somit ihre Gestaltung dem Willen von Mehrheiten entzogen sei, bleibt noch unausgesprochen. Aber wenn Dürr eine göttliche Instanz als den eigentlichen Grund menschlichen Handelns annimmt und sodann die Physiker - oder richtig: eine kleine Gruppe philosophierender Quantenphysiker, die sich vor allem um Adolf Hitlers Atombomben-Bauer Werner Heisenberg gruppierte - als die einzig legitimierten Übersetzer eines angeblichen göttlichen Willens präsentiert, so ist diese politische Konsequenz mitgedacht. Eine Elite "wissender Priester", hier als philosophierende Physiker, weist den Weg, der für die Massen nicht zu sehen ist.
Dürrs Ansichten passen zu der elitären Staatstheorie des immer lächelnden Ernst Albrecht, der den New Age-Kongreß "Geist und Natur" ausrichtete. "Der Spiegel" kommentierte Albrechts Ansichten: "Vielleicht, daß Ernst Albrecht sich allzu eilig unter die Kategorie 'überdurchschnittliche Menschen' gereiht hat, die er in seinem Buch 'Der Staat - Idee und Wirklichkeit' als berufen bezeichnete, durch 'Alleinherrschaft und Wenigenherrschaft eine bessere Ordnung zu errichten als die Volksherrschaft'. ... Und daß es, wie Albrecht auch in der zweiten Auflage seines Buches stehenließ, 'sittlich geboten' sein könne, Informationen über ein geplantes 'namenloses Verbrechen' 'auch durch Folter zu erzwingen', ... hat auch die Skepsis vertieft, was hinter Lack und Lächeln stecken mag." (171)
Dürr ergänzt die religiöse Rechtfertigung für Albrechts politische Ordnung: "Der Mensch bedarf, um handeln zu können, einer über seine wissenschaftlichen Erkenntnisse hinausgehenden Einsicht - er bedarf der Führung durch das Transzendente". Diese göttliche Instanz erscheint bei Dürr als heroisch-realistische Fluchtmöglichkeit aus der Verantwortung menschlichen Handelns: "In der verwirrenden Vielfalt einer zunehmend komplexeren und komplizierteren technischen Welt wird der Ruf nach einer klareren Orientierung immer lauter. Es wächst bei den Menschen der modernen Gesellschaft das Verlangen, hinter dieser sich immer weiter aufsplitternden und zerbröselnden Gedankenwelt wieder das wesentliche 'Eine' oder, wie Werner Heisenberg es nennt, die 'zentrale Ordnung' zu erkennen", die unhinterfragbar hinzunehmen ist. Diese Verbindung von Naturwissenschaft und Religion - eine der Grundpositionen des New Age - führt geradewegs in die Diktatur des Gottesstaates. Dürr verbindet die angeblich nötige "Führung" durch das unhinterfragbare "Transzendente" mit der angeblich unvermeidbaren Reservierung von Wissen für wenige Spezialisten, die als Priester den Willen des Transzendenten gegenüber den Menschen vermitteln. So rechtfertigt er das klassische Herrschaftswissen, mit dem eine Elite als angebliches Sprachrohr des Göttlichen über die Massen herrscht. Dies ist eine moderne Analogie zur alten Esoterik: dem Geheimwissen von Schamanen ebenso wie von Klosteräbten, die im Dienste der Herrschenden die Mehrheit der Bevölkerung davon fernhielten, die Gesellschaft mitzugestalten, indem sie ihnen Bildung vorenthielten. "Die genauen Zusammenhänge und eigentlichen Inhalte sind so kompliziert und vielfältig, daß sie nur noch von wenigen Experten ... verstanden werden. Das ist bedauerlich, aber unvermeidlich", meint Dürr. (172)
Hier wird nicht mehr abgehoben auf das interindividuell prüfbare wissenschaftliche Begreifen des historischen Gewordenseins des Menschen und seiner Lebensumstände aus natürlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen, also auf die Bedingungen der menschlichen Praxis, die diese Verhältnisse wiederum verändert. Hier sind nicht die Bedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung der Maßstab menschlichen Handelns, es erübrigt sich, diese Bedürfnisse zu ermitteln. Vielmehr wird die wissenschaftlich nicht faßbare, ethisch nicht hinterfragbare, demokratisch nicht beeinflußbare "Führung durch das Transzendente" reklamiert, deren Richtung nur einige wenige "wissende", demokratisch weder legitimierte noch kontrollierte Gurus verkünden, die nach diesem Konzept auch nicht demokratisch, sondern nur göttlich legitimierbar sind.
Dürr verschweigt allerdings nicht, in wessen Interesse er einigen Quantenphysikern diese Rolle übertragen will, wenn er schreibt: "Die heute wichtigsten Zweige der Technik sind ohne die Quantenphysik nicht denkbar." Neben Atomtechnik, Raumfahrt und Elektronik müßte also nur noch die Gentechnik ergänzt werden, um alle heutigen und zukünftigen Zielgebiete des faustischen Kapitals beisammen zu haben. Man braucht nicht die Wissenschaftssoziologie mit ihren Erkenntnissen über die Parteilichkeit wissenschaftlicher Arbeit zu bemühen (173) oder in den höheren Konzernetagen nach den Finanziers der Max-Planck-Institute zu fragen, um zu erkennen, in wessen Interesse hier Ideologie geschaffen wird. Dieses "Neue Denken" gibt den faustischen Wissenschaftlern und Technikern die Lossprechung für ihr unethisches Tun im Dienste des Kapitals. Die Entwicklung der "neuen" Naturwissenschaften, auf die sich das New Age stützt, ist bisher direkt geknüpft an Wettrüsten, Umweltzerstörung und Effektivieren der Ausbeutung menschlicher Arbeit. Ihre praktischen Auswirkungen - nicht einmal nur unter der Herrschaft des Kapitals, siehe Tschernobyl - sind Armut und wachsende Verelendung jeder Art bei den Massen, jedenfalls im überwiegenden Teil der Erde, in den hochentwickelten Industriegesellschaften des Nordwestens bisher noch abgemildert.
Statt der Wirklichkeit zu trauen, die vermittels der Evolution den Menschen derart hervorbrachte, daß er in dieser Wirklichkeit überlebte und deshalb sie auch erkennen und verändern kann, wird hier die menschliche Vernunft idealistisch als Wirkung einer vom Menschen nicht zu hinterfragenden Göttlichkeit bzw. als dem Menschen eingehauchte Göttlichkeit phantasiert, die auch die Natur "göttlich-vernüftig", nach ihrem allwaltenden Willen, gestaltet habe. Dürr führt zum "Beweis" für diese implizite Entsubjektivierung der Menschen die erkenntnistheoretischen Fehler Eddingtons, des späten Einstein und Plancks an. Sie legten in die Naturgesetze, die sie selbst erkannt hatten, das menschliche Konzept der "Vernunft" hinein und waren dann von dieser "Vernünftigkeit" der Natur, die sie doch erst selbst postulierten, psychisch überfordert. Ihr Erstaunen und ihre Ergriffenheit konnten sie nur reduzieren, indem sie das Wirken einer Göttlichkeit annahmen.
Doch der Grund ihrer als religiös interpretierten Ergriffenheit ist das idealistische Verkennen der Funktionsweise menschlichen Welterkennens. Das von den Menschen geschaffene Konzept der "Vernunft" rührt in Wahrheit doch selbst erst aus den widergespiegelten Naturgesetzen her, weder Mensch noch Natur bedürfen - so gesehen - des Transzendenten. Der Materialist Ludwig Feuerbach kritisierte bereits im neunzehnten Jahrhundert diesen Fehler, der das Menschliche ins Religiöse hineinverlegt. Dieser Fehler ist eines der Hauptmerkmale, wo die Physik als Basis des New Age verwendet wird. Seine objektive Funktion ist es, die große Mehrheit der Menschen davon abzuhalten zu erkennen, daß die Menschen selbst es sind, die diese Welt schaffen und auch anders, besser, schaffen können, sie verändern können, weil sie sie erkennen können.
Das "Neue Denken" geht also geistesgeschichtlich noch vor Feuerbach zurück, der seinerseits von Marx und Engels bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts überwunden war. So greift es - wie der Faschismus - nicht nur den Wissenschaftlichen Sozialismus als Basis der Politik der Linken an, sondern auch den Positivismus als wissenschaftliche Grundlage des Liberalismus und seiner nur - aber immerhin - bürgerlichen Politik der Gleichheitsrechte. Karl Popper hat dies auf dem Kongreß "Geist und Natur" deutlich gemacht und wurde deshalb ausgebuht.
Gorbi et orbi: "Neues Denken" verbindet die europäische Rechte
Mit der Geschichte "New Age auf dem Balkan" wartete das Bhagwan-Magazin "Connection" im Juni 1990 auf. "Zwischen Kommunismus und traditioneller Spiritualität" sollte Zagreb einen "New-Age-Bürgermeister" bekommen, "denn viele Jugoslawen sind bereit, sich für New Age zu erwärmen". In den Jahren 1989/90 tauchen - glaubt man den einschlägigen Magazinen - über der UdSSR vermehrt UFOs auf, vor allem in Georgien. Experten sei es gelungen, "detaillierte Informationen mit den E. T.'s auszutauschen. ... Über diese sensationellen Vorgänge wird eine vierköpfige sowjetische Delegation jetzt auf der zweiten internationalen UFO-Konferenz ... in der bayrischen Landeshauptstadt berichten. Die Delegation steht unter der Leitung von niemand geringerem als Marina Popovich, Kosmonautengattin, Pilotin und Vorsitzende der Initiative 'Wissenschaftlerfrauen für den Frieden'", so berichtet die New Age-Zeitschrift "Lichtnetz West" aus Köln im Juni 1990. Luxemburgische und japanische Filmteams wollten jetzt den Kaukasus besuchen. Allerdings haben ganz offensichtlich die "Kontakte" der Außerirdischen, die im New Age auch schon mal als Engel oder Götter ausgegeben werden, dem Kaukasus noch keinen Frieden gebracht. Doch etwas anderes geschah hier: "Die Nacht im Kaukasus, das war die Nacht der deutschen Einheit", so der Bundeskanzler rückblickend am 20. März 1992 in den ARD-Tagesthemen. Er sprach über die entscheidenden Stunden des Jahres 1990, in denen er mit Gorbatschow die deutsche Einheit verhandelte. Der neofaschistische "Hohenrain Verlag" aus Tübingen verlegt neben Größen der "Neuen Rechten" wie Alain de Benoist, Guillaume Faye und Pierre Krebs sowie faschistischen Klassikern wie Julius Evola (der auch breit im New Age rezipiert wird) auch UFO-Bücher: "Aus den Tiefen des Alls. International angesehene Wissenschaftler legen Beweise und Möglichkeiten der Außerirdischen auf unserer Erde vor". Oder: "Die geheime Botschaft von Fatima. In Fatima ist nicht Maria erschienen. Wir haben es nicht mit einer göttlichen, sondern mit der Manifestation außerirdischer Intelligenz zu tun", so heißt es im Verlagsprospekt.
"Nichts ist realistischer als starke Visionen" lautet der Werbeslogan des "Horizonte"-Verlags, der sein Buchprogramm im New Age-Stil vermarktet. (174) Wenn man der Verlagswerbung glaubt, werden hier "Pioniere für 'Global denken - lokal Handeln'" werden hier verlegt: zum Beispiel "Der Öko-Gandhi" ("Der Mann der Bäume: Last uns Überleben pflanzen"), oder "Eine Welt für alle Visionen von globalem Bewußtsein". Als "Durchbruch der ganzheitlichen Denkart" präsentiert der Verlag 1989 unter der Überschrift "Eine neue europäische Kultur: Einheit und Ganzheit" das Buch der Alt- und Neofaschistin Sigrid Hunke "Vom Untergang des Abendlandes zum Aufgang Europas. Bewußtseinswandel und Zukunftsperspektiven". In dem Buch legt die ehemalige Ehrenpräsidentin der "Deutschen Unitarier" und Mitarbeiterin des "Thule-Seminars" ihre Konzeption faschistischer Religiösität als Grundlage einer neuen Zeit dar. Zwar schreibt der Verlag im Klappentext, daß Hunke Trägerin des "Schiller-Preises" 1985 und "Kuratoriums-Vorsitzende der Sigrid-Hunke-Gesellschaft e. V." ist. Er verschweigt jedoch, daß dieser "Schiller-Preis" vom "Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes" verliehen wird, das im Verfassungsschutzbericht als rechtsextremistisch aufgeführt ist. Der New Age-Konsument erfährt auch nicht, daß die "Sigrid Hunke-Gesellschaft" von Härte-Nazis wie dem früheren NSDAP-Reichtstagsabgeordneten und späteren NPD-Kandidaten Otto Wetzel im wesentlichen als Ableger der "Deutschen Unitariers" gegründet wurde.
Rudolf Bahros Buch "Rückkehr. Inweltkrise als Ursprung der Weltzerstörung" erschien 1991 ebenfalls bei "Horizonte". Bahro bezieht sich hier positiv auf den Schüler des Nazi-Ganzheitstheoretikers Felix Krüger, Karlfried Graf Dürckheim, auf die nationalistisch-organizistische "Ganzheits"-Tradition Johann Gottlieb Fichtes, (175) auf Luise Rinser oder auf Hunkes extremes religiös-faschistisches Buch von 1983 zum nordisch-arischen Mythos "Europas eigene Religion. Der Glaube der Ketzer". In der Rubrik "Praktische Psychologie" werden von "Horizonte" Lebenshilfen für den Alltag geboten (z. B. Theo Schoenaker: "Ich weiß, ich bin okay. Mut zur eigenen Stärke" solche Bücher gibt es im Psycho-Boom des New Age zu Hunderten). Diese Literatur will zu angepaßten Höchstleistungen ermuntern statt zur Emanzipation. In der Abteilung "Mystik/Weisheit" präsentiert der Verlag das Buch "Einheit in der Vielfalt", das von dem "sanften" Antisemiten Franz Alt als "ein Meilenstein zum Religionsfrieden" gepriesen wird. "Horizonte" bringt auch "das internationale Vordenker-Magazin" namens "One World. Magazin für globales Denken" heraus, "mit Havel-Interview" und "Robert Jungks Werkstätten für bessere Zukünfte". Nicht mehr "von der Utopie zur Wissenschaft" will man hier gehen - wie in der Linken -, sondern "Visionen" verkünden. Der diesseitige Begriff der Utopie weicht dem religiösen der Vision.
Michail Gorbatschow: "Meine Vision. Die Perestroika in den 90er Jahren. So geht es weiter" erscheint als "das aktuellste Gorbatschow-Buch" 1991 bei "Horizonte". Boris Jelzin möchte da nicht fehlen: "Die Alternative. Unser Weg zur Demokratie", freilich bei gleichzeitigem Verbot jeglicher Opposition. Der Verlag nennt das "Starke Visionen werden reale Politik" und bringt "Die sanfte Politik. Nachdenken über Weltethos und Realpolitik" von Vaclav Havel heraus, unter dessen Präsidentschaft in der Tschechoslowakei - gar nicht sanft - "kommunistische Propaganda" mit einem Gummiparagraphen verboten und bestraft wird. Hier fehlt dann nicht einmal mehr die offene Repression im Namen des "Neuen Denkens". Wie weit bereits Gorbi, das Idol der westeuropäischen Linken der achtziger Jahre, zum Spiritualismus übergewechselt ist, zeigt seine Bewunderung für den polnischen Papst und dessen "spirituelle Qualität" (Gorbatschow) als Konterrevolutionierer Osteuropas. (176)
1988 hatte die nationalrevolutionäre Zeitschrift "Aufbruch" des späteren REP-Funktionärs Marcus Bauer neben einem Artikel "Leitlinien einer organischen Wirtschaftsauffassung" und einer Rezension über den Führer der nazistischen, germanisch-neuheidnischen "Deutschen Glaubensbewegung" Wilhelm Hauer (dem späteren "Papst" der "Deutschen Unitarier"), auch über die "Hoffnung Gorbatschow" geschrieben: "Unter solchen Voraussetzungen kann man dem Europäer Gorbatschow wirklich nur den größtmöglichen Erfolg wünschen. Deutschland und Europa zuliebe."
Die "FAZ" brachte am 1. August 1990 in der Rubrik "Geisteswissenschaften" den Artikel "Freier Flug der Phantasie. Glasnost für die Schamanen der Sowjetunion. Die Wiederkehr der alten Mythen". Hier wird das, was Hunke mit "Europas eigener Religion" meint, in der Form der russisch-nationalen Besonderheit vorgestellt. Es heißt dort: "Als sich mit Gorbatschows neuer Innenpolitik die Unterdrückung zu lockern begann, zeigte sich, daß nicht nur immer noch zahlreiche Geschichten über die Macht der Schamanen in der Bevölkerung kursieren, sondern daß es auch praktizierende Schamanen gibt. ... Es sind keine Außenseiter, ... sondern etablierte Wissenschaftler. ... Die Beeinflussung der Natur gehört zu den traditionellen Fähigkeiten des Schamanen", aber auch, "den erfolgreichen Widerstand der alten spirituellen Kräfte gegen die Zumutungen des Parteiapparates (zu) demonstrieren. ... Er (der jetzt wiederbelebte Schamane der russischen Volksseele, P. K.) war Sänger, Tänzer, Künstler, Heiler, Wahrsager, Opferpriester, Jagd- und Regenzauberer, Zeremonienmeister und Hüter kultureller Traditionen und religiöser Mythen. Er war Totenführer und konnte angeblich ins Jenseits reisen, in den Himmel fliegen und kosmische Regionen erreichen, mit übersinnlichen Mächten verhandeln und die Kräfte der Natur beeinflussen." Bringt man ihn auf das wissenschaftliche Niveau des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, so entspricht er dem faustischen Menschen.
Die Welle der Wunderheiler, die nach US-amerikanischem Muster via Fernsehen ihren "Segen" verteilen, kam in der späten UdSSR im Gefolge Gorbatschows. (177) Auch der christlichen russisch-orthodoxen Kirche, die das feudale Zarentum weltanschaulich gestützt hatte, wurden wieder Freiräume gegeben. Heute ist der tanzende Derwisch des Islam, der die imperialistische Feudalherrschaft der Osmanen über Vorderasien und Nordafrika mit dem mystischen Sufismus ideologisch absicherte, an der Stelle von Hammer und Sichel auf der Fahne der Tschetscheken zu sehen. Die bundesdeutschen Nationalrevolutionäre um Henning Eichberg und Wolfgang Strauss, die vom "Völkergefängnis Sowjetunion" sprachen, wiesen bereits früh auf die Bedeutung der islamischen Mystik als politische Waffe der extremen Rechten hin. Eichberg z. B. verfaßte 1986 einen Artikel über Sufismus in der Zeitschrift "wir selbst". (178)Die Respiritualisierung der Politik und der Gesellschaft in Osteuropa begann mit den christlichen Marien-Wundern Tschenstochaus und Medjugorjes. Sie wurde mit den naturreligiösen Schamanen-Wundern Sibiriens fortgesetzt. Unter dem Etikett "Neues Denken" war sie das Kampfmittel, um den Erdkreis vom Sozialismus zu entledigen, wie es der Faschismus - allerdings vergeblich - bereits einmal versucht hatte. Wie passend, daß die ehemalige Professorin des Marxismus-Leninismus Raissa Gorbatschowa am 6. März 1992 im deutschen Fernsehen den Münchnern, die ihrem Mann zujubelten, ein kräftiges "Grüß Gott" zurief. Die Nonnen des Dreifaltigkeitsklosters im russischen Kolomna hatten schon 1990 gebetet: "Gesegnet sei Gorbatschow, denn er hat der Kirche die Freiheit zurückgegeben." (179)
Der "ganzheitliche" Blick auf die "Gattungsprobleme", denen im "Neue Denken" Gorbatschows der Vorrang vor den Klassenproblemen eingeräumt wurde, hat den Kapitalismus weltweit siegen lassen, aber keines der Gattungsprobleme gelöst. Im Gegenteil, alte Probleme kehren zurück: Krieg, Armut und Hunger gehören nicht nur wieder zum Alltag der ehemaligen Sowjetbürger, Krieg bedroht inzwischen in einem Maße die ganze Menschheit, wie es nicht einmal zu Zeiten von Kaltem Krieg und Nachrüstung der Fall war. Das "Gattungsproblem" der faustischen Atomtechnik und des Atomkriegs hat sich sogar noch vergrößert, seitdem frühere sowjetische Wissenschaftler von halbstarken Drittwelt-Diktaturen abgeworben werden. Der breite Strom des New Age als modernste Ideologie des Kapitals, bisweilen auch der anachronistische Organizismus der Feudalperiode, treten in die Lücke, die der real existierende Sozialismus hinterlassen hat. Diese Art von "Dritter Weg" hat der Menschheit einen historischen Rückschlag gebracht, wie er noch vor zwanzig Jahren undenkbar war. Er führt sie weg von den Möglichkeiten, ihre Lebensbedingungen selbst zu gestalten, und wieder zurück zur Abhängigkeit vom "Transzendenten". Die Herrschenden und ihre nachgeordneten Eliten wissen dies zu nutzen.
Der ehemalige Gorbatschow-Berater Anatolij Frenkin - wie andere ähnlicher Herkunft auch inzwischen auf der extremen Rechten gelandet - schrieb 1991 in der Zeitschrift "MUT" des ehemaligen NPD-Bundestagskandidaten Bernhard Wintzek über "Religion und Politik - Aus der Sicht des 'Neuen Denkens' in der Sowjetunion". (180) Man findet ein Loblied auf die Respiritualisierung der menschlichen Verhältnisse als angeblicher Ausweg aus der nachsozialistischen Krise: "Auf die Frage, was die Sowjetunion in ihrer Krisensituation am dringendsten braucht, antworte ich: eine geistige Grundlage und Strategie. ... Das beste, was ich nach eifriger Suche gefunden habe, ist das Buch von Professor Dr. Günter Rohrmoser: 'Religion und Politik in der Krise der Moderne'", so schreibt Frenkin in "MUT". Im Sinne Ernst Albrechts fährt er fort: "Die intellektuelle und moralische Krise der modernen Gesellschaft besteht in ihrer konstitutionellen Unfähigkeit, einen Ausgleich zwischen Ordnung und Freiheit herzustellen. ... Das 'Neue Denken' wurde im Grunde genommen von M. S. Gorbatschow formuliert: Es geht um die Priorität der allgemeingültigen Interessen gegenüber den Klasseninteressen." Frenkin meint den Primat des fiktiven Ganzen, der niemals den Bedürfnissen der Mehrheit gerecht wurde und deshalb immer schon von den Herrschenden und ihren Ideologen gegen ihre Forderungen ins Feld geführt wurde. "Gerade der Patriotismus", so Frenkin, "war die stabilste integrative Kraft zur Unterordnung der privaten Interessen unter den Staat und dessen Willen, den tödlichen Feind zu bekämpfen, um das Heimatland zu retten. Die Anknüpfung an den Nationalsozialismus erfolgt ungeniert, wenn Frenkin sich auf den Nazi-Kronjuristen und Adoptivvater der "Neuen Rechten" bezieht: "Aus der Sicht des 'Neuen Denkens' müßten wir die Werke von Carl Schmitt noch einmal lesen. Das war eine Offenbarung für mich. ... Nicht der Staat bildet die Bürger zur Sittlichkeit, sondern die Religion. ... Es geht um die geistige Integration des Volkes als der Grundlage einer politischen Integration. ... Die Ideen der Integration - nicht nur der politischen, sondern auch der geistigen Integration des Heimatlandes - finden bei Liberalen keine klare Unterstützung. Sie sind von den Ideen des Pluralismus begeistert, von den Ideen der Freiheit und der Autonomie. ... In allen diesen Fällen gilt die nationale Identität als die neue Grundlage für die Verbindung und für die Vereinigung von Politik und Geist."
Rohrmoser hatte bereits in dem Mun-Sekten Blatt "Causa" im Gefolge von Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte, der völkischen Bewegung, der "deutschgläubigen" Sekten und des Faschismus die nationale Identität als religiös begründet vorgestellt: Jedem Volk seine Religion, die es stark macht gegen andere. (181) Hunkes Idee der "europäischen Religion", die im Kern nichts weiter als der bekannte nordisch-arische Mythus des Nationalsozialismus ist, bringt diesen Gedanken zeitgemäß auf die Ebene der Europäischen Union. Gleich im Anschluß an Rohrmoser hatte 1987 der Nationalrevolutionär Wolfgang Strauss in "Causa" über "Russische Dorfprosa - Christliche Kraft der Seele" geschrieben und den russischen Neofaschismus gemeint: "Unabhängig vom Gorbatschowismus vollzieht sich Rußland ein Wandel der Gesinnung, der Einstellung zu Religion, Natur, Volk, Gott, Kirche. Man sagt 'Russische Partei' und meint die konservativen Revolutionäre, die in der auflagenstarken politisch-literarischen Zeitschrift 'Nasch sowremennik' (Unser Zeitgenosse) eine Tribüne besitzen. ... Die Rettung der russischen Wesensart ist ihr Hauptanliegen, die Renaissance der russischen Nationalidentität".
Valentin Rasputin (die Namensgleichheit mit dem unseligen Mönch Rasputin, der die Politik des letzten Zaren auf eine mystisch-spirituelle Grundlage zu stellen versuchte, ist zufällig) sei "der berühmteste Dorfprosaiker, ein Sibirjake, dessen Aussage aus der Tiefe einer nationalreligiösen Gesinnung strömt. ... Rasputin ist ein Verkünder einer fundamentalen Wahrheit: die moralische Zersetzung der Russen seit 1917 ist die Folge der Lösung von Tradition, Religion und Scholle", so Strauss. Die Versuche von Sigrid Hunke und anderen, das New Age als "amerikanisch" und "uneuropäisch" zu verteufeln und gleichzeitig seine Inhalte als alternative "eigene Religion Europas" - als Weltanschauung des faschistischen Neuheidentums - anzubieten, entsprechen durchaus dem, was Rohrmoser in "Criticon" an New Age-Kritik auf christlich-organizistischer Basis und in "Causa" als neue Art des Deutschchristentums anbietet. Sie sind nahe am Pantheismus und seinen organizistischen, menschvergöttlichenden faustischen Konsequenzen, immer im Interesse eines ganzheitlichen "Europa" gegen den Rest der Welt. Sie sind wesensverwandt mit dem, was Strauss und Frenkin als russisch-völkische Nationalreligion in der "eigenen" Tradition - mal christlich, mal schamanisch - anbieten. Dies sind weniger "spirituelle Alternativen", die zur Lösung der materiellen Probleme verhelfen sollen, sondern spirituelle Alternativen, die zur Reetablierung von kapitalistischer Klassenherrschaft dienen. Die Unterschiede zwischen diesen Ansätzen erscheinen als Fraktionsstreitigkeiten.
Rudolf Bahro im "Neuen Zeitalter"
Rudolf Bahro ist ein prototypischer Fall für den Angriff des New Age auf die Linke. Als ehemaliger Marxist nach seinem eigenen Selbstverständnis, als "Eurokommunist", wurde er von der westlichen Linken gefeiert. (182) Nachdem er zum pantheistischen Organizismus konvertiert ist, lenkt Bahro heute in ähnlicher Weise zum Neofaschismus hin, wie sie Eugen Dühring oder Rudolf Eucken die Eliten zum historischen Faschismus hinlenkten. Mehr noch: Bahro bekennt sich offen zum Nationalsozialismus, was dessen "spirituelles Erbe" angeht. Mit der praktischen Konsequenz faschistischer Religiösität, für die die Begriffe Auschwitz und Stalingrad stehen, will er dagegen nichts zu tun haben.
Bahro wollte bereits in den siebziger Jahren mit seinem Buch "Die Alternative" den real existierenden Sozialismus nicht nur vom demokratischen Standpunkt aus kritisieren, sondern generell unterminieren. Die damalige Linke Europas hatte dies kaum begriffen, weil es das New Age und die "Neue Rechte" in der heutigen Form noch nicht gab. Schon in der "Alternative" argumentierte er bisweilen rassistisch, nationalistisch und nationalrevolutionär, auch mit deutlich spirituellen und ganzheitlichen Anklängen. (183)
Bahros Ziel heißt Entbehrung. In seinem Hauptwerk von 1987 "Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten? Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik" schafft er eine Ideologie, die Massenarmut legitimiert und somit objektiv im Interesse der Herrschenden liegt. Er zieht dabei alle ideologischen Register des New Age und verbindet seine Vorstellungen explizit mit denen von Kurt Biedenkopf oder Günter Rohrmoser, die autoritäre Gesellschaftskonzepte einer "ORDO" - der letztlich naturalistisch fundierten organischen Ordnung der Welt - vertreten. Ausdrücklich verurteilt er uni sono mit Biedenkopf, und im Gleichklang mit allen ökologisch verbrämten Konzepten des Nordens, die den Süden arm und ausbeutbar halten wollen. Als antiökologisch beklagt wird die angebliche Erzeugung von "Massenbedarf" in der Dritten Welt durch den Norden und den "Bedürfnisdruck", die der "natürlichen Ordnung" widersprächen. Die Menschen des Südens werden nicht nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gefragt, der New Ager des Nordens gibt sie ihnen vor. Ebenso ausdrücklich fordert Bahro soziale Opfer: Aus einem verqueren Verständnis von Ökologie heraus wird Armut künstlich errichtet und zementiert, angeblich um der göttlichen Natur Willen. Das freilich ist demokratisch nicht zu haben, und Bahro weiß es: "Eine ökologische Wende ist ganz unmöglich ohne das Moment einer konservativen Revolution". (184)
Bereits in der "Alternative" vertrat er einen Gemeinschaftsbegriff, der sich am biologischen Organismus orientierte und zur Bevormundung des Individuums und seiner Lebensweise bis hin zur Wohnform führte. In der "Logik der Rettung" bezieht er sich explizit und positiv auf Quellen der Konservativen Revolution bzw. der ihr nachfolgenden "Neuen Rechten": auf den Nationalrevolutionär Günter Bartsch, auf so scheinbar gegensätzliche, doch so nahe beieinander liegende Ideologen wie Sigrid Hunke (von der er weitgehend das faschistische Konzept der "europäisch eigenen Religion" übernimmt) und Romano Guardini, auch auf Hubertus Mynarek und Günter Rohrmoser, den er "insofern Rohrmoser wirklich fundamentalistisch ist (er hält es leider nicht durch!), ... mir geistig sogar noch näher als Biedenkopf" findet. Und wie Rohrmoser und Strauss in der Mun-Sekten-Zeitschrift "Causa" das nationalreligiöse Element betonten, so knüpft auch Bahro an die antidemokratisch-antifranzösische Romantik an: "Zugleich sind des Novalis Worte ein deutsches Vermächtnis. Rußland, die Sowjetunion, gibt jetzt einen Anstoß, eine Hilfe. Aber wir folgen unserem eigenen Traum, wenn wir uns auf diese Denkweise einlassen". Es ist die Denkweise, die bei Hunke "europäisch" heißt und bei Alfred Rosenberg "arisch", zwei weiteren Bewunderern der Politik und Ideologie des Novalis als einem "deutschen Vermächtnis". (185) Schon selbstverständlich ist da Bahros Bezug auf Carlos Castaneda, auf Fitjof Capra, auf den allgegenwärtigen New Age-Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin.
Der organizistische Ausgangspunkt von Bahros "Logik" ist "die Übereinstimmung mit der impliziten Großen Ordnung, die in Natur und Gesellschaft dieselbe ist", die also der demokratischen Verfügbarkeit menschlicher Mehrheitsentscheidungen entzogen ist. Offen will er die Organisation der Ökonomie an Naturprinzipen binden, wobei die Realität von Natur- und Gesellschaftsgeschichte mal eben vergewaltigt wird: "Seit Mensch und Erde real zu einem System zusammengewachsen sind, ist das Ökologische da mit eingeschlossen. Von dorther müssen wir die eine Wirtschaftsordnung zu erkennen suchen, die von uns verlangt ist (!), damit wir bestehen können". Die Zeit der industriellen Hochkultur werden "nur Stämme überleben", meint er rassistisch-biologistisch, "d. h. soziale Organismen mit überschaubaren Rückkopplungen zueinander und zur Natur." "Wir sind in einer Zeit, wo nichts mehr lohnt - weil nichts anderes mehr rettend ist - als der Versuch, die 'Begriffe' bis auf den Grund zu 'berichtigen', die Gesellschaft von Grund auf nach dem Dau, nach dem ursprünglich-natürlichen Lauf der Dinge einzurichten." In dieser Gesellschaft wird es dann nicht nur keine Stereoanlagen mehr geben - Bahro will sie ebenso verbannen wie den Faustkeil, dessen Erfindung er 1984 gegenüber dem Verfasser als den wahren Sündenfall der Menschheit bezeichnete -, sondern weder wetterfeste Häuser noch Aspirin, auch keine Blinddarmoperation, denn dies sind Errungenschaften der Menschheitsentwicklung, die mit dem "ursprünglich-natürlichen Lauf der Dinge" nichts zu tun haben. Dagegen strebt Bahro die "archaische Richtigkeit der Verhältnisse" an, womit nur die vorzivilisatorische Zeit gemeint sein kann, als der von kräftigen Muskeln geschwungene Totschläger den Schwachen Mores lehrte. So real kann eine "geistig-moralische Wende" sein. (186)
Bahro identifiziert "Natur" mit "Gottheit" und rechtfertigt derart die Unhinterfragbarkeit der als natürlich und damit unabänderlich ausgegebenen Ordnung des Oben der Eliten und Unten der Massen religiös. Zustimmend zitiert er Biedenkopf zur Rolle der Frau ("Emanzipation heißt damit die Wiedergewinnung der natürlichen Rolle der Frau") und zum Zusammenhang zwischen New Age und Weiblichkeit: "Die Zeit des Zweifelns, Fragens und Messens, die Zeit der Konfrontation von Geist und Materie, die Zeit in der sich der Mensch die Natur unterwarf, war eher männlichen Eigenschaften gemäß. Die Zeit der Erneuerung der Zusammenhänge des Ganzen, die Wiederentdeckung der organischen Einheit der Natur, der Dezentralisation des Lebens in kleinen Lebenskreisen, die Zeit des dynamischen Gleichgewichts unter den Menschen und zwischen Mensch und Natur und die Zeit der Wiederentdeckung der Familie und der Hauswirtschaft als Ort der Identität des Menschen wird eher den Eigenschaften der Frau zugänglich sein." Bahro kritisiert dies im Kern nicht, im Gegenteil, er hebt Biedenkopfs Vorstellung von der Reetablierung der "natürlichen" Rolle der Frau von emanzipatorischen Ansätzen wie der Frauen-Quotierung in gesellschaftlichen Institutionen ab, die "in einer platten Werbegeste für Auf- und Einsteigerinnen in die männliche Struktur unserer Apparate" steckenbleibe. Offenbar soll also die Zeit des Kritikverbots, der Hinnahme des als göttlich und damit unbezweifelbar Ausgegebenen, nach dem Willen von Bahro und Biedenkopf anbrechen, und zwar zuerst auf dem Rücken der Frauen. Die Frau - angeblich so nah am Kreislauf der Natur mit Gebären und Sterben, mit den gesellschaftlich typischen Frauenberufen im Ernährungs-, Erziehungs- und Krankenpflegebereich - wird als Verkörperung und deshalb als beste Lehrmeisterin ganzheitlichen Denkens hingestellt. Allerdings wird damit auch die antiemanzipatorische Konsequenz dieses "Neuen Denkens" verraten. (187)
Bahros bindet die Gesellschaft an die Natur und kommt - wie überall im Organizismus - zu einer von den Massen nicht zu hinterfragenden sondern hinzunehmenden autoritär-hierarchischen Staatsstruktur, die er an Biedenkopfs ORDO-Konzept der "naturgemäßen Ordnungen" eines "starken Staates" anlehnt. Von Biedenkopf oder Rohrmoser unterscheidet den romantizistischen Zivilisationskritiker Bahro lediglich, daß er den faustischen Kapitalismus bekämpft. Das vereint ihn mit Ideologen der völkischen Bewegung, deren Zivilisationskritik dann allerdings vom Faschismus in der Praxis beiseite geschoben wurde, nachdem sie ihm zur Macht verholfen hatte. Auch bleibt Bahro im Gegensatz zu Biedenkopf Ideologe, wenn er nach dem Muster des Faschismus die germanischen Herzöge und das Wahlkönigtum des Mittelalters als Vorbild für eine zukünftige Staatsverfassung präsentiert. Er knüpft explizit an den "Kaisertraum" der völkischen Bewegung an, die den Mythos von der Rückkehr des im Berge schlummernden Kaisers Barbarossa als Führer Deutschlands propagierte, von dem schließlich Adolf Hitler profitierte. Das Konzept des "Volkskaisers" oder "Erlöser-Kaisers", der gleichzeitig geistliches Oberhaupt eine "Deutschkirche des 'arischen Heils'" sein soll, gehörte bereits zu den zentralen Ideologemen der völkischen Bewegung.
Bahros Bezug auf die germanischen "Herzöge" als spirituelle Führer der Deutschen findet eine weitere direkte Parallele in den rassistischen "ariosophischen" Sekten der Jahrhundertwende und zehner und zwanziger Jahre, z. B. beim Neutempler-Orden des Jörg Lanz von Liebenfels, der "Hitler die Ideen gab", wie es vielfach heißt. Die Neutempler-Zeitschrift "Ostara" z. B. 1922 mit dem Titel auf: "Deutsche, wer soll führen, wer soll Herzog sein?", auf dem ein gotischer Ritter mit dem Schwert zwischen dem "Blonden" und dem "semitisch-asiatischen Untermenschen" entscheidet. (188)
Bahro knüpft an den italienischen Faschisten Julius Evola an, einem Mystiker, Gewalt- und Elitetheoretiker des zwanzigsten Jahrhunderts, der von der Konservativen Revolution gleichermaßen wie vom New Age hochgeschätzt wird, "der erste und bedeutendste Vertreter des Nordischen Gedankens faschistisch-italienischer Prägung." (189) Bei Evola entlehnt er seinen "Fürsten der (ökologischen) Wende", der "für Deutschland und vielleicht überhaupt für die europäische Nord-Süd-Achse ... am ehesten in einem Kaisertraum" "visualisiert" sei. Bahro schränkt die Forderung nach einer Führer-Diktatur nur scheinbar ein, wenn er "diese kaiserliche Instanz zugleich an ihren Platz in uns selber, nicht über uns" rückt. In Wahrheit verschärft er diese Forderung: Es wird der Anspruch an die Massen erhoben, dem Führer von innen heraus, freiwillig, zu folgen. Als naturalistischen Frontalangriff auf den demokratischen Rechtsstaat und die aufgeklärten Menschenrechte ist Bahros Forderung zu werten, "die gesellschaftliche Rechtsordnung darf nicht länger vom Staat und von anderen, noch unbefugteren faktischen Mächten gesetzt sein", "die europäische Lösung, die mit der Magna Charta Libertatis beginnt, ... wird gewogen und zu leicht befunden." Sie müsse von einem "Regiment", aus der vergöttlichten Natur abgeleitet, über eine an Carl Schmitts Ausnahmezustand erinnernde "Rettungspolitik" bestimmt werden. "Jeder komplexe Organismus hat eine Führungsfunktion", das demokratische Prinzip müsse man "enttabuisieren", "zur Disposition stellen", "das Oberhaus einer Gesellschaft ... muß Gottes Stimme, muß die Stimme der Gottheit sein", "das Oberhaus mag soziale Interessenvertreter hören, aber nicht in seinen Reihen haben", "in diesem Oberhaus müssen also, vertreten durch Anwälte, die sich rituell damit identifizieren, Erde, Wasser, Luft und Feuer, müssen Steine, Pflanzen und Tiere Sitz und Stimme haben", "der Ökologische Rat, der das Oberhaus vorwegnimmt und übt, ist vor allem eine spirituell-politische Instanz", "die neue Lösung muß erst einmal von einer berufenen Gestalt regulär verfochten werden; nur personifiziert wird sie der Allgemeinheit kenntlich", so Bahro in der "Logik der Rettung". Hier ist der heimliche Kaiser als Führer dann eben doch der New Age- oder Öko-Diktator, mindestens aber der Öko-Adel einer herrschenden Elite. (190)
Und Bahro zitiert Novalis, dem er anschließend überschwenglich zustimmt: "'Wo ist jener alte, liebe, alleinseligmachende Glaube an die Regierung Gottes auf Erden?' ... Novalis verlangt eine neue alte 'Kirche' ... Ja, wir müssen uns diese rettende Instanz schaffen, weltweit, bei uns aber beginnend. Und die deutsch-russische Verbindung wird dabei höchst bedeutvoll sein." Das ist alles wenig originell. Schon der konservative Revolutionär Ernst Niekisch hatte die glückliche Zukunft in einem Zusammengehen von russischer Volksseele und germanischem Barbarentum gesehen. Die Idee einer spirituellen Aristokratie, die zwischen dem "Bund freier Stämme" und dem "Kaiser" unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen göttliche Pläne erfüllen können soll, kupfert Bahro zum Teil fast wörtlich bei dem Vater der völkischen Bewegung, Paul de Lagarde, ab. Der hatte im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben: "Wo die Germanen hingekommen sind, haben sie die Aristokratie mit sich gebracht. ... Der Adel soll die Gesamtheit aller innerlich und äußerlich unabhängigen Familien sein, zwischen dem König und den täglich für den Tag Erwerbenden stehend. ... Das wahre Deutschland ist ein Bund freier Stämme unter einem starken Kaiser." Lagarde schwebte ein neuer, spiritueller Adel vor, der nichts mit dem von ihm als dekadent verabscheuten realen deutschen Adel Deutschlands in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu tun haben sollte. (191)
Bahro schwebt - bei aller Selbstvergöttlichungs-Mystik, die das Hineinverlegen des "Kaisers" in jedes Individuum bedeutet - ein faschistischer Führer vor, bestenfalls eine faschistische Oligarchie. Daran gibt es keinen Zweifel, wenn man seine ergänzenden Ausführungen zum Nationalsozialismus mit einbezieht. Bereits im vierten Kapitel der "Logik der Rettung" erzählt er unter dem Titel "Europäische Kosmologie" im wesentlichen die Positionen Hunkes und früherer faschistischer Ideologen nach: Europa müsse sich vom Juden-Christentum abwenden, das die Krise der Natur verschuldet habe, indem es den Gott "dualistisch" außerhalb der Welt plaziert und die Welt-Natur entgöttlicht habe - hier Welt-Natur, da Gott. Dagegen müsse Europa zurückfinden zu der angeblich europäisch ureigenen, pantheistischen Weltsicht, die zuerst bei den Keltogermanen zu sehen sei. "Gemeint ist mit Kosmologie die jeweilige kollektive Tiefenpsychologie, die wenigstens ursprünglich unbewußte Grundeinstellung zur Welt, die sich in den kulturellen Verhaltensmustern verwirklicht", "ein ganz bestimmter völkischer Impuls", "ein besonderer Typus von psychischer Energetik und von entsprechendem geistigem Zugriff auf die Welt", so Bahro. Er fragt, "wieso denn ausgerechnet die Europäer diese äußerst expansionistische, kapitalistische Produktionsweise hervorgebracht haben", und findet den Ewigen Juden als Ursprung des Übels, wenn er antwortet: im Gleichklang mit der völkischen Bewegung, explizit mit Johann Galtung und Sigrid Hunke: "Unsere Kosmologie ist jüdisch-griechisch-römisch-christlich", "Assimilationen, Anverwandlungen zunächst fremder Überlieferungen, gerade auch im Christlichen des Abendlandes, das ja dann mit Paulus über die Griechenstädte und Rom zu uns kam. Aber von nördlich der Alpen her gesehen sind all das Überformungen einer autochtonen Grundlage, die die germanischen Stämme aus ihrer eigenen formativen Periode mitgebracht haben."
Die jüdische Überfremdung ist schuld, die Nordeuropa in christlicher Verkleidung heimsuchte. Der Angriff auf den Juden Paulus und die These, er habe das Christentum des arischen Christus judaisiert, gehört seit Houston Steward Chamberlain über Alfred Rosenberg bis Sigrid Hunke zum Grundstock faschistischer Religiösität. Hunke versucht sogar, Paulus eine geistige Mitschuld an der heutigen Umweltzerstörung zuzuweisen. Kein Wunder, daß der "sanfte" Antisemit Franz Alt Bahros "Logik der Rettung" positiv rezensierte: Er vertritt selbst diese antisemitische Position, die dem Judentum die Schuld an allen Übeln zuweist. (192)
Die Alternative zur jüdisch-christlichen Überfremdung kommt nach Bahro - wie bei Chamberlain, Rosenberg, Hunke - aus der arischen Volksseele: "Da eine Rettungsbewegung eben retten, d. h. auch die gewachsene Substanz, eben die entfaltete europäische Individualität, Subjektivität bewahren soll, während sie alles verwandelt, kann sie nur aus der Tiefe des inneren historischen Raumes kommen. Dann wird eine Rettungspolitik die Seele des Volkes für sich haben. ... Die Werte, um die es geht, sind nur zu retten, wenn wir uns zur revolutionären Erneuerung des institutionellen Systems entschließen und dabei an die stärksten politisch-psychologischen Dispositionen unseres Volkes anknüpfen. ... Die Deutschen haben sich trotz aller schlechten Erfahrungen ein Gefühl dafür bewahrt, daß es eine Instanz des Gemeinwohls geben muß, allerdings eine würdige, eine von echter Autorität, wie sie ein Parlament ... einfach nicht aufbringen kann. ... Trotz aller schlechten Erfahrungen sind die Deutschen ansprechbarer als andere Völker für charismatische Führung geblieben. Sie werden wieder lernen, daß Charisma zunächst eine Kraft jenseits von Gut und Böse ist und uns herausfordert, auf Reinigung zu denken, individuell wie kollektiv, anstatt die Ansprache zu verwerfen, die die Herzen erhebt." Hier scheint die spezielle spirituelle Sendung der Deutschen wieder auf - die New Age-haft gefaßte Parole des Hohenzollern-Kaiserreichs: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. (193)
Das "Charisma", das wir bereits im zweiten Kapitel des vorliegenden Buches als pantheistische Form des Heiligen Geistes bei den "Charismatikern" kennenlernten, ist auch bei Bahro nichts weiter als das besondere Erfülltsein von Göttlichkeit, das angeblich die Elite über die Massen hebt. "Die Nazibewegung" war nach Bahro, der sie allerdings nicht in ihrer faustischen Dialektik von völkischer Naturmystik und kapitalistischer Modernisierung verstanden hat, "u. a. auch bereits eine erste Lesung der Ökologiebewegung." Der Komplex Auschwitz erscheint bei ihm als "u. a.", die Erinnerung hieran ist offenbar kein "Wert, um den es geht"! Abgeschrieben bei Niekisch, der von einem postulierten "germanischen Barbarismus" die Wende zum Besseren erhoffte, führt Bahro weiter aus: "Es kann aus derselben Energie, die damals auf die Katastrophe hin disponiert war, sogar aus der Neigung zum Furor teutonicus (d. i. "deutsches Ungestüm", eine angebliche zerstörerische Wesensart des Deutschen, P. K.), wenn sie bewußt gehalten und dadurch kontrolliert wird, heute etwas Besseres werden. Kein Gedanke verwerflicher als der an ein neues anderes 1933 ?! Gerade der aber kann uns retten. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muß Hitler miterlösen. ... Das Wirtschaftswunder hat die Bundesdeutschen quasi erneut in ein 'Volk ohne Raum' verwandelt ... Ich glaube, daß Erich Fried das richtige Zeichen gesetzt hat, indem er Kontakt mit dem eingesperrten Neonazi Michael Kühnen aufnahm." (194)
Kurz nach Erscheinen der "Logik der Rettung" verschärft Bahro die dortigen Aussagen in einem Interview mit der "taz", das am 13. Februar 1988 erscheint. Er bekennt sich noch einmal nachdrücklich zu Rohrmoser, spricht sogar von "kommandieren", wenn er die Tätigkeit seines diktatorischen Regimes meint. Sein gesellschaftspolitisches Ziel liegt in der vordemokratischen, ja vorzivilisatorischen Vergangenheit: "Ursprünglich gab es diesen einen heiligen König, einer von allen, der selbstlos das allgemeine Beste und den Kontakt mit der Gottheit wahrt", eine Vorstellung, wie sie auch bei Hans-Peter Dürr anklingt. "Es braucht Leute, der Meinung bin ich allerdings", sagt Bahro hier, "die es schaffen, öfter als üblich von dem höheren Selbst in sich auszugehen als von den Ich-Interessen. Leute, die schon mal genug gekriegt haben." So werden die heute Herrschenden vorsichtig umschrieben, die Reichen in der Gesellschaft, die eben "schon mal genug gekriegt haben." Diese Ansicht macht Bahro zum berufenen ideologischen Partner dieser Herrschenden. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde er dort auf eine Professur berufen, wo bisher mit der in Erz gegossenen elften Feuerbach-These von Karl Marx zum Sturz dieser Herrschenden aufgerufen worden war. In wessen Interesse "Leute, die schon mal genug gekriegt haben" herrschen - nämlich nur in ihrem eigenen - lehrt die Geschichte.
Auch Bahro meint in der "taz", daß sie keineswegs im Interesse der Schwachen herrschen sollten, im Gegenteil: "Könnten wir nicht das gesellschaftliche Ganze so organisieren, daß wir wieder dahin kommen, wo wir bei unserem Austrittspunkt aus der Natur gewesen sind: daß im Großen und Ganzen für das Fortbestehen der Gattung schon gesorgt war". Das Leben des Individuums gilt hier nichts mehr, Hauptsache, die Gattung besteht fort - wenn auch nur "im Großen und Ganzen". Bahro spricht in dankenswert offener Weise das sozialdarwinistische Gesetz des Stärkeren an, das die menschliche Entwicklung in vorzivilisatorischer Zeit bestimmte, bis sich der Mensch aus der natürlichen in die historisch-gesellschaftliche Stufe seines Daseins bewegte, auf der das Recht des Stärkeren gegen die Schwächeren, der Totschläger als einziges Mittel der Politik, von der Möglichkeit zur Solidarität untereinander zugunsten aller abgelöst wurde. Bahro schließt sofort den Bezug zum Heute an und legt die Stärkung der Herrschaft des Kapitals als den hinterstehenden Sinn offen. Die Stahlarbeiter an der Ruhr, die 1988 ums ökonomische Überleben gegen Stillegungen kämpften, sollten damit gefälligst aufhören: "... etwa an der Ruhr, geht es wirklich um Brot, geht es um was anzuziehen, wird jemand erfrieren im Revier demnächst? Offenbar nicht. Es geht um das Überleben unseres Egos." Leute, die sich als "Stahlkocher" definiert hätten, seien nicht bereit, ihr "Ego" aufzugeben. An der Ruhr zwar noch nicht, aber an der Wolga und an der Moskwa hungern heute schon Menschen, und sie erfrieren wieder. Für Bahro aber gilt nur das Überleben der "Gattung" Mensch "im Großen und Ganzen".
Bei diesem Verständnis des Vorranges der Gattungsfragen vor der Klassenfrage kommt Bahro in einer weiteren Publikation aus dem Jahre 1989 zu dem Schluß, die "charismatische" Wirkung Gorbatschows und der KPdSU als einer Ersatzkirche mit einem "Oberpriester Gorbatschow" - wie er sagt - sei geeignet, die Krise der Sowjetunion zu bewältigen. (195) In der Zeitschrift "2000 - Magazin für Neues Bewußtsein", die sich hauptsächlich mit UFOs beschäftigt und dessen "ständiger Mitarbeiter" Bahro ist, schrieb dieser bereits 1988, daß Gorbatschows Berufung an die Spitze der KPdSU kein Zufall, sondern Ergebnis spiritueller und biologischer Wirkung gewesen sei: "Die Partei hatte Antennen für diesen einen, der durch seine Anlage und durch mancherlei Umstände vorbestimmt war." (196)
Ein Höhepunkt der UFO-Gläubigkeit war die "Wendezeit":
BILD-Zeitung am 2. März 1989Daß es inzwischen anders gekommen ist mit der Krise in Osteuropa und daß mit solchen Ansichten Probleme nicht gelöst, sondern verschärft wurden, läßt Bahro aber auch in seinem 1991er "Rückkehr"-Buch unbeeindruckt. Im Gegenteil, er treibt alles noch weiter auf die Spitze, indem er eine Nazi-Sekten-Größe wie Wolfgang Deppert einbezieht. Ganz wie Erika Hickel oder Wolfgang Jantzen verficht Bahro in der "taz" das Sterbenlassen als Mittel der Politik: "Eigentlich ist die ganze Katastrophe, daß wir jegliche Gefährdung, Krankheit, ... unbedingt vermeiden wollen und so auf der Flucht vor dem Tod umso sicherer bei ihm anzukommen scheinen." Demnach sollen also die Kranken und Schwachen - wen immer man auch je nach Bedarf zu solchen definieren will - dem Tod überlassen werden. Und in der Tat vertreten auch New Age-faschistische Bezugsgrößen wie Konrad Lorenz die Ansicht, z. B. AIDS könne die Natur und die überlebenden Menschen retten, denn das eigentliche ökologische Problem sei die Überbevölkerung. (197) Offenbar ist dies die Vision solcher furchtbarer Meisterdenker: Die göttlichen Eliten, die inzwischen ja auch an Hautkrebs und Pseudo-Krupp sterben und unter der ökologischen Krise leiden, bestimmen diktatorisch den "natürlichen" Massentod, um die ökologischen Probleme zu reduzieren. Das ist Politik für die Herrschenden, auf die Spitze getrieben. Es ist die fürs Kapital "kostengünstige" faschistische Sozialpolitik des Todes, die aus Bahros Konzept "naturwüchsig" folgt: Die Menschen werden reduziert, nicht die Krankheitsursachen.
1990 präsentiert Bahro in einem Interview noch einmal seine rassistische Grundposition, die deutlich macht, daß er mit allen faschistisch-religiösen Ideologen das rettende völkische Bewußtsein schließlich doch als biologisch verankert sieht: "Es ist nun einmal so, daß das Stammesbewußtsein tiefer als das Klassenbewußtsein in dieser historischen Tektonik liegt. ... Die nationale Frage (ist) eine objektivere Realität von tieferen Gründen als die Klassenfrage." Und die Konsequenz: "Eigentlich ruft es in der Volksseele nach einem grünen Adolf. Und die Linke hat davor nur Angst, anstatt zu begreifen, daß ein grüner Adolf ein völlig anderer Adolf wäre als der bekannte. Es ist überhaupt nicht die Frage, ob es ein Mann oder eine Frau ist, sondern es ist die Frage nach einer Struktur. Das ist das deutsche Moment in dieser grünen Bewegung." (198)
Offenbar verstehen Bahros Anhänger den "grünen Adolf" genauso wie den alten Adolf. Schweidlenka berichtet von einem Seminar im Jahre 1991, das in etwa zeitgleich mit dem Erscheinen des zitierten Interviews in Bahros rheinischem Seminarhaus "Lernwerkstatt" stattfand: "Es mag kein Zufall sein, daß einige Seminarteilnehmer den Wunsch nach dem Zusammenbruch der Demokratie äußerten. Die Alternative, wie sie mir von einer Teilnehmerin vorgestellt wurde: 'Deutschland hat ohne Führer keine Chance'." (199) Über den Beitrag des Münchner New Age-Gurus Rainer Langhans - der mit Bahro und Jochen Kirchhoff bereits seit längerem ein Trio Infernal des spirituellen New Age-Neofaschismus bildet (199a) auf demselben Seminar berichtet Schweidlenka: "Sein Beitrag: Die Nationalsozialisten und vor allem die SS hätten eine 'hohe Sterbekultur' entwickelt und seien uns in der Einsicht in die 'Notwendigkeit des Sterbens' weit überlegen gewesen." Das ist keineswegs als schlechter Witz gemeint, angesichts von sechzig Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs, von sicher sieben Millionen durch die SS ermordeter Menschen, im Gegenteil. Man ist heute wieder so frei, SS-Kult und nazistische Spiritualität zu empfehlen und zu pflegen, trotz der Millionen Toten.
Mit diesem Bild illustrierte die "taz" am 12. 4. 1989 das Interview
mit Rainer Langhans, in dem er sein Glaubensbekenntnis ablegte:
"Spiritualität in Deutschland heißt Hitler".
(laut "taz" ein Plakat zur Benzinrationierung, 1942, aus: America -Traum und Depression 1920/40.)Wir sind uns deshalb so sicher in unserer Interpretation von Bahro und Konsorten als Neofaschisten des New Age, (199b) weil ja auch dies paßt: Bahro bezieht sich in seinem letzten Buch "Rückkehr", das seine Professorentätigkeit an der Berliner Humboldt-Universität im Wintersemester 1990/91 zum Inhalt hat, nicht nur positiv auf den langjährigen theologischen Chef der nazistischen "Deutschen Unitarier", Wolfgang Deppert, sondern arbeitet im Winter 1991/92 in Vorlesungen direkt mit Deppert zusammen, obwohl Bahro inzwischen von dessen Sekten-Aktivitäten weiß. Bahro wirbt ausdrücklich für Depperts Veranstaltungen an der Humboldt-Universität, die er "im Kontext" seines eigenen Kurses sieht, und kündigt seine eigene Anwesenheit an. In der Kieler Gemeinde der "Deutschen Unitarier", der Deppert vorsteht, werden zur gleichen Zeit Sympathisanten des kriminellen "Auschwitz-Lügners" und ehemaligen Wachmannes des KZ Auschwitz, Thies Christophersen, hofiert, die selbst den "Deutschen Unitariern" angehören. Deppert selbst druckte in der von ihm verantwortlich herausgegebenen Zeitschrift "Blick" dieser Sektengemeinde noch Ende 1990 wissentlich einen Text der ehemaligen Chefredakteurin von Christophersens Zeitschrift "Die Bauernschaft", Marie-Adelheid Reuß-zur Lippe, ab; die Dame, von der zu distanzieren Deppert sich nachdrücklich weigert, war nicht nur eine Vorgängerin im Amte Depperts, sondern auch die engste Vertraute des Chefs des SS-Rasse- und Siedlungsamtes, Walter Darré. Die hohe "SS-Sterbekultur" kennt man da wohl aus erster Hand. Bahros "Rückkehr" erscheint so als eine Rückkehr zu den Vordenkern, Organisatoren, Tätern des Komplexes Auschwitz, die diese Form der "deutschen" Spiritualität als faustische Rechtfertigung ihres verbrecherischen Tuns benötigten.
Bahro bezieht sich nicht nur positiv auf die "Thule Seminar"-Mitarbeiterin Sigrid Hunke, den "Deutsche Unitarier"-Ideologen Hubertus Mynarek oder den "Neuen Rechten" Alfred Mechtersheimer, der unverblümt Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit schürt. Auch für den Alt-New Ager Jochen Uebel , dessen Zusammenfassung der "Logik der Rettung" von Bahro als "guter Überblick" empfohlen wird. In Uebels kleinem "Worpsweder Kreis", einem einflußreichen Zirkel von New Age-Verlagen, saß nach den Angaben von Gugenberger und Schweidlenka Mitte der achtziger Jahre zeitweise auch ein Mitglied der rassistischen Ariosophen-Szene, die sich in der Nachfolge des Jörg Lanz von Liebenfels sehen, des Mannes, "der Hitler die Ideen gab".
Wenn Bahro Hans-Peter Hempel in "Rückkehr" über "Heideggers Weg zum asiatischen Denken" schreiben läßt, als hätte es Victor Farías' Buch "Heidegger und der Nationalsozialismus" von 1989 nicht gegeben, so wird vollends deutlich, an welche Spiritualität Bahro anknüpfen will: die "arische". Es ist in mehr oder weniger verklausulierter Form immer wieder der "nordische Mythos" von der Göttlichkeit der Natur und den Ariern und ihrer gleichzeitigen Schicksalsgebundenheit gemeint, den auch Heidegger - intellektuell hochstehend - bearbeitete. Farías breitet detailliert aus, wie sehr Heideggers nationalrevolutionäre Philosophie der zwanziger Jahre den Faschismus geistig vorbereitete, ja eigentlich die Philosophie des (deutschen) Faschismus überhaupt war. Jürgen Habermas betont in seinem Vorwort zu Farías' Buch, daß Heidegger sich nach "Sein und Zeit" zum Neuheidentum und zur Konservativen Revolution hingewendet habe, als dessen Teil auch Armin Mohler ihn sieht. Heideggers faustisches Technik-Verständnis ("als einem Geschick, das zugleich Geheimnis, Gewähr und Gefahr sein soll", so Habermas bei Farías) ist das des Heroischen Realismus im Faschismus, in der "Neuen Rechten" und im New Age, die sich alle auf Heidegger beziehen. Habermas meint, Heidegger "bleibt vom welthistorischen Gewicht und der metaphysischen Bedeutung des Nationalsozialismus überzeugt bis zum bitteren Ende" - ja sogar über dieses Ende weit hinaus -, weil der deutsche Faschismus die spirituelle Antwort auf die technische Vernutzung der Welt gewesen sei. So ist es kein Wunder, daß Bahro sich auch noch in der Tradition Heideggers sieht. Farías betont die guten Verbindungen Heideggers zum "Amt Rosenberg" der NSDAP, aus dem später so viele Funktionäre der "Deutschen Unitarier" stammten. (200)
Bahro gehört zu denjenigen New Agern, die sich am weitesten hinaustrauen, die aus ihrer Sympathie für den Faschismus als wesensverwandtem Konzept kein Hehl mehr machen. Sie sind trotz allem selten. Führende New Age-Ideologen wie Fritjof Capra, Hans-Peter Dürr oder Carl Friedrich von Weizsäcker meiden den direkten Bezug auf den Faschismus und die "Neue Rechte", auch auf die bekannten faschistischen Theoretiker. Capra bezieht sich fast ausschließlich auf die US-amerikanische Diskussion und versteht sich als Linker. Das macht es eurofixierten Neofaschisten leicht, sich von diesem "New Age" als dem vermeintlich "amerikanischen" zu distanzieren. Dennoch läßt sich die enge Verwobenheit der New Age-Konzepte mit faschistischer Ideologie aufzeigen, leicht sogar. Dabei sind Hinweise aus der Linken auf die "Naturalisierung von Herrschaftsverhältnissen" durch Capra und andere, wie sie etwa Rolf Nemitz anbringt, weder erschöpfend noch treffen sie den Kern. (201) Tatsächlich ist die New Age-Ideologie für den Neofaschismus mehr als "eine willkommene Begleitmusik", wie der linke Kritiker des "Systemdenkens", Michael Weingarten, meint. (202) Liest man die Schriften von prominenten New Agern wie Capra, Mynarek, Bahro oder Dürr parallel mit denen der Ideologen des historischen Faschismus wie Lagarde, Chamberlain oder Rosenberg und der "Neuen Rechten" wie Hunke, Benoist, Krebs oder Eichberg, so erkennt man nicht nur die breite Identität ihrer Aussagen, sondern auch die objektive ideologische Funktion des New Age als Wegbereiter bzw. Ersatzideologie des Neofaschismus. Ein im deutschen Kaiserreich renommierter Erfolgsautor wie Houston Stewart Chamberlain gehörte zum damaligen "New Age", zum Versuch, die gesellschaftlichen Probleme mit Hilfe einer neuen Spiritualität auf der Basis "indoarischer" Naturreligiösität gegen die Interessen der Bevölkerung zu lösen. Er bereitete "in der Mitte der Gesellschaft", im gehobenen Kleinbürgertum, bei den Führungskräften der Mittel- und Oberschichten, bei den Führern des deutschen Kapitals, bei Adel und Militär das Terrain für den Nationalsozialismus.
Mit Bahro ist an die Berliner Humboldt-Universtität nicht nur "das geistige Leibregiment des Hauses Hohenzollern" zurückgekehrt. Derart rühmte 1870 der damalige Rektor Emil du Bois-Reymond die Hochschule, die noch den Namen des antinapoleonischen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm trug. (203) Auch der legitime geistig-moralische Erbe der Hohenzollern-Zeit feiert fröhliche Urständ: der Faschismus als Weltanschauung. Bahro vergleicht sich im Mai 1993 in der Studentenzeitung der Humboldt-Universität, "Un-Aufgefordert", mit dem nationalistischen Berliner Universitäts-Rektor Johann Gottlieb Fichte, der hier im Geiste völkischer Romantik gegen die Ideen der Französischen Revolution anging. Alles klärend, gibt Bahro dann zum besten: "Unter meinen Selbstdefinitionen kommt 'Antifaschist' nicht vor." Als hätte es Auschwitz und Stalingrad nicht gegeben, fordert er im November 1993 in einem Interview mit der Zeitung "Contraste", man solle mit Gelassenheit auf die deutsche Geschichte sehen und den "Volkscharakter" aus der biologischen Sequenz "Horde, Stamm, Volk, Nation" herleiten. Gegen seine Kritiker gerichtet, meint er: "Wir definieren uns selbst als antinational, als Fremdkörper. Politisch gesehen verrückt, diese Abwehr, statt gelassen Deutsche zu sein, hinzusehen, was alles Deutschland ist." Im Frühjahr bereits hatte er in seiner "Lernwerkstatt. Ökologische Akademie für Eine Welt" gemeinsam mit Alfred Mechtersheimer das Seminar "Nationalität und Friedensfähigkeit" abgehalten. Solle man angesichts des "Einwanderungsdrucks" auf Deutschland die "Herzen und Grenzen bedingungslos öffnen?", fragte er im Programmheft, gleich daneben kündigt er das Seminar "Tai Chi Chuan und der Geist des Laotse" an. "Wie real sind Volkscharakter, Nationalcharakter, Nationalstaat, Nationalismus und religiöse Identifikation? ... Sind Vielvölkerstaaten und multikulturelle Gesellschaften friedensfähig?", hieß es da. Mechtersheimer - ein erklärter Gegner der multikulturellen Gesellschaft - gab wenig später in seinem Buch "Friedensmacht Deutschland" die Antworten: Stalingrad? Deutschland habe "die am wenigsten kriegerische Vergangenheit in Europa." Vernichtungslager? "In einem gewissen Sinne sind Workuta und Auschwitz Exzesse multikultureller Gewalt. Es ist ein Verbrechen an der Menschheit und am Frieden, wenn man Völker mit Gewalt zusammenzwingt." "Völker" - das sind die Deutschen hie und die ausgebürgerten jüdischen Deutschen da. Wären die vorderasiatischen Juden nicht frech nach Europa eingewandert - so versteht man Mechtersheimers Botschaft -, dann hätten sich die Deutschen den Komplex Auschwitz glatt schenken können. (204)
Niemand sollte sich irre machen lassen, wenn Bahro heute versucht, den Faschismus-Vorwurf gegen ihn zu kontern, indem er auf eine ebensolche Kritik von seiten der konservativen Rechten an ihm hinweist. Wenn Bahro aus dem "Bund Freiheit der Wissenschaft" oder vom "Deutschland-Magazin" angegriffen wird, (205) dann handelt es sich hier vor allem um Fraktionsstreitigkeiten, wie sie aus der historischen völkischen Bewegung und dem Faschismus als Auseinandersetzungen zwischen dem pragmatischen, kapitalfreundlichen Flügel und dem ideologischen "Blut und Boden"-Flügel bekannt sind. Als Gegner der Möglichkeit zum Faustischen ist Bahro eben auch ein Gegner nicht nur des Kapitals (darin allerdings wegen seiner prinzipiellen Gegnerschaft zur Moderne niemals ein Verbündeter der Linken), sondern auch der Kapital- und Modernisierer-Fraktion des Faschismus. Deshalb wird er von denjenigen Rechten, die seine gegenwärtige objektive Funktion in der Bekämpfung der Linken nicht begreifen, bekämpft.
Erste These:
Gemeinsam gegen materielle Ansprüche -
Respiritualisierung statt Veränderung der GesellschaftDas Beklagen einer Zivilisationskrise, das Diagnostizieren eines angeblichen Niederganges der bestehenden Welt, ist nicht nur bei Hellsehern die Geschäftsgrundlage, sondern der Ausgangspunkt für den Ruf nach einem "Neuen Zeitalter". Der angebliche "Verfall geistiger Werte" ist heute ebenso in aller Munde wie "Sittenverfall" oder "Naturvernutzung", Verfall von Gesundheit, Psyche, Bildung, all den angeblichen Folgen angeblich "geistiger Entfremdung" durch die materialistisch orientierte Kultur der Moderne und durch ihre Grundlage, die industrielle Gesellschaft. Der Physiker-Philosoph David Bohm, der Capra erst mal die Physik als Grundlage des New Age erklären mußte (so Capras Danksagung im Nachwort der "Wendezeit"), steht nicht an, "ein derart breites Spektrum von Krisen" - nämlich "soziale, politische, ökonomische, ökologische, psychologische usw., und dies sowohl im einzelnen wie in der Gesellschaft im ganzen" - dem "fragmentierenden" mechanistischen Weltbild anzukreiden. Umweltzerstörung und psychische Krankheiten dienen als Argumente, um ein generelles "Unbehagen an der Moderne" zu wecken, das zu antidemokratischen, organizistischen und gegen die Interessen der Mehrheit gerichteten Schlüssen verleitet. Weder Ferguson noch Capra scheuen sich, offen an die ideologische Weltsicht des Aufstiegs und Niedergangs von Kulturen anzuknüpfen, die der erzkonservative Brite Arnold Toynbee in seinem Buch "Der Gang der Weltgeschichte" ausbreitete. Dies ist nichts weiter als ein erneuter Aufguß der Idee des kommenden Unterganges, dem nur eine "Wiedergeburt", ein "Aufgang Europas" auf der Basis des nordischen Mythos der Göttlichkeit des Nordeuropäers und seiner Welt entgegentreten könne. Sie wurde von faschistischen/konservativ-revolutionären/"neurechten" Ideologen wie Chamberlain, Henschel, Spengler oder Hunke entwickelt. (206)
Dem Christentum wie dem Sozialismus wird vorgeworfen, die Menschen nicht befreit zu haben, sondern sie fortwährend zu unterdrücken: ersteres durch Sexualmoral und den Glauben an die Sündhaftigkeit des Menschen, letzterer, indem er die Freiheit des Individuums beschränke. Aber auch der individualistische Liberalismus habe die Menschen versklavt, diesmal an die verdinglichte Produktwelt. Hierfür treffe ebenso das Christentum die Schuld, das im europäischen Kulturkreis die Gottheit wirklichkeits- und menschenfern angesiedelt habe und deshalb die Menschen dazu treibe, die Produkte zu vergötzen - mit den bekannten ökologischen und psychischen Folgen.
Das Christentum, die bisher vorherrschende Spiritualität, wird von New Agern darüber hinaus als abgehalftert dargestellt: Es könne weder geistige Bindung noch Sinn jenseits der Produktwelt vermitteln, schließlich seien die Kirchen ja auch schon seit Jahren leer. Der Kampf gegen die christlichen Großkirchen erfolgt durch das New Age ganz einfach, indem es einen Teil des Potentials an religiösen Menschen abschöpft, aber auch, in dem es sich in Form eines neuerlichen "Kirchen-" oder "Kulturkampfes" offensiv mit dem Christentum und dem Judentum ideologisch auseinandersetzt. Jüdisch-christliche Tradition wird für die ökologische Krise oder das Patriarchat verantwortlich gemacht, z. B. in Capras "Wendezeit": "Die Anschauung, daß der Mann die Natur und die Frau beherrschen solle, und der Glaube an die überlegene Rolle der Vernunft wurden gestützt und ermutigt von der jüdisch-christlichen Tradition, die dem Bilde eines männlichen Gottes, der Personifizierung der höchsten Vernunft und Quelle allerhöchster Macht, huldigt, eines Gottes, der die Welt von oben regiert, indem er ihr sein göttliches Gesetz auferlegt."
Antisemitismus, der dem Judentum die Schuld für alle Unbill dieser Welt zuweist, findet sich durchgängig in der New Age-Literatur. Der "Sündenbock" - eine Institution der Religiösität aus biblischen Zeiten - wird umgedreht: Die Sünden werden dem Bock "Judentum" aufgeladen, dieses sodann in die Wüste gejagt. Allgemein wird der Ursprung für die Trennung von jenseitig-geistigem Gott und diesseitig-materieller Natur/Erde - der "Dualismus", wie es bei Hunke, Eichberg, Mynarek oder Capra im Sinne eines Schimpfwortes heißt - dem Judentum angekreidet und für den Verfall von Natur/Erde verantwortlich gemacht: Gott sei aus der Wirklichkeit entfernt worden, die Entgöttlichung der Natur sei die ethische Voraussetzung zur Vernutzung der Natur. Das biblische "Macht Euch die Erde untertan" wird als jüdisch-christliche Aufforderung zur Umweltzerstörung, als deren eigentliche Ursache, kritisiert. Der "technisch-utilitaristische Mensch", der die Natur/Erde und schließlich sich selbst "vernutzt" und geistig angeblich in dem biblischen Gebot des Judentums wurzelt, gehört zu den Lieblings-Haßobjekten des New Agers Hubertus Mynarek. Auch Erich Fromm, ebenfalls ein Verkünder des New Age, kommt ohne die obligatorische Prophezeiung des Untergangs, der durch alle möglichen Zivilisationsschäden ausgemalt wird, nicht aus. Rudolf Bahros Popularisierung des Begriffs "Exterminismus" - Auslöschen des als Ganzheit verstandenen "Lebens" - steht dem nicht nach. (207)
Die Argumentationsfigur des New Age ist identisch mit der der völkischen Bewegung in der Krisenzeit des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts. Einer der Urväter der deutschen völkischen Bewegung, der von den Nazis posthum als Vordenker adoptiert wurde, sei hier beispielhaft angeführt: Paul de Lagarde. Er tat in der Blütezeit der Industrialisierung nichts anderes als die heutigen New Ager: den vom Hochkapitalismus verursachten vermeintlichen "Niedergang der Kultur" zu beklagen und die - damals allerdings so benannte - "arische" Respiritualisierung als Lösung anzubieten. Ohne Zweifel gab es im wilhelminischen Kapitalismus und während der ersten großen Wirtschaftskrise in Deutschland, dem "Gründerkrach", Mißstände jeder Art, die auch die Linke bekämpfte. Allerdings war diese Linke in den Augen der offen völkischen "New Age"-Bewegung des deutschen Kaiserreiches selbst ein Mißstand. Die Unbill der damaligen Zeit waren Massenelend mit "Sittenverfall" (Diebstahl, Prostitution, Alkoholismus) in der größten Klasse der Gesellschaft, Abbröckeln der inneren Bindungen an die Autoritäten von christlichen Kirchen und Staat, Hinwendung von relevanten Gesellschaftsteilen zum Sozialismus, bereits feststellbare Umweltauswirkungen ungezügelter Industriealisierung, "Sittenverfall" auch bei den Herrschenden (als "ausschweifendes Leben" im Fin de Siècle) und dergleichen. Für all dies machten Lagarde und andere die "Fremdheit" der bis dato vorherrschenden Spiritualität verantwortlich: Das Christentum der Großkirchen hatte seine Quelle eben in Kleinasien, nicht in Europa. Es war nicht nur jüdischen Ursprungs, sondern auch noch mit Gewalt den Nord- und MitteleuropäerInnen aufgezwungen worden, als der - so sehen es die Alt- und Neofaschisten - durch römisch-jüdische Priesterherrschaft gekrönte Franke Karl mit der germanischen Irminsul das naturnahe pantheistische Heidentum fällen ließ. Das konnte nach Meinung der frühen völkischen Ideologen nicht gutgehen, von solch "fremdem" Geistigen mußten die Deutschen zwangsläufig ab- und in den Abgrund fallen, haltlos im Innern, weil geistig-spirituell wurzellos. (208)
Die Phänomene der modernen Gesellschaft, die hier meist negativ gewertet werden, sind dieser Ansicht nach die Folge der "Entfremdung vom Eigenen", der "Entwurzelung" aus dem eigenen geistigen Boden der "Keltogermanen" (Chamberlain), und einer Hinwendung zum "fremden" Jüdischen auf allen Gebieten: der Spiritualität, der Ökonomie, der Staatsverfassung, der Ökologie (die damals noch nicht so hieß). Lagarde beklagt die Entgöttlichung der Natur durch das Judentum in demselben Stil, wie es heute im New Age getan wird: "die folge ist eine gottlose natur und ein unnatürlicher geist: die folge ist ein vollständiger mangel an harmonie in der Weltanschauung: die folge ist, daß wenn der übernatürliche gott einmal nicht mehr geglaubt wird, in der welt nichts übrig bleibt als materie: der materialismus ist das notwendige korrelat" des offiziellen Großkirchen-Christentums. Der Aufstieg der Arbeiterbewegung in Deutschland und der noch weitgehend ungeregelte Frühkapitalismus, in dem sich die Mittel- und Oberschichten für die neuen Möglichkeiten ihrer Bedürfnisbefriedigung durch die Industrie begeisterten, waren der Hintergrund, als Lagarde dies um 1859 aufschrieb. Aber auch die sich anbahnende ökologische Krise, die sich schon im neunzehnten Jahrhundert im Waldsterben zeigte, gehörte zur Wirklichkeit der völkisch-religiösen Ideologen. (209)
Die angebliche geistige Überfremdung Europas durch das "Judaochristentum" mit seiner behaupteten dualistischen Entgöttlichung der Welt und seinem Postulat der Gleichheit der Menschen - wenn auch nur vor Gott - ist das ewige Thema des Faschismus und seiner Vorläufer. Die Weltanschauungen des Liberalismus und des Sozialismus werden als säkulare Erben dieser "judaochristlichen" Gleichheitsidee angesehenen und daher antijudaistisch-antisemitisch angegriffen. Der Antisemitismus kommt hier - besonders bei Lagarde - zuerst ohne biologistisch-rassistische Grundlage als geistige Feindschaft gegen das Judentum und die als ihm nachfolgend gesehenen römischen Kirche einher. Dies ist nicht nur parallel, sondern wesensgleich mit dem Antisemitismus des New Age. (Im übrigen braucht wohl nicht weiter ausgeführt zu werden, daß diese Schuldzuweisungen nichts weiter als rechte Ideologie sind. Sie haben mit den tatsächlichen Ursachen von materieller, ökologischer und psychischer Verelendung, die selbst materieller Natur sind, nur soviel zu tun, als sie hiervon ablenken sollen.)
Bei Houston Stewart Chamberlain, dem mit einer Tochter des germanisch-religiösen Fanatikers Richard Wagner verheirateten späteren Chefideologen der NSDAP, gehört die "jüdische Überfremdung" Europas mit der Konsequenz des Dualismus von Materie und Geist zur Basis seines Denkens: "Jahve wurde der Gott der Indoeuropäer", "das Tun der Hände und das Trachten des Herzens fällt auseinander" beim Juden. (210) Allerdings hat er den Dualismus-Begriff noch keineswegs so durchdrungen wie z. B. Hunke oder Capra; auch macht er die Ablehnung des Dualismus noch nicht in der Weise für den Aufbau einer pantheistischen Weltanschauung nutzbar wie diese. Für Chamberlain ist "Rom" gleichbedeutend mit kulturellem Niedergang aufgrund von Rassenmischung. Ein "Völkerchaos" sei die ausgehende Antike insbesondere, seit sich die Juden, aus Palästina vertrieben, überall in Europa festgesetzt hätten und mit der Idee der Gleichheit der Menschen vor Gott vermittels der römischen Kirche Europa kolonisierten und die "Weltherrschaft" anstrebten. Die angeblich am Sitten- und Kulturverfall sterbende erste große Zivilisationsperiode Europas wird bei ihm von der Epoche der angeblich sittlich und rassisch festen Germanen abgelöst, die allerdings bald, durch das antike "Weltjudentum" begünstigt, unter die Herrschaft der römischen Kirche und damit ins psychisch-physische Unglück geraten seien.
Geistige "Entkolonialisierung Europas" mit Hilfe einer "europäisch eigenen Religion", der die politisch-ökonomische und militärische Entkolonialisierung folgen soll, ist auch das Stichwort des nationalrevolutionären Flügels der "Neuen Rechten", z. B. bei dem heutigen Kelten-Mystiker Henning Eichberg, der den politischen Kampf gegen das "Jalta-System" - die inzwischen abgeschaffte Spaltung Europas durch die Sieger des Zweiten Weltkriegs - mit dem kulturellen Kampf gegen eine die Europäer "entfremdende Wodka-Cola-Kultur" verbindet. Die Diffusion dieser neofaschistischen Nationalrevolutionäre um Eichberg in die zivilisationskritische Ökologiebewegung war bereits in deren Anfängen zu erkennen, bei der Anti-AKW-Bewegung in Wyhl z. B. Eichberg selbst stellt sie am Beispiel neospitiruell beeinflußter Protestaktionen im Rahmen der Startbahn-West-Kampagne dar: die "sanfte Gegenkultur" sei die eine Erbin des "Kampfes zweier Kulturen: Rom gegen den Norden", der "westlich-christliche Show down" des "Atomstaates" der andere Erbe. Wie Hunke oder Benoist, historisch Lagarde oder Chamberlain, so findet auch Eichberg die Gründe für negative Folgen der industriellen Zivilisation letztlich in der jüdisch-christlichen Weltanschauung: "Offenbarungsreligion, Priesterhierarchie und Heiliges Buch". (211)
In den verschiedenen Phasen faschistischer Ideologiebildung, bei Chamberlain 1899, bei Hunke 1969 oder bei Benoist 1988, wird die Geschichte der römischen Kirche wiederkehrend als Versuch eines getarnten Judentums dargestellt, auf neuem Wege die Weltherrschaft über die anderen Völker zu erlangen. (212) Mit Hilfe der Christen-Mission, des Liberalismus und des Sozialismus bemächtige es sich nicht nur der Köpfe der "fremden" Völker und verwirre sie, sondern sei - man sehe es ja von den Erster-Mai-Demonstrationen damals bis zum Ozonloch heute - auch für die negativen Folgen der Industriegesellschaft letztlich verantwortlich. "Das utilitaristische Nichts, das leere Leben mit Fabriken drin", so Chamberlain in seinem wenig bekannten "Kant"-Buch, sei "die uns bedrohende Zukunft". (213)
Ein besonders deutliches Beispiel ist Hunkes Buch "Das Ende des Zwiespalts", in dem schon in den Kapitelüberschriften die "Verzweiflung der Jugend", "Flucht in Drogenrausch und Gewalt", "kranke Gesellschaft, krankes Bewußtsein", "totale Sinnkrise", "Ungehorsam", "Besessenheit am Sex" usw. beklagt werden. Als "der Krisenherd" wird schließlich der "griechisch-christliche Dualismus" ausgemacht, also die angebliche Entgegensetzung von Geist und Natur: "Ursache aller Übel, an denen wir heute leiden, ist das uns fremde dualistische Ideensystem." "Vom freien Sachsen zum weinenden Knecht", so faßt Hunke im Jahre 1988 die psychisch angeblich desolate Verfassung der Mittel- und Nordeuropäer zusammen, seitdem sie christlich missioniert sind. Der Weltkriegs-General und Sektengründer Erich Ludendorff hatte dies - auf Goethes "Faust"-Drama anspielend - bereits in den zwanziger Jahren in einem Buchtitel ausgedrückt: "Durch Paulus von Gudrun zum Gretchen". (214)
Apokalyptiker hat es zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte gegeben. Für ihre Zeitgenossen, die sich ihnen aufgrund der Horrorszenarien anschlossen, war die Schwarzmalerei immer glaubwürdig, weil sie immer dem Erkenntnisstand der jeweiligen Gesellschaftsstufe entsprach. Solche Reden hatten nicht zum Ziel, die Menschen aufzufordern, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und durch verantwortliche Tätigkeit zum Besseren zu wenden, die irdische Gesellschaft zu verändern, sondern: sich innerlich zu bekehren, dann werde schon alles gut - nein: dann werde alles so, wie es sein solle. Während die Linke zu allen Zeiten die auch von ihr kritisierten Zustände praktisch verändern wollte, zementieren die spirituellen Kritiken des Bestehenden - so lehrt es die Geschichte - diese Zustände, ob die Kritiker das subjektiv wollen oder nicht. Denn ihre falsche Konsequenz ist die Respiritualisierung der Natur und in der Folge der menschlichen Gesellschaft und ihrer Regeln, die als Teil der Natur gesehen werden. Eine Gesellschaftsveränderung im Interesse der Mehrheit wird dadurch ausgeschlossen bzw. allenfalls in die Richtung der Rückbindung der Gesellschaft an das unhinterfragbare Transzendente eingefordert, nicht in Richtung Emanzipation.
Überall wird dabei diejenige Spiritualität als der Rettungsring präsentiert, die bereits in der völkischen Bewegung und bei den historischen faschistischen Theoretikern als die "indoarische" - die sowohl im Denken der (Nord-) Inder wie der (Nord-) Europäer vorherrschende pantheistisch-kosmische - Religiösität die Rettung bringen sollte. Der Annahme, die Europäer seien religiös überfremdet und dadurch äußerlich und innerlich kolonialisiert, folgt die Forderung nach ökonomischer, politischer und militärischer "Entkolonialisierung", der eine Respiritualisierung im "arisch"-nordeuropäischen Mythos vorweg gehen müsse. In den achtziger Jahren wird dieser "Antiimperialismus von rechts" zu einem bedeutsamen Mittel, mit dem die Neofaschisten auf die "neuen sozialen Bewegungen" Einfluß nehmen. Diese Bewegungen sind sich dessen nicht einmal annähernd bewußt geworden, weil sie die faschistischen Klassiker bis heute nicht kennen und ihnen die Identität der Denkformen nicht auffallen konnte. Daher sind sie z. B. über die Thesen Bahros erstaunt und verwirrt, statt sie zu begreifen und fundiert zu kritisieren.
"Alles muß im neuen Zeitalter - dem Wassermannzeitalter - spirituell durchdrungen werden, und zwar ohne Ausnahme, d. h. auch die Politik", heißt es in dem Informationsblatt "bewußter denken" der Partei "Neues Bewußtsein" vom Januar 1989, denn "durch die spirituelle Entwicklung werden die Probleme gelöst." "Wir wollen ein spirituell erweitertes Politikverständnis anregen und durch spirituelle Wege und Methoden neue Lösungsmöglichkeiten entwickeln", schreibt die "Arbeitsgruppe Spirituelle Wege in Wissenschaft und Politik" der Grünen, "so daß Mensch, Erde und Natur wieder in einem spirituellen Verständnis gesehen werden und dieses sozial umsetzbar wird". Die Forderung nach einer naturalistischen Sozialpolitik, die die Naturverhältnisse zum Vorbild der menschlichen Verhältnisse nimmt, wird ohne Umschweife erhoben. "Ich wurde zu einer spirituellen Politikerin", bekennt die ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Karin Zeitler in der Zeitschrift "esotera", "Entwurzelung" führe zu "Lebensangst und Lebensunlust". Dagegen ist für Zeitler "eine spirituelle Lebenseinstellung die Voraussetzung dafür, daß unsere moderne, materielle, kranke Welt wieder zu einem gesunden, ausgeglichenen Zustand findet." (215)
Merilyn Fergusons idealistisches Konzept der "Transformation" der Gesellschaft durch den Aufbau einer neuen spirituellen inneren Macht in den Eliten - statt der Revolution der Gesellschaft durch die und im Interesse der unterdrückten Mehrheit - entspricht der Propaganda der Sekte "Transzendentalen Meditation" vom automatisch eintretenden "Goldenen Zeitalter", wenn nur eine Mindestzahl von Menschen meditiere. Fritjof Capra bindet die Ziele der "neuen sozialen Bewegungen" in den USA und Nordmitteleuropa an asiatische Meditationsformen, an das mystische Sich-Eins-Fühlen mit dem als geistig-spirituelles statt materielles Phänomen aufgefaßten Universum. Damit schafft er nur eine weitere Variante der Respiritualisierung von Welt und Gesellschaft. Auch wenn sich Capra als jemand präsentiert, der mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht, fußt seine gesamte Ideologie auf einem "kosmischen Geist", einem spirituellen Phänomen: "Das Gedankengebäude des neuen Systemansatzes wird in keiner Weise eingeengt, wenn man diesen kosmischen Geist mit der traditionellen Vorstellung von Gott assoziiert. Jantsch sagt: 'Gott ist nicht der Schöpfer, sondern der Geist des Universums.' Aus dieser Sicht ist die Gottheit natürlich weder männlich noch weiblich, noch in irgendeiner persönlichen Form manifestiert, sondern stellt nichts weniger als die Selbstorganisations-Dynamik des gesamten Kosmos dar." "Sieht man Gott als universale Dynamik der Selbstorganisation, dann könnte Teilhards Gottesvorstellung, wenn man sie von ihren patriarchalischen Begriffsinhalten befreit, unter den vielen Bildern, mit denen Mystiker das Göttliche beschrieben haben, den Vorstellungen der modernen Naturwissenschaft am nächsten kommen." (Der in New Age und Neofaschismus allgegenwärtige Jesuit Pierre Teilhard de Chardin ist gemeint.)
Dieses spirituelle Verständnis bezieht Capra explizit auch auf menschliche Gesellschaften: "Da das Systembild des Geistes nicht auf individuelle Organismen begrenzt ist, sondern auf gesellschaftliche und ökologische Systeme ausgedehnt werden kann, können wir sagen, daß Gruppen von Menschen, Gesellschaften und Kulturen einen kollektiven Geist besitzen und dementsprechend auch über ein kollektives Bewußtsein verfügen." Wird hier schon deutlich auf Konzepte wie "Volksbewußtsein", "Volkscharakter" und "nationale Identität" angespielt, die der so progressiv erscheinende Capra offenbar - wie Bahro - vermittels der Respiritualisierung wiederzubeleben gedenkt, so wird nachfolgend die rassistische Konsequenz dieser Konzepte deutlich: "Weitet man dieses Denken auf das Universum als Ganzes aus, dann ist die Annahme nicht zu weit hergeholt, daß alle seine Strukturen - von den subatomaren Teilchen bis zu den Galaxien und von den Bakterien bis zu den Menschen - Manifestationen der Selbstorganisationsdynamik des Universums sind, die wir vorhin mit dem kosmischen Gott identifiziert haben. Das ist jedoch fast schon eine mystische Anschauung. ... Um die menschliche Natur zu verstehen, untersuchen wir nicht nur ihre physischen und psychischen Dimensionen, sondern auch ihre gesellschaftlichen und kulturellen Manifestationen", wobei sich "biologische und kulturelle Eigenarten der menschlichen Natur nicht voneinander trennen" ließen. An den Hitler-Fan Carl Gustav Jung und seine Vorstellungen von dem beim Neugeborenen bereits vorhandenen, völkisch gebundenen "kollektiven Unbewußten" anknüpfend, baut Capra den historischen nazistischen Gegensatz zwischen dem - von ihm nicht so benannten - "Arier" Jung, der der ganzheitlichen Weltsicht anhinge, und dem Juden Sigmund Freud, der dem dualistisch-mechanistischen Weltbild anhinge, auf. Jung habe hier angeblich "überraschende Ähnlichkeiten" mit der Quantenphysik. Hubertus Mynarek folgt Capra im Ausspielen Jungs gegen den Juden Freud nach; Chamberlain hatte bereits vor Jung, am Ende des letzten Jahrhunderts, gegen Freud in derselben Weise argumentiert. (216)
Hans-Peter Dürr versucht in dem Buch "Physik und Transzendenz" mit Hilfe einiger Physiker, die auf philosophischen Abwegen wandeln, die Respiritualisierung als seriöses Unternehmen auszugeben. Dabei verrät er allerdings, daß die Physiker, die sich gerade von der Fiktion des "Äthers" als dem Medium der Ganzheit verabschiedet hatten, nun zu einem pantheistischen Gott greifen sollen, der an die Stelle des "Äther"-Konzepts treten soll. Dürr beklagt, daß seine Idole des Neuen Denkens erst zum Glück gezwungen werden müßten: "Einige der ersten und bedeutendsten unter ihnen, wie Max Planck, Albert Einstein und Erwin Schrödinger, die alle mit dem Physik-Nobelpreis für ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Quantentheorie ausgezeichnet wurden, haben die Wende zum neuen Paradigma nie ganz vollzogen." Die bereits oben erwähnte Verkehrung der Wirklichkeit durch philosophisch dilettierende Physiker, die aufgrund ihrer falschen Blickrichtung nicht verstehen, weshalb Menschen - und in anderem Maße auch andere Lebewesen - die Welt erkennen können, treibt dazu an, ein göttlichen Wesen und die Spiritualität als Lückenbüßer für die nur eingebildete Lücke zu postulieren. Carl Friedrich von Weizsäcker spricht sogar von einem "Wunder, daß wir Wirkliches überhaupt denken können." Um ihr Unverständnis gegenüber der Wirklichkeit zu vertuschen, tun diese Physiker nichts anderes, als ihre Vorgänger jahrhundertelang getan haben: Sie erfinden etwas Göttliches, daß ihnen über ihr Unverständnis hinweghilft. Die "Entzauberung der Welt durch die Naturwissenschaften", wie der Physiker Pascual Jordan Max Webers Beschreibung der Säkularisierungstendenzen in der hochindustriellen Gesellschaft variiert, habe nur "auf zeitgebundenem Irrtum beruht." Die "Wiederverzauberung der Welt" durch das New Age steht an. (217)
Der bisher nicht vorhersagbare Zerfall des Radiumatoms, das schlichte Nichtwissen der Physik über ein Detail, wird von Jordan zum mystischen Geheimnis umgedeutet und benutzt, um die grundlegende Errungenschaft der Aufklärung und der bürgerlichen Revolutionen zu kippen, die Entgöttlichung der Umstände des menschlichen Daseins: "Jedes einzelne Radiumatom ist für uns ein Geheimnisträger, es hält, bis es einmal zerfällt, das Geheimnis fest, wann es zerfallen wird. ... Für den Physiker ist dies nur ein Nebenergebnis, aber es ist ein Ergebnis, das für die heutigen Probleme der Menschheit wichtig ist." Hier wird der ideologische Charakter der Verwendung der Quantenphysik zur Respiritualisierung der Welt wird deutlich. Max Planck, politisch im deutschen Kaiserreich weit rechts stehend, benötigte die Quantenphysik noch nicht, um Religion als Disziplinierungsinstrument gegen die Bevölkerung zu rechtfertigen. Er spricht zur Hohen Zeit der Arbeiterbewegung davon, daß die "Gottlosenbewegung" mit Hilfe der Ergebnisse der Naturwissenschaft "in immer schnellerem Tempo ihre zersetzende Wirkung auf die Völker der Erde in allen ihren Schichten vorantreibt. Daß mit ihrem Siege (der "Gottlosenbewegung", P. K.) nicht nur die wertvollsten Schätze unserer Kultur, sondern, was schlimmer ist, auch die Aussichten auf eine bessere Zukunft der Vernichtung anheimfallen würden, brauche ich hier nicht näher zu erörtern." (218)
Der ehemalige katholische Theologe Hubertus Mynarek - bis 1972 Pro-Dekan der Katholischen Fakultät der Universität Wien, Gründungsmitglied der "AG Spirituelle Wege in Wissenschaft und Politik" der Grünen - ist heute einer der führenden deutschsprachigen New Ager und nach Sigrid Hunke neuer Chefideologe der "Deutschen Unitarier", denen er 1979 für ihre Jugendarbeit das Buch "Orientierung im Dasein" schrieb. Er hat Ende der achtziger Jahre in der New Age-Reihe des Goldmann-Verlages (219) die Bücher "Ökologische Religion" und "Die Vernunft des Universums" veröffentlicht, in denen er den Plan für einen naturreligiösen Gottesstaat als gesellschaftliche Konsequenz der Respiritualisierung entwickelt. Mynarek kommt vom katholischen Organizismus und von der Lebensphilosophie Max Schelers her, über den er promovierte. Die Nazis wollten ihn auf eine Eliteschule ("Napola") schicken, was sein Vater verbot, der im polnischen Katholizismus verwurzelt war. Nach Mynareks öffentlichkeitswirksamen Kirchenaustritt 1972 kam er sehr bald dahin, wo ihn schon die Nazis gern gesehen hätten, beim "arischen" Neuheidentum. Auf Vortragsreisen durch Volkshochschulen verbreitet er - unterstützt von örtlichen Gemeinden der "Deutschen Unitarier" - seine antidemokratischen Ideen. Bei seinen Vorträgen an der Bonner VHS bekam er deshalb mehrfach Schwierigkeiten mit der "Bonner Initiative Gemeinsam gegen Neofaschismus". Wegen der vielfachen öffentlichen Proteste gegen ihn meidet er heute Auftritte im Bonner Raum.
Mynarek hält "das Numinose", das Heilige, in dem "selbst ja der Begriff des Heilen und Heilens mitschwingt", für die zentrale Kategorie. Ihr Fehlen in der modernen Welt sei das Grundübel: "heile" Welt statt "kranke" Welt. "Ökologische Religion heißt, das Absolute in der Natur (und ihren wunderbaren Lebensgesetzen) zu verehren; das Göttliche als greifbar kosmisches Phänomen sichtbar zu machen." Mynarek will religiöse "Erlösung", nicht "Lösung" der Probleme der Welt. In blumiger Theologensprache, die mehr an das religiöse Gefühl des Barock erinnert als an die handfesten Probleme der Gegenwart, drückt er dasselbe aus, was Dürr gerne bei bestimmten Physikern als Bekenntnis zum Göttlichen sieht: Die Natur und die in ihr waltenden Gesetze seien ein göttliches "Sinnprinzip", das Göttliche schlechthin bzw. das Göttliche in eins mit seiner Verwirklichung. Allerdings spricht Mynarek als platte Konsequenz die frag- und kritiklose Affirmation der pantheistisch respiritualisierten Welt deutlicher aus: "Ökologische Religion verehrt und bewundert ... Natur in der ganzen atemberaubenden Weite und Mannigfaltigkeit ihrer Gestalten, verehrt und bewundert aber noch mehr die Natur in der Tiefe ihres einen und grundlegenden Seins- und Schaffensprinzips." Religiösität ist für ihn "eine biologische Tatsache, etwas, daß in den genetisch-biologischen Anlagen des Menschen verankert ist", ein "angeborene(r) Drang des Menschen zur Religion" - areligiöse Menschen sind demnach wohl erbkrank; ein neues, interessantes Feld für die Eugenik tut sich auf. (220)
Das politische Potential der Respiritualisierung nimmt Mynarek ausschließlich für sich und seine Anhänger in Anspruch, die neue Elite der "ökoreligiösen Menschen", die selbstvergöttlicht einen angeblichen Naturwillen durchsetzen: "In dieser Sicht ist die Natur auch politisch. ... Das kann man im heutigen öko-politischen Kontext so verstehen, daß die Natur die 'Absicht' hat oder dahin tendiert, mit dem Menschen ein ethisch-soziales, ein sittlich-gesellschaftlich verfaßtes Wesen hervorzubringen, das durch die geeignetste politische Staatsform der Natur in ihrer Gesamtheit zu ihrem effektivsten Rechtsstatus verhilft." Diese Staatsform ist göttlich vorgeplant und daher vom Menschen nicht zu hinterfragen. Wie die oben angeführten Physiker interpretiert er in den Kosmos eine mit seinem menschlichen Gehirn erfundene abgebliche Vernünftigkeit und Planung hinein - der Denkfehler, den Feuerbach bereits aufzeigte -, die dann allerdings den menschlichen Möglichkeiten nicht verfügbar ist, sondern eines Gottes bedarf. Dieser Gott wirkt nur durch die, die in erkennen können, die mystisch befähigten Eliten, hier: die "ökoreligiösen" Menschen. Sie sollen als einzige Zugang zur göttlichen Planung haben.
Der Fortschritt im Denken der Menschen, das göttliche Wesen in das menschliche aufgelöst zu haben - wie es Marx im Bezug auf Feuerbachs Leistung ausdrückt -, soll unter Hinweis auf die angeblich größere Nähe "sogenannter Primitiver" (Mynarek) zum Kosmos rückgängig gemacht werden. Offenbar ist hier wieder - wie im Faschismus - der Keltogermane als Bezugspunkt gemeint, denn Mynarek beklagt mit Carl Gustav Jung, die "germanischen Völker" seien mit dem "artfremde(n) Christentum" "dem Zauber der frischen Fremdartigkeit östlicher Symbole" erlegen. Die erstrebte Respiritualisierung soll auf der Basis des nordischen Mythos erfolgen, denn, so Mynarek, das Judentum habe "keinen eigentlichen Naturbegriff." Er zitiert offen und zustimmend einen Vertreter der völkischen Bewegung, daß dagegen "bei den Ariern die 'Verehrung Gottes in der Natur, eine Erkenntnis des Göttlichen, wie es hinter dem prächtigen Schleier der Natur waltet'", üblich sei. (221)
Rudolf Bahro schrieb seine "Logik der Rettung" in der "Absicht, Spiritualität und Politik zu verbinden." Seinen "Ökologischen Rat", der als passende Machtinstitution für Mynareks "ökoreligiöse Menschen" erscheint, versteht Bahro "vor allem (als) eine spirituell-politische Instanz", die erst in Aktion treten kann, wenn "innerlich" alles bereitet ist: "Die neue soziale Macht wird zuerst als innerer Entwurf und dann als Geisterbund existieren, ehe die neue deutsche Reformation auch den Staat ergreift, was sie indessen von vorneherein auch ins Auge faßt." Insofern knüpft das New Age hier direkt an den "heroischen Illusionismus" der Romantik an, der die Veränderungen "im Innern" stattfinden ließ, geht aber hierüber hinaus, weil die "innere Instanz" nur auf die Veränderungen in der Wirklichkeit vorbereiten soll, die nach der Machtergreifung real geschehen sollen. Bahro knüpft hier direkt an Novalis an und meint später als Antwort auf die Fragen "Religiöser Totalitarismus? Es wird ja wohl einen Aufschrei geben: Am Ende der Moderne und nach dem gescheiterten braunen Millenarismus in Deutschland die grüne Utopie einer neuen Reformation, neuer Klostergründungen, einer Unsichtbaren Kirche? Und die Perspektive des Gottesstaates, des Heiligen Reiches wieder aufnehmen? Ich kann nicht anders, ich sehe die ökologische Krise in diesem Licht." (222)
Während Bahro in der Partei Die Grünen nicht mehr den Faktor sieht, der das Neue Zeitalter durchsetzen könnte, ist Mynarek eine treibende Kraft der Grünen-AG "Spirituelle Wege in Wissenschaft und Politik". In der Zeitung "Die Grünen" konnte sich Mynarek über eine ganze Seite zur biologisch verankerten "natürlichen Religion" auslassen. Auch andere Medien stehen ihm offen. Die Zeitschrift "Das Neue Zeitalter - Das erste Magazin für ganzheitliches Denken", die an den meisten Bahnhofskiosken zu haben ist, führte Mynarek im April 1990 als ständigen Mitarbeiter. Die Zeitschrift "esotera" brachte im Oktober 1988 eine Titelgeschichte "Ein neuer Geist für Bonn. Politik der Zukunft ist spirituell", in der Mynarek meint: "Spiritualität ist die Seele der Politik." Die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen Karin Zeitler - Führerin der Spiritualisten-AG - schrieb in demselben Heft ganz ungeniert: "Sich nicht verleugnen: Der Gemeinschaftsgedanke der zwanziger und dreißiger Jahre, auch der Kommunegedanke der sechziger und siebziger Jahre, haben mit ihren Vorhaben, den Menschen als Ganzes zu sehen, Politisches mit Privatem zu verbinden und politische Ideen zuallererst bei sich selbst umzusetzen, die richtige Richtung schon gezeigt." Sie meint tatsächlich den "Gemeinschaftsgedanken" der völkischen und Lebensreform-Bewegung, die wegen dieses Gedankens meist problemlos im Nationalsozialismus aufgingen. Das erinnert sehr an Bahro und Langhans, und das soll es wohl auch.
Doch bei Assoziationen bleibt es nicht. Damit niemand mißversteht, in welche Richtung es mit der Respiritualisierung wieder gehen soll, spricht Rainer Langhans Klartext. Als der Hippie-Kultpoet Leonard Cohen seinen Gedichtband "Blumen für Hitler" herausbrachte, war Flower-Power-Zeit und im Musical "Hair" wurde das "Wassermann-Zeitalter" weltweit bekannt gemacht. Niemand dachte daran, daß Cohens Zeitgenosse Rainer Langhans, damals "APO-Politclown" im Generationskonflikt mit den Nazi-Eltern der Studierenden, alles allzu wörtlich nehmen würde. Gut eineinhalb Jahrzehnte später und inzwischen zeitgemäß zu einem deutschen Guru des New Age gewandelt, erklärt Langhans am 12. April 1989 in der Zeitung der Erben der 68er-Bewegung, der "taz": "Spiritualität in Deutschland heißt Hitler. Und erst wenn Du da ein Stück weiter bist, kannst Du jenseits davon kommen, bis dahin aber mußt Du das Erbe übernehmen. Wir haben keine Chance: Wir müssen dieses Erbe von unseren Eltern übernehmen, nicht im Sinne dieses braven, ausgrenzenden Antifaschismus, sondern im Sinne einer Weiterentwicklung dessen, was da von Hitler versucht wurde. ... Wir müssen sozusagen die besseren Faschisten werden - die man dann als solche nicht mehr bezeichnen kann - statt diesen ängstlichen, ewig-gestrigen Faschismus als einzigen Sachwalter dieser Utopiebedürfnisse den Neonazis zu überlassen."
Die Respiritualisierung der Welt führt letztlich zu dem altbekannten Leugnen der Existenz von Materie und damit zum Leugnen von Wirklichkeit mit den ebenfalls bekannten handfesten politischen Folgerungen, denn auch Gesellschaft ist materielle Wirklichkeit. Dies sieht man im New Age-Gefolge Heisenbergs sehr deutlich, auch bei Mynarek. Den Historischen Materialismus und seine konkret gesellschaftlichen Forderungen zurückzuweisen, ist die Konsequenz. Den Aufbau eines neuen "inneren Reiches" zu empfehlen und gleichzeitig die materielle Askese zuzumuten, ist die konkret individuelle Folge. Götter mag man stürzen, solange die Herrschenden nicht gestürzt werden.
Das Prinzip der Respiritualisierung als Waffe gegen die Linke hatte schon Lagarde angewandt. Sein Ziel war es, mit einer neuen "Germanischen Religion" den geistigen Unterbau eines deutschen Kaiserreiches zu schaffen, den das jüdische Christentum seiner Meinung nach nicht mehr bieten konnte. Was "verborgen in der germanischen Seele" lag (Carl Gustav Jung), wollte der ehemalige protestantische Theologe Lagarde heben. Er sah dabei die vorzivilisatorischen Naturreligionen Nordeuropas ebenso als Bezugspunkt wie die indische Religiösität, mit der er sich intensiv befaßte. (223) Während die Arbeiterbewegung die materiellen Verhältnisse durch Revolution verändern wollte, um ein besseres Leben zu erreichen, hatten die konservativen Ideologen anderes im Sinn: Nur nichts am Diesseits ändern! Das kam den Herrschenden gelegen. "Beseelung" hieß Lagardes romantizistisches Programm gegen die Krisen des Hochkapitalismus, die er allgemein von der Vorherrschaft des "jüdischen Materialismus" verursacht sah. Es machte keinen Unterschied, ob der Materialismus "liberalistisch" als die Ideologie der herrschenden Klasse der verschiedenen "Rothschilds" daherkam, oder "sozialistisch" als der Versuch, ein besseres Leben für alle auf Erden mit Hilfe der Schriften des Juden Karl Marx zu erreichen. (224)
Lagardes Begriff vom "inneren Reich" wird heute von Rudolf Bahro bis Pierre Krebs, vom New Age bis zur "Neuen Rechten", genutzt. Es bezeichnet einen Pantheismus, der urgermanisch verwurzelt sein soll. Lagarde wollte zuerst das "innere Reich" schaffen, als die notwendige Voraussetzung für ein neues, zweites "Deutsches Kaiserreich", das im Gegensatz zum wilhelminischen weder rote Fahnen noch die Rauchfahnen der Fabrikschlote kennen sollte. Lagarde stand wie Chamberlain noch am Beginn faschistischer Religiösität, was zu einiger Konfusion in seinen pantheistischen Vorstellungen führte: Mal sieht er sich selbst als Pantheisten, mal wendet er sich gegen die Naturreligionen, dann wirkt für ihn das Allgöttliche vor allem in der Geschichte, dann "in Buchen und Eichen", dann soll der göttliche Gesamtplan im religiösen Erlebnis erkannt werden usw. (225) Immer jedoch ist der Bezug zu heutigen naturreligiösen New Age-Vorstellungen noch erkennbar, insbesondere auch, wenn er immer wieder betont, Gott sei in dem auf das eigene Selbst bezogenen mystischen religiösen Erlebnis erfahrbar.
Selbstverständlich stand Lagarde mit seiner rüden Industriefeindlichkeit ebenso im Gegensatz zur realen politischen Ökonomie seiner Zeit wie die spätere Blut-und-Boden-Ideologie des Nazismus zu der realen Modernisierungspolitik des deutschen Kapitals in den dreißiger und vierziger Jahren. Eingebunden zu werden heißt ja nicht, selbst Macht zu haben. Ideologie für die Herrschenden zu produzieren heißt ja nicht, fixe Ideen praktisch umsetzen zu können. Zudem bietet diese Ideologie durch den Heroischen Realismus Modernisierungsmöglichkeiten, die sich seine romantizistischen Denker nicht haben träumen lassen. Lagardes pantheistisches "inneres Reich" diente der Selbstvergöttlichung der Eliten, der Entsubjektivierung der Massen, der geistigen Etablierung des Heroischen Realismus, auch wenn Lagarde ein Gegner von faustischer Industrie und Technik gewesen sein mag. Es diente - ob es seinem Schöpfer gefallen hätte oder nicht - schließlich dem Kapital nicht dazu, eine völkische romantische Idylle zu errichten, in dem es als herrschende Klasse nicht überlebt hätte, sondern zur ideologischen Absicherung der faustischen Modernisierung, sowohl bei den ethisch entlasteten Eliten als den Tätern als auch bei den schicksals-eingebundenen Massen als den Opfern. Zuerst sollte dieses "Beseelungsprogramm" noch erreicht werden, indem das Christentum von allem Jüdischen gereinigt wurde, durch einen "arischen Christus", der bereits über die pantheistischen New Age-Qualitäten des "Kosmischen Christus" von Pierre Teilhard de Chardin und Günter Schiwy verfügte. Später erst wurde es rein germanentümlich und neuheidnisch.
Noch deutlicher wird dies in Chamberlains Hauptwerk "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", in dem er seinen Pantheismus auf die heute wieder aktuelle Vorstellung vom "Kosmischen Christus" aufbaut. Christus sei "der Sohn des kosmischen Gottes, jenes allen Ariern unter verschiedenen Namen geläufigen 'heiligen Geistes'." Auch Chamberlains fortwährender Bezug auf "die indische Religion" und ihre Naturmystik als "eine unverfälscht indogermanische", auf das - so noch nicht benannte - Konzept des Zusammenfalls der Gegensätze im Yin und Yang des Innen und Außen, des göttlichen Selbst und der göttlichen Natur macht ihn zu einem Vorläufer der New Age-Spiritualität. Er unterscheidet die pantheistischen "Heidenchristen" von den "Judenchristen" und will, Lagarde folgend, mit ersteren als der neuen Elite eine "wahre Revolution", "von innen heraus", "nicht bloß äußerlich politisch" - "Die Religion ist der Mittelpunkt; hier müßte die Umwandlung wurzeln", schreibt er in seinem "Kant"-Buch. Fergusons Konzept der Transformation der Gesellschaft entspricht der Rede vom "inneren Reich" bei Lagarde und von der "wahren Revolution" bei Chamberlain. "Nie sind bei Indoeuropäern die Götter 'Weltschöpfer'", findet Chamberlain in den "Grundlagen", vielmehr zeige sich das Göttliche in den Naturgesetzlichkeiten, "die gesamte Natur verbürgt uns die innere, transzendente Wahrheit", das sei der Inhalt der "kosmische(n) Mythologie" der Arier. Man müsse die Religion aus der Natur ablesen, wie es die mittelalterlichen deutschen Mystiker getan hätten: "Häufig identifizieren sie die Natur mit Gott. ... Fast nie verfallen sie in jenen Erbfehler der christlichen Kirche: Geringschätzung und Haß gegen sie zu lehren." Er spricht 1899 bereits - wie Mynarek 1986 - von einer "religiösen Verehrung" für die Natur und lobt eine "Metaphysik, wie sie aus treuer Beobachtung der Natur erschlossen worden war." Schließlich fordert Chamberlain "die restlose Einbeziehung des inneren Ich" in die Natur, als das er das Metaphysische ansieht. (226)
In dieser Respiritualisierung des gesamten Seienden wird der selbstvergöttlichte Arier, der das Metaphysische als "inneres Ich" in sich trägt, mit Handeln und Erleben an die Natur gebunden. Chamberlain meint, es sei die indoarische "antitheologische Auffassung" - "antitheologisch" durchaus im Sinne des New Age -, "den Menschen mitten hinein in die Natur zu stellen, als einen organischen Bestandteil von ihr, als eines ihrer noch im vollen Werden begriffenen Geschöpfe", das dennoch aber als Träger des Metaphysischen den Gipfel der Natur darstellt, wie es z. B. Mynarek in seiner "Ökologischen Religion" ebenfalls sieht. Durch die vorgehende pantheistische Vergöttlichung der Natur kommt Chamberlain - ohne den von Ernst Jünger geprägten Begriff schon zu kennen - geradewegs zum Heroischen Realismus, der nun das menschliche Tätigsein und Erleiden als ein spirituelles Phänomen unhinterfragbar macht. Daß Chamberlain als Kind seiner Zeit zum Begriff des Pantheismus ein zwiespältiges Verhältnis hat, obwohl er seinen Inhalt vertritt, sollte nicht täuschen. Das pantheistische Natur-, Welt- und Gesellschaftsverständnis ist der eine Kern von Chamberlains "Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts", der ihn zu einem "New Ager" macht. Sein Antisemitismus, der wie bei der "Neuen Rechten" vorwiegend kulturell gebunden ist, ergänzt dies noch. (227)
"Es ist das Eine Göttliche, daß sich im Kosmos in tausenderlei Gestalten offenbart - nicht der Gott, der politische Voraussagen Propheten ins Ohr flüstert; es ist das Göttliche, dessen Gerechtigkeit in der Ewigkeit seiner Naturgesetze eingeschlossen liegt - nicht der historisch tätige Gott, der dem einen Volk schenkt, was das andere erarbeitet hat. ... Der semitische Ül, der Jahve der Juden, ist der Gott von phantasiearmen Naturblinden, wir dagegen sind naturtrunkene Schöpfer, und um uns von der Alleinheit des Göttlichen zu überzeugen, müssen unsere Augen und unser Sinn es auf allen Wegen, die sich vor uns auftun, suchen, es in allen Gestalten erfassen und es denkend und bildend verherrlichen. Der semitische Monotheismus ist die Lehre von der Einzelhaftigkeit Gottes; der indogermanische Monotheismus ist die Lehre von der erst aus der Mannigfaltigkeit sich ergebenden Einheit, von dem Eingeschlossensein des Alls und aller Zeitenfolgen in dem raum- und zeitlosen actus purus der Gottheit (wie Duns Scotus sich ausdrückte), die Lehre von der unitas ineffabilis." Trieften diese New Age-Sätze nicht derart von einem antiquiert zur Schau getragenen Judenhaß, sie könnten bei Sigrid Hunke oder bei Fritjof Capra oder bei Hubertus Mynarek stehen; tatsächlich stehen sie in Chamberlains Verteidigungsschrift "Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom" von 1903. (228)
Die in der völkischen Bewegung entstandenen "deutschgläubigen" Sekten können als eine erste "New Age"-Bewegung angesehen werden. Chamberlain gehörte hier dem "Bund für Deutsche Kirche" an. Bis in die dreißiger Jahre hinein wollten diese Sekten aus Ideen, die sie für germanische Mythologie hielten, eine zeitgemäß reformierte völkische Religion als Grundlage eines völkischen Staates schaffen. Oftmals nahtlos gingen sie dann in den Nationalsozialismus auf. Der Franziskaner-Pater Erhard Schlund verfaßte hierüber bereits 1923 die Broschüre "Neugermanisches Heidentum im heutigen Deutschland", in der er auch Dokumente abdruckte, die die Nähe zu den Allbeseelungs-Vorstellungen und den daraus resultierenden Respiritualisierungsbemühungen des heutigen New Age beweisen. So zitierte er z. B. das Glaubensbekenntnis der "Germanischen Glaubensgemeinschaft", in dem die Punkte standen: "1. Wir bekennen uns zu der Kraft des Geistes und des Lebens, die das All durchdringt und uns. 2. Und erkennen im All eine formbildende Kraft des Lebens, welche die Mannigfaltigkeit aller Erscheinungen und ihre besondere Art bedingt, und anerkennen daher auch alle Sondererscheinungen in ihrer Naturnotwendigkeit als Offenbarungen der Kraft des Lebens. ... 6. Religion ist uns das reine, weltbejahende, tat- und erkenntnisfrohe Verhältnis der Seele zum Geist des Alls und zu seinen Erscheinungs- und Offenbarungsformen." (229)
1933 gründete der führende nazistische Religionswissenschaftler Wilhelm Jakob Hauer eine Sammelorganisation der "deutschgläubigen" Sekten namens "Deutsche Glaubensbewegung" (DG), die als spiritueller Unterbau des "Dritten Reiches" gedacht war. Der militante Antisemit und Germanentümler Hauer, an den sich Mynarek heute explizit anlehnt, wurde in den achtziger Jahren im "Esoterik Almanach" als "Indologe" vorgestellt, weil er in den zwanziger Jahren auf mehreren Studienreisen nach Indien "indogermanische" religiöse Gemeinsamkeiten "entdeckte", bei denen oft der Wunsch der Vater der Entdeckung war. Den "Esoterik Almanach" verfaßte Jens Dittmar vom Rossipaul-Verlag, der breit im New Age-Buchgeschäft verankert ist. Hauer, der sich vor allem auf die Schrift "Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" von Alfred Rosenberg stützte, ist einer der "Päpste" der "Deutschen Unitarier", deren direkter Vorläufer die DG war. Auf einem Flugblatt der DG "Deutscher Glaube, sieben Fragen und Antworten" von 1935 heißt es: "Was ist deutscher Glaube? Glaube an das All-Wirkende. ... Gott schauen wir in allen Erscheinungen der Welt, im ganzen Werden und Vergehen der Natur." (230)
Die Partei "Die Republikaner" nannte in ihrem alten Parteiprogramm Paul de Lagarde als Vorbild der Jugend. In ihrem Parteiprogramm von 1990 stand der meist überlesene Abschnitt "Kirche und Religion", in dem "die innere Erneuerung unseres Volkes" gefordert wurde, weil "die moralischen Abwehrkräfte unserer europäischen Kultur nahezu erschöpft sind." Die hundertzwanzig Jahre seit Lagardes Schrift "Über das Verhältnis des deutschen Staates zu Theologie, Kirche und Religion" sind offenbar sehr kurz. Henning Eichberg steht im direkten Übergang von den "Republikanern" zur New Age-Bewegung. Er will mit den "alten Göttern" die neuen Probleme lösen und setzt auf "Religion als soziale Sinnlichkeit": "Altdeutsches Heidentum und Gesellschaftskritik griffen ineinander", die "neualten Mythen" seien "subversiv und gegenkulturell." (231)
Sigrid Hunke sah bereits 1969, ein gutes Jahrzehnt vor dem Siegeszug des "New Age"-Begriffs, in einem "Bewußtseinswandel" die Lösung, in der "Heilung vom Materialismus" und der Hinwendung zur "Religion der Zukunft". Noch nannte sie es "Europas andere Religion", um von der Identität mit der alten faschistischen Religiösität abzulenken. Zwanzig Jahre später fordert sie die "Denkwende zum Ganzheits-Denken" durch "Europas eigene Religion", die des "amerikanischen Supermarktes New Age" gar nicht bedürfe, da sie originärer sei; statt des weiteren "Untergangs des Abendlandes" werde dann der "Aufgang eines europäischen Europas" als Lösung "aller Übel" kommen. (232)
Pierre Krebs, Leiter des Kasseler "Thule-Seminars", knüpft in der ersten Ausgabe der Zeitschrift "elemente" 1986 direkt an Lagardes Beseelungs-Forderungen an: "Unser inneres Reich" nennt er plagiierend seinen Beitrag und triumphiert: "Deutschland ist, ohne es eigentlich zu wissen, ... zu den alten Göttern zurückgekehrt." Die von Heidegger diagnostizierte "Verfinsterung" - "die Flucht der Götter, die Zerstörung der Erde, die Vermassung des Menschen, der Vorrang des Mittelmäßigen" - beginne sich als "inneres Reich" bereits aufzuhellen, als "die Identität des neuen Deutschland. Diese Identität ist imperial." Deutschland werde nicht untergehen, sondern über die Respiritualisierung zum "Epizentrum unseres Kontinents" werden. (233)Alain de Benoist fordert - Hunke abschreibend - "zu einem neuen Anfang" Europas die Rückkehr zum Heidnischen. Der französische Neofaschist Guillaume Faye schreibt recht offen über den wahren Hintersinn der Spiritualität im Kampf gegen "die Zivilisation des jüdisch-christianisierten Westens": "Warum ein Mythos? Weil zu einer Zeit, wo alles Gedachte von jüdisch-christlichen und egalitären Werten geprägt ist, die surhumanistische Botschaft der neuen europäischen Identität - will sie die Geister nicht erschrecken - in einer irrationalen und verschlüsselten Form dargelegt werden muß, die mehr die Sensibilität als den Intellekt anspricht. ... Das surhumanistische Projekt wendet sich an all diejenigen, die die heidnische Weltanschauung - häufig ohne es zu wissen - in sich tragen und die zahlreicher als angenommen sind, da der Schatten der Götter immer noch vorhanden ist, die alten Pantheons immer noch fruchtbar und imstande sind, junge Götter ins Leben zu rufen. Wie Meister Eckhart es formulierte, ist ein solcher Diskurs für diejenigen gemacht, die ihn bereits in ihrem Herzen als ihre eigene Wahrheit tragen. ... Erst wenn Europa den Sinn für das Heilige und die Schicksalsgemeinschaft wiederentdeckt, wird es sich regenerieren", dazu diene die "mythische Spiritualität". (234)
Die Respiritualisierung ist also mehr als eine bloße Naturalisierung bestehender bzw. wieder zu errichtender vergangener gesellschaftlicher Verhältnisse. Vielmehr bekommt die Naturalisierung einen Heiligenschein. Die mit ihr angestrebten antidemokratischen Verhältnissen werden nicht nur als natürlich - und deshalb als unhinterfragbar und unabänderlich - ausgegeben. Es wird zusätzlich der Eindruck erweckt, als seien diese Verhältnisse die einzigen, die Glück und Heil bringen. Damit wird jegliche Hoffnungsmöglichkeit auf andere, bessere Verhältnisse genommen, und seien sie erst im Jenseits zu erwarten. Diese Hoffnung aber war - als Überbau des materiellen Elends - durch die Jahrtausende eine ideologische Triebfeder zur Gesellschaftsveränderung auf Erden, auch wenn sie aufs Jenseits gerichtet gemeint war. Die Perfidie der New Age-faschistischen Respiritualisierung besteht gerade in dem Versuch, der Mehrheit der Menschen nicht nur die reale Emanzipation vorzuenthalten, sondern sie auch noch um diese Hoffnung zu bringen. Die Alternative des "Neuen Zeitalters" ist die freudige Unterwerfung als das erstrebte Heil selbst. Es liegt am Konstruktionsfehler dieses Denkens, daß diese Befriedungsstrategie auf Dauer kaum funktionieren kann, denn idealistisches Denken mißachtet die materiellen Bedürfnisse der Menschen, die immer der wesentliche Antrieb für Gesellschaftsveränderungen waren. Das hat sich bis heute nicht geändert, die Vorgänge in Osteuropa lehrten es erst kürzlich wieder. Allerdings mag die Neuauflage der faschistischen Respiritualisierung im New Age wieder für eine Epoche ausreichen, wie damals: Eine Epoche, die für viele Elend und Tod bringen kann.
Zweite These:
Gemeinsam aus denselben Quellen schöpfenIm New Age und in der historischen wie "neurechten" faschistischen Ideologie begegnen uns ständig dieselben Denker als Quellenbezug. Die "Neue Rechte" aktualisiert nur die alten Arbeiten Lagardes oder Chamberlains auf die Situation am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hin. Ihre geistige Traditionslinie ist identisch mit der der völkischen und faschistischen Bewegung: Zum einen wird aus der asiatischen, vor allem der indischen, Philosophie und Religiösität geschöpft, die uns ebenso in Capras "Tao der Physik" oder "Wendezeit", in Erich Fromms "Haben oder Sein" oder bei Externstein-Meditierern begegnet und die bereits in der Romantik (Schlegel) und bei Lagarde, Chamberlain, Hauer sowie zahlreichen völkischen Ideologen bis in die dreißiger Jahre auftaucht. Auch an die bekannte "Tibet-Connection" in Himmlers SS sei erinnert. Zum andern wird bei diesen Ideologen vor allem auf die Geschichte der europäischen "Ketzer" als die Geschichte der eigenen ureuropäischen Weltanschauung zurückgegriffen, die gegen die angeblich fremde "vorderasiatisch-semitische" des Juden-Christentums gestellt wird. Auch dies ist in den Hauptwerken faschistischer Ideologie wie Chamberlains "Grundlagen" oder Rosenbergs "Mythus" genauso wie in Hunkes Buch "Europas andere Religion" und ihren nachfolgenden Variationen, in Benoists "Heide sein - zu einem neuen Anfang", in Capras "Wendezeit", in Fromms "Haben oder Sein" usw.
Herausragend werden immer und überall als Ahnen eines "Germanischen Glaubens", einer "Deutschkirche" oder einer "europäisch eigenen Religion" des nordischen Mythos reklamiert: vor allen anderen der gotische Mystiker Meister Eckhart, der auch einen Hauptbezug in Alfred Rosenbergs "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" abgibt, Nikolaus von Kues (auch Cusanus, der kirchengeschichtlich nicht als Ketzer gilt), Giordano Bruno, Jakob Böhme, Baruch Spinoza (der trotz seiner jüdischen Abstammung bereits bei Chamberlain auch positiv gewürdigt wird), schließlich niemandem anderen aus der Neuzeit gleich: Johann Wolfgang Goethe, dann Friedrich Hölderlin, Martin Heidegger, Pierre Teilhard de Chardin und vermehrt Antoine de Saint-Exupéry. Die Personen, die außer Bruno und Spinoza als die Hauptvertreter der "Deutschen Mystik" bzw. als deren Nachfolger gelten und von Armin Mohler teilweise "die 'Kirchenväter'" der Konservativen Revolution genannt wurden, bilden auch die Ahnengalerie des New Age. Der "deutsche Medizinmann" Paracelsus, Johannes Kepler und Nikolaus Kopernikus, sogar Martin Luther (als Befreier der Deutschen von "Rom" und von der Sündhaftigkeit des Menschen) werden in gleicher Weise und mit denselben Textstellen von den entsprechenden Autoren genannt, einmal als Vorläufer der faschistischen "Deutschkirche" oder "europäisch eigenen Religion", ein andermal als Vordenker des New Age. Weil die pantheistischen Mystiker durch die römische Kirche verfolgt wurden, beansprucht die völkische Bewegung die "Gegenwehr" des "wahren Europa", schließlich bis zum Komplex Auschwitz. (235)
Die brennenden Scheiterhaufen des Mittelalters sind die Leuchtfeuer auch für die New Ager, die im Nebel ihrer Spiritualitäten umhertasten. Als neue, alte Art der Gegenwehr bringt Mynarek den Sozialdarwinismus: Nach dem "ökoreligiös" göttlichen Naturprinzip sollen die jüdisch-atomistisch-utilitaristischen Menschen als "Irrläufer der Evolution" dem "Kampf ums Dasein" anheim fallen. "Irrläufer der Evolution" ist sein böses, nach Vernichtung schreiendes Wort gegen alle, die ihm nicht ins New Age des "ökoreligiösen" Gottesstaates folgen wollen. (236)
Zur erweiterten Neuausgabe seiner "Wendezeit" schreibt Capra 1988 im Vorwort, an der Erstausgabe sei häufig kritisiert worden, daß er "insbesondere die Tradition des ganzheitlich-ökologischen Denkens in der deutschen Geistesgeschichte nicht berücksichtigt" hätte. Um diesen Mangel zu beheben, schrieb die als "Philosophin der Grünen" bekanntgewordene Autorin Manon Maren-Griesebach für Capra ein "Hintergrundpapier" über "ganzheitlich-ökologisches Denken in der deutschen (!) Geistesgeschichte", auf dessen Basis Capra nun der "Wendezeit" ein neues Kapitel zufügte: der Italiener Bruno, der indische Hinduismus, Paracelsus, Jakob Böhme, der jüdische Portugiese Spinoza und Herder werden nun berücksichtigt. Auf Herders Religionsvorstellungen beriefen sich von Chamberlain bis zum REP-Parteiprogramm alle Faschisten gern, er betonte immerfort die "Fremdheit" der Juden in Europa. Schließlich schreibt Capra nun: "Goethe nun ist die zentrale Gestalt in der Entwicklung des ökologischen Ganzheitsdenkens in der deutschen Geistesgeschichte. ... Wie das der Naturmystiker wird auch Goethes Denken von einer tief ökologischen Spiritualität getragen." (237)
Wir erfahren bei Capra nichts davon, ob er oder seine Vorarbeiterin Manon-Griesebach - die wegen ihrer Blauäugigkeit gegenüber "arischer" Geistestradition schon lange umstritten ist - sich überhaupt die Frage gestellt haben, warum in dieser Tradition "deutscher Geistesgeschichte" auch der Faschismus steht. Bahro hat sich diese Frage gestellt und sie profaschistisch beantwortet. Es ist das "Volk der Dichter und Denker", das uns in gleicher Weise als geistige Basis sowohl des Faschismus als auch des New Age präsentiert wird. Und es ist leider eben nicht nur ein Kalauer, sondern blutige Wahrheit millionenfachen Mordens und erneuter Politik des Todes, daß sich mit den Gedanken dieser "Dichter und Denker" die deutschen "Richter und Henker" jeder Provinienz zu rechtfertigen versuchten und versuchen.
Mit Goethe liegt man in Deutschland immer gut, nicht erst seit Chamberlains monumentalem Werk "Goethe" von 1912. Der "Dichterfürst", dessen Antisemitismus, dessen pantheistische Naturlehren und dessen Selbstvergöttlichungs-Botschaften aus dem Munde des eigentlichen Deutschkirchlers Faust ihn zu einem adoptierten Vordenker des Faschismus machten, ist nicht nur abstrakt die Referenz für New Age und (Neo-) Faschismus. Chamberlain und Hunke oder Fromm und Capra kommen keineswegs zu verschiedenen Interpretationen derselben Textstellen Goethes, denn man ist sich in der Ausdeutung des Dichters als eines Ahnherrn des gemeinsamen Organizismus einig. Und auch wenn Bahro oder Capra die Konsequenz des Faustischen, des Heroischen Realismus, nicht explizit aussprechen mögen, so können sie doch auch keine mögliche alternative Schlußfolgerung benennen. Der spätere NSDAP-Ideologe Chamberlain stellt uns Goethe mit Zitaten als Antisemiten vor (nicht etwa "nur" als Antijudaisten), eine neue lehrreiche Erfahrung für humanistisch gebildete Oberschüler nach 1945. Der Kopf der deutschen Klassik gewann seine naturreligiös-pantheistischen Anschauungen in Auseinandersetzung mit dem Juden- und Christentum, worin ihm die ideologischen Väter des Faschismus knapp hundert Jahre später folgten.
Diese Vorgehensweise ist heute immer noch sehr modern, bei der "Neuen Rechten" ebenso wie im New Age. Das Judentum als nicht-natürliche, ja naturfeindliche Religion, so liest man in den "Grundlagen" Chamberlains, werde von Goethe als eine die Mitteleuropäer überfremdende Weltanschauung abgelehnt. "'Mögen die Juden an ihrer eigenen Kultur arbeiten - das wäre ersprießlich; an unserer Kultur ... dürfen wir ihnen keinen Anteil vergönnen'", so zitiert Chamberlain Goethe in seinem ausschließlich ihm zugedachten Buch. Dieses Bekenntnis zur völkischen Religiösität gab schon Herder kurz vor Goethe ab: "Jedes Volk bete auf seine Weise". Goethe ist laut Chamberlain ein Seher der Natur des Kosmos, mit ihm komme es zu einer "Erweiterung der Vorstellung 'Natur'" im Sinne des pantheistischen Naturverständnisses von "Natur als Alles" - der Mann ist eben ganz Arier. Der Bezug auf Goethe (und die andern Genannten) dient im New Age wie im Faschismus demselben Zweck: der pantheistisch fundierten Selbstvergöttlichung des Menschen mit Hilfe von allgemein anerkannten, auch von der Linken nicht ohne weiteres kritisierbaren Kultur-Autoritäten. Es ist wohl kaum ein Zufall, daß ausgerechnet Paul de Lagarde es war, der die "Opere italiane" von Giordano Bruno auf deutsch herausbrachte und so einem breiten Lesepublikum in der Entstehungszeit der völkischen Bewegung zugänglich machte. Chamberlain, der dem mystisch-"sehenden" Pantheisten Bruno ein Kapitel in seinem Buch "Immanuel Kant" widmet und ihn als Schaffer von Mythen - im Sinne von Guillaume Faye - lobt, nennt Lagardes Bruno-Ausgabe "die einzig authentische Ausgabe der italienischen Schriften Brunos." Die Weisheiten Eckharts findet Chamberlain - wie heute Capra - "vollkommen indisch." (238)
Diese "neue Sicht der Wirklichkeit" findet Capra auch bei Pierre Teilhard de Chardin, den er "unter den abendländischen Mystikern" als denjenigen ansieht, "dessen Gedanken denen einer neuen Systembiologie am nächsten kommen." (239) Ohne Teilhard - den von seiner Kirche kaltgestellten, vom Zweiten Vatikanischen Konzil stillschweigend rehabilitierten, dann katholischerseits totgeschwiegenen pantheistischen Jesuiten - geht nichts mehr, weder bei Hunke oder Krebs vom "Thule Seminar" noch bei den New Agern Capra, Mynarek oder Bahro. Der des historischen Faschismus scheinbar so Unverdächtige, der Mystiker und Naturwissenschaftler, der rehabilitierte Ketzer: Teilhard ist für seine Anhänger ein Galilei des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch Teilhard ist in Wahrheit der personifizierte New Age-Faschist inmitten des Establishments. Der (Neu-) Schöpfer des "Kosmischen Christus", der den Christen Wege zur pantheistischen Teilhabe an Gott eröffnete wie damals Deutschkatholiken oder Deutsche Christen - einige mögen ihn sogar noch gekannt, ihm die Hand geschüttelt haben. - hatte vor allem ein Ziel: den "Übermenschen" zu schaffen, die Evolution auf die selbstgöttliche Spitze zu treiben. In den dreißiger Jahren, als Teilhard aktiv war, gab es dafür nur die Mendel'schen Gesetze und die biologische Zucht von Menschen. Heute greifen die "europäischen" Gottmenschen zur Gentechnik.
Teilhard und seine Familie standen den Gegnern des französischen Hauptmannes Dreyfus nahe, des ersten jüdischen Mitglieds im französischen Generalstab, den Antisemiten 1894 wegen angeblicher Spionage verhaften ließen. Die "Dreyfus-Affäre" schwelte jahrelang; wegen der antisemitischen Intrigen der damaligen französischen Justiz und des nicht rechtsstaatlichen Verfahrens gegen Dreyfus veröffentlichte Zola sein berühmtes "J'accuse!". Teilhard stand zeitweise unter dem Einfluß der später verbotenen rechtsextremen "Action Francaise" des Charles Maurras, der 1901 in seinem Buch "L'Autinéa" zurück zum heidnischen "Erbe" wollte, dessen Gruppe aber auch katholisch-faschistischen Einflüssen unterlag. Günter Schiwy, der christliche New Age-Biograph Teilhards, sieht sein Vorbild "im Banne der Lebensphilosophie", die von der Linken als mitverantwortlich am Faschismus, als "Zerstörerin der Vernunft", analysiert wurde. Kein Wunder, daß Teilhard zu einem Bezugspunkt auch der "Neuen Rechten" geworden ist, die in vermehrt zitiert. (240)
Auch in der neofaschistischen Zeitschrift "MUT" findet man die gemeinsame Ahnengalerie, im März 1989 wird das Thema New Age ausführlich behandelt: Der Psychologie-Professor Ernst Plaum stellt das "neue Weltbild" dar und Teilhard als dessen "bedeutsamen Gewährsmann". Er fordert allerdings die Auseinandersetzung mit der bunten Zeiterscheinung des New Age: "Allzuvieles wirkt phantastisch und absurd." Er will in der Nachfolge Hunkes oder Benoists die Rückbesinnung auf die europäischen Wurzeln des "neuen Weltbildes": Nikolaus von Kues, Spinoza, die romantische Naturphilosophie, Othmar Spann oder die nazistische "Leipziger Schule" der "Ganzheitspsychologie". Ergänzend schreibt hier Gerd Klaus Kaltenbrunner über "Meister Eckhart in neuer Sicht": Er sei "eine geistesgeschichtliche Großmacht" gewesen, die Schlegel, Schopenhauer, Othmar Spann und Sigrid Hunke in gleicher Weise fasziniert habe. Der "neurechte" Elitetheoretiker Kaltenbrunner reserviert die Eckhart-Lehre für "Einzelne und Wenige" und zitiert Schopenhauer: "Buddha, Eckhart und ich lehren im wesentlichen dasselbe."
Mit der Ahnenreihe der Naturmystiker wird nur der eine Teil des gemeinsamen Weltbildes von Faschismus und New Age abgestützt. Es ist der Teil, der mit dem mechanistischen Weltbild auch die rationalen Forschungsmethoden kritisiert und sie durch Intuition, Meditation, durch die Mystik als Methode des Organizismus ersetzt, mindestens aber ergänzt sehen will. Wenn Chamberlain davon ausgeht, daß die Natur ein nicht zu erforschendes unendliches Welträtsel sei, liegt er auf der Linie Carl Friedrich von Weizsäckers und seines "Wunders" der Denkbarkeit des Wirklichen und all der anderen, die die Unhinterfragbarkeit von Handeln und Leiden durch Mystifizierung noch vergrößern wollen. Für die der Mystik nicht fähigen Menschen bleibt nur affirmatives Staunen. Chamberlains Ansicht, in der Mystik sei Religion "nicht mehr ein Fürwahrhalten, eine Hoffnung, eine Überzeugung, sondern eine Erfahrung des Lebens, ein tatsächlicher Vorgang, ein unmittelbarer Zustand des Gemüts", ist nur eine andere Formulierung für das Lob der Mystik als Erkenntnismittel bei Weizsäcker, der meint: "Die Anerkennung einer meditativen oder mystischen Erfahrung der Einheit ist nicht ein Ausweichen vor der Rationalität, sondern, wenn wir richtig argumentiert haben, eine Konsequenz des Verständnisses des Wesens der Rationalität." (241)
Quantenphysik als Weltanschauung
In einer Zeit, in der die rationalistische Naturwissenschaft die christliche Religion bereits besiegt hat, macht man sich jedoch unglaubwürdig, wollte man die Regeln wissenschaftlichen Vorgehens in Bausch und Bogen verwerfen. Die Hauptzielgruppe von Faschismus und New Age sind die gesellschaftlich notwendigen Führungskräfte der akademischen Mittelschichten. Zu sehr sind sie wissenschaftlich gebildet, als daß man ihnen mit platter Wissenschaftsfeindlichkeit kommen könnte. Die Ideologen versuchen daher, sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, für den sich die offenen Fragen der neueren Physik, insbesondere der Quantenphysik, hervorragend eignen, wenn man sie kurzerhand als Antworten präsentiert. Doch auch etliche Physiker, allen voran Heisenberg, Weizsäcker und Dürr, selbstverständlich auch Capra, beteiligen sich selbst an dieser Produktion von Ideologie. New Age- Religionsstifter wie Hubertus Mynarek, der sich vielfach auf Heisenberg bezieht, danken es ihnen.
Das freilich muß bei näherer Prüfung peinlich daneben gehen. Bereits Chamberlain sah sich von weltanschaulichen Gegnern dem Vorwurf des Dilettantismus ausgesetzt, weil er versucht hatte, faschistische Weltanschauung aus dem gesellschaftlich-politischen Meinungs- und vor allem Interessenkampf herauszuheben, indem er sie mit (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern wollte, obwohl er nur eine grobe Ahnung hatte. Den pseudowissenschaftlichen Rückgriff vor allem auf die unverstandene Quantenphysik erleben wir heute bei Sigrid Hunkes "europäisch eigener Religion". Hunke verdankt ihren Doktortitel der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität (heute Humboldt-Universität) von 1941, als sie eine linientreue Dissertation bei dem SS-Rassepsychologen Ludwig Ferdinand Clauß verfaßte, auf den man sich bei den "Deutschen Unitariern" noch in den achtziger Jahren gerne positiv bezog. Physikalischen Dilettantismus erleben wir auch bei dem studierten katholischen Theologen Hubertus Mynarek, der in den Büchern "Ökologische Religion" und "Die Vernunft des Universums" jede Wissenschaft, die ihm begegnet, als Beweismittel für seine Ideen nutzt. Dasselbe erleben wir bei Fritjof Capra, dem der Ruf als Physiker vorausgeht, obwohl er nicht als Physiker Karriere machen konnte, sondern nur als freischwebender Ideologe, der aber wenigstens am Ende seines Buches "Wendezeit" zugibt, seine gesamten Grundlagen - die Quantenphysik, die asiatische Philosophie, die "Humanistische Psychologie", die "Deutsche Mystik" - fast ausschließlich nur vom Hörensagen zu kennen.
All dies tut dem Siegeszug dieser Ideologen keinen Abbruch. Es zeigt uns aber, daß die "Kritik des Irrationalismus" - wie sie z. B. von Georg Lukács in der "Zerstörung der Vernunft" so glänzend geleistet wird, oder wie wir sie von Fritz Stern und Kurt Sontheimer her kennen - nicht ausreicht und nie ausreichte. Es geht um mehr als nur um Irrationalismus. Doch genügt es auch keineswegs, z. B. Capra als "klassischen Sonntagsphilosophen" lächerlich zu machen, wie dies J.-P. Regelmann mit dem berechtigten Hinweis auf die gänzlich fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen bei Capras Produktion eines "Synthetik-Hits" wie der "Wendezeit" tut. Die notwendige Berücksichtigung und Kritik des New Age-faschistischen Einbezugs naturwissenschaftlicher Erkenntnis als Basis des "Neuen Weltbildes" reicht z. B. bei Lukács kaum über das hinaus, was Lenin in seinem Werk "Materialismus und Empiriokritizismus" von 1909 bereits schrieb. In dieser Arbeit versuchte Lenin erste - und größtenteils immer noch gültige - Ansätze einer dialektisch-materialistischen Kritik des "Neuen Denkens", das sich auf der Basis der gerade beginnenden nicht-mechanistischen Physik anbahnte. Die ideologiebildenden Umwälzungen in der Physik zeigten sich dagegen erst nach Lenins Tod in voller Breite. (242)
Die faschistische und die New Age-Ideologie haben beide einen durchgehenden wissenschaftlichen Anspruch, den sie als selbsternannte Alternative zum wissenschaftlichen Sozialismus vor sich hertragen. Sie geben sich keineswegs nur anti-rationalistisch, nur die Grenzen der Erkenntnis betonend, sehen vielmehr vor allem die Naturwissenschaft als eigene unverzichtbare Basis an. Dies nur als "irrationalistisch" zu kritisieren, statt diesen Umgang mit Naturwissenschaft ernst zu nehmen, greift zu kurz. Beides: das Ansprechen der Wissenschaftsgläubigkeit und die Kritik an der Wissenschaft verschafft diesem "Neuen Weltbild" breite Zustimmungsfähigkeit. Es ist ein internes "Yin und Yang". Küenzlen weist darauf hin, daß "der Anspruch, den eigenen religiös-spirituellen Weg als sicheres Wissen begründen zu können, ja geradezu die New-Age-Orientierung als unausweichliches Ergebnis moderner Wissenschaft ausweisen zu können", zu "den wesentlichen Orientierungen der modernen Lebenskultur" gehöre. (243)
Gleichzeitig werden jedoch angebliche Grenzen der Naturwissenschaft aufgezeigt und Alternativen, auch Erkenntnis-Alternativen, im irrationalen, nicht-wissenschaftlichen Vorgehen präsentiert. Bei Chamberlain wie bei Capra wird die Intuition zu einem wesentlichen Erkenntnismittel. Die "Deutsche Mystik", so wird uns erzählt, "erkannte" die "Weltprinzipien" auf dem Weg der "Intuition" und des "Mythos", sie sei eine meditative, ganzheitliche, "deutsche" Erkenntnismethode im Gegensatz zum zergliedernden, "welschen" induktiven Verfahren.
Es ist zwar richtig, wenn Lukács unter dem unmittelbaren Eindruck des Nationalsozialismus, seiner Ideologie und seiner Praxis schreibt: "Hitler und Rosenberg tragen alles, was über irrationellen Pessimismus von Nietzsche und Dilthey bis Heidegger und Jaspers auf den Lehrstühlen, in den intellektuellen Salons und Cafés gesprochen wurde, auf die Straße." Und es ist durchaus berechtigt, eine solche Entwicklung aus den New Age-Bildungszentren heraus für die Zukunft zu befürchten, wo z. B. Heidegger und Jaspers heute dieselbe Rolle spielen wie in den neurechten Denkfabriken der "anderen Religion Europas". Bahro und Langhans sind hierfür Beispiele. Dennoch ist es nur die Hälfte, denn es geht nicht mehr nur um "Weltauslegung", die Lukács durch den Einfluß des Irrationalismus an die Stelle der Welterkenntnis treten sah, sondern um die direkte weltanschauliche Verwendung ebensolcher neuerer, überwiegend physikalischer Erkenntnisse selbst. (244)
Diese Verwendung läßt sich nicht (mehr) ohne weiteres bloß denunziatorisch als "irrationalistische Uminterpretation" bekämpfen, als angeblichen "Mißbrauch". Allerdings scheint die Linke erhebliche Schwierigkeiten mit dem ideologischen Umgang der Rechten mit der neueren Physik zu haben. Die Linke scheint sich bisher in eine Vogel-Strauß-Politik zu flüchten, obwohl von den Ansätzen her, die Lenin in "Materialismus und Empiriokritizismus" ebenso bietet wie Friedrich Engels im "Anti-Dühring", durchaus die heutige Situation bedacht werden könnte. Nachdem jedoch die "blauen Bände" den "Vollwert-Kochbüchern" auf den Regalen der Wohngemeinschaftsküchen Platz machen mußten, werden die Argumente der altlinken Prominenz nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen.
Die "Neuen Rechten" wie die New Ager dagegen verfügen inzwischen über den geistigen Beistand naturwissenschaftlicher Prominenz, die sich allerdings überwiegend um Hitlers erfolglosen Atombombenbauer Heisenberg gruppiert. Ergebnisse der Atomphysik, die jedoch oft sogar innerhalb der Diskussion der Physiker umstritten sind, werden von Laien "philosophisch" interpretiert und als "Beweise" verwendet, um letztlich gesellschaftspolitische Forderungen zugunsten des Organizismus zu begründen. Der Zusammenhang zwischen ihrem Verständnis der neueren Physik und ihren "Neuen Weltbildern" ist immer ein politisch interessierter. Das gilt auch für Heisenberg, Weizsäcker oder Dürr, denen jedenfalls in ihrem Fach kein Dilettantismus vorgeworfen werden kann, die aber Details der Atomphysik in unzulässiger Weise zu Generalaussagen über die menschliche Gesellschaft aufzublasen versuchen. Dabei werden die Ansichten ihrer Säulenheiligen wie Planck, Einstein, Schrödinger usw. bisweilen auch einfach verfälscht oder verschiedene, gänzlich unvereinbare erkenntnistheoretische Phasen dieser Wissenschaftler gegeneinander ausgespielt. Tote können sich nicht wehren, und der einzige Überlebende, Carl Friedrich von Weizsäcker, steht auf seiten des New Age.
Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Paul Forman legte 1971 eine eindrucksvolle Studie über den Zusammenhang "ganzheitlich"-antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik und der Entstehung der Quantenphysik vor, die er auch als Warnung vor den beginnenden Tendenzen des New Age in der US-amerikanischen (Natur-) Wissenschaft der sechziger Jahre verstanden wissen wollte. Damals wurden in den USA verstärkt lebensphilosophische Konzepte rezipiert, aus denen dann z. B. Capra mit seinem New Age-Konzept hervorging. Forman zeigt nicht nur auf, daß sich heutige New Age-Heilige wie Planck oder Einstein - die auch die Ideologie der "Neuen Rechten" begründen sollen, ungeachtet Einsteins jüdischer Herkunft, z. B. bei Hunke - zu ihren Lebzeiten vehement gegen die Ideologisierung der neueren physikalischen Forschungsergebnisse wandten. Er findet vor allem ein politisch-spirituelles Klima in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, das antirationale und intuitivistische Haltungen auch in der Naturwissenschaft förderte. So wurde der Boden geebnet, auf dem sich die damalige Physik diesen Weg bahnte - nicht den dialektisch-materialistischen. Die frühen zwanziger Jahre sind auch die Zeit der Organisationsphase des ideologisch bereits entwickelten Faschismus und des Kampfes gegen die sozialistischen Revolutionen in Europa. In dieser Zeit kommt der erkenntnistheoretische Relativismus und Idealismus als Waffe gegen aufgeklärtes Denken gerade recht. Formans These lautet: Nur in dem Klima der damals alles beherrschenden Lebensphilosophie und der hegemonialen Wirkung der antirationalen und antidemokratischen Arbeiten Oswald Spenglers - die von den damaligen Physikern breit rezipiert wurden und gegen die sich allenfalls Planck und Einstein stellten - konnte die Physik ohne jede Alternative den Weg der Quantentheorie einschlagen. So paßte sie sich den damals geistig hegemonialen Tendenzen an, die der Naturwissenschaft und ihren Methoden grundsätzlich feindlich gegenüberstanden. Wollten die Wissenschaftler - auch finanziell mit ihren Instituten und Forschungseinrichtungen - "überleben", so mußten sie sich mit ihrer Wissenschaft diesem Klima anpassen, das dem exakten und rationalen Vorgehen "Entseelung" vorwarf. (245)
Eine ähnliche Argumentation verfolgt Ulfried Geuter im Bezug auf die Psychologie, die in den zwanziger Jahren den rationalen, naturwissenschaftlichen Weg verließ und sich der lebensphilosophischen Methodik (Introspektion, Intuition, Mystik) zuwandte. Gerade für die Psychologie war die Physik immer das große naturwissenschaftliche Vorbild. Geuter untersucht vor allem die Lehrstuhlberufungen und die Proteste der wenigen verbliebenen Experimentalpsychologen gegen den Vormarsch der Lebensphilosophen. Das New Age und die "Neue Rechte" greifen heute in gleicher Weise nicht nur auf lebensphilosophische Physiker zurück, sondern auch auf Vertreter dieser lebensphilosophischen antirationalen Psychologie, z. B. den Krueger-Schüler Karlfried Graf Dürckheim oder Erich Rothacker. Allerdings haben sich die nicht emigrierten Psychologen dieser Richtung weitaus mehr für den Nationalsozialismus stark gemacht als ihre Physiker-Kollegen, so daß auf sie insgesamt weniger zurückgegriffen wird. Statt dessen steht hier die Gestaltpsychologie als vermeintlich faschistisch "unbelastete" Richtung bereit, da ihre Protagonisten bis auf Wolfgang Metzger emigrierten und ihre Vorstellungen - nun auch über das New Age - aus den USA reimportiert werden. (246)
Das in den zwanziger Jahren allgemein verbreitete Gefühl einer Krise der Wissenschaft und der Gesellschaft, das mit dem Lebensgefühl der achtziger Jahre durchaus vergleichbar ist, hatte das Aufkommen bestimmter wissenschaftlicher Grundrichtungen ebenso zur Folge wie die Moden des Okkultismus und der Hellseherei sowie eine Welle von Sektengründungen. Sie alle sollten den "Hunger nach Ganzheit" in der von ökonomischen und politischen Krisen zerrissenen Weimarer Republik stillen, wie Forman den Historiker Peter Gay zitiert. (247) Die Ganzheit, die in der erforschten Natur nicht mehr zu finden war, wurde auch von den Naturwissenschaftlern nunmehr ins Transzendente verlagert, als Kitt, der die Trümmer des erkenntnistheoretischen Relativismus irgendwie wieder zusammenfügen sollte. Neben Spengler sieht Forman vor allem Rudolf Steiner hierbei als einflußreich. Steiners Anthroposophie, auf die sich heute auch Capra explizit bezieht, war aus der rassistischen Theosophie hervorgegangen und orientierte sich an Goethes Pantheismus. Sie eroberte damals weite Teile der Mittelschichten. Forman führt deutsche Physiker an, die sich offen auf einen Pantheismus stützten, den sie aus den Werken Goethes und Schillers herausgelesenen haben wollten. Dies geschah damals - entgegen den Behauptungen von Hunke, Capra oder Dürr - gegen den Protest von Max Planck und Albert Einstein. Forman zitiert Planck mit der Forderung, es müsse mehr getan werden gegen den Vormarsch von "Okkultismus, Spiritualismus, Theosophie und die zahlreichen Schattierungen, wie immer sie genannt werden mögen. Er zitiert Einstein, es wäre geradezu lachhaft, wenn viele glaubten, in der Relativitätstheorie könnte man "Unterstützung für die antirationalistische Tendenz unserer Tage finden." (248)
Forman zeigt, daß sich entgegen solcher Mahnungen in der Physik eine zuerst ideologisch - statt experimentell - fundierte, "quasi-religiöse Zurückweisung" des bisher gültigen Determinismus und des Kausalgesetzes und damit des materialistischen Wirklichkeitsbegriffes als Grundlage der Naturerkenntnis durchsetzte, und daß gleichzeitig im politischen Bereich, sogar von der Spitze der sozialdemokratischen Kultusverwaltung des Landes Preußen aus, der spirituell-irrationalistische Wissenschaftsansatz als Waffe gegen "Mechanismus und Materialismus" ins Feld geführt wurde. Forman behauptet nicht, die Quantenphysik wäre politisch rechts oder gar als falsch anzusehen. Er will vielmehr die Atmosphäre aufklären, in der die Physik bereitwillig und fast ohne Opposition in den eigenen Reihen gerade diesen Weg einschlug und nicht einen anderen - z. b. den dialektisch-materialistischen, den Forman allerdings nicht nennt. Dabei verweist er darauf, daß außer Einstein, der - eher unreflektiert - mit der Linken sympathisierte, die herausragenden deutschen Physiker der zwanziger Jahre in ihrer politischen Haltung nationalistisch und extrem konservativ waren, weshalb ihre innere Sympathie für das "Neue Denken" der Konservativen Revolution nicht erstaunlich ist.
Bemerkenswert ist Formans Hinweis, daß der Führer der Ideologisierung der Quantenphysik, Werner Heisenberg, aus der lebensphilosophisch, irrationalistisch und naturmystisch bestimmten deutschen Jugendbewegung stammte, die das große Vorbild der "neuen sozialen Bewegungen" der achtziger Jahre darstellt. In der Jugendbewegung zu Anfang unseres Jahrhunderts entwickelte sich unter dem Einfluß prominenter Vertreter der Konservativen Revolution die erste spirituelle "New Age"-Bewegung, auch mit ihrem völkischen Flügel. Auch zeigt sich - nach Forman - Heisenbergs ideologisches Interesse an der Quantenphysik darin, daß er vor der eigentlich wissenschaftlichen Publikation seiner Ergebnisse zur Ungültigkeit des Kausalgesetzes und des Determinismus in der Natur diese der überwiegend konservativ-revolutionär eingestellten gebildeten Öffentlichkeit als eine Art Vollzugsmeldung in einem populärwissenschaftlichen Artikel mitgeteilt habe. Zwar könne man keine direkt politischen oder jugendbewegten Aussagen in seinen Memoiren finden, doch ließen sich zwischen den Zeilen bei Heisenberg die lebensphilosophischen Ideen der einflußreichsten Ideologen der Jugendbewegung, Ludwig Klages, Herman Keyserling (letzterer übrigens - es paßt immer zusammen - ein enger Freund Chamberlains) und Rudolf Steiner, wiederfinden. Es sind Ideologen, die auch im New Age wieder eine Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund erscheint Heisenbergs spätere Arbeit für das Deutschland des Nationalsozialismus - bis hin zum Versuch, den Nazis die Atombombe zu verschaffen nur folgerichtig. Denn der Weg von der Jugendbewegung zum Nationalsozialismus war aus der Rückschau nicht nur der logische, sondern auch der meist begangene Weg.
Der Nachteil an Formans Arbeit ist sein Verharren im Bereich des Ideologischen. Der Frage, ob es materialistische Erfordernisse im Entwicklungsstadium der Produktivkräfte und damit reale ökonomische Zwänge - in der dem kapitalistischen Konkurrenzprinzip unterliegenden Wirtschaft selbst und vermittelt in den von den Kapitalien finanzierten Forschungseinrichtungen - gab, die zu den Entdeckungen der Quantenphysik zwangen, die wiederum Hoffnungen auf Profite weckten, geht er nicht nach. Weiterhin ist Forman nicht darin zuzustimmen, daß die Ideologisierung der Physik eine rein deutsche Angelegenheit gewesen sei, bedingt durch die geistige Krise in der Weimarer Republik. So diente z. B. Georges Sorels Buch von 1907 "Les préoccupations métaphysiques des physiciens modern", auf das sich bereits Lenin kritisch bezog, in der damaligen Phase des "New Age" bereits einer reaktionären Politik. Sorel, der vom Anarchosyndikalismus über die "Action Francaise" zur Ideologie des Herrenmenschen kam, ist der "Neuen Rechten" heute eine Quelle für die Erschaffung des faustischen Menschen, was bereits in Lenins Kritik als Möglichkeit anklingt. (249)
Es ist nicht zu übersehen, daß vieles im New Age wie im Neofaschismus auf Werner Heisenberg zuläuft, der selbst daran mitwirkte, die offenen Fragen der neueren Physik zu weltanschaulichen Antworten umzubiegen. Die New Ager Dürr und Weizsäcker sind in der Physik tatsächlich Heisenberg-Schüler und wollen auch seine ideologische Tradition fortsetzen. Capra verkauft sich als Heisenberg-Schüler und er verwendet - wie Weizsäcker - dessen "Unschärferelation", um die Existenz der materiellen Wirklichkeit zu leugnen und - "Yin und Yang" - den Gegensatzes von Subjekt und Objekt aufzulösen. So wird der organizistische Primat des Ganzen über die Teile postuliert. Capra zitiert Heisenberg als Zeugen des Relativismus, der der Ansicht gewesen sei, "daß nämlich jedes Wort oder jeder Begriff, so klar er uns auch erscheinen mag, doch nur einen begrenzten Anwendungsbereich hat." Dieser Relativismus, der erst im spirituellen "Ganzen" aufgelöst wird und den weltanschaulichen Vorstellungen der Konservativen Revolution entspricht, wird von Hunke als Ausdruck der bei Einstein und Planck und bei Weizsäcker angeblich wirksamen "europäisch eigenen Religion" angeführt.
Heisenberg ist für den Neofaschisten und Kernphysiker im DESY-Teilchen- Beschleuniger-Projekt in Hamburg Rudolf Künast in dem "Thule-Seminar"-Buch "Das unvergängliche Erbe. Alternativen zum Prinzip der Gleichheit" - aus dem neofaschistischen Grabert-Verlag - der Kronzeuge für Irrationalismus, "intuitive Schau" und ganzheitliches Denken. Heisenberg ist für den Rassisten Jörg Rieck alias Jürgen Rieger in demselben Buch Kronzeuge für die These, ein biologistisches Zeitalter werde kommen. Pierre Krebs nennt Heisenberg in dem "Thule-Seminar"-Buch "Mut zur Identität" - aus dem Ludendorffer-"Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur" - in einem Atemzug mit dem Lebensphilosophen Max Scheler, mit den Konservativen Revolutionären Carl Schmitt, Ernst Jünger und Arthur Moeller van den Bruck, mit Konrad Lorenz und dem völkischen Mystiker, Antisemiten und Antidemokraten Hans Jürgen Syberberg als Vordenker des neuen "inneren Reiches Deutschland", welches der "neue Vorbote des europäischen Schicksals" sei. (250)
"Ganzheit", "Leben", "Äther", "Tat-twam-asi", "Holismus"
Die wissenschaftlichen Gallionsfiguren des New Age haben sich in früheren Jahrzehnten nicht gescheut, für die faschistische Seite Partei zu ergreifen. Carl Friedrich von Weizsäcker, der nach seinen eigenen Angaben vom zeitweiligen SS-Liebling Werner Heisenberg persönlich an die Physik herangebracht wurde und während des Faschismus eng mit ihm zusammenarbeitete, war Mitarbeiter in der "ganzheitlichen" Nazi-Zeitschrift "Volk im Werden" von Ernst Krieck. Krieck gehörte der neuheidnisch-rechtsextremen Sekte Armanen-Orden an, seine Zeitschrift erschienen im Leipziger Armanen-Verlag. Zu seinem sechzigsten Geburtstag 1942 würdigte der NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter Robert Wagner Krieck als "Wegbereiter Großdeutschlands", einen "der ersten Gelehrten der neuen Zeit", der "als deutscher Nationalsozialist" "die Möglichkeit der Wiederaufrichtung verkündet" und "mitgeholfen (hat), dem neuen Reich seine Geltung in der Welt zu verschaffen." Der Reichsstudentenführer der NSDAP, Gauleiter und Reichsstatthalter G. A. Scheel befand zur selben Gelegenheit über Krieck: "Er ist einer von den bedeutenden Einsamen, die lange vor dem 30. Januar 1933, der Zeitenwende einer neuen Welt, nichts anderes gekannt haben als den unbedingten Willen zum Reich; in den Jahren, die dieser Revolution folgten, war er einer der vordersten Streiter im Kampf um die Erneuerung des deutschen Charakters; er ist es geblieben bis zur Stunde, da Europa unter der Führung des wiedererstandenen Reiches um seine innere und äußere Freiheit kämpft (1942 !, P. K.). An seinem Lebenswerk gewinnt unsere Weltanschauung und unser geschichtlicher Wille die Richtung in eine große Zukunft." (251) Der ganzheitliche Organizist und "New Ager" Krieck hatte in der NSDAP zahlreiche Gegner, weil er der Konservativen Revolution entstammte und daher als Konkurrenz Alfred Rosenbergs und seiner Clique angesehen wurde, obwohl sich die Konzepte beider sehr nahe waren.
Krieck hatte bereits 1922 an dem Sammelwerk der Konservativen Revolution "Die Neue Front" mitgearbeitet, das vergleichbar ist mit den beiden genannten Büchern des "Thule-Seminars" aus den achtziger Jahren. Hier waren schon Artikel über die angebliche Notwendigkeit ganzheitlicher Weltauffassung nach dem New Age-Modell erschienen: "Es gilt, diese Welt ... zu neuer Einheit zu zwingen, die widerstreitenden Elemente zu überwinden, sie in unser Inneres aufzunehmen, sie zu Organen wesentlich deutschen Lebens werden zu lassen. Das aber ist eine Frage schöpferischer Kraft, ist eine Frage religiöser Erneuerung" gegen den "auflösenden Verstand", die "immer mehr mechanisierte Gesellschaft und Wirtschaft" und "das furchtbare Chaos einer entseelten Masse." Hier war auch - Forman bestätigend, der "Die Neue Front" nicht kennt - unter Hinweis auf Spengler, Steiner und Einstein über die "Wissenschaftskrisis" und "Kulturkrisis" dieser Zeit geschrieben worden. Die Möglichkeit einer Beantwortung der "Frage nach Vielheit und Einheit" in der Welterkenntnis wurde aufgeworfen, eine Antwort in Einsteins Arbeiten als wahrscheinlicher angesehen als z. B. in Steiners, eine endgültige Beantwortung jedoch der zukünftigen Bewährung der Einsteinschen Weltsicht im Rahmen lebensphilosophischer Erwägungen überlassen. (252)
Der Jahrgang 1942 der Krieck-Zeitschrift "Volk im Werden" ist ein einziger "New Age"-Jahrgang, in dem das "Neue Denken" des Organizismus und seiner faustischen Konsequenz als "deutsche Naturanschauung" ausgegeben wird, in dem die Ahnenreihe von Nicolaus Cusanus, Paracelsus, Böhme, Goethe usw. zu Chamberlain und Krieck gezogen wird, in dem der Pantheismus als das von Krieck so genannte "Prinzip All-Leben" erscheint: "Allem Seienden wohnt ein bildendes Prinzip ein, alles Existierende folgt in individuell-rassisch-artlich abgewandelter Weise dem Einheitsgesetz All-Leben. Im Vielen das Eine und im Einen das Viele schauen." "Eindeutig steht Krieck mit dieser Feststellung in der Tradition des deutschen Naturanschauens, in Kampfstellung also gegen die westliche Mechanistik (Cartesianismus, Newtonismus), deren Tendenz dahin zielt, alles lebendige Geschehen in kausal-mechanische Ablaufsreihen oder das Weltgeschehen in einen planlosen Atomwirbel aufzulösen." Diese Weltsicht, die heutige New Ager - ohne rassistische Ausfälle - auch nicht wesentlich anders beschreiben, sei "eigentümlich deutsch". Es ist offenbar der Kern dessen, was uns Bahro oder Langhans heute als das anpreisen, was Hitler angeblich "wirklich" gewollt habe, weshalb Hitler nun "erlöst" werden müsse. (253)
Als Teil dieser "eigentümlich deutschen" Weltanschauung schreibt Carl Friedrich von Weizsäcker in "Volk im Werden" 1942 seinen Artikel "Die Atomlehre der modernen Physik", in der explizit gegen den Materialismus gerichtet und mal wieder unter Bezug auf Goethe die apriori-Existenz der materiellen Außenwelt und ihre Erkennbarkeit geleugnet wird. Die Wirklichkeit wird voluntaristisch nur als experimentelles Konstrukt quasi-göttlicher, schöpferischer (faustischer) Naturwissenschaftler hingestellt und sodann mystifiziert. Weizsäcker schreibt: "Das Ganze aber entzieht sich dem Zugriff des messenden Menschen", "wir müssen uns eingestehen, daß wir diese anschaulichen Erscheinungsformen des Wirklichen durch unser Experiment selbst erst geschaffen haben", weshalb die Erkenntnisse daraus nicht generalisierbar seien. Dies sind Positionen, die z. B. Hunke auch Einstein verfälschend unterschiebt, um ihn zur Stütze eines kulturell-religiösen Relativismus zu machen. Lenin hatte sie bereits in "Materialismus und Empiriokritizismus" an Vorgängern Weizsäckers als "Physikalischer Idealismus" kritisiert. Die Verbindung voluntaristischer mit naturmystischen Anschauungen macht Weizsäckers Quantenphilosophie brauchbar für "faustische" Absichten, auch wenn er diese heute wohl weit von sich weisen würde. Tatsächlich aber hat er seine Quantenphilosophie nie wesentlich verändert, der Artikel aus "Volk im Werden" gibt den Kern von Weizsäckers Denken bereits vollständig wieder.
Daß sich Weizsäcker 1942 ausgerechnet Kriecks Nazi-Blatt zur Publikation seines Atom-Artikels aussuchte, zeigt, wie sehr er sich in dieser Fraktion des Nationalsozialismus heimisch fühlte. Es war die Fraktion der organizistischen und neuheidnisch-naturmystischen Konservativen Revolution, deren Nachfolger heute die "Neue Rechte" um Sigrid Hunke und Alain de Benoist bilden. Diese Fraktion war 1942 keineswegs randständig, in einem Jahr, als Hunke gerade mit häufigem Bezug auf die berüchtigte SS-Zeitschrift "Das schwarze Korps" promoviert hatte und Weizsäcker seine Professur im besetzten Straßburg bekam, dessen Universität - wie die des besetzten Posen - zur Hochburg der NS-Ideologie ausgebaut werden sollte. Zu dieser Zeit war Weizsäcker einer der auch politisch engagiertesten Vorkämpfer für eine Nazi-Atombombe, das damals am meisten "faustische" wissenschaftliche Projekt überhaupt. Die nazistische Referenz "Volk im Werden" ist ihm nicht einmal nach dem 8. Mai 1945 peinlich: In einem Wiederabdruck des genannten Artikels 1958 in der siebten Auflage seines Hauptwerkes "Zum Weltbild der Physik", das erstmals 1943 erschien, bringt er sie an und beweist damit seine Kontinuität im Denken. Es kommt wohl auch nicht von ungefähr, daß Richard Wisser 1967 in seinem Buch "Verantwortung im Wandel der Zeit" ausgerechnet Karl Jaspers, den völkischen Zionisten Martin Buber, Romano Guardini und Martin Heidegger zusammen mit Weizsäcker als verschiedene Repräsentanten einer einheitlichen Geistesströmung präsentiert - Einheit des Denkens in der Vielheit der Denker.
Im Juli 1992 gibt Weizsäcker der rechtsextremen Zeitschrift "MUT" ein Interview. Obwohl sein eigener Anteil an der neueren Physik im Vergleich zu seinen weltanschaulichen Schriften eher klein ist, sagt er hier: "Die Meinung, daß Religion durch die Wissenschaft zu ersetzen sei, stammt von Propagandisten, die keine großen Forscher sind." Mit Bezug auf Capra meint er, die Quantentheorie sei "mit den mystischen Traditionen leichter zu vereinbaren als die alte Physik." "MUT" fragt ihn, ob er dem "Neuen Denken" des New Age zustimme, wonach "der Mensch vor dem Evolutionssprung seiner 'Gottwerdung'" stehe, und Weizsäcker antwortet im Stile eines Religionsstifters: "Also, so große Dinge sind mir nicht geoffenbart. Aber sie könnten stimmen. ... Diese Weltsicht stammt wahrscheinlich aus Indien, und ich habe die größte Ehrfurcht vor der tiefen Weisheit der altindischen Kultur." Sodann bekennt er sich zu einer "wahren Wissenschaft", die monistisch-pantheistisch fundiert sei, und zum "Mythos" der "Einheit", den er als Teilhards "kosmischen Christus" versteht.
Thomas Görnitz - Weizsäckers "persönlicher Mitarbeiter" - versucht 1992 in einer Biographie, seinen Chef in die Nähe des Widerstands gegen Hitler zu rücken. Tatsächlich war die Familie Weizsäcker jedoch am Nationalsozialismus beteiligt: Carl Friedrich wurde vom Kriegsdienst freigestellt, um seine Professur in Straßburg zu übernehmen und an Hitlers Atombombe zu bauen, sein Vater wurde in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt, weil er an Juden-Deportationen beteiligt gewesen sei.
Görnitz faßt Weizsäckers Ideologie zusammen: "Bei Carl Friedrich v. Weizsäcker hat sich gleichermaßen aus seinen religiösen Erfahrungen und aus seinen wissenschaftlichen Forschungen heraus eine Schau auf das Ganze der Wirklichkeit entwickelt, die das dualistische Weltbild zu überwinden gestattet, welches bis heute noch das Paradigma des Abendlandes bildet. Bei ihm kommt es zu einer Gesamtschau, die die Möglichkeit eröffnet, das Diesseitige und das Transzendente zusammen zu denken. ... Neues Bewußtsein meint bei Weizsäcker nicht, zumindest für ihn selbst, das Verbleiben im Zustand der Entrückung. (Er wollte) nicht den Weg des Bettelmönches gehen, sondern zurückgehen nach Europa und die Dinge tun, die er zu tun hatte. Dazu gehörte das Verstehen der Physik und das Handeln in der Öffentlichkeit und Politik nach den von ihm als wahr erkannten Grundsätzen." Dies ist eine Umschreibung des faustischen Menschen, der im "Heroischen Realismus" die Selbstgöttlichkeit mit der Tat verbindet. Allerdings hat Weizsäcker in der "Göttinger Erklärung" 1957 vor der Atombombe gewarnt und sich in den achtziger Jahren gegen den NATO-Doppelbeschluß ausgesprochen. Diese Haltung hat er jedoch 1988 in seinem Buch "Bewußtseinswandel" dann wieder als falsch revidiert. (254)
Weizsäcker ist für seine Distanz zu den Massen und zur Massendemokratie und für seine Sympathie für elitäre Konzepte bekannt. Eines paßt mal wieder zum anderen. Kein Wunder, daß er Stargast auf Ernst Albrechts New Age-Kongreß "Geist und Natur" war. Lenin hatte 1909 auf die Parteilichkeit der philosophierenden Physiker hingewiesen, die gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung gerichtet war, und hatte ihren Psychologismus kritisiert, der den Elitemenschen vergöttlichte - den "Experten" im Sinne des heutigen New Age-Physikers Hans Peter Dürr. Weizsäcker belebte den Psychologismus in neuer Sprache und nun aus der Quantenphysik heraus wieder: "Der Mensch sucht in die sachliche Wahrheit der Natur einzudringen, aber in ihrem letzten, unfaßbaren Hintergrund sieht er wie in einem Spiegel unvermutet sich selbst." Er meint damit die ideologische Verallgemeinerung der Unbestimmtheitsrelation Heisenbergs, wonach es der Experimentator sei, der die erforschte Wirklichkeit erst selbst erschaffe; sie ist eine Grundlage des gesamten heutigen pantheistischen Organizismus. Dieses "Selbst" ist letztlich wieder das im faustischen Menschen wirkende pantheistische "All-Leben" Kriecks oder der völkisch-religiösen Sekten.
Der DDR-Wissenschaftler Helmut Korch hatte 1959 Weizsäckers Philosophie einer eingehenden Kritik von marxistischem Standpunkt aus unterzogen, die jedoch inzwischen der Vergessenheit anheim fiel. (255)
Es ist Weizsäckers Vorteil, daß er während des historischen Faschismus nicht zum Kreis Philipp Lenards und seiner "Deutschen Physik" zählte und deshalb als ideologisch unbelastet erscheint. Die Quantenphysik des Heisenberg-Kreises wird kaum mit den organizistischen Vorstellungen Kriecks und anderer Nazis in Verbindung gebracht. Sie profitieren zu Unrecht davon, daß einige Nazis um Lenard den Heisenberg-Kreis bekämpften und dieser sich eine Verfolgten-Legende zulegen konnte. Der deutsche Nobelpreisträger Lenard dagegen ist bekannt als fanatischer Nationalist schon der Kaiserzeit, als Antisemit und Nationalsozialist und zudem - wie praktisch für die Ideologen um Heisenberg, die nach 1945 Persilscheine brauchten - als jemand, der sich aus ideologischen Gründen gegen den wissenschaftlichen Fortschritt stemmte, weil dieser mit dem Namen des Juden Albert Einstein verbunden war. Lenard galt als der einzige rechtsextreme Ideologe unter den Physikern und wurde nach 1945 zum Sündenbock gemacht. Denn er und seine wenigen Nazi-Freunde hatte bis in die vierziger Jahre an dem wissenschaftlich bereits überholten Konzept des Äthers festgehalten, das diejenigen Naturphänomene erklären sollte, deren Unerklärbarkeit die "Krise der Physik" um die Jahrhundertwende ausgelöst hatte. Statt der Mehrheit der Physiker zur Quantenphysik und zur Relativitätstheorie als den besten neuen Erklärungen zu folgen, feindete Lenard die Relativitätstheorie als "jüdisch" an, weil sie von Einstein aufgestellt worden war, und setzte ihr eine Weiterentwicklung des alten Äther-Konzeptes entgegen, das als rein "arisch" ausgegeben wurde.
Das alte Äther-Konzept wurde von Descartes vertreten, der hiermit einen ganzheitlichen Aspekt in den Mechanizismus einbrachte. (Die Bedeutung dieser Tatsache hat Capra in seinem ideologischen, blinden Kampf gegen Descartes und den "Cartesianismus" gar nicht verstanden.) Der als materiell betrachtete Äther sollte auf mechanische Weise - wie das Meerwasser die Küsten - alles mit allem im Weltall verbinden. Er war als das Medium gedacht, das die Wirkung des einen auf das andere vermittele. Das materialistische Äther-Konzept wurde am Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter dem Eindruck der Arbeiten von Michael Faraday und Clark Maxwell, die die alte Äther-Hypothese zunehmend widerlegten, immer weiter idealistisch aufgelöst. Maxwell, den Lenard in den Himmel zu heben versucht, hatte hieran wesentlichen Anteil. Für Capra dient Maxwell ebenfalls als der zentrale und einzige Bezugspunkt innerhalb der Physik des neunzehnten Jahrhunderts, da er der erste gewesen sei, der "über die Newtonsche Mechanik hinausging. Das war der großartige Triumph der Physik des 19. Jahrhunderts." (256)
Chamberlain sah in Descartes einen "arischen" Organizisten, nachdem er den "Äther" bereits deutlich in eine pantheistische Richtung interpretiert und damit entmaterialisiert hatte. Lenard ging hierin noch wesentlich weiter. Am Ende seines vierbändigen Werks "Deutsche Physik", das unter dem besonderen Schutz einer Fraktion der Nazis mehrere Auflagen erlebte, vertrat Lenard als spezifisch "arische" Art, Physik zu betreiben, und gegen den breiten Strom der neueren, an Planck und Einstein anknüpfenden Theoriebildung ein umgeformtes Äther-Konzept, das sich jedoch kaum noch von den pantheistischen Ansätzen z. B. bei Capra unterscheidet. (257)
Ernst Krieck hat in seinem Buch "Leben als Prinzip der Weltanschauung und Problem der Wissenschaft" diesen Übergang zum pantheistischen Organizismus bei Lenard erkannt. Ein aus der materiellen Welt gänzlich herausgeholter "geistiger" Äther soll hier die Vermittlungs- und Lenkungsinstanz zwischen den materiellen Weltphänomenen sein, die anderswo die Namen "All-Leben" oder "göttliches Prinzip" trägt und im wesentlichen mit dem pantheistisch verstandenen Transzendenten des New Age und des Neofaschismus übereinstimmt. Die Vorstellung des "Äthers", so Chamberlain in den "Grundlagen", sei "altes indisches Erbgut". (258)
Der Chef des "Thule-Seminars" Pierre Krebs greift - ohne Chamberlain zu nennen - auf die alten Ansätze direkt zurück, wenn er 1988 in dem Buch "Mut zur Identität" den Autor der neurechten französischen Zeitschrift "Nouvelle Ecole" Patrick Trousson zitiert: Trousson hatte im Winter-Heft 1985/86 der von Benoist herausgebrachten "Nouvelle Ecole" die Weltvorstellungen der Physik untersucht. Dabei hatte er die französische "Nouvelle Droite" auf Capra und den heutigen Anhänger der Äther-Hypothese Lucien Romani aufmerksam gemacht. Die "bootstrap"-Theorie Geoffrey Chews aus den sechziger Jahren, die wir in Capras "Wendezeit" als "neuphysikalische" Grundlage des "Neuen Weltbildes" finden, hatte Trousson in einem Atemzug mit dem "Äther"-Konzept genannt. Trousson sah diesen "Äther" - wie Chamberlain und wie Capra beim "bootstrap" - als Möglichkeit, ein idealistisches Weltbild zu fundieren. Dabei löste er nicht nur die Materie in Nichts auf, sondern er leitete - wie praktisch - zugleich auch die antidemokratische "organische Gemeinschaft" ab.
Der Streit zwischen der hegemonial gewordenen neueren Physik und wissenschaftlichen Fossilien wie Philipp Lenard in den zwanziger und dreißiger Jahren war in dieser Hinsicht einer um Worte. Der nachdrängende naturwissenschaftliche Nachwuchs verstand Lenard nicht oder wollte ihn - sicher auch aus Gründen wissenschaftlicher Konkurrenz - in die Ecke veralteter Theorien stellen, was dieser durch sein ungeschicktes Vorgehen selbst verschuldete. Die pantheistischen Vorstellungen aber, die heute von Physiker-Ideologen auf der Basis der Aussagen dieses damaligen Nachwuchses propagiert werden, sind nur ein Neuaufguß des Nothelfers "Gott", nach dem die Physiker auch in der Vergangenheit griffen, um das noch Unerklärbare zu erklären. Während des neunzehnten Jahrhunderts - der Zeit der unumschränkten Vorherrschaft des bürgerlichen Materialismus in den Naturwissenschaften - wurde dieser Nothelfer lediglich in dem materialistischen Konzept des "Äthers" ausdrückt, dessen materielle Nichtexistenz noch nicht beweisbar war. Seine materielle Existenz als eine Art Ersatzgott konnte daher so lange ungestraft postuliert werden, bis sein Hinüberziehen in den ideellen Bereich aufgrund seiner materiellen Nichtnachweisbarkeit nötig wurde.
Auch der schon idealistisch-spirituell gemeinte Äther-Begriff wurde schließlich aufgegeben, aber der erneute Griff nach dem Transzendenten durch einige Physiker-Ideologen geschieht prinzipiell - wenn auch in neuer Form - nach dem Äther-Konzept, wie es sich am Ende seiner Karriere beim "deutschen Physiker" Lenard abzeichnete. Während dieser sich niemals damit abfinden konnte, daß auf den Ergebnissen des Juden Einstein "arische" Weltanschauung entstehen sollte, ist der Neofaschismus - aufgrund der Entwicklung der Physik gezwungenermaßen - hiervon abgegangen. Einstein wurde als angeblich unverzichtbarer Steinbruch des Organizismus von Hunke "rehabilitiert" und für eine Weltanschauung reklamiert, die damals "arisch" hieß und heute von ihr "europäisch" genannt wird. Es ist der nordische Mythos. Wollten sich Capra oder Hunke heute offen auf Lenards oder Chamberlains Äther-Konzept stützen, sie würden nur verlacht werden, weil es - meist mißverstanden - als mechanistisch gilt, obwohl es bereits pantheistisch-ganzheitlich zu verstehen war. Die Respiritualisierung auch der akademischen Physik erspart ihnen diese Peinlichkeit, denn auf der Basis einer ideologischen Verfälschung von Lenards Gegenspieler Einstein oder auf der Basis der ideologischen Schriften Heisenbergs ist der offene Rückgriff auf den Äther-Begriff verzichtbar geworden. (259)
Deutlicher noch als bei Weizsäcker zeigt sich die Ideologisierung von Naturwissenschaft bei Jakob von Uexküll. Der heute so viel gerühmte Erfinder des Umweltgedankens, auf den sich New Ager wie Hubertus Mynarek ebenso gern berufen wie die "Neue Rechte", war ein eifriger Antisemit und Hetzer gegen alles Demokratische. 1920 brachte er seine "Staatsbiologie" heraus, in der er organizistisch den Aufbau des Staates nach dem Bild der biologischen Organismen propagierte und gegen jeden emanzipatorischen Fortschritt zu Felde zog. Insbesondere die streikbereite Arbeiterschaft der zwanziger Jahre war ihm verhaßt. 1928 veröffentliche Uexküll in dem Buch "Natur und Leben" posthum einige Schriften seines "verehrten Freundes" Houston Steward Chamberlain, die dieser zum Gestaltbegriff geschrieben hatte. Chamberlain stand in engem brieflichen Kontakt mit Emma von Ehrenfels, der Ehefrau des Schöpfers des Gestalt-Begriffs, Christian von Ehrenfels. Es wird in der Gestalttheorie gerne verschwiegen, daß Ehrenfels ein glühender österreichischer Antisemit und Rechtsextremist war, der dessen ungeachtet bis heute einen hervorragenden Ruf genießt. Uexküll schrieb im Vorwort zu diesem Chamberlain-Buch: "Ich bin aber überzeugt, daß auch die modernen Gestaltstheoretiker, obgleich sie mehr psychologisch als biologisch eingestellt sind, mit Freude die ihnen hier gebotene Neubegründung ihrer Wissenschaft begrüßen werden, um auf den von Chamberlain errichteten Fundamenten weiter zu bauen." (260)
Wie bei den Physikern wird auch in Chamberlains "Natur und Leben" die "Planmäßigkeit der Natur" vergöttlicht. Aus ihr werden die Gestaltgesetze abgeleitet, die auch die menschliche Gesellschaft bestimmen sollen. Wie bei Mynareks und Capras göttlichem Naturplan heute ist eine affirmative Bewunderung dieser "Planmäßigkeit" das Gebot: "Gestalt ist angeschaute Planmäßigkeit." Hierin sieht sich Chamberlain mit "einem der genialsten unserer Biologen der Gegenwart" eins: Er meint Jakob v. Uexküll. Das Buch ist eine Sammlung früher "New Age"-Texte Chamberlains, in dem alle zentralen Positionen des "Neuen Denkens" behandelt werden, von der Kritik am "Kausalitätswahn" der Naturwissenschaften über ein Oberflächenphänomen des New Age wie Kristallmystik (Kristalle als Ausdruck von "Gestalt") bis zu Capras pantheistischem Konzept der "Selbstorganisations-Dynamik des gesamten Kosmos" als neue Form von "Gott", das bei Chamberlain als "innewohnender aktiv eingreifender Faktor" und "allen Wesen gemeinsame, ewig beharrliche Gestaltungskraft" benannt wird; sie begründe nach der indischen Philosophie "die Verwandtschaft alles Lebenden miteinander (Tat-twam-asi)." Als wär's ein Text aus den 80er Jahren, kann Uexküll 1928 eine Schlußfolgerung Chamberlains aus dem Jahres 1896 drucken: "Die Politik (und Soziologie) reagiert endlich gegen den Fortschrittswahn, sowie auch gegen die Schreckvorstellung des Verfalls und lernt einsehen, daß, bei aller nötigen Elastizität, die Beharrlichkeit das große, von der ganzen Natur uns gelehrte Prinzip ist." (261)
Chamberlain entwickelt hier sein pantheistisches Verständnis von Descartes' Äther-Konzept als dem Mittler zur kosmischen Ganzheit, das - idealistisch gewendet - letztlich die kosmische Energie überhaupt, die Lebensenergie oder Gestaltungskraft darstellen soll, die im New Age den Inhalt des Gotteskonzepts bildet. "Äther" wird zur "Grundmythe aller Wissenschaft der Kräfte". Wenn Chamberlain dann den "Elektromagnetismus" als "Seele des Äthers" anführt, kann man New Age-Phänomene wie Okkultismus oder Parapsychologie leicht anbinden, die zur Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre Modeerscheinungen in den Mittelschichten waren. Uexküll gräbt Schriften Chamberlains aus, in denen dieser ein "kosmisches Weltbild", in dem nicht nur alles mit allem zusammenhängt und dieser Zusammenhang ein pantheistischer ist, sondern in dem der Kosmos politisch instrumentalisiert wird. Unter der Überschrift "Die Wissenschaft des Weltalls" läßt sich Chamberlain über Astronomie aus und fordert: "Ja, hineinwachsen soll der Mensch in das ihn umgebende Weltall, er soll den bestirnten Himmel über ihm als seine Heimat erkennen, voll Vertrauen, daß er ihre Geheimnisse wird enträtseln können, gehört er doch organisch zu ihr und ist ihren gigantischen Verhältnissen gewachsen. Der große Gedanke der Solidarität zwischen dem moralischen Gesetz in uns und dem uns umgebenden Weltall, indem jeder von beiden gleichsam die Bürgschaft für die Realität, d. h. die Wirklichkeit des anderen übernimmt, ist wohl wert, in erster Reihe hervorgehoben zu werden." (262)
Die "Enträtselung" der kosmischen "Geheimnisse" geschieht vor allem mystisch. Der faustische Mensch, der "voll Vertrauen" heroisch-realistisch seinen moralisch vom Kosmos bestimmten Weg geht, ist hier das deutliche Ziel. Im Sinne von Bahro und Langhans, die heute "Hitler erlösen" möchten, um zu dem zu gelangen, was dieser angeblich wirklich wollte, schrieb Chamberlain 1923 - kurz vor dem mißglückten Feldherrnhallen-Putsch der NSDAP - an Hitler: "Sie haben Gewaltiges zu leisten vor sich, aber trotz ihrer Willenskraft halte ich Sie nicht für einen Gewaltmenschen. Sie kennen Goethes Unterschied von Gewalt und Gewalt! Es gibt eine Gewalt, die aus dem Chaos stammt und zu Chaos führt, und es gibt eine Gewalt, deren Wesen es ist, Kosmos zu gestalten, und von dieser sagte er: 'Sie bildet regelnd jegliche Gestalt - und selbst im Großen ist sie nicht Gewalt.' In solchem kosmosbildenden Sinne meine ich es, wenn ich Sie zu den aufbauenden, nicht zu den gewaltsamen Menschen gezählt wissen will." (263)
Von der Kraft, die aus dem pantheistischen Äther des Kosmos kommt (bzw. mit diesem identisch ist), die Welt zur "Gestalt" formt und das moralische Gesetz - also die gesellschaftlichen Lebensumstände der Menschen - nach dieser "Gestalt" bestimmen soll, sieht Chamberlain Hitler durchdrungen. Nun, heute sind wir klüger: Offenbar hatte Hitler dann doch wohl die "falsche" Gewalt gewählt! Bahro und Langhans möchten nichtsdestotrotz einen neuen Versuch von demselben Startpunkt aus wagen. Gerd-Klaus Kaltenbrunner, der moderne konservative Revolutionär mit der Spürnase für antidemokratisch nutzbare spirituelle Entwicklungs- und Traditionslinien, hat über die Jahrzehnte mehrfach auf die Bedeutung Chamberlains hingewiesen und aufgefordert, ihn in dem Sinne zu lesen, wie er im New Age - ohne daß man ihn dort kennt - nachgeäfft wird.
Jakob von Uexkülls Enkel Jakob von Uexküll, in den achtziger Jahren Europaabgeordneter der Grünen, stiftete aus einer Erbschaft des baltischen Uexküll-Adelsgeschlechts den "Alternativen Nobelpreis", den so illustre heimliche Organizisten wie Hans-Peter Dürr oder Robert Jungk verliehen bekamen. Der Enkel, im Öko-Bereich bestens angesehen, blieb der Familientradition treu. So publizierte er in der nationalrevolutionären Zeitschrift "Neue Politik" des früheren hohen Hitler-Jugend-Funktionärs und Mitarbeiters des Nazi-Blattes "Völkischer Beobachter", Wolf Schenke. Bei Schenke liefen dem bis zu seinem Tode Mitte der achtziger Jahre die Fäden des nationalrevolutionären Flügels des Neofaschismus um die Nachfolger Ernst Niekischs und Otto Strassers zusammen. In der "Neuen Politik" schrieben neben Uexküll Junior in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche neuheidnische Nationalrevolutionäre, die das Comeback der völkisch-spirituellen Ansätze in den "neuen sozialen Bewegungen" betrieben. (264)
Im Jahre 1992 hatte der Uexküll-Enkel über uns unbekannte Wege von der Arbeit an dem vorliegenden Buch erfahren und schrieb mit Briefkopf der "Right Livelehood Award"-Stiftung des "Alternativen Nobelpreises" an den Verfasser folgenden Brief: "Sehr geehrter Herr Kratz! Zu meinem Erstaunen erfahre ich, daß Sie meinen Großvater, den Biologen Jakob v. Uexküll, in verschiedenen Schriften mit faschistischem Gedankengut in Verbindung bringen. Eine solche Schlußfolgerung kann nur auf Fehlinformationen oder Mißverständnissen beruhen. Es waren Darwin und seine Nachfolger, die mit ihrer falschen Naturlehre des Kampfes aller gegen alle und des "survival of the fittest" die Rechtfertigung lieferten für Kapitalismus (Konkurrenz um jeden Preis) und 'Herrenrassen'. ... Mein Großvater hat die darwinistische Irrlehre immer abgelehnt und wurde deswegen oft schikaniert. ... Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Veröffentlichungen in Zukunft entsprechend korrigieren - besonders da ich öfters mit meinem Großvater verwechselt werde. Mit freundlichen Grüßen Jakob v. Uexküll."
Der Brief ist alleine schon deshalb bemerkenswert, weil auch der Uexküll-Enkel - trotz seiner früheren Arbeit für die Partei "Die Grünen" - selbst Verbindungen zum Neofaschismus hat: Im März 1991 luden die "Deutschen Unitarier" zu einem Seminar ein, bei dem Henning Eichberg und "Jakob von Uexküll (Stifter des alternativen Nobelpreises)" als Referenten angekündigt waren. (265)
Eine weitere geistige Traditionslinie des "ganzheitlichen" Organizismus und des Relativismus führt mitten in die südafrikanische Apartheid, zum Schöpfer des von Capra geliebten New Age-Begriffs "Holismus": Jan Christiaan Smuts, ein Verfechter der Rassentrennung, den Marilyn Ferguson explizit als New Ager nennt. Als Buren-General ein "Arier", zweifacher Regierungschef Südafrikas, nahm Smuts im Ersten Weltkrieg dem Deutschen Kaiserreich im Auftrag des britischen Imperialismus die namibische Kolonie "Deutsch-Südwest-Afrika" ab. Sein Buch "Holism and Evolution" von 1926 muß als der Vorläufer von Capras "Wendezeit" schlechthin angesehen werden: mit denselben physikalischen, psychosomatischen, humanistisch-psychologischen Bezügen wie bei Capra, teilweise nur mit anderen Begriffen. Das Buch, in dem die ganzheitliche Weltsicht bereits unter expliziter Ideologisierung der Arbeiten Einsteins und der Quantenphysik Heisenbergs als Alternative zu den christlichen Religionen entwickelt wird, war einer Fraktion der Nazis ideologisch so wertvoll, daß es trotz der offensichtlichen Nachteile seines Autors als Freund der Briten 1938 auf deutsch in Berlin erscheinen konnte. Möglicherweise war es der Krieck-Kreis, der die Drucklegung durchsetzte, denn er predigte 1942 in "Volk im Werden" durch Wolfgang Metzger auch die Gestaltpsychologie als die wahre deutsche und faschistische Psychologie und Weltanschauung, auf die sich Smuts bereits positiv bezog. Das Geleitwort zur deutschen Ausgabe "Die holistische Welt", das der bekannte Ökologe Adolf Meyer-Abich im "Deutsch-Dominikanischen Tropenforschungsinstitut" der Dominikanischen Republik unter dem faschistischen Diktator und Hitler-Unterstützer Trujillo schrieb, ist angefüllt mit peinlich-platten Anwürfen gegen den Liberalismus der Aufklärung und der Französischen Revolution und den Marxismus als "die offiziell allein geduldete Philosophie des bolschewistischen und atheistischen Rußland". Mayer-Abich bezieht sich hier auch auf Jakob von Uexküll und Houston Steward Chamberlain. (266)
Bereits der Smuts-Biograph Crafford hebt 1945 die Verbindungen zwischen den "Ganzheits"-Vorstellungen des Smutsschen Holismus und seinen politischen Zielen eines "gestalthaften" britischen Empire hervor, in dem die ehemaligen britischen Kolonien Teile des Ganzen sein sollen: Der Gedanke der Ganzheit habe Smuts nicht nur in der Biologie fasziniert, sondern wäre die große Antriebskraft seiner politischen Bestrebungen zugunsten des britischen Imperialismus und der Unterdrückung der schwarzen Mehrheit Südafrikas durch Rassentrennung und offene Sklaverei (serfdom) gewesen, während er den Sozialismus immer verflucht (anathematized) habe. Darüber hinaus wollte er ganz Afrika für das britische Kapital "zivilisieren". Stevens betont in seiner Untersuchung "Weizman and Smuts. A Study in Zionist-South African Cooperation", daß Smuts es als "unehrenhaft" ansah, "weißes und schwarzes Blut zu vermischen." Er habe den Wert der weißen Zivilisation als ausreichenden Grund für die Abwehr einer Schwarzen-Befreiung ausgegeben. Smuts war ein Anhänger der Homeland-Rassentrennung, die er mit den berüchtigten Paßgesetzen und auch mit offener Gewalt der Militärpolizei durchsetzte. Wo "Ganzheit" als Gefüge von Ungleichen verstanden wird, da ist Apartheid die logische Folge. (267)
Lenin irrte sich leider, als er 1909 in "Materialismus und Empiriokritizismus" den "Physikalischen Idealismus" als ein letztes Aufbäumen reaktionärer Ideologie gegen die Macht der Massen beschrieb, als ein Strohfeuer, dem der dialektische Materialismus als einziger legitimer Erbe des mangelhaften bürgerlichen Materialismus der Naturwissenschaften ein Ende setzen würde. "Das Wesen der Krise der modernen Physik besteht in der Umwälzung der alten Gesetze und Grundprinzipien, in der Preisgabe der objektiven Realität außerhalb des Bewußtseins, d. h. in der Ersetzung des Materialismus durch Idealismus und Agnostizismus", so Lenin in einer sehr aktuell klingenden Zustandsbeschreibung. Doch der von ihm gesehene Ausgang der Krise trat nicht ein: "Die moderne Physik liegt in Geburtswehen. Sie ist dabei, den dialektischen Materialismus zu gebären. Die Entbindung verläuft schmerzhaft. Außer dem lebendigen und lebensfähigen Wesen kommen unvermeidlich noch gewisse tote Produkte, einige Abfälle zum Vorschein, die in die Kehrichtgrube gehören. Zu diesen Abfällen gehört auch der ganze physikalische Idealismus."
Die biologistische Metapher Lenins war auch inhaltlich falsch: Die Krise gebar das "Neue Denken" als neue Waffe der Herrschenden, die "Abfälle" gewannen ideologisch die Oberhand. Weder konnte Lenin den Sieg des völkisch-religiösen, pantheistischen Organizismus als brauchbarste Ideologie für die faustischen Modernisierer-Faschisten vorhersehen, noch dessen logisches Einmünden in den Komplex Auschwitz, noch die für solche Folgen blinden aktuellen Wiederbelebungsversuche. Allerdings hätten Nachfolgende hier schlauer sein können, erst recht die "68er", die doch Lukács gelesen hatten.
Die Attraktivität des Mystizismus und vor allem ihre Gründe sind der rationalen Linken nach wie vor ein Buch mit (zahlenmystisch) sieben Siegeln. Der zu Lenins Zeiten auf der "Rechten" diskutierte Ausweg kommt uns aktuell vor. Lenin zitiert den "Psychologisten" Abel Rey, der heute als New Ager durchginge: "Man muß der subjektiven Intuition, dem mystischen Gefühl der Realität, mit einem Wort, dem Geheimnisvollen, alles zurückgeben, was man ihm durch die Wissenschaft entrissen zu haben glaubte." "Die antiintellektualistische Strömung der letzten Jahre" in Frankreich - dem Frankreich der Dreyfus-Affäre und der "Action francaise" - sei bestrebt gewesen, sich auf den "allgemeinen Geist der modernen Physik zu stützen." Hier ist von der Zeit der Jahrhundertwende die Rede. (268)
Weite Teile der Linken scheinen den Anschluß an ihre eigene Tradition verloren zu haben. Sie wenden sich bereitwillig dem Mystizismus eines Meister Eckhart oder eines Weizsäcker zu, ohne zu erkennen, daß solche Ideologen immer schon im Dienste des fortschrittlichen Teils der Herrschenden gestanden haben. Der fortschrittliche Teil der Herrschenden war aber durch die Jahrhunderte hindurch immer zugleich auch der für einen Sieg der Massen in den gesellschaftlichen Kämpfen gefährlichste Teil. Er bedurfte deshalb immer der besonderen Aufmerksamkeit. Doch die muß erst wiedergefunden werden. Die Linke seit "1968" war stark genug, den Neopositivismus zu bekämpfen, aber zu schwach, um an seine Stelle - als Negation in Hegels Sinn - den dialektischen Materialismus zu setzen. Im Ergebnis wurde eine erneute "Zerstörung der Vernunft" erreicht - in einer seltsamen Koalition von Adorno bis Bahro - statt die Vernunft über die positivistischen Beschränkungen hinaus weiterzuentwickeln. Der Schritt wurde nicht nach vorne gemacht sondern nach hinten, zurück Richtung Mittelalter. Viele Linke sehen daran vorbei und verstehen deshalb nicht, weshalb das New Age ihr Todfeind ist, aber niemals ein Verbündeter gegen die "Verdinglichung" der Welt, oder besser: gegen ihre Verdinglicher. Die peinliche Frage lautet: War der Anti-Neopositivismus der "68er" eine Stärke der Linken oder nur ein Ausfluß noch der Ideologie der Nazi-Eltern, gegen die die Studentenbewegung zu rebellieren vorgab, aber deren Kind sie dennoch war? Oder beides, tatsächlich die Koalition Adorno/Bahro? Beruht auf diesem "Beides" möglicherweise der Erfolg der nationalrevolutionären Strategie in der Linken der achtziger Jahre, nachdem sich große Teile der "68er" mit ihren oftmals bereits verstorbenen Eltern innerlich ausgesöhnt haben?
Dritte These:
Gemeinsam für das organisch-kosmische WeltbildDas kosmische Weltbild des modernen Organizismus ist auf die Tat gerichtet. Es dient nicht einem Hinausfliehen aus der Welt, einem Passivbleiben gegenüber der Welt, sondern im Gegenteil einer menschlichen Herrschaft über die Welt, wie es sie bisher nicht gegeben hat. Für Faschismus und New Age trifft dies in derselben Weise zu, auch wenn beide Weltanschauungen ursprünglich aus romantizistisch- zivilisationskritischen Zeitströmungen entstanden sein mögen. Das Zusammenbringen des organizistischen Konzeptes natürlich-kosmischer Ganzheit/Gestalt mit der pantheistischen Vergöttlichung der Welt, des Weltgeschehens, bis hin zur Selbstvergöttlichung derer, die meditativ das Göttliche in sich zu entdecken in der Lage sein wollen, mündet im faustischen Menschen, im "Heroischen Realismus" der Konservativen Revolution. er ist auf die Tat gegenüber der Welt gerichtet, auf das ethisch uneingeschränkte Sichuntertanmachen der Erde. Die Konsequenz des kosmischen Weltbildes ist das Gegenteil von dem, was sich naive New Ager in ihrer kindlichen Indianerromantik und Liebe zur Natur vorstellen mögen. Auch die Konsequenz des historischen Faschismus - die umfassende, ethisch unbeschränkte Modernisierung der Gesellschaft nach dem Maßstab des herrschenden Kapitals - war das Gegenteil von dem, was sich naive Anhänger der völkischen Bewegung und Ideologen von "Blut und Boden" dachten. (269)
Doch zur Absicherung der Tat braucht es die Einbindung sowohl der Tätigen als auch derer, mit, über und gegen die gehandelt werden soll. Ein inneres "Yin und Yang" von New Age und Faschismus sind der Heroische Realismus des faustischen Elite-Menschen, des Herrenmenschen, und seine Entsprechung: die organizistische Einbindung der Massen als den Beherrschten. Diese Einheit in der Vielheit ist der Sinn des Organizismus.
Die Begriffe "Ganzheit" und "Gestalt", die fast immer denselben Inhalt haben, und ihre Verbindung mit einer übernatürlichen Wesenheit, einem "Göttlichen", bilden die Grundlage des modernen Organizismus. Die übernatürliche Wesenheit stellt die Einheit des Universums her bzw. ist selbst schon diese Einheit, die Einheit in der Vielheit des Kosmos ist Ausdruck des derart verstandenen Transzendenten. Maria Wölflingseder behandelt diesen Aspekt 1991 in ihrer Dissertation über Capra als idealistischen Gegenspieler Paulo Freires, ohne jedoch die Relevanz dessen als Grundlage einer Ideologie der Tat zu begreifen: "Als wichtigstes Merkmal der östlichen Weltanschauung, als ihre Essenz, bezeichnet Capra das Gewahrsein der Einheit und die gegenseitige Beziehung aller Dinge und Ereignisse, die Erfahrung aller Phänomene in der Welt als Manifestation der gleichen letzten Wirklichkeit", "die innere Vernetzung und gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene des Universums - das wiederum bedeutet Ganzheitlichkeit." (270)
Das mechanistische Weltbild wird auch von der Linken als unzureichend angesehen und wurde im dialektischen Materialismus kritisiert, durch Negation aufgehoben. Der Kampf gegen das mechanistische Weltbild durch den Organizismus ist dagegen jedoch reaktionär, weil eine spirituelle, transzendente Ganzheit postuliert wird, die zu einer Entsubjektivierung der Massen und zu einer Rechtfertigung von angeblich natürlicher Ungleichheit innerhalb der "Gestalt" führt. Die Kritik des mechanistischen Weltbildes mit dem Ziel, dem Organizismus voran zu helfen, ist ein altes Thema faschistischer Ideologie, das von Anfang an hinter naturmystischem Gerede eine politische Zielrichtung gegen die Demokratie hatte. Hinter dem Kampf gegen den "Atomismus" verbarg sich seit dem letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts ein Kampf für das "Recht auf Ungleichheit", wie es bei der heutigen "Neuen Rechten" heißt, für einen Elite- und Führerstaat. Der Atomismus zerlege die Wirklichkeit in lauter kleine gleiche Teile, die dann mechanistisch aufsummiert werden sollten - so der Vorwurf -, während ganzheitlich-organisches Denken die Wirklichkeit als gewachsene Gestalt, als Gefüge von ungleichen Elementen, ansehe. "Gleichheit ist Tod, Gliederung ist Leben", schrieb schon Julius Langbehn in seinem berühmten Buch "Rembrandt als Erzieher". Langbehn war neben Lagarde einer der Führer der deutsch-völkischen Religiösität. (271)
Paul de Lagarde fand für die bürgerliche Demokratie das Wort "Unstaat", bezeichnete ihn mit Novalis als "Maschine", dem die Innerlichkeit fehle und der ein bloßes "Stimmviehgetriebe" sei. Schon 1853 schrieb Lagarde vom "‚tat machine, nation machine", von "einem ungeheuren Räderwerke, das grausam ist, weil jede Maschine grausam ist." Lagardes Schriften wurden von dem Verleger Eugen Diederichs herausgebracht, der selbst zur völkisch-religiösen Bewegung zählte und auch Schriften von Hermann Wirth und dem obersten Nazi-Rassisten Hans F. K. Günther herausbrachte (vgl. Lutzhöft 1971, S. 219). Heute veröffentlicht der Diederichs-Verlag zahlreiche New Age-Schriften und -Buchreihen. Mendlewitsch hebt in ihrer Analyse der Ideologie Lagardes deren "holistischen" Charakter hervor und resümiert: "Die Vorstellung des Ganzen mit seinen inneren Beziehungen als organische Struktur weist diesem einen natürlichen und damit ... 'wahren' Status zu, der nicht angreifbar ist." (272)
Lagarde schrieb 1878 in seinem Buch "Die religion der zukunft" über die Selbstvergöttlichung der Deutschen und das daraus entstehende organische Deutsche Reich: "je mehr einzelne Deutsche ... sich zu bilden, das heißt, das in ihnen durch geburt und anlage materiale schlummernde gottesbild herauszuarbeiten bemüht sind, desto klarer wird uns unser wesen werden." Mendlewitsch sieht Lagardes Selbstvergöttlichung des Deutschen "als Verknüpfung seiner biologistisch-organizistischen Volksvorstellung mit der religiös-geschichtsspekulativen Überhöhung der deutschen Bestimmung." Dies entspricht z. B. dem pantheistischen Gottesstaat Mynareks, in dem "öko-religiöse" Menschen als die selbst berufenen - weil selbst göttlichen - Verwirklicher des göttlichen Evolutionsplanes agieren. Nach Lagarde soll dem spirituellen "inneren Reich" das äußere Reich folgen, die Bildung einer deutschen Nation als Gestalt, die für ihn Ausdruck göttlichen Willens war, der in den Deutschen und durch ihre Tat der Reichsgründung sich verwirkliche. Parallel dazu entwickelt Mynarek seine Gottesstaats-Vorstellungen. Mendlewitsch charakterisiert Lagarde so, als sei der heute gängige Organizismus des New Age gemeint: "Die Selbstüberhebung läuft auf eine Selbstvergöttlichung hinaus, die nur über die Nation als Ganzes erzielt wird; d. h. eine Verweigerung gegenüber der Nation oder Selbstvergöttlichung ist schon ein Angriff auf Gott selbst. Die göttliche Existenz legitimiert alles, sie gibt genau vor, was zu tun ist und verspricht in der totalen Symbiose aller miteinander und mit Gott die immerwährende Überlegenheit über alle anderen, das ewige Leben und die gänzliche Auflösung aller Dissonanzen." Wenn im New Age die Einheit mit dem harmonischen Kosmos angestrebt wird durch meditatives Erlebnis des Göttlichen im Selbst, so ist dies parallel zu Lagardes Vergöttlichung des Deutschen über das Sich-Eingliedern in die Nation. Lagarde fordert mit mörderischer Schärfe die Vernichtung derer, die sich nicht einfügen in das Ganze der Nation. Der New Ager Mynarek spricht von "Irrläufern der Evolution", die dann wohl zumindest im pantheistischen Naturgesetz des Kampfes ums Dasein der Vernichtung anheim fallen sollen. (273)
Anti-atomistisches und ganzheitliches Denken waren in den zwanziger Jahren - der Zeit der konservativen Feindschaft gegen die revolutionäre Bevölkerung, die sich nicht organisch eingliedern wollte - die Grundlage rechtsextremer Ideologie, ob bei Spengler, bei Ortega y Gasset oder Le Bon. Die Eliten fühlten sich von den Massen bedroht und wollten ihren Ansprüche auf Herrschaft und Teilhabe am materiellen Wohlstand eine Ideologie entgegensetzen, die half, Ungleichheit zu rechtfertigen und hierdurch die Massen von den Privilegien fernzuhalten. Moeller van den Brucks antimechanistische Kritik zitiert Fritz Stern aus Moellers Buch "Der preußische Stil": "Was fangen wir mit unseren Massen an? Wie retten wir die Natur vor der Maschine?". Ernst Krieck hetzte gegen "westliche Mechanistik" und setzt seine Hoffnung auf die "'Krise der Physik'", die ihr eigenes "Ende auf den Newtonschen Grundlagen herbeiführt." (274)
"Daher löst der Atomismus ... jede Gestalt auf, wogegen der Organizismus ... von der Tatsache der Gestalt ausgeht", schrieb Chamberlain in seinem "Kant"-Buch. Der Primat des Ganzen vor den Teilen zeigt sich bei ihm in Aussagen wie den folgenden: "Eine organische Auffassung der Lebensformen (würde) die Gestalt als das primäre hinstellen." "Das gesamte Leben der Erde (wäre) für sie ein organisches Ganzes, in welchem jeder Teil zu jedem Teile in Beziehung steht." "Es ist das Ganze, das das Verhalten der Teile bestimmt" - nein, dieses Zitat ist jetzt wieder von Capra, aus dem Nachwort zur revidierten Auflage seines "Tao der Physik" von 1991. Chamberlains "Natur und Leben" von 1928 ist eine einzige Kritik des mechanistischen Denkens, wie er sie auch in seinen anderen Werken als Kampf gegen den "atomistisch-mechanischen Standpunkt" betrieb. Sein idealistisches "Äther"-Konzept, das bei Chamberlain nur als ein anderes Wort für die übernatürliche Wesenheit erscheint, die das Ganze und die Gestalt ausmachen soll, ist Teil dieses Kampfes. Die Einheit des Lebens im Universum ist für Chamberlain "Gestalt". Das Gesetz des Lebens, das die Lebewesen - auch die Menschen in der Gesellschaft - bestimme, sei kosmischen Ursprungs, Rassen und Nationen seien "Gestalten" nach dem Willen dieses Gesetzes. (275)
"Nur dort kann von Gestalt die Rede sein" meint Uexküll in "Natur und Leben", "wo das Ganze aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt ist", wo die Teile auf den Erhalt des Ganzen - nicht etwa den Erhalt ihrer selbst - bezogen seien. Die Ungleichheit wird hier biologistisch-kosmisch-pantheistisch begründet. Die Gestalt hat göttliche Qualität, wie die Ungleichheit ihrer Teile und der die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder benachteiligende Prozeß ihres Gefüges. "In sämtlichen Gestalten des Lebens" sieht Chamberlain - fast wortgleich mit Capra - "ein einheitliches Bildungsgesetz" am Werke, eine "allen Wesen gemeinsame, ewig beharrliche Gestaltungskraft." Sie begegnet und bei Capra als "Selbstorganisationskräfte", bei Mynarek als "Vernunft des Universums", das er als Gestalt verstanden haben möchte und dessen "Vernunft" der vergöttlichte Evolutionsplan sei. Die "Gleichsetzung von Natur und Vernunft", so Chamberlain (1921, S. 294), die "seit den ältesten Zeiten, von denen wir Nachricht besitzen, bis zum heutigen Tage herab eine so große Bedeutung für die Weltanschauung der Indoeuropäer besitzt", sei "der Urmythos aller Mythen." (276)
"Die Natur ist als uns entgegentretendes Phänomen die sinnliche Erscheinungsweise des Geistes, des Göttlichen", meint Mynarek für das New Age heute analog. Die Weltphänomene (natürliche und gesellschaftliche) sind ihm "Offenbarungen des biokosmischen Heiligen als Ganzem." Daß der New Ager Mynarek letztlich nichts anderes im Sinn hat als der NSDAP-Chefideologe Chamberlain - auch keinen anderen Rassismus -, zeigt seine gleichartige Bewunderung für die Religionen archaischer Naturvölker, die "Natürlichkeit ihres ganzheitlichen Weltbildes", ihr "Bewußtsein und Überzeugtsein von der organischen Ganzheit Mensch-Natur" und ihre "mystische Partizipation" hieran, die keine zivilisierte Forderung nach Gleichheit aufkommen läßt. Denn, so zitiert er zustimmend einen Ethnologen: "Das, was wir das 'Ganze' und den 'Teil' nennen, sind für den Primitiven zwei Seiten ein und derselben Realität. Er unterscheidet z. B. nicht zwischen dem Volk oder Stamm und dem Einzelnen. Im Einzelnen erscheint gerade das Ganze, in den Nachkommen lebt der Stammvater." Allerdings ist Mynarek kein Ethnologe, der Epochen betrachtet, die die Menschheit überwunden hat. Ihm geht es vielmehr um den Versuch, das Überwundene zurückzuholen. Schon Chamberlain hatte bei Giordano Bruno das entdeckt, "was bei metaphysisch beanlagten, doch primitiven Völkern völlig naiv vorausgesetzt wird, weil selbst der Gedanke an die Möglichkeit einer Unterscheidung zwischen Welt und Mensch, zwischen Angeschautem und Gedachtem nicht aufkommt, und gar nicht verstanden werden könnte." Diese naturreligiös-mystische Verneinung des Unterschieds "zwischen Angeschautem und Gedachtem", also Natur und (menschlich-selbstvergöttlichtem) Geist entspricht der Auflösung des Unterschieds von Subjekt und Objekt des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses bei Carl Friedrich von Weizsäcker. (277)
Auch Jakob von Uexkülls Therapie gegen die Zivilisationskrankheiten der Moderne ist die Rückkehr zu den vorzivilisatorischen Mythen der Naturvölker, die damals der Rechtfertigung ihrer nicht-demokratischen Gesellschaften diente: "Die Überzeugung einer umfassenden Planmäßigkeit ist in jedem Wilden lebendig, der dauernd mit der lebendigen Natur verkehrt. Die Mythen der primitiven Völker", so v. Uexküll in seiner offen antidemokratischen "Staatsbiologie", "sind nichts anderes als der Versuch, diese überwältigende Macht dem Verständnis näherzubringen. Man kann daher die Göttermythen als die Wissenschaft von damals bezeichnen, während unsere Wissenschaft nichts anderes ist als der Mythus von heute." Und auch bei Capra lesen wir: "Vor 1500 Jahren betrachtete man in Europa und in den meisten anderen Zivilisationen die Welt organisch. Die Menschen lebten in kleinen, zusammenhängenden Gemeinschaften und erlebten die Natur als organische Beziehung, charakterisiert durch die wechselseitige Abhängigkeit der spirituellen und materiellen Phänomene und die Unterordnung der Bedürfnisse unter die der Gemeinschaft." Es war der angebliche "heile" Zustand vor der kritisierten und für alle Unbill verantwortlich gemachten "Newtonschen Weltmaschine". "Dieser Zustand änderte sich im 16. und 17. Jahrhundert radikal. Die Vorstellung von einem organischen, lebenden und spirituellen Universum wurde durch das Bild von der Welt als Maschine ersetzt." (278)
Dieser romantisierte, zum Paradies verklärte Zustand war nach Capras eigener Rechnung also tatsächlich die Zeit des fünften Jahrhunderts in Mitteleuropa: Die Zeit des Unterganges der Antike, die nach Chamberlain am rassischen "Völkerchaos" des Molochs "Rom" krankte; die Zeit der Völkerwanderung germanischer Stämme, die nach Chamberlain die erst einmal rettende Herrschaft antraten; und die Zeit des sich herausbildenden Feudalismus, der totalen Barbarei und des Rechts des Stärkeren auf den Schlachtfeldern Europas, hierin tatsächlich dem biotisch-"kosmischen" Regelungsprinzip entsprechend. Capra und die Faschisten beschreiben das angeblich vorbildhafte, noch nicht römisch-jüdisch-christianisierte, erst recht von jeder Demokratie unberührte, weitgehend heidnische Mittel- und Nordeuropa an der Wiege des Feudalismus identisch. Die Zeit, die hier beginnt, findet in der faschistischen Literatur ihren Höhepunkt in der Gotik, mit ihrer "Deutschen Mystik" und der deutschen Herrschaft über fast die gesamte die bekannte Welt. (279)
Der Begriff "Leben" spielt die zentrale Rolle in diesen Ganzheits- und Gestalt-Konzepten. Er ist ein weiteres Synonym für die übernatürliche Wesenheit. Aber nicht das Leben des einzelnen Individuums ist hier gemeint, sondern ein abstraktes Leben, Leben überhaupt als der Prozeß des Kosmos und seiner nachgeordneten Ganzheiten, von diesen vor allem Volk, Nation und Rasse, der fortbestehen muß, auch um den Preis des Lebens einzelner Individuen. Es ist bemerkenswert, mit welcher Gleichförmigkeit sich Chamberlain und Capra hier äußern. Für den faschistischen Ideologen erscheint "alles Leben" als "eine Gestalt": "Alles Gestaltete, Lebende (bildet) zusammen ein Ganzes." Chamberlain erfindet den "Satz von der Erhaltung der Gesamtgestalt des Lebens", wie Uexküll ihn nennt, der die "gegenseitige Interdependenz der Lebewesen" im Sinne des "Rechts auf Ungleichheit", der auf- und absteigenden Völker und Kulturen Spenglers, Moeller van den Brucks oder Toynbees ausdrücken soll: "Da - nach der Hypothese, - nur eine gewisse Summe 'Gestaltung' vorhanden ist, wenn sich an einem Orte ein Organismus zu größerer Komplikation entwickelt, so muß an einigen anderen Organismen eine Rückbildung stattfinden." Uexküll schreibt hier im Vorwort: "Alles, was lebt, hat Gestalt - Das Leben ist Gestalt." Capra ist in seinem zusammenfassenden Buch "Das neue Denken" der Ansicht, "daß nämlich Geist und Selbstorganisation nur verschiedene Aspekte ein und desselben Phänomens sind, des Phänomens Leben." In der "Wendezeit" hatte er die Selbstorganisation von Natur/Kosmos mit dem Begriff Gott gleichgesetzt und den bootstrap-Ansatz als "das Systembild des Lebens" bezeichnet. Die "Gaia-Hypothese", die auch von Capra oder Mynarek vertreten wird, ist nichts anderes als dieses Verständnis von "Leben": Der Planet Erde ist ein einziger Organismus, der überleben muß, auch wenn Individuen deshalb sterben. "Der Planet wimmelt nicht nur von Leben, sondern scheint selbst ein lebendes Wesen aus eigener Kraft zu sein." Dies ist zwar Unsinn, wenn man nur an die Sonnenkraft denkt, aber eine solche Meßlatte darf man an die Aussagen des Doktors der Philosophie Fritjof Capra wohl nicht anlegen. Chamberlain meint in seinem "Kant"-Buch, für den Organizismus wäre "das gesamte Leben der Erde .. ein organisiertes Ganzes, in welchem jeder Teil zu jedem Teile in Beziehung steht." (280)
Dieser abstrakte Lebens-Begriff entspricht dem der Lebensphilosophie, die für Capra, Mynarek oder Fromm explizit eine Wurzel des New Age ist. Er liegt auch der "Ökologischen Religion" Mynareks zugrunde, er ist der des Holismus von Smuts und letztlich das Verständnis des "Sein" in Erich Fromms "Haben oder Sein". Er ist inhaltlich identisch mit dem pantheistischen "All-Leben" der völkischen Sekten und Ernst Kriecks, das bei diesem als "deutsches Weltanschauungsprinzip", als "das ursprüngliche, tiefste und umfassendste Prinzip germanischen Weltanschauens" bezeichnet wird. Es gibt keinen Unterschied zu Capra, wenn Krieck unter der Überschrift "All-Leben und biogenetisches Grundgesetz" zustimmend den deutschen Organizisten Treviranus zitiert: "Alles, das Universum selber, besitzt Leben: denn wie ist es sonst erklärbar, daß in der Tätigkeit des Weltalls ... dennoch Gesetzmäßigkeit herrscht?" Er kommt zu dem Schluß: "'Lebenskraft' ist hier keineswegs wie bei den Vitalisten eine Kraft unter Kräften, eine zu den physikalischen und chemischen Kräften zusätzlich hinzutretende Sonderkraft. Vielmehr ist für Treviranus Lebenskraft gleich All-Kraft, gleich universale Kraft, also gleich dem All-Leben selbst, sofern dieses als Kraft wirkt und sich in den Lebenserscheinungen äußert." Diese Art von All-Kraft ist nichts anderes als die kosmische Kraft des New Age, zu der man angeblich mystisch-meditativ Verbindung aufbaut, mit der man meditierend eins wird. Krieck vertritt die Gaia-Hypothese, ohne diesen Ausdruck zu benutzen, wenn er schreibt: "Das Prinzip des Lebendigen in den Organismen stammt genau von dort, wo die Materie der Organismen beheimatet ist: aus der Erde, die das Leben selbst in sich trägt und die damit wiederum Glied des All, des Kosmos ist". (281)
Sigrid Hunke faßt 1969 in ihrem Buch "Europas andere Religion" dieses All-Göttliche zusammen, indem sie im Stile Chamberlains eine Galerie von Europäern für ihren Neofaschismus dienstbar zu machen versucht, die man allenthalben auch im New Age findet: "Ob sie mit Eckhart von Gottes Grund oder mit Teilhard vom Göttlichen Bereich, mit Böhme vom Ungrund oder der großen Tiefe überall, mit Shaftesbury vom göttlichen Weltgrund oder mit Anaximander vom Weltschoß und Urgrund, dem Unbegrenzten spricht, ob sie es mit Schleiermacher das Unendliche nennt oder mit Bruno die unendliche Allgegenwart, mit Heinrich von Berg das Allerwirklichste, mit Herder die Ur- und Allkraft, das tiefste Sein alles Seins, ob es bei Kant als alle Naturen durchwaltende Bestrebung auftritt, im Angelsächsischen als gewif, als das große Gewebe des Schicksalsteppichs, oder als Weltordnung oder Weltgesetz bei Heraklit und der Stoa, bei Goethe als das Eine, das sich vielfach offenbart, und bei den Unitariern als All-Einheit, ob er es als das Unerforschliche verehrt oder Szczesney (heute bei der Scientology-Church aktiv, P. K.) es als die unbegreifliche, aber von uns immer mitzudenkende und immer mit im Spiel befindliche Dimension bezeichnet, Henry More als die vierte Dimension, Rilke als Weltinnenraum, als Sein oder das Ganze, Nikolaus von Kues als aller Dinge Wesensgrund, Mittelpunkt und unendlicher Umfang und Friedrich Schöll (ein Vordenker der "Deutschen Unitarier", P. K.) als Wirkgrund aller Wirklichkeit, die beide eine ganzheitliche Wirkeinheit darstellen, die nur als Vollzug geschieht: sie alle, Stimmen aus tausend Generationen unseres Kontinents - wenn sie auch in dem Versuch, es hindeutend zu umschreiben, den Ton je verschieden setzen -, sie alle meinen dasselbe: Es gibt nur ein Sein. Nur eine Wirklichkeit. Und wir, in denen diese göttliche Wirklichkeit sich selber wirkt, erfassen gleichwohl mit unserem Verstand und unseren Sinnen niemals das Ganze." Capras Selbstorganisationskraft des Universums war 1969 noch nicht geschrieben, Lenards entmaterialisierter Äther nicht mehr zitierbar. Es ist im übrigen dieselbe "Ketzergeschichte", die auch schon Chamberlain 1899 mit denselben Namen als Grundlage der "germanischen Religion" beschwor. (282)
"Der mächtigste, alle anderen beeinflussende Vertreter des Prinzips All-Leben", schreibt Krieck, "ist Goethe mit seiner Lehre von der lebenden All-Natur", doch habe er leider "die bei ihm ursprünglich ebenso angelegte Anwendung von All-Leben auf die politisch-geschichtliche Wirklichkeit abgebrochen und in sich unterbunden." Das zu beheben, schickt sich in demselben Jahrgang 1942 von "Volk im Werden" auch Wolfgang Metzger an, der führende Nachkriegs-Vertreter der Gestalt-Psychologie in Deutschland. Metzger war in den dreißiger Jahren der Vertreter des emigrierten Max Wertheimer an der Universität Frankfurt und hierin, wie sich zeigt, ein Gewinnler der Judenverfolgung. Er beweist in seinem Artikel "Der Auftrag der Psychologie in der Auseinandersetzung mit dem Geist des Westens", daß es nicht den vielfach behaupteten Unterschied zwischen der angeblich "sauberen" Gestalt-Psychologie der emigrierten "Berliner Schule" - auf die man sich heute im New Age breit stützt (283) - und der offen nazi-kontaminierten "Ganzheitspsychologie" Felix Kruegers gibt. Metzger parallelisiert deutsche Politik dieser Zeit mit der akademischen Psychologie und stellt fest, daß sich beide zu den Gestalt-Prinzipien hin entwickelten. Er lehnt die parlamentarische Staatsform wegen ihres "atomistischen Prinzips" ab und will ihr "den Ganzheitsgedanken gegenüber(stellen)." Das Ganze sei "etwas anderes als die Summe seiner Teile, und keine seiner Eigenschaften kann einfach durch Zusammenrechnen der gleichartigen Eigenschaften sämtlicher Teile gefunden werden. Dies trifft insbesondere auch für den 'Willen des Ganzen' zu, für den der Wille ganz bestimmter Einzelner, die in dem Ganzen eine ausgezeichnete Funktion besitzen, vorwiegend oder allein ausschlaggebend werden kann."
Das "Ich will" ist die Zauberformel der heutigen Gestalttherapie nach Fritz Perls, die vor allem in den USA zur geistigen Modedroge des New Age und zahlreicher Konzern-Manager wurde. Lernziel in der Gestalttherapie ist es, die Fähigkeit zu entwickeln, sich einerseits führen zu lassen und andererseits egozentrisch zu sein, seine Interessen und Gefühle durchzusetzen. Das entspricht der "Un-Ethik" des faustischen Menschen. "Wir fragen in der Gestalttherapie niemals warum, wir fragen immer: wie?", schreibt Perls in seinem "Vermächtnis der Gestalttherapie". (284)
Der "Wille des Ganzen" als Politik
Der "Wille des Ganzen" entspricht offenbar gänzlich Capras Selbstorganisationsdynamik oder Mynareks naturgöttlichem Evolutionsplan, den der "ganz bestimmte Einzelne" nur mystisch erfahren kann. Auch an Dürrs "Experten"-Gurus der Quantenphysik und -philosophie läßt sich unschwer denken. Wenn der "Wille des Ganzen" unter Umständen sogar gegen den Willen der meisten Teile des Ganzen von dem einzigen Sehenden durchgesetzt werden muß, dann allerdings muß dieser Wille spiritualisiert und mystifiziert werden. Denn das, wogegen alle sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit und ihre praxisbewährten menschlich-vernünftigen Ableitungen so sehr stehen, daß sich eine Mehrheit dagegen findet, kann nur noch ihr zum Trotz als angeblich Mystisches behauptet werden. Capra meint: "Immer wenn das Wesen der Dinge vom Intellekt analysiert wird, erscheint es absurd und paradox. Die Mystiker haben das von jeher erkannt; für die Naturwissenschaften ist das jedoch erst seit kurzem ein Problem." Gemeint ist aber vor allem - wie beim Gestaltpsychologen Metzger - die Organisation der Gesellschaft. Und auch wenn Metzger das Wort Mystik nicht verwendet, so ist seine Empfehlung, wie man zum "Willen des Ganzen" kommt, doch nur als Hinweis auf die Mystik als Methode des Organizismus zu verstehen: "das Hinhorchen auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Ganzen" wird empfohlen, "durch Hinhorchen auf das Wesen und auf die natürlichen Erfordernisse des hier und jetzt gegebenen Ganzen" sei der Weg zur "Ordnung" zu finden. Sie soll "Ordnung aus Freiheit" sein, freiwillige, selbstorganisierte Unterordnung der Teile unter den "Willen des Ganzen" nach mystisch-meditativer Einsicht in die vermeintlich kosmisch-natürlichen Notwendigkeiten.
Dieses "Hinhorchen" ist wieder einmal nichts anderes als das affirmative Verehren und Bewundern der Natur bei Mynarek, sein "offener, unverklemmter Blick auf die Natur", denn: "Die Natur, sowohl die leblose als auch die belebte, ist objektive Weisheit." Nur Erleuchtete sind nach Metzger befähigt, beim "Hinhorchen" das angeblich Richtige zu vernehmen: "Nicht jeder ist in gleichem Maße imstande, das Wesen und die Bedürfnisse des Ganzen zu vernehmen. Der Wille des Ganzen wird darum sinngemäß verkörpert durch diejenigen einzelnen (vielleicht u. U. durch denjenigen einzigen) Menschen, in welchem das Bild des Ganzen in seiner Weite und Fülle am lebendigsten und klarsten lebt, und der darum am besten sehen kann, was ihm Not tut. (285) Indem er diese Fähigkeit besitzt, ist er auch der Führer, ja in ganz besonderem Maß, 'Diener' des Ganzen." Das ist offenbar der "Volkskaiser", "Herzog" und "Fürst der ökologischen Wende" bei Bahro.
Metzger meint, den "Grundsatz der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt" bedenkend: "Wo das Gemeinwesen als wirkliches und echtes Ganzes und nicht mehr bloß als die Summe seiner Teile verstanden wird, da ist kein Platz mehr für die Annahme von der Beliebigkeit der Angehörigen." Er kritisiert den "fragwürdige(n) Versuch einer 'naturwissenschaftlichen' Weltdeutung durch Descartes, von dem im Weltbild der heutigen Physik so gut wie nichts übrig geblieben ist" und ruft als Alternative schon 1942 - ein paar Seiten nach dem Artikel Weizsäckers - "nicht weniger als ein neues Weltalter" aus: "Unsere Gegenüberstellung (von Gestalt-Psychologie und Nazi-Politik, P. K.) sollte darauf hinweisen, daß der politische Umsturz mit allen seinen Folgen gewissermaßen den Augenblick darstellt, wo die allgemeine geistige Umwälzung, die zum Anbruch des nächsten Weltalters führt, unter dem scheinbar ruhenden Boden so weit fortgeschritten ist, daß mit einem Mal in einem gewaltigen Beben Gebirge stürzen und sich neu auftürmen, Ströme ihr Bett verlassen, das Weltmeer über blühende Fluren hereinstürzt und neue Festländer, die Träger künftiger Frühlinge, aus seiner Tiefe emporsteigen." (286)
Überall im New Age finden sich Apokalypsen - vom Atomkrieg bis zur AIDS-Katastrophe - aus denen das neue Zeitalter durch diejenigen geschaffen werden soll, die bereits vor den Katastrophen das "Neue Zeitalter" untergründig "sehend" verfochten. Der "Neurechte" Pierre Krebs schreibt, sich auf einen Ober-New Ager berufend: "In 'Über Amerika' äußerte Hermann von Keyserling die Überzeugung, daß alles junge Leben in der Finsternis, im Chaos und in der Häßlichkeit reife. ... Das Zeitalter der Finsternis entspreche sozusagen der Schwangerschaftsphase." Und Mynarek meint: "Ökologische Religion heißt, das Absolute in der Natur (und ihren wunderbaren Lebensgesetzen) zu verehren; das Göttliche als greifbar kosmisches Phänomen sichtbar zu machen." Dabei faßt auch er, wie wir schon oben sahen, dieses "Absolute" politisch: "Ist doch Ökologische Religiösität jene grundlegende und umfassende Haltung, in der die sinnliche Außenwelt, die seelische Innenwelt und die (ideel) vollkommenste Struktur der menschlichen Gesellschaft immer schon keimhaft zur Harmonie gekommen sind."
Die Untersuchung Metzgers über Gestalt-Psychologie und NS-Politik, so resümiert der Bielefelder Psychologie-Professor W. Prinz, (287) "führt zu dem Ergebnis, daß beide Bewegungen nicht nur den gleichen Feind bekämpfen, sondern auch auf das gleiche Ziel hin orientiert sind." Die Zielperspektive läßt sich auch konkretisieren. Chamberlain nennt als Ganzheiten Gattung, Familie, Reich, später dann auch die Rasse; Capra nennt Familie, Stamm, Gesellschaft, Nation. Diese Ganzheiten sind bei beiden als Erscheinungen des Göttlichen gemeint, unterliegen also keinesfalls der Verfügung menschlicher Mehrheit. Mynarek findet "das Göttliche des eigenen Daseins oder der Sippe, des Stammes, des Volkes." Capra will "das Systembild des Lebens" ausdrücklich ebenfalls "auf die Beschreibung der gesellschaftlichen und kulturellen Evolution" ausgedehnt wissen und wendet biologische Ordnungsprinzipien auf soziale Phänomene an - mit den bekannten antidemokratischen Folgen, auch wenn er sich subjektiv als Teil der neuen Emanzipationsbewegungen verstehen mag. "Diese Anschauung ermöglicht es, die biologische, gesellschaftliche, kulturelle und kosmische Evolution aus demselben Modell der System-Dynamik zu begreifen", ein zentraler Gedanke auch bei Teilhard de Chardin. (287a)
Capra: "Das neue Weltbild betont die Verknüpftheit und gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene, und ist nicht auf ihre Teile beschränkt. Dieselben Ganzheitsaspekte zeigen sich in sozialen Systemen - zum Beispiel einer Familie oder einer Gemeinschaft - und ebenso in Ökosystemen, die aus einer Vielzahl von Organismen in ständiger Wechselwirkung mit lebloser Materie bestehen. Alle diese natürlichen Systeme sind Ganzheiten. ... Der menschliche Körper, zum Beispiel, enthält Organsysteme, die aus verschiedenen Organen bestehen, von denen jedes aus Geweben und jedes Gewebe aus Zellen besteht. Alle diese sind lebende Organismen, oder lebende Systeme, die aus kleineren Teilen bestehen, und zugleich die Teile von größeren Ganzheiten bilden. Der gesamte Organismus schließlich ist in größere soziale und soziologische Systeme eingebettet", die "gesund" oder eben krank sein könnten (288). Man braucht schon gar nicht mehr auf die beliebten biologistischen Vergleiche der menschlichen Gesellschaft mit Bienen- und Ameisenstaaten zu verweisen, die Capra und Mynarek verwenden, um zu sehen, wie sehr hierbei der Mensch zum Tier degradiert werden soll. Pierre Krebs hatte schon in der ersten Veröffentlichung des "Thule-Seminars" 1981 einen langen Artikel plaziert, in dem er die Gemeinsamkeiten des modernen Mystikers Antoine de Saint-Exupéry - der im New Age wie auch z. B. bei Sigrid Hunke ein gefragter Bezugspunkt ist -, des Faschisten Julius Evola - der heute auch in esoterischen Buchläden verkauft wird -, und Friedrich Nietzsches - auf dessen "Zarathustra" sich auch der New Ager Mynarek beruft - als der Vordenker des "organischen Staats" untersuchte. Dieser Staat sollte die "atomisierten Menschen des Individualismus" in die organische "Gemeinschaft der Menschen" als Alternative zum demokratischen Rechtsstaat überführen.
Die Organismus-Methapher, nach der die Welt wie ein biologischer Organismus mit steuerndem Zentralnervensystem und den ausführenden Organen Arme und Beine geschaffen sei, kann nur antidemokratische Folgen haben, denn wann je hätten sich ein Arm und ein Bein ein neues Zentralnervensystem gewählt! Capra ahnt diese Form von "Wendezeit", wenn er schreibt: "In der Vergangenheit ist die geschichtete Ordnung der Natur oft fehlinterpretiert worden, um autoritäre gesellschaftliche und politische Strukturen zu rechtfertigen." Hier begegnet uns wieder das allzu billige Argument des Mißbrauchs von "an sich" richtigen Konzepten, als gäbe es einen an sich richtigen, demokratischen "Gebrauch" natürlicher Hierarchien! Capra sucht einen Ausweg: "Aus diesem Grunde habe ich die (hierarchische, P. K.) Pyramide umgedreht und in einen (ökologischen, P. K.) Baum verwandelt." Offenbar weiß er nicht, daß bereits Jakob von Uexküll in seiner 1920 erschienenen "Staatsbiologie" den "Organbaum" als ständestaatliches Ordnungsprinzip gegen die "unbiologische" und "unorganische" Demokratie gesetzt hatte.
Die Baum-Metapher ist ein Liebling der Ökologie- und der New Age-Bewegung. Sie wird schon von alters her bei Fichte und dem Romantiker Eichendorff für Gesellschaftsverhältnisse angewendet Auch Mynarek widmet ihr ein ganzes Kapitel: "Der Baum als herausragendes Beispiel des Mensch-Natur-Zusammenhanges". Die Naturvölker sähen im Baum ein mythisches "Abbild des Ganzen, der Wiederholung der kosmischen Landschaft", der Baum sei "Teil-Offenbarung des biokosmischen Heiligen als Ganzem." Sofort fällt einem der Begriff Ab-Stamm-ung ein.
Im August 1989 schreibt die Industrieberaterin Gertrud Höhler, die schon mehrmals fast zur CDU-Bundesministerin berufen worden wäre, in der Zeitschrift "MUT" über "Bäume - Sinnbilder des Lebens, I. Teil: Indianerbäume." Der Indianerhäuptling Seattle hat es ihr angetan. Aus seiner Rede, die als ein Manifest des New Age gilt, zitiert sie einen Lösungsweg aus der vermeintlichen Zivilisationskrise, den Metzger ähnlich formulierte: "Zurückhören nach gestern und vorgestern." Höhlers Buch von 1985 "Die Bäume des Lebens - Baumsymbole in den Kulturen der Menschheit" zählt für "MUT" "zweifellos zu ihren beeindruckendsten Publikationen." Uexküll hatte in seiner "Staatsbiologie" als "die Krankheiten des Staates" die Menschenrechte und das Streikrecht der Arbeiter analysiert, die die ständischen "Organbäume" zerfräßen. Er bezeichnete "fremde Rassen" als "Parasiten", die vor allem ein Interesse am "kranken Staatskörper" hätten, weil hier das Immunsystem die Parasiten nicht abwehren könne. Der Bezug zur Rede von der "jüdischen Demokratie" und dem "bolschewistischen Weltjudentum" bei den Nazis ist deutlich und logisch. Der rechtsextreme Naturmystiker Eichberg schreibt 1986: "Menschen pflanzen Bäume, weil sie darin eine Gegenmacht erkennen. Erinnerungen tauchen auf an Yggdrasil: die Welt als Baum." Yggdrasil ist Irminsul, das altgermanische heilige Zeichen, das die Kulteiche der alten Germanen gewesen sein soll und deshalb zum Logo der völkischen Bewegung wurde. (289)
Das organisch-kosmische Weltbild ist wahrlich keine Erfindung des New Age. Kurt Sontheimer schreibt zusammenfassend über die intellektuell-ideologische Demokratiezerstörung in der Weimarer Republik: "Wesentlich für das Verständnis der antidemokratischen Bewegung bleibt indes, daß solche Elementarbegriffe wie Volk, Gemeinschaft und Organismus den Kern ihrer weltanschaulichen Orientierung bilden." Auch Walter Becher schließt sich in seinem 1985 erschienenen Buch "Der Blick aufs Ganze. Das Weltbild Othmar Spanns" der Kritik des "mechanistischen Weltbildes" an, in dem die Menschen nur noch lauter kleine Sandkörner seien und die Gesellschaft zum "Sandhaufen" (Spann) verkomme. Becher ist selbst ein Schüler des "Konservativen Revolutionärs" der klerikal-faschistischen Richtung Othmar Spann, der den sudetendeutschen Henlein-Faschismus und ab 1928 die faschistische österreichische Heimwehr beeinflußte und dabei von dem Stahlindustriellen Fritz Thyssen finanziell unterstützt wurde. Becher war vor 1945 Redakteur in der Nazi-Presse, nach 1945 Vorsitzender des "Witikobundes" - der von ehemaligen Henlein-Faschisten gegründet wurde -, später Führer der revanchistischen Sudetendeutschen Landsmannschaft und CSU-Bundestagsabgeordneter.
Bechers Buch ist als eine rechte Antwort auf Capra gemeint: Spanns Lehre sei "nicht nur eine 'Summa philosophiae', sondern auch eine 'Summa oecologiae'". Zu recht kritisiert Becher den Demokratismus, den Capra dem Organizismus aufgesetzt hat. In der Tat läßt sich aus der Natur weder Gleichheit noch Gleichberechtigung ableiten. "Anders als heutige Systemtheoretiker wie Fitjof Capra, Morris Berman und in besonderem Maße auch Alvin Toffler", so Becher, "landet die ganzheitliche Staatslehre nicht bei der Propagierung einer 'Gegenkultur' oder Kultur-Revolution. Holistisches Denken müßte folgerichtig sein. Wer den 'Atomismus' in Physik, Psychologie und Gesellschaft ablehnt, kann ihn nicht mit den Thesen einer 'Basis-Demokratie', mit antipatriarchalischen Floskeln, mit 'Feminismus', mit Homosexuellen- und Minderheitenschutz, mit radikaler Demokratisierung, d. h. mit völliger Atomisierung überwinden. ... Vor dem 'Unheil der totalen Demokratie' ... sollte uns das Schicksal bewahren." Und das Schicksal ist bekanntlich kosmisch verankert. Spann selbst hatte vorgeschlagen, den deutschen Juden auf deutschem Boden eine Art Homeland zu schaffen, ein eigenes Apartheid-Territorium, das jedoch als Ghetto organisiert sein sollte: Holismus pur. (290)
Pierre Krebs schreibt, um was es geht im "Neuen Zeitalter", das "unserem inneren Reich" folgen soll: "Eine alte, noch etablierte politische Ära geht zu Ende: die anorganische Politik der Gleichheitslehre. Eine neue politische Ära, die legitimen Anspruch auf die Macht haben wird, steht bevor: die organische Politik, die das Recht auf Verschiedenheit wahrnimmt." Und er zitiert einen französischen Mitkämpfer, als hätten es Capra oder Mynarek gesagt: "Das Biologische und das Kulturelle sind im Grunde eins: eine Gesellschaft stellt ein biokulturelles System dar, indem beide Sphären ineinander dringen und aufeinander wirken." Da können alle, Faschisten und New Ager, zustimmen.
"Verwurzelung" ist - nach der Baum-Metapher - hier nun das Zauberwort: "Unser Humanismus", so Krebs, "ist organisch, er basiert auf den erworbenen Erkenntnissen des Lebens. So bringt er Natur und Leben, Volkstum und Menschen wieder in Einklang." "Natur und Leben" war der Titel des von Uexküll edierten, heute fast gänzlich unbekannten "New Age"-Klassikers von Chamberlain. Die "Rückkehr", die "Wiederentdeckung" und "Wiedergeburt" bezieht sich immer auf die "eigenen Wurzeln", also auf vorzivilisatorische, vordemokratische Weltanschauungen. Germanen- und keltentümelnde "Wurzelsuche" im New Age gerät zielsicher an die Autoren der historischen völkischen Bewegung in Deutschland. Wie sich "inneres Reich" und äußeres Reich entsprechen, ist hier deutlich. Die aufscheinende Wirklichkeit des äußeren Reiches verheißt nichts Gutes. (291)
Es ist nicht erstaunlich, den Holismus-Ideologen Jan Smuts als Anhänger der südafrikanischen Apartheid anzutreffen. Die Idee der "geschichteten Ordnung der Natur", wie es bei Capra heißt, beinhaltet ein Aufteilen des Ganzen in Teile, die ihrerseits jeweils wieder zu einem Ganzen für Teile unterer Ordnung werden usw. Capra versucht, dies mit der Baum-Metapher auszudrücken: "Der Systembaum veranschaulicht verschiedene Ebenen der Komplexität in einem individuellen lebenden Organismus." Auf derselben Ebene der hierarchischen Struktur sind die verschiedenen Ganzen/Gestalten strikt getrennt voneinander. Ihr Zusammenhang als die Einheit in der Vielheit stellt sich erst durch ihre Verknüpfung auf der höheren Ebene ein, der sie aber nicht mehr als Individuen angehören. Der Gestalt-Begriff beinhaltet auch nach dem Verständnis von Smuts das hierarchische Gefüge der ungleichen Teile, von denen jedes seinen Platz im Ganzen habe. Der Platz werde vom "holistischen Befehl, ... gleich einer lebenden Quelle aus den Tiefen des Universums" als "gestaltende(r), beaufsichtigende(r) Einfluß" der Natur zugewiesen, so Smuts. Hier sieht man förmlich die Peitsche, mit der der weiße Herr Südafrikas den schwarzen Sklaven "beaufsichtigt". Die Gestalt dürfe nicht zerstört werden, weder in ihrer inneren Struktur noch durch das Vermengen mit anderen Gestalten. Schon Chamberlain, der die Gestalten als Unterformen der einen Ganzheit des Kosmos ansah, hatte die Disparatheit der Gestalten, ihre Ungleichartigkeit und Unvereinbarkeit, in seinem Briefwechsel mit Emma von Ehrenfels als zentrales Wesensmerkmal behauptet. Gleichzeitig hatte er ihre Autonomie untereinander und dennoch ihre Leistungsbezogenheit auf das Ganze (wie die Leistungsbezogenheit der Teile auf das Ganze ihrer jeweiligen Gestalten) als Wirkung des All-Göttlichen betont, das den Zusammenhang stifte. Jedoch besitzt nur die Gestalt diese begrenzte Autonomie, nicht jedoch ihre Teile, nur die Gemeinschaft ist autonom, nicht das Individuum. Wenn Smuts zu den ersten gehörte, die sich für die "Homelands" der Schwarzen Südafrikas aussprachen, und diese Politik mit seinen rassistischen Paßgesetzen durchzusetzen versuchte, dann war das nur der politische Ausfluß einer Weltanschauung, bei der schließlich der Staat als das Ganze erscheint, auf dessen Nutzen hin die Teile - die ihrerseits unvermischbare, getrennt zu belassende Unter-Ganzheiten bilden - an dem ihnen zugewiesenen Ort leistungsbezogen hinarbeiten sollen. (292)
Die Konsequenz dieses vergöttlichten Ganzen - bis hin zur Historie als Teil des Ganzen - ist die Vorstellung vom Schicksal, das letztlich alles vorbestimme. Die aus dem Schicksalsglauben folgende Verpflichtung, "seiner eigenen Natur treu (zu) bleiben" (Abraham Maslow), findet sich in der gesamten New Age-Literatur. Gerne wird dabei auf die Sätze des Atomphysikers Harald Fritzsch zurückgegriffen: "Eines der wohl wichtigsten Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft ist, daß jeder von uns eine Rolle spielt, eingebettet in das Netz der Naturvorgänge. Wir sind ein Teil des Ganzen und nicht losgelöst vom Rest des Universums." Die Folge einer nur noch eingeschränkten Freiheit des Individuums im Rahmen dessen, was ihm schicksalsmäßig "kosmisch" vorbestimmt ist, findet sich bei Capra ebenso wie bei Smuts. Habe man sich erst einmal in mystischer Erfahrung mit dem Kosmos verschmolzen, so Capra, dann "scheint die Frage nach dem freien Willen ihre Bedeutung zu verlieren", weil man ja selbst "das ganze Universum" sei. Es ist nichts anderes als das freudige und freiwillige Sicheinfügen in sein Schicksal, das Traumbild der "sanften" Diktatur. In der Astrologie, die einen Strom des New Age darstellt, wird dies popularisiert. (293)
Dieses Bild von der Welt beinhaltet das Ende jeglicher Emanzipationsmöglichkeit, weil die Welt - bis hin zu gesellschaftlichen Phänomenen wie Nation oder Familie - als vorbestimmte hierarchisch geordnete Gestalt mit nachgeordneten Unter-Gestalten gedacht wird. Ein Weltbild der Gestalt kennt weder Gleichheit innerhalb der hierarchisch verfaßten Gestalten noch Austausch zwischen den nach außen abgeschlossenen, gegeneinander autonomen und auch unter einander verschiedenen Gestalten. Gleichheit und Austausch sind vom Begriff der Gestalt her bereits ausgeschlossen, wie er von Christian von Ehrenfels entwickelt und seitdem unverändert benutzt wird. Die Bindung von Gestalt/Ganzheit an eine sie bestimmende, in ihr wirkende übernatürliche Wesenheit entzieht die "Gestaltung" der Gestalten menschlichem Zugriff und bindet dadurch Gesellschaft und ihren Aufbau an etwas Außermenschliches.
Daß nicht nur der Kosmos Gestalt sein soll, die nach göttlichen Selbstorganisations-Gesetzen funktioniert, sondern auch die nachgeordneten Unter-Gestalten genau denselben Gesetzen unterliegen, somit also auch die im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden gesellschaftlichen Phänomene hier keine Ausnahme von der Schicksalsbestimmung beanspruchen können, dafür haben die Ideologen vorgesorgt. Die von dem Quantenphysiker David Bohm entwickelte Idee einer impliziten Ordnung in jedem Teil, die der Ordnung des Ganzen entspreche - weil diese Ordnung das identische göttliche Wesen sein soll, das im Ganzen wie im Teil herrscht, der ja selbst wiederum das Ganze für die Teile auf tieferer Hierarchieebene sei - ist der Ansatz, an dem sich Capra orientiert. Auch dies ist kein origineller Einfall. Chamberlain schrieb bereits 1899: "Die gesamte Natur verbürgt uns die innere, transzendente Wahrheit", dies sei "kosmische Mythologie" der "Arier". Chamberlains Bezug auf das indische "Tat-twam-asi" macht dies noch einmal deutlich. Er versteht es als "einheitliches Bildungsgesetz", das "in sämtlichen Gestalten des Lebens ... zu entdecken" sei. (294)
Die alte Ansicht, Makrokosmos und Mikrokosmos würden sich entsprechen, weil sie von dem identischen Göttlichen in gleicher Weise durchdrungen seien, wird in der kirchlichen New Age-kritischen Literatur immer wieder als geistiges Erbe der spätantiken Gnosis ausgegeben wird, während man hier den faschistischen Hintergrund dieser Ansicht verschweigt. Das Konzept ist so alt wie der Organizismus, es wurde von der Antike über die Ahnengalerie "europäisch eigener Religion" bis zu Oswald Spengler verwendet. Das Begriffspaar wird von Capra in derselben Weise verwendet wie von Krieck. Bohm ist also allenfalls in der Formulierung originell, nicht jedoch im Konzept.
Der Bohmsche Ausdruck des Eingefaltetseins des Ganzen in jedem seiner Teile als universale Eigenschaft der Natur ist wiederum nur ein anderer Ausdruck für den Primat des Ganzen über die Teile, dafür, daß die Teile vom Ganzen her bestimmt sind, niemals aber umgekehrt das Ganze bestimmen können. "Wie es sich formt und erhält, hängt demnach von seinem Ort und seiner Aufgabe im Ganzen ab", schreibt Bohm, ohne darzulegen, wer denn die Aufgaben verteilt, die so schicksalshaft an einem kleben sollen. Das mag in der Physik vielleicht nur die Elementarteilchen tangieren, Bohm jedoch bezieht dies sogleich auf die Gesellschaft, wo es Menschen - und vor allem die beherrschte Mehrheit - tangiert. Die Menschen seien verschieden und hätten in der Gesellschaft ihre verschiedenen Aufgaben zu erfüllen, zum Nutzen des Ganzen. Dagegen würde das atomistische Gesellschaftsbild - das Bohm "fragmentiert" nennt und dem soziale Durchlässigkeit bei den Positionen und demokratische Mehrheitsbildung entsprechen - die Ganzheit zerstören. Bohm kommt (ohne den Begriff zu verwenden) zum Konzept der Apartheid, wenn er dem "fragmentierenden Weltbild" einerseits vorwirft, "zu teilen, was in Wirklichkeit unteilbar ist", nämlich die ganze, heile Gestalt, und sogleich anschließt: "Der nächste Schritt wird darin bestehen, daß wir zu vereinigen versuchen, was sich in Wirklichkeit nicht vereinigen läßt. Dies kann man besonders deutlich im Fall von Gruppenbildungen in der Gesellschaft sehen (politischer, ökonomischer, religiöser Art usw.)", die sich aufgrund ihrer Partikularinteressen "vom Gesellschaftsganzen absetzen" würden. Das Teilen des Unteilbaren und das Gleichsetzen des Verschiedenen schaffe "Verwirrung angesichts der Frage, was verschieden und was zusammengehörig (oder eins) ist, aber das klare Erfassen dieser Kategorien ist in jeder Lebensphase notwendig. Wer das, was verschieden ist und was nicht, durcheinanderbringt, bringt alles durcheinander." (295)
So mag es sich auch der Holist und Rassist Smuts vorgestellt haben: Die heile Gestalt einer Gemeinschaft, des Staates Südafrika - in der die Unter-Gestalt der Weißen bestenfalls patriarchal über die hierarchisch niedrigeren Unter-Gestalten der verschiedenen Farbigen-Gruppen herrscht - wird von liberalistisch-sozialistischen Predigern der Gleichheit der Menschen "fragmentiert" in lauter gleiche Atome, die die Unter-Gestalten zerschlagen und zu einer angeblich unnatürlichen, jedenfalls unorganischen Gesellschaft neu kombinieren. Das ganzheitliche Südafrika von Smuts sollte selbst wiederum Teil sein, zuerst in der von Weißen beherrschten Ganzheit Afrika, mit dieser in der Ganzheit des kolonialen britischen Empire. "Ganze sind nicht willkürlich teilbar", schreibt Smuts, "und die abgespaltenen Teile sind nicht willkürlich austauschbar. Jedes Ganze hat eine wirkliche Eigenart, eine einzigartige Identität, und eine nicht umkehrbare Ausrichtung, die es von jedem anderen unterscheidet und das eigentliche Wesen der Individualität ausmacht." Die nationale Identität des Ethnopluralismus mit ihrer Konsequenz der Apartheid ist die logische Folge. Bohm wird nicht derart deutlich. Er bleibt im Allgemeinpolitischen. Das atomistische Gesellschaftsbild bringe als Konsequenz der "Verwirrung" "ein breites Spektrum von Krisen" hervor: "soziale, politische, ökonomische, ökologische, psychologische usw., und dies sowohl im einzelnen wie in der Gesellschaft im ganzen." Es bewirke "das endlose Ausufern von chaotischem und sinnlosem Konflikt, der darauf hinausläuft, daß alle Energien durch gegeneinander gerichtete oder sich durchkreuzende Bewegungen vergeudet werden." (296)
Diese Visionen von menschlichen Gesellschaften als kosmisch bestimmte organische Gemeinschaften gleichen sich überall in den Büchern des "Neuen Denkens". Dabei mögen sie vordergründig das eine Mal quantenphysikalisch, ein anderes Mal "öko-religiös" begründet sein. Im Organizismus ist für das freie Austragen von Konflikten kein Platz. Diese "Gemeinschaften" sind künstlich befriedete Zwangsvereinigungen, in denen die Konflikte einfach deshalb von der Ideologie negiert werden, weil der Kosmos als harmonisch konzipiert gilt. Wenn aber Konflikte auftreten - trotz der angestrebten mystischen Einsicht in die Harmonie - so ist letztlich und entgegen aller zur Schau getragenen "Sanftheit" immer wieder Repression das Mittel, die Konflikte zu unterdrücken. Wolfgang Metzger äußerte sich 1942 in seinem Gestalt-Artikel in der Zeitschrift "Volk im Werden" eindeutig: Es sei im Interesse des Bestandes der Gestalt wohl unverzichtbar, "unbelehrbare Widerspenstige zu zwingen, Störenfriede abzukapseln und zu beseitigen." Dies genau ist die Konsequenz des Gestalt-Begriffes, der von dem extremistischen Antidemokraten Christian von Ehrenfels ja nicht im politikfreien Raum entwickelt wurde und der von faschistischen Gestalttheoretikern um den Begriff des "Gestaltfremden" - des Jüdischen nämlich - folgerichtig ergänzt wurde. Hier ist überall eine Zwangseinheit des Ganzen gemeint, in der die Vielheit der Teile, auch die Gegensätze wie Gut und Böse, zur Einheit gezwungen werden. Es liegt auf der Hand, daß diese Einheit nur noch als transzendente, die Grenzen der Erfahrung und der sinnlich erfahrbaren Welt überschreitende, in der täglich erfahrbaren Welt eben auch nicht zu erfahrende unwirkliche Einheit möglich ist. Gesellschaftlich hegemonial können solche wirklichkeitsfernen Ansichten nur werden, weil die Herrschenden ein Interesse daran haben, die Austragung der für ihre Herrschaft gefährlichen Konflikte zu unterdrücken. (297)
Der Organizismus als Weltanschauung hat die untereinander verwandten Staatsformen des korporativen Ständestaats, der Monarchie bzw. des faschistischen Führerstaats als politische Konsequenz. Nur diese Staatsformen erfüllen die Forderungen des "Systembaumes", der Gestalt als hierarchisches Gefüge. Der organizistische Staat, dessen Idee aus der Antike stammt, hatte bereits im Mittelalter einen "transzendenten Zweck" zur Rechtfertigung von Elitenherrschaft über die Massen. Das Transzendente erfuhr in der Romantik, wie in ihren Nachfolgern bis zum New Age, durch den Pantheismus eine Modernisierung, die von der gesellschaftlichen Entwicklung - bei den Produktivkräften, zu denen auch die Wissenschaften zählen, wie im Überbau der politischen Theorie - abgefordert wurde. Metternichs Feudalismus des frühen neunzehnten Jahrhunderts stützte sich auf die mittelalterliche Form des Transzendenten, auf die wieder katholisch gewordenen Romantiker. Doch er konnte sich nicht mehr halten gegen die politischen Freiheits- und Gleichheitsforderungen, die von materiellen Wohlstandsforderungen genährt waren. Der Versuch der vormals fortschrittlichen, jetzt restaurativen bürgerlichen Partei, die Ansprüche der Massen zu neutralisieren, indem sie mechanizistisch in den bürgerlichen Organizismus eines Auguste Comte eingebunden werden sollten, scheiterte. Zu deutlich war die Maschine Menschenwerk und Comtes Gesellschaftsmaschine also menschlichem Willen und menschlichen Mehrheitsentscheidungen zugänglich, als daß die Massen sich mit dieser Ideologie hätten abspeisen lassen. Erst zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde das Göttliche - und damit das Unhinterfragbare, in staunender Anbetung Hinzunehmende - in den unerklärten Phänomenen von Elektrizität und Strahlung "wiederentdeckt" und damit die Möglichkeit zum pantheistischen Organizismus als Herrschaftsmittel gelegt. So wurde der alte "transzendente Zweck", wie er uns heute im "quantenphilosophischen" New Age begegnet, wiederbelebt. Willig, ja gierig griffen die Herrschenden schon damals nach dieser neuen Ideologie als Antwort auf den Sozialismus. Sie taten es erneut in den sechziger und siebziger Jahren, als Antwort auf die marxistische Renaissance.
Hunke hatte 1974 die ganzheitliche Antwort parat. Als der Begriff des New Age noch gar nicht in Europa angekommen war, wandte die damalige Vizepräsidentin und Chefideologin der "Deutschen Unitarier" bereits den Inhalt des altbekannten "Neuen Denkens" als die "Alternative" des "dialektischen Unitarismus" - wie sie die organizistische Einheit in der Vielfalt nannte - gegen die damalige Reformpolitik an, die auf der "68er"-Bewegung aufbaute. In ihrem Buch "Das nach-kommunistische Manifest. Der dialektische Unitarismus als Alternative" muß Werner Heisenberg als organizistischer Einbinder der Massen ran. "Soziale Partnerschaft statt Klassenkampf" heißt das Kapitel, das von einem Heisenberg-Zitat eingeleitet wird: "An die Stelle der reinen Alternative, die in ihrer Härte der Wirklichkeit oft nicht gerecht wird, tritt eine komplementäre Betrachtungseise. Man muß einsehen, daß es sich keineswegs um eine dualistische, sondern durchaus einheitliche Beschreibung der Phänomene handelt. Werner Heisenberg." Zitate des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer - vormals der SS verbunden, ähnlich wie Hunke - dienen ebenfalls als Prologe vor den Kapiteln. So z. B. zum Kapitel "Verantwortung am Arbeitsplatz": "Gebraucht wird der Mitarbeiter von hoher Verantwortungsfreudigkeit und von einem Kooperationswillen, der niemals durch Zwang erzeugt werden kann, sondern nur aus freiem Entschluß der Person entspringt. Hanns Martin Schleyer."
Da kommt das New Age gerade recht, wo man sich einbinden läßt aus naturmystischer meditative Einsicht. Gegen das marxistisch-materialistische Konzept der Entfremdung, das soeben eine Renaissance erlebt hatte, setzt Hunke 1974 die spirituelle Verwirklichung des Selbst im Kapitel "Vom diskriminierten zum 'selbstverwirklichten' Mitarbeiter". Wiederum steht ein Schleyer-Zitat vorweg: "Es ist schon abzusehen, daß der Arbeiter der Zukunft ein ganz anderer Typ sein wird als der Arbeiter von gestern. Hanns Martin Schleyer." Vorbereitet wird das "richtige" Verständnis Schleyers mit einem Zitat Teilhard de Chardins: "Dem Menschen ist es nicht genug, nach Überwindung seines Egoismus, sozial zu leben. Ihn verlangt es, aus einem ganzheitlichen Herzen, vereint mit dem ihn tragenden Weltganzen, seinem Ruf zu antworten." Und Saint-Exupéry schließt bei Hunke die "Alternative" des Organizismus gegen eine gerechte, sozialistische Gesellschaftsgestaltung ab: "Die Menschen treffen sich nicht, wenn sie unmittelbar aufeinander zukommen", so zitiert sie diesen Mystiker des zwanzigsten Jahrhunderts als Zeugen gegen das linke Konzept der "humane(n) Gesellschaft", "sondern wenn sie sich im gleichen Gott vereinigen." Das bedeutet in ihrem "dialektischen Unitarismus", den sie heute "Europas eigene Religion" nennt, ebenso wie im New Age, bei der "Neuen Rechten" oder im historischen Faschismus: vereint sein im Gott der kosmischen Gesamt-Gestalt und ihrer gesellschaftlichen Unter-Gestalten. "Tragisch" schicksalshaft, mystisch-einsichtig vereinigen sich die kleinen Teilchen, indem sie sich dem Primat des Ganzen unterordnen. (298)
Zerstörung der Ethik
Diese Form der "sanften" Einschränkung menschlicher Freiheit - und hierdurch der Möglichkeit zu materieller Bedürfnisbefriedigung - durch eine pantheistische, schicksalhafte Festlegung bedeutet gleichzeitig aber auch eine Entlastung des handelnden Menschen (der herrschenden Eliten) von der Verantwortung für sein Tun. Er kann zwar nicht von seinem Platz, der ihm im Gefüge der Gestalt zugewiesen wurde, aber er muß sich hier in seinem Schicksal "sieghaft bewähren", wie es bei den Völkisch-Religiösen heißt. Wo die pantheistische Einheit in der Vielheit, ja in den Gegensätzen liegt, da ist kein Platz mehr für die Forderung an das Individuum, das Böse zu vermeiden. Die ethischen Kategorien des Gut und Böse werden hier vielmehr als "Yin und Yang" aufgefaßt, von denen eine jede seine Berechtigung habe. Chamberlain sagt über den frühen Vordenker des Faschismus und des New Age Jakob Böhme: "Und Böhme geht furchtlos weiter und leugnet den absoluten Unterschied zwischen Gutem und Bösem; der innere Grund der Seele, sagt er, ist weder gut noch böse, Gott selber ist beides: 'Er ist selber alles Wesen, er ist Böses und Gutes, Himmel und Hölle, Licht und Finsternis.' ... Das ist reine indische Lehre; daß sie der Lehre der christlichen Kirche 'schlechthin widerstreite', haben die Theologen längst und ohne Mühe gezeigt." Hunke beschränkt sich siebzig Jahre später darauf, Chamberlain inhaltlich zu plagiieren. Schlund zitiert 1924 den fünften Glaubensgrundsatz der völkischen Sekte "Deutschgläubigen Gemeinschaft": "Ich glaube, daß es vor Gott ein Gut oder Böse nicht gibt - denn auch was wir böse nennen, weil es uns schädlich wirkt, liegt im Schöpfungswillen." Der Kampf gegen die Unterscheidung der ethischen Kategorien von Gut und Böse setzt sich fort im Verwischen des Unterschieds zwischen Leben und Tod. Es sind Hauptanliegen faschistischer Ideologie damals wie heute. Das ist verständlich, denn wo das Böse angeblich Teil des göttlichen Willens ist, da ist es das Handeln des SS-Schergen im KZ auch. Tatsächlich wird dies von völkisch-rassistischen Religionsstiftern auch offen vertreten.
Hunke, die sich in ihrer Promotionsschrift 1941 auf die SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps" berief, schreibt 1969: "Gutes könnte nicht sein, wenn es Böses nicht gäbe. ... Auch Fehler und Irrwege, das Böse selbst, sind notwendiges Moment der göttlichen Weltordnung und Bedingung unaufhörlichen Werdens und Vergehens, von Aufstieg und Steigerung." Selbst "das Dunkel" will sie "heiligsprechen" und "es auch in seiner Furchtbarkeit (bejahen) und noch dem scheinbar sinnlos Zerstörerischen ... schöpferischen Sinn" geben. Damit kommt sie auf der heutigen Linie des US-amerikanischen New Age-Dominikaners Matthiew Fox an. Auch mit dem New Age-Ideologen George Trevelyan kann Hunke mithalten, der das "Neue Zeitalter" erst aus der Asche des in einer Katastrophe untergegangenen Bestehenden emporsteigen sieht. Hunke interpretiert Nikolaus Cusanus in dieser Weise und schreibt: "Das bedeutet, daß auch das Dunkel, auch das Furchtbare und Grauenhafte des Daseins vom Ganzen umfaßt wird und seinen Sinn erhält. Es bedeutet eine Neuwertung auch des Bösen."
1986 schreibt Hans Ulrich in seinem apologetischen New Age-Buch "Von Meister Eckardt bis Carlos Castaneda" über "das esoterische Weltbild": "Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Hell und Dunkel sind in Wahrheit keine Gegensätze, die sich gegenseitig ausschließen. Sie bilden nur zwei Seiten einer Medaille und gehören tatsächlich zusammen." "Alles ist Eins" sei der Sinnspruch des Neuen Zeitalters, und dieses "Eins" sei der "All-Geist". "Niemals", sagt auch Hunke, "können wir darum aus dem Göttlichen herausfallen, das uns 'unablöslich' ... umhüllt und durchlebt." (299)
Den Kampf gegen den jüdisch-christlichen Glauben von der Sündhaftigkeit des Menschen führen Faschismus und New Age gemeinsam. Er ist außerordentlich populär, denn er verspricht mehr als nur die Möglichkeit einer Lossprechung durch Gottes Gnade nach getaner Buße. Er verspricht vielmehr Befreiung von Verantwortung und daher von Buße und Strafe für jedwede Tat. Wo das Schicksal wirkt und wo es kein Gut und kein Böse als handlungsleitende Kategorien mehr gibt, da existiert allenfalls noch die "Verstrickung", für die das Individuum keine persönliche Verantwortung zu übernehmen braucht. In einigen (neo-) faschistischen Sekten tritt an die Stelle der Verantwortung das "Irren". Das Irrtums-Konzept weist keine logische Verbindung zum Schicksals-Konzept mehr auf, sondern ist allenfalls als Ausrede gegen die Kritik von seiten einer wirklichen Ethik der Verantwortung her gedacht. Die Konsequenz des "Irrtums" ergibt sich wiederum schicksalsmäßig. Der New Ager Mynarek spricht vom "Irrläufer der Evolution" und suggeriert damit: wer in die Irre geht, fällt zwangsläufig den Evolutionsgesetzen, dem Kampf ums Dasein, anheim. Dieses Schicksal ist jedoch weder Sühne noch Buße noch Strafe, nichts vom Menschen Geschaffene oder Vereinbarte, sondern wiederum die angeblich natürliche, durch die kosmischen Gesetze vorgesehene Folge des Irrtums. Der pantheistische Organizismus kann aufgrund seiner Konstruktion keine Ethik kennen außer dem extrem egoistischen Willkür-Gebot, niemals gegen die Gebote des Schicksals, des Göttlichen in der eigenen Brust zu verstoßen.
Seine Popularität gewinnt der Kampf gegen den Sündenglauben vor allem durch die sexuelle Interpretation des Konzepts der Erbsünde. Mynarek ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie unter dem Deckmantels des Kampfes gegen die sexuelle Unterdrückung durch die christlichen Kirchen in Wahrheit die Un-Ethik von Schicksal und Irrläufer durchgesetzt werden soll. Das New Age, in dem zahlreiche Sekten mit dem Versprechen bisher nicht erlebter sexueller Ekstase, die durch spirituelle und körperliche Praktiken erreichbar sein soll, auf Verklemmten-Fang gehen, bezieht einen großen Teil des emotional begründeten Zuspruchs aus seinem Kampf gegen den Glauben von der Sündhaftigkeit des Menschen. An die Stelle der menschlichen Ethik treten die Naturgesetze. Wer nur dem Ruf der Natur folge, so heißt es, der sei im Einklang mit dem Göttlichen, der handele deshalb ethisch. Der Ruf der Natur aber ist der von Ungleichheit und Hierarchie, von Organismus- und Baum-Metapher, vom Recht des Stärkeren und vom Tod des Schwächeren. Dies ist keine Ethik mehr sondern Barbarei.
Die Selbstvergöttlichung derer, die dazugehören, ist eine Grundlage des New Age und Grundlage des Schicksalsglaubens wie der Ablehnung des Sündenglaubens. Sie ist im übrigen - darauf weist bereits Lenin 1909 hin - ein alter Trick des Kampfes gegen die Linke. Die Selbstvergöttlichung findet mal plump statt, z. B. bei den Anhängern Erich von Dänikens, deren "Präastronautik" inzwischen zum Bestandteil der "UFOlogie" geworden ist. Da werden Fragen gestellt wie "Wer waren die 'Götter'? Woher kamen sie? Kommen sie wieder, oder sind sie nie fortgewesen?". So wird suggeriert, die Götter seien unter uns, wohl als die Elite, die in mystisch-meditativer Verbindung zum All-Göttlichen steht und vorgibt, in dessen Interesse - statt im eigenen - Platzanweiser in der ganzheitlichen Gesellschaft zu sein. Nach dem oben Dargestellten es nicht erstaunlich, daß Rudolf Bahro in der UFO-Zeitschrift "Magazin 2000" als "ständiger Mitarbeiter" geführt wird.
Auch Mynareks Selbstvergöttlichungsversuche des "ökoreligiösen Menschen" folgen kaum einem anspruchsvolleren Denken, wenn er Religiösität an die Gene bindet, "Öko-Religiösität" als höchste Stufe der Evolution ausgibt und behauptet, die "ökoreligiösen" Menschen hätten bereits den "nächsten Schritt der Evolution" vollzogen, sie seien "der Sinn der Erde, der Evolution der Natur", in ihnen bringe sich das Göttliche als göttliche Natur selbst zu Bewußtsein. Nachdem er derart den neuen Herrenmenschen konstruiert hat, findet Mynarek für "das genaue Gegenteil des öko-religiösen Menschen" (derjenige etwa, der Mynarek lediglich für einen schlechten Ideologen und seine "Ökologische Religion" für einen wahren Schmarrn halten mag) die nach Vernichtung schreiende Bezeichnung "Irrläufer der Evolution". (300)
Etwas ausgefuchster kommt Capras Selbstvergöttlichung daher. Als die Hauptphänomene der allgöttlichen Selbstorganisation der Ganzheiten sieht er die Möglichkeit zur Selbsterneuerung und zur Selbst-Transzendenz an. "Wird der Begriff des transzendenten menschlichen Geistes in diesem Sinne verstanden, als Bewußtseinsform, in der sich das Individuum mit dem Kosmos als Ganzem verbunden fühlt, dann wird deutlich, daß ökologisches Bewußtsein im wahrsten Sinne des Wortes spirituell ist." "Dieser Glaube an Gott ist verbürgt durch die innere Erfahrung der göttlichen Eigenschaften des eigenen Selbst", findet Erich Fromm in "Haben oder Sein" in Anlehnung an den großen Selbstvergöttlicher des Mittelalters, Meister Eckhart: "Er ist ein ständiger, aktiver Prozeß der Selbsterschaffung, oder, wie Meister Eckhart sagt, Christus werde ewig in uns selbst geboren." Die Möglichkeit der Selbstvergöttlichung des "Ariers" durch Interpretation der Eckhart-Schriften ist der Grund für die Popularität dieses christlichen Mystikers in der faschistischen Literatur. Das aber bringt Erich Fromm, der vor den Nazis emigrieren mußte, keineswegs dazu, diese Selbstvergöttlichung zu hinterfragen.
Ebenso verweist Bahro in der "Logik der Rettung" auf Eckhart, der - mit Bahros Worten - gelehrt habe: "Wir müssen uns der Uridentität mit dem All-Einen vergewissern." Und Bahro zitiert Eckehart mit dem Spruch "Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund", den er von Sigrid Hunke abgeschrieben haben mag. Eckharts Wort vom "inneren Jerusalem" - nicht mehr der mystischen Ort ewigen Glücks ist gemeint, der nach dem Jüngsten Tag tatsächlich erreicht werde, sondern das mystisch-meditativ zu erreichende Gefühl des Jetzt-schon-selbst-Gott-Sein - dient allenthalben, auch bei Bahro, der Selbstvergöttlichung der Wissenden oder Sehenden oder Erleuchteten. "Darum das Beten zuerst", meint Bahro, "das nicht als Formelnaufsagen gemeint war, sondern als verbale Meditation. Wir Deutschen müssen Meister Eckhart lesen, wenn wir wieder wissen wollen, was das war und sein kann und wie sehr es über den Bekenntnisfloskeln steht." Mit deutscher Mystik zu deutscher Weltherrschaft, das war das Programm Lagardes und Chamberlains, der völkischen Bewegung und Rosenbergs. Sie alle stützten sich auf den hochgotischen Mystiker Eckhart, der Jahrhunderte vorher die erste Phase des deutsch-europäischen Kolonialismus - die Kreuzzüge als Eroberen des reichen Ostens - ideologisch untermauerte. (301)
Das Konzept der Individuation des New Age-Vordenkers Carl Gustav Jung - oder besser: das, was New Ager daraus machen - ist auch wieder nur ein anderer Name für die Selbstvergöttlichung. "Auf dem Höhepunkt des Individuationsprozesses kommt es zur überwältigenden Begegnung mit dem Selbst, zu einer nicht anders als numinos, als religiös zu bezeichnenden Spitzenerfahrung", findet Mynarek, der Jung als dem - im Gegensatz zum Juden Freud - angeblich wahren Psychoanalytiker ein ganzes Kapitel in dem Buch "Vernunft des Universums" widmet. "Es ist eine Erfahrung des Grundes und des Ganzen aller Wirklichkeit, des Göttlichen, des Absoluten, vergleichbar etwa dem hinduistischen Gipfelerlebnis der zur erfahrenen Gewißheit gewordenen Einsicht: 'atman ist brahman' (mein Selbst, das innerste Wesen des Menschen, der unwandelbare Kern und die tragende Mitte des Individuums ist identisch mit der Mitte und dem Grund aller Wirklichkeit). Die gelungene Individuation oder echte Verwirklichung des Selbst bedeutet nach Jung ein Einswerden mit sich selbst, mit der Menschheit, die man im Urgrund seiner Psyche ja auch ist, und mit der ganzen Welt, dem Kosmos." Jung hatte allerdings eine andere, völkische Vorstellung von seinen Archetypen, mit der "Menschheit" hatte der Nazi und Hitler-Verehrer nichts im Sinn. Sein elitäres Konzept der Individuation war das Erkennen der eigenen Göttlichkeit, das eben archetypisch nur dem Arier möglich sein soll, so wie es die gesamte völkisch-religiöse Szene sieht. Auch Capra wendet sich gegen den jüdischen Mechanisten Freud und findet, Jung habe in der Psychoanalyse das mechanistische Paradigma durch das ganzheitliche ersetzt und dabei "auch Vorstellen (benutzt), die überraschende Ähnlichkeiten mit denen aufweisen, die moderne Physiker zur Beschreibung subatomarer Phänomene benutzen." (302)
Es gibt eine erstaunliche Parallele zwischen den explizierten ethischen Vorstellen von Chamberlain und Ferguson, die von der These der Selbstgöttlichkeit herrührt und überall im pantheistischen Organizismus - überwiegend implizit - auftritt. Auch wenn ihre Positionen auf den ersten Blick als gegensätzlich erscheinen mögen, so meinen beide doch dasselbe. Bei Ferguson ergibt sich durch die Selbstvergöttlichung eine "neue Ethik" gegen die Kantsche Vernunftethik als ein unbedingtes Befolgen der Gebote der inneren göttlichen Stimme, die ja mit dem All-Göttlichen eins sein soll. Das göttliche Selbst sei es, das dem Menschen sage, was er zu tun habe, unabhängig von den Meinen und Rechten anderer Menschen und den Lebenszusammenhängen. Dies ist eine extreme Selbstverwirklichungsethik, die auch aus dem Satanismus als das "Tu, was Du willst!" des Aleister Crowley bekannt ist. Chamberlain, der das Sich-eins-Fühlen des "Ariers" mit der Natur heraushebt, verfährt genauso, stützt sich allerdings auf seine "arisch"-pantheistische Verfälschung Kants, nach der das sittliche Gebot dem rassisch gebundenen "echten, natürlichen Gefühl" aus dem Innern entsprechen soll. Er schreibt: "'Das Gewissen', sagt er (Kant, P. K.), 'bedarf keines Ahnherrn', mit ihm ist alles gegeben; es hat nur mit der inneren eigenen Welt zu tun." Indem Chamberlain sich Kant voluntaristisch dienstbar macht, kommt er zur erstrebten faustischen Ethik der Tat: "Für Kant kommt es zunächst gar nicht darauf an, was wir sollen, sondern einzig darauf, daß wir sollen". "Sittlich ist eine Handlung nur, insofern sie aus dem innersten eigenen Willen hervorquillt und einem selbstgegebenen Gesetz gehorcht", schrieb er bereits in den "Grundlagen". An die Stelle, wo in Kants Ethik die vernünftige eigene Einsicht steht, tritt hier das mystisch zu fühlende Selbst als Manifestation des All-Göttlichen, dessen Willen gefolgt werden soll. Auch hier ist die Verwirklichung dieses Selbstes, die Tat, das sittliche Gebot. Es wird nicht - jedenfalls nicht zuerst - danach gefragt, ob denn die Tat ethisch vertretbar sei. Da, wo das Auftreten dieses Selbst-Willens ein göttliches Phänomen sein soll, ist das Befolgen dieses Willens die sittliche Pflicht, nicht das Beurteilen. Immerhin ist bei Chamberlain durch die rassische Bind des Göttlichen, durch die Vorstellung, das Göttliche zeige sich in der Rassenseele des Volkes, noch ein Kollektiv - wenn auch ein biologistisches, für das dann "Führer" sprechen wollen - als Kontrolle dieser Selbstgöttlichkeits-Ethik vorhanden. Derartiges findet sich nicht explizit bei Ferguson, im Rahmen der Vorstellung von der geschichteten Ordnung der Natur in hierarchischen Gestalten ist sie bei Ferguson jedoch auch nicht ausgeschlossen. (303)
"Wir handeln an Gottes Statt", sagt Hunke und meint mit "wir" die Mittel- und Nordeuropäer. Sie zitiert zum Auftakt ihres Hauptwerkes "Europas andere Religion" den Meister Eckhart: "Greift in euer eigenes Gut - ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch." Zwanzig Jahre später sieht Hunke sich und ihre Arier noch höher stehen: "Verantwortung 'für' Gott" ist jetzt ihre Parole, "wir" seien "hochverantwortliche Mitschöpfer Gottes". Höher kann selbst eine faschistische "Arierin" nicht mehr steigen. Chamberlain hatte bereits 1899 geschrieben: "Diese germanische Metaphysik befreit uns vom Götzendienst und offenbart uns dadurch das lebendige Göttliche im eigenen Busen", fast so hatte es Eckhart, von der römischen Kirche deswegen verfemt, im dreizehnten Jahrhundert geschrieben. In der germanischen Religion der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert "seid ihr selber schaffende, gesetzgebende Natur", so rief Chamberlain den "Ariern" zu. "Religion" wird bei ihm zur "Tat der Gegenwart". Der tiefere Sinn: "Glaubt ihr nur an euch selber, so besitzt ihr die Kraft, das neue 'mögliche Reich' wirklich zu machen." Das ist der Selbstvergöttlicher Meister Eckhart, deutsch und praktisch. Sigrid Hunke achtzig Jahre vorweggenommen, schreibt Chamberlain in seinem "Goethe"-Buch, der germanische Mensch habe "am göttlichen Wesen teil - wie Eckhart es mit erhabener Demut ausspricht, Gott liebe den Menschen nicht als Kreatur, sondern 'als Gott'".
"Wir handeln an Gottes Statt" (Hunke)Wo hier die Demut sein soll, das konnte schon Eckhart nicht erklären, trotz der ihn erwartenden Schrecken der Inquisition. Wer für sein Handeln die pantheistische selbst-göttliche Rechtfertigung hat, darf alles tun: "Selbst die luziferische Natur ... könnte nicht sein, wäre sie nicht Abglanz der Gottheit", so Chamberlain in seinem "Goethe"-Buch. Diese Ideologie hat ein Ziel: den Komplex Auschwitz als Handeln an Gottes Statt. Der ethische Unterschied zwischen "Gut" und "Böse" verschwindet, er wird - z. B. von Hunke - sogar als jüdisch und damit uneuropäisch denunziert. Wo das Göttliche sich durch die "Arier" verwirklicht, da ist der "Kampf des germanischen gegen den jüdischen Geist" (Chamberlain) in den Mordfabriken der Nazis Praxis - Handeln -, und zwar an Gottes Statt. Aus den Werken der Dichter und Denker der "Deutschen Mystik" seit Meister Eckhart ist die Rechtfertigung der Richter und Henker, der tödlichen "Meister aus Deutschland", abgeleitet. Hunke schreibt als Höhepunkt ihrer "europäischen Religion" über die Vereinigung des Ariers mit dem Göttlichen, dies geschehe "als Gott-Subjekt, indem wir ihn in uns einströmen, ihn uns durchfluten und durchformen und durch uns ausströmen lassen, so daß wir mit ihm über uns selbst hinausschreiten und uns hinausweiten, indem wir ihm in den anderen Gott-Subjekten begegnen. Von hier alle Ethik, alles soziale Verhalten!" Dies sei "die Menschwerdung und Individualisierung des Göttlichen im 'göttlichen Menschen'". (304)
Die "luziferische Natur" als "Abglanz der Gottheit" (Chamberlain).
Beide Abbildungen aus: Czewslaw Pilichowski: Es gibt keine Verjährung, Warschau 1980;
Archiv der Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen in Polen.Das Gebäude des "Neuen Denkens" hat freilich einen grundlegenden Widerspruch: Es will/muß antiemanzipatorisch sein, deshalb darf die Selbstvergöttlichung nicht für alle gelten. Man setzt sich ja gerade ab von der "judaochristlichen" Vorstellung von der Gleichheit der Menschen vor Gott, wie sollte das pantheistische All-Göttliche da in gleicher Weise in allen Menschen sein! Damit nicht jeder Mensch meint, hier mitreden und mittun zu können, wie es ihm gefällt, weil doch das Göttliche auch in ihm wirke - damit nicht etwa eine Mehrheit sich zusammenschließt und nach diesem Prinzip Forderungen stellt und durchsetzt, Herrschende entmachtet -, wird die Fähigkeit zur Erkenntnis des Göttlichen innerhalb des Gestaltgefüges den Eliten bzw. ihren Mystiker-Agenten vorbehalten. Sie allein sollen die entsprechenden Techniken des Gotterkennens beherrschen und deshalb in der Lage sein, als einzige das Göttliche zu verkünden. Der New Age-Führer David Spangler aus der Findhorn-Gemeinschaft erklärt kategorisch: "Alle spirituellen Gesellschaften sind hierarchisch. Anders könnten sie nicht funktionieren. Es ist klar, daß man sich bei der Führung der Angelegenheiten einer spirituellen Gesellschaft nicht an jene wenden kann, die weniger erleuchtet sind." Und wie Bahro oder die frühen faschistischen Sekten setzt er auf den spirituellen Alleinherrscher, der seine Legitimation aus der Selbstgöttlichkeit zieht, die andere eben nur relativ haben sollen, weshalb sie nicht zum Führer befähigt seien: "Diese New Age-Energie manifestiert sich durch ein Wesen, das als Herr der Welt bekannt ist. Er wird auch der König oder der Führer der Hierarchie genannt." Die schottische Findhorn-Kommune gehört zu den wichtigsten Zentren des New Age. Andere New Ager wie Capra oder Mynarek trauen sich nicht, diesen Sachverhalt derart deutlich auszusprechen, sondern verbergen ihn lieber hinter Floskeln wie "Systembaum" oder dem "ökoreligiösen Menschen" als "Sinn der Evolution". (305)
Gegenüber den "Anderen", den ethnopluralistisch verschiedenen, konkurrierenden Gestalten, hilft der völkische Relativismus des Gotterkennens - jedenfalls bei der "Neuen Rechten", weniger explizit im New Age. Die Selbstvergöttlichung wird für sich reserviert und anderen abgesprochen. In der gesamten völkisch-rassistischen spirituellen Literatur von Chamberlain über Hauer bis Hunke und Benoist, im Ansatz auch bei Bahro, wird die Möglichkeit, das Göttliche meditativ in sich selbst zu finden, als die speziell den "Ariern" eigene Religiösität ausgegeben. Synonym für "Arier" heißt es auch: Germanen, Keltogermanen, Indogermanen, Nordeuropäer, Indoeuropäer, Deutsche. Andere hätten eine andere Religiösität. Die der Juden z. B. entgöttliche die Natur, trenne den Menschen als Sünder von Gott und predige die Gleichheit der Menschen vor Gott. So können sich die "Arier" das Gottsein - mehr noch: das Verantwortlichsein für Gott - gegen die Ansprüche aller anderen Menschen dieser Erde reservieren.
Die Konsequenz heißt Apartheid: "Die Unvereinbarkeit verschiedener, auf verschiedenartigen Denkstrukturen beruhender religiöser Auffassungsweisen" muß, "wo eine starke religiöse Potenz vorhanden ist wie in diesem niemals religionsmüde gewordenen Europa, notwendig zu ständigen Konflikten und schließlich zur vollständigen Abstoß des Ungemäßen führen", meint Hunke. Die Vorstellung einer einheitlichen Menschheit mit einheitlichen Menschenrechten wird deshalb als gestaltwidrig abgelehnt, weil Gestalt eben in sich ein hierarchisches Gefüge hat. Deshalb dürfe "Verschiedenes" eben nicht zusammengefügt werden außerhalb des spirituellen Zusammenhanges in der Ganzheit des All-Göttlichen, der aber kein "atomistischer" Zusammenhang der Gleichheit, sondern ein organischer, hierarchischer der Ungleichheit sei. "Einheit in der Vielheit", so diese These, sei eben nicht aus der Gleichheit heraus möglich, sondern nur aus der Verschiedenheit. (306)
Doch gibt es im Ganzen der "Arier" eben auch eine Hierarchie, innerhalb der sich nicht jeder zum spirituellen Führer aufschwingen darf. Allenfalls ermöglicht in diesen Vorstellen die pan-arische Fähigkeit der Selbstvergöttlichung dazu, das eigene Unten als ein göttliches Unten zu erkennen und sich deshalb in ihm zu fügen, während das Oben der Eliten und Herrschenden ebenso als göttliches Oben anerkannt und akzeptiert wird. Zu dieser Herrenmenschen-Ideologie fühlen sich im Faschismus auch Teile der Massen hingezogen, vor allem solche, die real am wenigsten "göttlich" über ihre eigenen Lebensbedingungen bestimmen können. Doch die Selbstvergöttlichung kommt auch für die "arischen" Massen, für die kleinen faschistischen Täter, lediglich als Verheißung einher, die sie nur in ihrem Verhalten gegen die "Untermenschen" einlösen können. Niemals jedoch werden sie tatsächlichen Einfluß auf gesellschaftliche Zustände, auf ihr eigenes Leben haben. Die hinter den realen Handelnden stehende und sie "ethisch" absichernde Selbstvergöttlichung tritt hier real als hierarchisch gestufte Göttlichkeit auf: Der SS-Scherge im Warschauer Ghetto konnte sich allenfalls gegen Lebensmittel hortende, verhungernde Wehrlose als Gott aufspielen. In der gesamten "Gestalt" der Nazi-Hierarchie faschistischen Gottmenschentums war er lediglich ein untergeordneter Teil, dem seine eigene Unterordnung, sein eigenes Getretenwerden im Gesamtgefüge, durch die Erlaubnis zur relativen Göttlichkeit gegenüber Kindern und Schwachen, zum Treten nach "unten", erträglich gemacht werden sollte.
Im New Age ist es eher schwierig, einen direkten völkischen oder rassistischen Relativismus des Gotterkennens zu predigen, denn hier will man ja "global denken", zumindest also die Möglichkeit der Erleuchtung für ein paar Führer aus allen Völkern offenhalten. Dieser Anspruch hindert an verbaler Ehrlichkeit, auch wenn Bohm - an dem sich Capra immer wieder orientiert und den auch Dürr gerne zitiert - den Weg zu einem New Age-haften Relativismus öffnet. Aber über einen anderen Weg kommt man hier zum selben Ziel, der indirekten Postulierung des "Arischen" als des Höchsten nämlich. Wie oben an der gleichartigen Zivilisationskritik dargestellt, findet sich trotz allem "Yin und Yang" von Gut und Böse im Faschismus wie im New Age selbstverständlich der Feind, der bekämpft wird, das abzulehnende Böse. Er tritt zumindest als Natur zerstörender, Ganzheit fragmentierender, utilitaristischer Mensch des "Habens" statt des "Seins" auf. Gemeint ist derjenige, der bewußt gegen das göttliche Wollen in ihm handele. (Hier ist ein nicht zu kittender logischer Bruch im pantheistischen Organizismus, den Mynareks mit letztlich christlichen Vorstellen lösen wollte, die zum Glauben an die Sündhaftigkeit zurückführen. Dieser Bruch macht im übrigen auch die konzeptionelle Ärmlichkeit dieser Weltanschauung deutlich.) Gemeint ist auch, wer wegen anderer biologischer und/oder kultureller Ausstattung zum Erkennen der Eigengöttlichkeit und ihrer eigen-inneren Handlungsgebote angeblich schon gar nicht in der Lage sei. In der gesamten Geistesgeschichte dieses "Neuen Denkens" von den "Gründerjahren" des Deutschen Reiches an wird dieser abgelehnte, zu bekämpfende, zu vernichtende "Irrläufer der Evolution" immer mit der biblischen Trennung von Gott und Welt, der Entgöttlichung der Natur, der Fragmentierung des Ganzen im Dualismus von jenseitigem Gott und diesseitiger Welt, von dortigem Himmelreich und hiesigem Jammertal in Verbindung gebracht: also mit der Weltanschauung des Judentums.
Die Behauptung, das biblische Gebot des jüdischen Gottes an die Menschen: "Machet Euch die Erde untertan!", trage die Schuld an den Zivilisationskrisen jeder Art, tut ein übriges. Es ist zwar ein völliger Unsinn, weil die Bibel den Menschen nicht zur Vernutzung der Natur auffordert, sondern zum ehrfurchtsvollen Umgang mit der eben göttlichen, nicht menschlichen Schöpfung. Das hindert aber alle Ideologen der Ganzheit - ob christlich-antisemitisch, ob germanisch-nazistisch, ob "neurechts-europäisch-eigen", ob New Age-amerikanisch, nicht daran - eine angeblich falsche und schlechte jüdische Weltauffassung einer angeblich richtigen und guten indogermanischen gegenüberzustellen. Und überall in Faschismus oder New Age, wo dieser Feind-Mensch beschrieben wird, ist er das Schreckgespenst des Liberalisten und/oder des Sozialisten, des nur am materiellen Interessierten, der alles rücksichtslos wegrafft, auch um den Preis der Selbst- und Weltzerstörung. Es mag erstaunen, besser erschrecken: Dieses Menschenbild des Feindes ist die Fratze des Geld scheffelnden Juden aus der nazistischen Karikatur. Sie und meist nur sie wird im New Age wie im Faschismus als die Ausgeburt des Bösen angeführt. Man erkennt diese Feindesfratze immer noch in der "neurechten" und auch in der New Age-Literatur, obwohl sich die Ideologen von Hunke bis Benoist, von Mynarek bis Capra, erst recht der unbelehrte, als Jude verfolgte Erich Fromm, nach Auschwitz nicht mehr der Redewendungen Lagardes, Chamberlains oder Kriecks bedienen.
Zudem zeigt sich im New Age die Tendenz, einen neuen Rassismus aufzumachen, wie z. B. bei Mynarek, der Religiösität als biologische Tatsache sieht. Er behauptet von seinem "öko-religiösen" Menschen, dieser habe den nächsten Schritt der Evolution bereits vollzogen, sei selbst "Sinn der Evolution", handele einzig im Einklang mit der Gott-Natur und somit kosmisch-ethisch, während derjenige, der auf der Evolutionsleiter angeblich eine Stufe darunter stehengeblieben sei, der "Irrläufer" sei, feindlich gegen die Gott-Natur und damit unethisch. Die Ausgrenzung, die hier geschieht, unterscheidet sich prinzipiell in nichts von der nazistischen Ausgrenzung als "Rassefremder", "Volksschädling" usw., als demjenigen, der aus dem als göttlich ausgegebenen Ganzen herausfällt, durch eigene Schuld oder durch Anderssein. Mit dem aber, der als Gottesschädling dingfest gemacht werden kann, gibt es keine Diskussion mehr über ein Richtig oder Falsch der "gottesschädlichen" Ansichten über den Umgang mit und die Organisation der Welt. Es gibt nur noch göttlich gerechtfertigte Vernichtung.
Vierte These:
Gemeinsam für den selbstvergöttlichten faustischen MenschenDer Organizismus hat neben der Einbindungsfunktion für die Massen, denen jede Subjektivität abgesprochen wird (zumindest aber diejenige "nach oben", der Einfluß auf die oberen Ebenen der Gesellschaft und auf diese als Ganzes), noch eine andere, vielleicht wichtigere, ideologische Funktion: die der ethischen Absicherung des Elite-Handelns im Heroischen Realismus. "Yin und Yang": Sich selbst zum Gott aufschwingen und gleichzeitig - besser: deshalb - dem Schicksal "tragisch" unterliegen, in Wahrheit: selbst niemandem verantwortliches Schicksal spielen zu wollen, extremstes Subjekt und extremstes Objekt zugleich sein und den harmonischen Zusammenfall von Beiden einsehen: Dies ist der Inhalt des Heroischen Realismus. Dieses Handeln will das bisher Menschenmögliche überschreiten, und zwar entgegen allem Irrglauben über den Romantizismus von völkischer Bewegung und New Age auch und vor allem durch die Technik. Das Überschreiten kann mit der hergebrachten "menschlichen" Ethik nicht gerechtfertigt werden. Die Herrschenden selbst, die ja nicht aus einer anderen Welt sind, sondern im christlichen abendländischen Denken und Fühlen aufwuchsen, brauchen zuallererst und für sich selbst eine neue "ethische" Einbindung ihrer Vorhaben, die von einer "abendländischen", also linken Ethik her nur verurteilt werden könnten.
Die Eliten des Spätkapitalismus, die sich siegreich zu einem neuen Hoch aufgeschwungen haben, und die nachgeordneten ausführenden Mittelschichten: Wissenschaftler, Techniker, Ärzte und Händler des Todes durch jedes denkbare Mittel, Ideologen, Politiker, Planer und Ausführer in der Verwaltung einer gegen die Massen, gegen Mensch und Natur überhaupt, gerichteten Gesellschaft, sie alle als handelnde Individuen brauchen einen "Sinn" für ihr ethisch verwerfliches Tun. Sinngebung und geistig-moralische Einbindung für die Täter, die im Sinne der Herrschenden Herrschaft praktisch ausüben, ist nötig. Das Subjekt ist dabei in seinem Handeln nicht mehr an die Vernunft gebunden - wie noch zu Beginn der klassischen deutschen Philosophie - sondern an Irrationales, an ein Göttliches. Das reicht weit über eine ideologische Rechtfertigung für den Komplex Auschwitz hinaus, ist vielmehr relevant für die zukünftige Technik und für zukünftige sozialpolitische Entscheidungen und in deren Folge: für zukünftige Profite.
Menschen, die "an Gottes Statt" (Hunke) handeln wollen, die dazu Naturwissenschaft und Spiritualität verknüpfen, die Naturreligiösität brauchen, um "in allem", was sie wollen, das Göttliche wiederzufinden, also auch im Bösen, und deshalb auch zum Bösen bereit sind: Das sind die "faustischen" Menschen, die sich selbst ihre "Ethik" je nach ihren Interessen und ihrem Nutzen zimmern. Der gemeinsame Stammvater von New Age und Faschismus, Johann Wolfgang Goethe, führte an diese Schwelle: Die Wette des Dr. Faustus mit dem Satan ist angesprochen, neuerdings in eine "göttliche" statt "mephistophelische" Faust-Interpretation gefaßt - pantheistisch sind Gott und Teufel ohnehin eins, wie wir sahen - und auf den Bereich des Sozialen, der Gesellschaftsstruktur ausgedehnt.
Ernst Krieck kritisiert Goethe 1942 in der Zeitschrift "Volk im Werden", er führe im "Wilhelm Meister" und im ersten "Faust" "beidemal nur an die Schwelle der neuen Welt hin und hütet sich streng, deren Planung fest durchzuzeichnen." Goethe führt hier die Einheit in der Vielheit von Gott und Teufel vor, ohne sich für sie zu entscheiden. Er entwerfe zwar in den Figuren der Makarie und des Faust die "Gottwerdung des Menschen ... als ideologisches Leitbild", meint Krieck, zeige dann jedoch "einen Zug von Wirklichkeitsfeindschaft", "eine Flucht" in die "Entsagung", Flucht vor der Selbstvergöttlichung wegen ihrer furchtbaren Konsequenzen. Es fehle Goethe letztlich an der notwendigen "Überwindung", er schrecke dann doch vor dem Faustischen zurück. "Immerhin", so Krieck, sei im "Faust II" "gegenüber dem 'Wilhelm Meister'" in der Frage der Entsagung von der Praxis "eines gewonnen: die neue Welt, Fausts eigene Welt, ist der Natur abgerungen, dem Meer abgekämpft, selbst geschaffen und erworben dieser Boden. ... Da ist nicht mehr bloß Flucht in Niemandsland, Nirgendsland, sondern erlösende Tat, beinahe schon nationalpolitische Tat. ... Faust wird als Lehensmann des Kaisers zum Pionier, zum kämpfenden und mehrenden Kolonisten. Volk und Reich bleiben zwar im Hintergrund. Was Faust vollbringt, ist indessen Expansion, positive Mehrung: Zeichen höchster Lebenskraft. So treibt ein großes Lebenswerk zuletzt doch wieder dem positiv Politischen und Geschichtlichen entgegen: die Entsagenden werden erlöst durch die schöpferische Tat."
1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, ist die öffentliche Interpretation der "schöpferischen Tat" erst einmal auf Landnahme, Rohstoffnahme, Zwangsarbeiternahme gerichtet. Im angebrochenen "neuen Weltalter" (Metzger) des Faschismus soll der gezüchtete "neue Mensch" der Heere von genetisch zu "Untermenschen" erniedrigten Arbeitsameisen und -bienen befehligen. 1942 sind die furchtbaren Konsequenzen im mephitischen Komplex Auschwitz bereits praktisch. Doch die "schöpferische Tat" des Gott gewordenen "Ariers", der in die gegebene Schöpfung eingreifen will, hat bereits eine weitere Qualität. Zu dieser Zeit arbeitet Werner Heisenberg an der Atombombe für das nazi-deutsche Kapital, auch dies eine faustische "schöpferische Tat". Schon in seinem Buch "Leben" von 1938 hatte Krieck "Goethes Fehler" der "tiefen Abneigung gegen alles Technische" kritisiert. Er hatte - gegen die weltflüchtige Interpretation der faustischen Naturmystik, statt dessen voluntaristisch auf das Handeln hin gerichtet - geschrieben: "Dagegen sehen schon die deutschen 'Mystiker' Eckhart und J. Böhme: die Schau soll ihnen den Willen gebären, sonst wäre alles ein Nichts." (307)
Das Zurückschrecken Goethes vor dem Faustischen als dem Teuflischen kritisiert auch der völkisch-religiöse Erich Ludendorff in seiner Schrift "Durch Paulus von Gudrun zum Gretchen" als etwas Weibisch-Jüdisch-Christliches, jedenfalls Ungermanisches. Der Jude Paulus, so kann man eine Quintessenz aus den Schriften von Erich und Mathilde Ludendorff ziehen, hat den jüdischen Glauben von der Sündhaftigkeit des Menschen ins Christentum eingeschleppt. Mit Hilfe der christlichen Missionare sei die Germanin Gudrun von dem Sündenglauben psychisch derart fertig gemacht worden, daß sie als christliches Gretchen dem germanisch-pantheistischen Faust nur ein jämmerliches, passives "Heinrich, mir graut vor Dir" entgegenwinseln kann, statt mit ihm germanisch-froh, heilserwartend, affirmativ, heroisch-realistisch ins neue Zeitalter überzugehen. Gretchen und Faust verdeutlichen die Ambivalenz Goethes. Dem Gretchen der christlichen Ethik graut vor dem Faust des "arischen" Pantheismus. Goethe mag sich nicht auf eine der Seiten schlagen, die er beschreibt. Sigrid Hunke spricht Jahrzehnte später, aber inhaltlich gleich zu Ludendorff, von der "psychischen Vergewaltigung" des vorher "freien Sachsen", der durch die Christianisierung zum "weinenden Knecht" geworden sei: Er habe seine von kosmischer Religiösität beaufsichtigte "Freiheit" des Schicksals, des Heroischen Realismus - frei von Ethik je nach dem Verlangen des All-Gottes bereit zur guten wie zur bösen Tat zu sein - an den Sünden- und Gnadenglauben des Judaochristentums verloren, der von ihm zuallererst die Unterlassung des Bösen verlange. Auch Erich Fromm vertritt diese Gegnerschaft zur Sündhaftigkeit des Menschen, und meint, dieser solle sich das, was er haben wolle, auch gegen den Willen und die Gebote eines jüdisch-christlich-griechischen Gottes herausnehmen können. Bei den faschistischen Ideologen zeigt sich das Verlangen des ganzheitlichen All-Gottes in den "Erfordernissen" der Unter-Gestalten Rasse, Nation, Volk, Familie. Entsprechend sind die "schöpferischen Taten". Denkwürdigerweise sind die Gestalt-Erfordernisse identisch mit den "Erfordernissen" des Kapitals. (308)
Einer der universitären Lehrer von Sigrid Hunke, der Goethe-Exeget und Organizist Eduard Spranger - ein herausragender Ideologe der deutschen Konservativen Revolution und 1945 kurzzeitig kommissarischer Rektor der Berliner Humboldt-Universität - hält sich nicht mit einer spitzfindigen Kritik an Goethe auf, sondern geht geradewegs zu einer rein faustischen Goethe-Interpretation über. In der bereits zitierten Sammlung seiner Goethe-Reden, die er vor allem in den dreißiger und vierziger Jahren gehalten hatte, preist er den Heroischen Realismus des "Dichterfürsten". Vor allem der Vortrag "Goethes Weltanschauung" aus dem "Goethe-Festjahr" 1932 ist ergiebig: Der "'faustische Drang' treibt die Helden der Tat ... Überall will der Mensch mehr als bloß gebundener Mensch sein. Mag es ihm gelingen oder auch nicht: der Stachel zum Unbegrenzten ist in seiner Brust." Es ist dieselbe Brust des "Ariers", in der Meister Eckhart das Göttliche findet. Spranger zitiert den Faust: "... dieser Erdenkreis / Gewährt noch Raum zu großen Taten. / Erstaunenswürdiges soll geraten, / Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß." "Die älteste Hoffnung dieses faustischen Geistes" sei es, "sich durch Magie unmittelbar in das Zentrum der Natur versetzen, mit ihr sympathisierend eins werden zu können" und hieraus die Kraft zur übermenschlichen Tat zu ziehen. Spranger benutzt 1932 die Begriffe der Konservativen Revolution: "Will der Übermensch den Sinn des Universums und des Menschentums ganz ausschöpfen, so bleibt an Stelle der Magie nur ein heroischer Realismus: der Weg durch das voll gelebte Leben und seine Gehalte. Im Lebenskampf entfaltet sich selbst des Lebens Deutung." Goethes Lebensgefühl sei das "plus ultra".
Parallelen zu den vulgären Erscheinungen des New Age werden sichtbar, wenn Spranger hier von der "sternengleichen Abkunft" des Menschen bei Goethe spricht und aus einem seiner Texte herausliest: "Der Anstieg zu höheren und höchsten Sphären ist dem Menschen nicht versagt. ... Es ist der Schritt ins Transzendente." Dieser Schritt soll den Eliten vorbehalten bleiben: "Aber dies Empordringen ... gelingt nur dem, der die letzten Weihen empfangen hat." (309)
Während der Faschismus - auch in der reformierten Form der "Neuen Rechten" - Goethe Ambivalenz vorwirft bzw. Goethes Ambivalenz verschweigt und coram publico so tut, als sei der faustische Ausgang der von Goethe gewollte, ist das New Age eher selbst von Ambivalenz im Bezug auf das Faustische geprägt. So distanziert sich Bahro in der "Logik der Rettung" ausdrücklich von allem Faustischen: "Die Logik der Rettung (fängt) damit an, daß wir bereit sind, alles loszulassen, auch unsere Schätze, vor allem das Geldmachen und die Wissenschaft, die allem zugrunde liegen, aber auch diese bestimmte Art von verteilungskämpferischer Demokratie, die ebenfalls eine Phase der Schlinge um unseren Hals ist. Und die Logik der Rettung endet damit, daß wir unseren höchsten Schatz preisgeben, den Doktor Faustus in uns, ... der jeden Tag bereit ist, den Teufelspakt zu erneuern." Andererseits stützt sich Bahro in demselben Buch auf die extrem faustische Sigrid Hunke, deren großes Vorbild zur Gesellschaftsgestaltung der ehemalige SS-Mann und ehemalige Chef des Arbeitgeberverbandes Hanns Martin Schleyer ist. Er stimmt auch dem Prediger der Selbstvergöttlichung Meister Eckhart zu, dessen mittelalterliche "Deutsche Predigten" geradewegs zum neuzeitlichen Heroischen Realismus führen.
Auch bei Capra finden wir diese Ambivalenz. Einerseits entspricht sein Konzept der "Selbst-Transzendenz" genau dem, was Spranger bei Goethe herausliest. Der Übermensch erkennt das Göttliche - bei Capra die "Selbstorganisationskräfte" - in sich und macht es sich nutzbar, er beginnt, die Schöpfung "neu" zu organisieren nach seinem Nutzen. Auch bekennt sich Capra selbst zu Goethe und zitiert dieselbe Stelle ("Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken"), die Spranger heranzieht, um den faustischen Übermenschen zu begründen. Die Interpretation dieser Stelle ist aber eben nicht eine dialektisch-materialistische im Sinne des Aneignungskonzepts durch Handeln in Verbindung mit den Evolutionsgesetzen nach Darwin, sondern eine spirituelle, wie sie im Faschismus und New Age überall üblich ist. Sie sieht im All-Göttlichen das Verbindende zwischen "Sonne" und "sonnenhaftem Auge", so wie Carl Friedrich von Weizsäcker die Einheit von Subjekt und Objekt pantheistisch-quantenphilosophisch herstellen will. Die Konsequenz der Einführung des All-Göttlichen ist die Haltung des Selbst-Schöpfer-Seins bzw. Neuschöpfer-Seins gegenüber der Natur. Dagegen fordert die dialektisch-materialistische Interpretation zu einem rücksichtsvollen - trotzdem nicht etwa nur verehrend-passiven, sondern durch Arbeit gestaltend-aktiven - Umgang mit der vorgefundenen Natur auf, weil eben die generelle Möglichkeit zur Aneignung - die vom Subjekt wie vom Objekt her an die jeweils vorgefundene Natur gebunden ist - nicht durch die selbstgöttliche, unbeschränkte Tat des Neuschöpfens der Natur zerstört werden darf.
Capra bekennt sich auch sogleich zu Jakob Böhme, den uns Chamberlain als "vorfaustischen" Stifter des "Gut/Böse-Yin/Yang" vorstellte. Andererseits stellt sich Capra auf die Seite der zivilisationskritischen Ökologie-Bewegung, die teilweise nicht einmal mehr den menschlichen Umgang mit der Welt - zu schweigen vom selbstvergöttlichten - zulassen will. Mynarek führt uns in einer ähnlichen Springprozession hin und her. Er will den "öko-religiösen" Menschen als biologischen Übermenschen ausrufen, der aus Eigengöttlichkeit die Evolution fortzuführen habe und bezieht sich dabei auf Spranger, Teilhard de Chardin und andere Ideologen des "Faustischen", selbstverständlich auch auf Hunke. Gleichzeitig wendet er sich jedoch gegen "die absolute Herrschaft der Technik im Verein mit den wirtschaftlichen Großkonzernen", "das gefräßige Wesen der Großtechnik im Dienst internationaler Konzerne", "die den Interessen und Rechten der Natur absolut zuwiderlaufen." Auch Erich Fromm verfährt nach diesem Muster, wenn er einerseits positiv auf Meister Eckharts Selbstvergöttlichung des Menschen abhebt und zugleich unter der Überschrift "Das Ende einer Illusion" kritisiert: "Wir waren im Begriff, Götter zu werden, mächtige Wesen, die eine zweite Welt erschaffen konnten." Allerdings begreift Fromm schon nicht die Rolle des Faust, wenn er schreibt, dieser verkörpere den Konflikt des "Haben und Sein", wobei Mephistopheles die Haben-Seite zukomme. Schließlich schlägt sich auch Fromm auf die Seite des Heroischen Realismus, wenn er den "Helden" - denjenigen, der zur Gefahr und zum Risiko bereit ist und auch dazu, "zu verlassen, was er hat - sein Land, seine Familie, sein Eigentum, ... ohne sich von den Risiken und Gefahren abschrecken zu lassen" - als den Vertreter der richtigen Lebensweise des Seins darstellt. Dieser "Held" Fromms ist der Faust der Eroberung, der "schöpferischen Tat", bei Krieck. Bereits Alfred Rosenberg hatte im "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" Eckharts Mystik als Mittel zur Tat ausgegeben, um hierauf den faschistischen Helden aufzubauen. Es ist eben falsch, wenn Erwin Haberer in "christlicher Auseinandersetzung" mit dem New Age - in Wahrheit biedert er sich an - schreibt: "Die Entmythisierung der Natur schuf erst die Voraussetzungen für die Entwicklung einer Technik, die sich eben diese Natur untertan machte." Er ist der Propaganda der pantheistischen Organizisten aufgesessen und glaubt sie blind, statt sie zu hinterfragen. In Wahrheit ist es der Mythos von der Göttlichkeit und Ganzheit der Natur, der die Technik des Menschen zu einer faustischen Technik der Gott-Natur machen will. (310)
Sicher, mancher New Age-Ideologe redet tatsächlich nur wirr und uninformiert daher. Sicher, es gab und gibt in der kleinbürgerlichen romantizistischen Zivilisationskritik durchgängig die beschriebene Ambivalenz, auch schon in der völkischen Bewegung als der schließlichen Massenbasis des faustisch modernisierenden Faschismus. Sicher ist hier auch einiges an "ökologischer Demagogie" zu konstatieren, die bewußt über die wahren Beweggründe täuschen will. Doch dieses interne "Yin und Yang" scheint auch auf dem mangelhaften Durchdenken des Organizismus durch seine eigenen Vertreter zu beruhen, vor allem durch seine massenhaften Anhänger. Auch dies finden wir bereits bei Lagarde und der völkischen Bewegung, die sich mit ihren "deutschgläubigen" Sekten der "Arier"-Vergöttlichung zwar zu den Herren der Welt aufschwingen wollten, aber das einzige Mittel zu dieser Weltherrschaft - die ethisch ungebundene faustische Technik - zum Teil vehement bekämpften. Der ökologische Schleier, hinter dem die faustische Konsequenz damals wie heute bisweilen verschwindet, ist den Herrschenden gefällig, unabhängig davon, ob es Lagarde oder Langbehn, Bahro oder Mynarek so mögen. Das Kapital hat sich mit der faustischen Selbstvergöttlichung des "Ariers" durch den Faschismus bereits einmal alle Zukunft versprochen, und es mag vielleicht nur am noch ungenügenden Faustischen, dem Fehlen der Atombombe, gelegen haben, daß es damals nicht reichte (bzw. für das konkurrierende Kapital reichte). Doch findet sich heute auch im scheinbar "sanften" New Age - so, wie es Krieck im "Faust II" sieht - letztlich doch die faustische Klarheit: die Erlösung des "weinenden Knechts" durch die schöpferische Tat, wenn auch auf Umwegen, nicht ganz so deutlich ausgesprochen, denn es muß ja Rücksicht genommen werden auf die Klientel der "neuen sozialen Bewegungen". Auch die eigene Verwicklung von New Age-Ideologen in das Faustische zeigt dies.
Selbst Schöpfer sein
Jan Smuts ist ein passendes Beispiel, auch deshalb, weil er selbst als Politiker der Apartheid einschlägig tätig war. Smuts versucht in seinem Buch "Die holistische Welt", die Tatsache des evolutionären Fortschritts mit dem Gottmenschentum zum Selbstschöpfersein zusammenzubringen. Das abstrakte Konzept der "schöpferischen Evolution", des ständigen Über-sich-Hinauswachsens, bekommt einen faustischen Inhalt, wenn der selbstvergöttlichte Mensch diese Evolution in die Hand bekommt. Diese Hand ist allerdings nicht frei in ihrem Tun und unterliegt auch nicht Mehrheitsentscheidungen, deshalb ist sie nur von Ethik frei. Sie wird vielmehr durch die vermeintliche, behauptete und ihrem Wesen nach weder hinterfragbare noch kritisierbare All-Göttlichkeit gelenkt, ist in Wahrheit also von nichts weiter als von der Willkür der Herrschenden bestimmt. Das "Tragische" des Heroischen Realismus ist das Wesen dieser "schöpferischen Evolution" des Holismus: Sie - als Abstraktum - ist Subjekt und Objekt zugleich, sie ist das Aktiv in der Entwicklung und das Passiv in dem, was entwickelt wird, und dieser "Yin und Yang"-Prozeß verläuft nach Gesetzen, die als göttlich ausgegeben werden. Smuts aber bleibt nicht beim Abstraktum, er will den Menschen als "schöpferische(n) Faktor in der Wirklichkeit als einem Ganzen." Nachdem nun dieser Mensch (in Wahrheit ist der Experte, Erleuchtete, die Elite gemeint, und bei Smuts selbstverständlich nur die der weißen Rasse) als bisherige Spitze der Evolution, als die sie nunmehr treibende Kraft hinzugetreten ist, hat das Abstraktum der "schöpferischen Evolution" sehr konkrete Züge bekommen: In einer als Gestalt-Gefüge aufgebauten organizistischen Gesellschaft sind es die faktischen Entscheidungsträger, die die Richtung angeben. Und in einer solchen konkreten Gesellschaft ist es dann auch nicht die abstrakte Evolution, die auf sich selbst einwirkt als "Yin und Yang" von Subjekt und Objekt, sondern es sind Herrschende, die auf Beherrschte einwirken, Herrschende, die vorgeben, mit ihren Entscheidungen den "Willen" der Evolution zu vollziehen.
In dieser Weise konzipiert auch Mynarek seinen "ökoreligiösen" Gottesstaat, in dem die "ökoreligiösen" Menschen als biologische, spirituelle und politische Spitze der göttlichen Evolution diese weitertreiben. "Der holistische Befehl", schreibt Smuts als Quintessenz seines Buches, "der gleich einer lebenden Quelle aus den tiefsten Tiefen des Universums aufsteigt, ist der Bürge dafür, daß wir kein Mißlingen zu erwarten haben" bei dem, was der selbstgöttlich selbstschöpfende Weiße tut. Smuts als einer der Väter des New Age vertritt das Konzept eines völlig ungebremsten und als natürlich ausgegebenen Fortschritts: "Holistisches Wirken läuft deshalb notwendig in wirklichen Fortschritt und schöpferische Evolution aus." Dies steht im frontalen Gegensatz zu dem, was die New Ager jeder Ausrichtung anzustreben vorgeben. Indem die Entscheidungen darüber, wie diese menschlich getriebene Evolution aussehen soll, im Holismus an etwas Außermenschliches, an eine übernatürliche Wesenheit, das Transzendente usw., gebunden wird, das nur einer kleinen menschlichen Elite auf nichtrationalem, d. h. nicht intersubjektiv nachprüfbarem Wege zugänglich ist, werden diese der Verfügung der Massen entzogen. Mit viel neuem naturreligiös-pantheistischem und kosmischem Tamtam wurde einfach nur das alte Verfahren, die um die Erfüllung ihrer Interessen kämpfenden Menschen mit dem Hinweis auf einen entgegenstehenden Gotteswillen zu entwaffnen, wiederverwendet. Das ist schon der ganze Inhalt des New Age. (311)
In dem 1990 erschienenen Buch "Neue Wege - neue Ziele. Denkanstöße und Orientierungshilfen in einer Wendezeit", in dem neben Capra auch Gorbatschow, Oskar Lafontaine, Hans Peter Dürr, der Dominikaner David Steindl-Rast, der Dalai-Lama und Monika Griefahn schreiben, berichtet der auch im New Age gern gesehene Robert Jungk über die "Zukunftswerkstätten" unter der Überschrift "Selber Schöpfer sein". (312) "Die in Zukunftswerkstätten entfachte Entdeckerfreude macht die Teilnehmer ohne Drogen oder andere Stimulantia regelrecht 'high'", schreibt Jungk da. Allerdings bleibt die "Zukunft" nur "Vision" und "Ausnahmezustand", die Teilnehmer der Zukunftswerkstätten dürfen vom besseren Leben eben doch nur träumen. Und damit kein Mißverständnis aufkommt, gibt Jungk das Ziel an: "Eine gewaltige 'schöpferische Aufwallung' ..., die alle Lebensbereiche weltweit erfassen müßte, ist nach Ansicht des englischen Physikers und Philosophen David Bohm eine unentbehrliche Voraussetzung jedes Versuchs, unsere vom Scheitern bedrohte Zivilisation noch zu retten." Was der Organizist Bohm vertritt, sahen wir oben. Jungk geht es ausdrücklich um "soziale Erfindungen" und er hebt ab auf die "von David Bohm erhoffte große gesellschaftliche Rettungsbewegung", die wir eher befürchten. Jungk tauchte bereits in den siebziger Jahren im Umfeld des heidnisch-naturreligiösen Alt- und Neonazi Werner Georg Haverbeck auf. In Haverbecks Tagungshaus "Collegium Humanum", das z. B. im "New Age Buch" von Daniel Sillescu angepriesen wird, tagte auch Ende 1990 wieder der Kreis um Sigrid Hunke, der sich inzwischen "Arbeitskreis Europas eigene Religion" nennt.Haverbeck, der 1982 das rassistische, ausländerfeindliche "Heidelberger Manifest" unterzeichnete, veröffentlichte 1978 das Buch "Die andere Schöpfung. Technik ein Schicksal von Mensch und Erde", das sich oberflächlich ökologisch gibt, aber den faustischen Menschen zum Inhalt hat. Nicht nur Mynarek bezieht sich auf diese Schrift in seiner "Ökologischen Religion" und lobt die "treffenden Ausführungen von W. G. Haverbeck". Auch Robert Jungk - der Jahre später Bahros "Logik der Rettung" so zutreffend als gefährlich für die Demokratie einstufte - hängt an Haverbeck, diesem ehemaligen hohen NSDAP- und "Kraft durch Freude"-Funktionär, der sich selbst als Schüler des SS-"Ahnenerbe"-Gründers Hermann Wirth sieht und der 1984 in seinem Tagungshaus unter dem Deckmantel eines Seminars über "Naturreligionen" das "Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers" des Neonazi und New Age-Sympathisanten Michael Kühnen tagen ließ, der den Kühnen-Vertrauten, FAP- und späteren REP-Funktionär Michael Krämer in der Geschäftsleitung des "Collegium Humanum" beschäftigte und heute offen der Auschwitz-Lügner-Szene angehört. (313)
Jungk sagt in seinem Vorspruch zu Haverbecks Buch: "Das Werk von Werner Georg Haverbeck hat mich angeregt zu neuen Einsichten und zur Auseinandersetzung. Daß der Autor sich über die notwendige Kritik hinaus bemüht, eine positive Veränderung der Technik geistig einzuleiten, erscheint mir besonders wichtig. Er gehört damit zu den geistigen Vätern einer Wende, die herbeizuführen mit jedem Tag dringender wird." In Wahrheit entwickelt Haverbeck in diesem Buch unter ungeniertem Bezug auf einschlägige deutsche Literatur der Nazi-Zeit, auf Arnold Toynbee und auf Oswald Spenglers angebliche "Entdeckung der Evolution in der Geschichte" das Weltbild des sich selbst vergöttlichenden mystisch-organisch-technischen Menschen, des Übermenschen, den er "Großmensch" nennt. Von "Bevölkerungsflut" ist hier die Rede, die die Erde unterwerfe und zu ihrer Ausplünderung und Vergiftung führe - die Menschen in der "Dritten Welt" sind da wohl schuld. Die Technik habe ein "Doppelantlitz": "Der faustische Pakt mit dem Tod ist Voraussetzung für technisches Handeln." "Polarität" sei nun mal "Lebensgesetz" und müsse deshalb ausgehalten werden, Yin und Yang, Gut und Böse, Leben und Tod. Nach seinem Bezug auf Goethe, Steiner, Teilhard, Saint-Exupéry und Heisenberg, auf das innere Reich als den "Weg nach innen", auf "die alten Inder" und ihr unvermeidliches, in der organizistischen Literatur allgegenwärtiges "tat wam asi", auf den konservativen Revolutionär und "Übermensch"-Ideologen Leopold Ziegler, kommt Haverbeck am Ende des Buches zu dem Schluß: "Die Menschwerdung der Erde als das Ziel der Technik tritt heute in ihre volle Erscheinung. Eine größere Bedeutung kann der Technik wohl kaum zugesprochen werden. Doch der Mensch hebt sich, wenn er wahrhaft zum Meister der Materie wird, zugleich über diese hinaus. Seine Technisierung kann wie ein Weg erscheinen, der ihn zu seiner eigentlichen Bestimmung führt. Der Weg ist belanglos angesichts des erreichten Zieles." Das Ziel ist die Stellung des Menschen über dem Göttlichen, wie bei Hunke. Haverbeck postuliert "die Abhängigkeit der Natur vom Menschen" im "Lebewesen" Erde - Gaia. "Die Natur erfährt eine Weiterführung, die sie ohne den Menschen nicht erfahren würde", ein Satz, der seine Plattheit dadurch verliert, daß diese Natur das Göttliche sein soll. (314)
Die Verbindung von Technik und religiöser Naturmystik ist bei Haverbeck wie bei Mynarek identisch: "Im menschlichen Bewußtsein erkennt die Natur sich selbst", so Haverbeck, "im Menschen bringt die Natur sich selbst zur Sprache", so plagiiert Mynarek. Technik gehört auch beim letzteren dazu: "Der (öko-religiöse, P. K.) Mensch erfüllt nun die Aufgabe, die ihm die 'sich mit ihm forttreibende' Natur gestellt hat, u. a. dadurch, daß er ihre Werte (die ... ästhetischen, sozialen, logisch-mathematischen, biotechnischen usw. Wertaspekte) ins Bewußtsein hebt und zur Sprache bringt." Hunke entwickelt ihr identisches Technik-Verständnis in ihrem Buch "Vom Untergang des Abendlandes zum Aufgang Europas" in direktem Bezug auf dieses Haverbeck-Buch und schließt daran ihre "europäisch eigene Religion" an, in der der Mensch durch die Technik "Verantwortung 'für' Gott" übernimmt: "Gott aus dem Jenseits heimholen - auf daß er im Menschen groß werde." "Selbstwerdung und Selbstüberschreitung" predigt sie hier, will den Nordeuropäer "vom Sünder zum Mitarbeiter Gottes" aufsteigen sehen. Der Kampf gegen das jüdische Alte Testament mit seiner Lehre von der Gleichheit der Menschen und vom Sündenfall hat in der angestrebten "Selbstüberschreitung" des Nordeuropäers seinen Grund: "Daß ihr wie Gott werdet" hatte die Schlange im biblischen Mythos versprochen, und genau dieser Griff nach der Gottgleichheit in Allmacht und Allwissen ist es, der hier als das Böse schlechthin, als die Erbsünde der Menschheit gilt. Wenn größenwahnsinnige, von pathologischen Allmachtsphantasien geprägte "arische" Herrenmenschen antijudaistisch-antisemitisch sind, dann deshalb, weil das jüdisch-christliche Geisteserbe ihnen, die über die Natur, die nicht-"nordischen" Menschen und schließlich sogar über Gott herrschen wollen, ihre angebliche Gottgleichheit bestreitet. (315)
Daß sich in einem solchen Umfeld auch Robert Jungk bewegt, ist keineswegs so erstaunlich, wie es scheinen mag. Der eng mit Capras Elmwood-Institut verbundene Jungk, der auch mit Jakob von Uexkülls "Alternativem Nobelpreis" 1986 ausgezeichnet wurde, gab in den sechziger Jahren eine Buchreihe "Modelle für eine neue Welt" heraus, in denen die "Neue Rechte" bereits für die deutschen und US-Kapitalinteressen, aber noch ohne den "arischen" weltanschaulichen Hintergrund des New Age bzw. der euro-völkischen Religiösität auftritt. Die Reihe ist eine Fundgrube für unsere These von der Entwicklung der "neurechten" Ideologie in den Denkfabriken des Kapitals. Sie ist offenbar teilweise auch eine Antwort auf den liberalistischen Kennedy-New Deal der sechziger Jahre und die damaligen gesellschaftlichen Kämpfe zur Gleichstellung der Schwarzen. Hierin paßt sie zu der Beobachtung Formans über den wachsenden Einfluß lebensphilosophischer Strömungen in den USA der damaligen Zeit. In der Buchreihe erschienen biologistische Artikel über die Ungleichheit der Menschen und ihr "wertvolles" oder wertloses Erbgut und entsprechende "positive Eugenik", die es dem Menschen erlauben soll, "Herr seines Schicksals" zu werden. (316)
Hier darf der Jakob von Uexküll-Sohn und Jakob von Uexküll-Vater Gösta von Uexküll elitär lamentieren: "Die Urteilskraft der Massen steht aber in keinem Verhältnis zu ihrer Macht. Nicht einmal zur Auswahl der geeigneten Führer, geschweige denn zur Selbstregierung reicht diese Urteilskraft ... Die Staatsgewalt geht von einem unreifen und unmündigen Volke aus." (317) Hier stellt auch ein ehemaliger Redakteur des "Handwörterbuchs des Grenz- und Auslanddeutschtums" der Jahre 1934-1939 Überlegungen zu "Zielen einer deutschen Raumplanung" an und führt den Kampf der völkischen Bewegung gegen die Einführung des römischen Rechts statt des germanischen Rechts am Ende des neunzehnten Jahrhunderts weiter, der sich damals gegen Freiheit, Gleichheit und Solidarität richtete. (318) Gleichzeitig preist hier derselbe Autor die "Wirtschaftskatastrophen, Hungersnöte, Kriege und große(n) Seuchen zwischen dem vierzehnten und der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts" als "Ausgleich zwischen Bevölkerung und überbeanspruchtem Lebensraum." Jahre später äußerten sich Konrad Lorenz ebenso über Aids oder Haverbeck im oben genannten Buch über die "Bevölkerungsflut". In der Jungk-Buchreihe der sechziger Jahre wird auch - sogar direkt bezahlt von der Pharmaindustrie - von selbstgöttlichen Genetikern der genetischen Veränderung des Menschen das Wort geredet. Es sind Wissenschaftler, die schließlich sogar die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen beseitigen wollen, weil dies gesellschaftliche Probleme verhindere. Auch die Züchtung subhumaner Arbeitssklaven als Kreuzung aus Affe und Mensch ist hier kein Tabu mehr. (319)
Die Autoren dieser Buchreihe sind überwiegend hochkarätige Elite-Menschen: Zum Beispiel Z. Brzezinski, damals Mitglied im Politischen Planungsausschuß des US-Außenministeriums, später Berater des US-Präsidenten; H. Donovan, Herausgeber der "Time"; E. R. Priore, Vizepräsident und "Chefwissenschaftler" von IBM; Professoren von Havard, Cambridge/Mass. und Yale, zahlreiche Nobelpreisträger; H. Becker, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung; der spätere Ökologie-begeisterte Regierungschef Hamburgs Klaus von Dohnanyi sowie ein leitender Redakteur der Zeitung "Die Welt" (in der Hunke später Kolumnen schrieb und in der mit Günther Deschner ein führender Vertreter der "Neuen Rechten" als Redakteur saß), ein Oberbürgermeister von Ulm, ein Kulturdezernent von Darmstadt usw.
Ohne Zweifel: Derartige Elite-Menschen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft brauchen eine Ideologie der Selbstvergöttlichung, für ihr Ego und für ihre Geschäfte. Nicht nur Robert Jungk weiß das. Die New Age-Stars Capra und Ferguson wollen das "Neue Zeitalter" vor allem mit Hilfe der Manager-Elite herbeiführen. Die faustische Ferguson meint, daß die Erkenntnis des Göttlichen im Innern Macht verleiht. Wölflingseder berichtet: "Bei seinem Vortrag im Auditorium Maximum der Wiener Universität am 15. Mai 1987 und im 'Club 2' am 17. Mai 1988 hob Capra die Veränderungsbereitschaft der Manager positiv hervor. Er stelle bei seinen Seminaren mit Topmanagern in Europa fest, daß diese immer mehr bereit sind, ganzheitlich zu denken. Capra meint, ganzheitliches Management ist mehr als ein Schlagwort." Wölflingseder arbeitet heraus, daß Capra als einzig legitime Agenten von Veränderung Naturwissenschaftler und Topmanager ansieht, Eliten eben. Schweidlenka berichtet von "spirituellen Wirtschaftskonferenzen", zu denen IBM, Rank Xerox, Philipps, Volvo oder Shell Angestellte entsandten. Ein IBM-Vertreter war auch nach einem Bericht der UFO-Zeitschrift "Magazin 2000" 1991 auf einem UFO-Kongreß. Die neue Liebe ist schon älter: Capras "Wendezeit" sei einer Umfrage der Zeitung "Welt am Sonntag" zufolge im Sommer 1983 das meist gelesene Urlaubsbuch der Spitzenmanager der Großkonzerne gewesen, berichtet Schweidlenka. Die eher konservative "Zeitschrift für Politik" brachte 1988 ein Schwerpunktheft zum Thema New Age. Gottfried Küenzlen schreibt hier, es ließen sich gemeinsame Ansichten und Merkmale des New Age nennen, "die sich quer durch die verschiedenen Tendenzen und Gruppen finden" und nennt u. a.: "Der Mensch als Teil des Göttlichen kann sich seines göttlich-kosmischen Ursprungs also auf dem Weg der Überwindung des Ichs versichern. Es gibt ein esoterisches Wissen, es gibt okkulte Praktiken, die dem Menschen seine Göttlichkeit erfahrbar machen. ... Wo ihm dies gelingt, wo er den Schein des subjektiven Ich abstreift, hat er, Teilhaber des Göttlichen, die Macht, die Realität um ihn her zu verändern und sich ihm verfügbar zu machen" - trotz allem vordergründigen Protest gegen das biblisch-jüdische "Macht Euch die Erde untertan". (320)
Der Heroische Realismus und die Verbindung von Technik und "Neuem Denken" werden bei etablierten New Agern fast ausschließlich von dem einen Heisenberg-Experiment abgeleitet, das zur Unbestimmbarkeits-Relation der Quantenphysik führte und das Capra, Weizsäcker oder Dürr dazu dient, den physikalischen Experimentator als eine Art Weltschöpfer auszugeben. "Auf fundamentaler Ebene ist das Unschärfeprinzip ein Maß für die Einheit und die innere Verbundenheit des Universums", meint Capra. Subjekt und Objekt fallen faustisch in eins, wenn es der Experimentator durch seinen Experimentalaufbau in der Hand hat, die Wirklichkeit der Atomteilchen einmal so und einmal anders zu finden und zugleich selbst Teil dieser Wirklichkeit ist. Die Ideologen der Quantenphysik beschränken nicht etwa ihre Weltanschauung, weil dies ein Zwischenergebnis des noch beschränkten Wissens sei, sondern ideologisieren das Heisenberg-Experiment, indem sie die Einheit von Subjekt und Objekt spiritualisieren.
Weizsäcker findet in der Quantentheorie "die Denkmittel für einen spiritualistischen Monismus", für einen Pantheismus, den er christlich belassen will, also letztlich als Pneumatismus, was für unsere Betrachtung aber irrelevant ist. Er führt zur Nichttrennbarkeit von Subjekt und Objekt in der Quantentheorie aus: "'Subjekt' und 'Objekt' - das ist wohl die klassische Unterscheidung von Geist und Natur. Subjekt, das ist hier der bewußt experimentierende Mensch; Objekt, das ist, was er so experimentierend in der Natur vorfindet." und er wendet sich vehement gegen die cartesianische Trennung von Geist und Natur im Dualismus von erkennender und erkannter Materie, wie es - ohne Quantenphysik - bereits Chamberlain tat. (321)
Chamberlain war ein glühender Anhänger des "Fortschritts" und der "Technik" (und keineswegs nur ihr irrationalistischer Gegner, der er in seiner antimechanistischen Kritik sicher auch war). Er begeisterte sich für die Naturforschung als angeblich typisch germanischer Wesensart, wollte sie jedoch für den technischen Fortschritt nutzen. Ein "Zurück zur Natur" lehnte er rundheraus ab und unterschied sich darin von vielen Zeitgenossen aus der völkischen und der Lebensreform-Bewegung. Die Technikbegeisterung hat Chamberlain mit anderen faschistischen Ideologen gemein, auch mit der heutigen "Neuen Rechten" und Teilen des New Age, denn Technikfeindlichkeit ist im Gegensatz zu einem verbreiteten Urteil keineswegs ein durchgängiger Wesenszug der Ideologen des Organizismus. Wenn die Technik als naturwüchsig erscheint, dann gilt sie durchaus als Teil des All-Göttlichen und ist akzeptiert. "Nur das sich selbst Gestaltende besitzt Gestalt", so interpretiert Uexküll in "Natur und Leben" Chamberlain faustisch. Dieser hatte bereits in den "Grundlagen" 1899 seine "religiöse Verehrung" für die Natur bekannt und den "Ariern" den göttlichen Platz zugewiesen: In der germanischen Religion "seid ihr selbst schaffende, gesetzgebende Natur", Religion sei "Tat der Gegenwart". "Die Religion soll erzeugen, Taten erzeugen", ist die Quintessenz am Ende seines "Kant"-Buches. Er fährt im Stile Ernst Jüngers oder Erich Fromms fort: "Jetzt wagt der Mensch. ... Er opfert sich für eine Idee, er geht freudestrahlend in den Tod; mit einem Worte, er gehorcht dem selbstgegebenen Gesetz", alles ist "seinem Willen untertan". Genau hiervor warnte der biblische Sündenfall-Mythos die übermütige Menschheit. Die Warnung war gleichnishaft geschrieben, zum Verständnis für eine analphabetische, größtenteils agrarisch lebende Bevölkerung, die dennoch bereits in der technischen Lage war, sich und die Natur zu ruinieren.
In "Natur und Leben" schreibt Chamberlain dann, der selbstvergöttlichte "arische" Übermensch sei "den gigantischen Verhältnissen" des Kosmos "gewachsen", da er ja allgöttlich sein Teil sei. Lukács arbeitet zwar - auch im Hinblick auf Chamberlain als Kantianer - dessen "arischen" Respiritualisierungs-Ansatz treffend heraus, jedoch noch ohne ausreichenden Bezug zu Technik und Modernisierung als Standbein des Faschismus oder gar zur "neueren Physik", um die Lukács einen Bogen macht. Dabei hätte er mindestens die Beziehungen des Futurismus zum italienischen Faschismus kennen können, die neueren Forschungen zum Nationalsozialismus als Ideologie des Modernisierungsschubs kannte er noch nicht. (322)
Die heutige "Neue Rechte" ist ebenso wie die Konservative Revolution der zwanziger Jahre fasziniert davon, das Naturmystisch-Göttliche mit der Technik zu verbinden, um so das Erdenmenschlichen hin zum Übermenschen zu verlassen, vom Faustischen also. Wir finden dies auch als zentralen Punkt im Denken von Oswald Spengler, von Martin Heidegger oder Ernst Jünger. Der im New Age wie im Neofaschismus gleichermaßen rezipierte Heidegger sah noch nach 1945 im frühen Nationalsozialismus ein politisches System, das mit der Technisierung der Welt hätte klar kommen können, im Gegensatz zur Demokratie. Von mehr oder weniger deutlich neuheidnisch-völkischen Positionen aus versuchten sie, den Heroischen Realismus (ein Begriff Jüngers) als spirituelle Schicksalseinheit von Subjekt und Objekt im Übermenschen zu begründen, der fähig und willig die Interessen der Herrschenden verfolgt. (323)
Armin Mohler, Nestor der Konservativen Revolution im Nachkriegsdeutschland, der als Leiter der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung frühzeitig die Bedeutung der neuheidnischen "Neuen Rechten" für das deutsch geführte EG-Kapital begriff, schwärmte 1991 in der "neurechten" Zeitschrift "Criticon" von der technizistischen Modernisierung Deutschlands durch die "zweite Generation des Nationalsozialismus: kühle Technokraten, welche die Aufgaben zu meistern suchten, die dieses Reich sich gestellt hatte." Ideologische und praktische Nachkommen des Doktor Faustus waren hier auf den Schultern der völkischen Bewegung und der Konservativen Revolution zur Macht gekommen. Sie setzten den neuheidnischen Organizismus in den führerstaatlichen Umstrukturierungen, der Sozialpolitik des Todes, den Materialschlachten des Zweiten Weltkriegs, den KZ-Außenlagern für die Großkonzerne, der Sklavenarbeit verschleppter "Fremdarbeiter" und selbstverständlich auch in den technischen Entwicklungen der - freiwillig und gezwungen - autarken Metall-, Elektro- und Chemieindustrie ein. "Und es waren dann nach dem Krieg die Überlebenden aus dieser Schicht", meint Mohler elitär und die Arbeit von Trümmerfrauen wie Fabrikarbeitern geringschätzend, "welche das deutsche Wirtschaftswunder schufen." Mohler findet es sehr wichtig, zu untersuchen, "wie es den Nationalsozialisten über sehr weite Strecken hinweg gelungen ist, bewahrende Tendenzen und modernisierende Tendenzen miteinander zu versöhnen" - er meint sicher die ideologische Versöhnung in den Köpfen der Eliten, denn die Loyalität der Massen wurde ja durch Terror erzwungen. (333)
Dies genau ist die Frage nach der Möglichkeit des Heroischen Realismus als handlungsleitende Konsequenz aus dem modernen, pantheistischen Organizismus. Mohler hat sie bereits 1950 in seinem Buch "Die Konservative Revolution in Deutschland" aufgeworfen und in dem Kapitel "Spaltung und Spannung" mit seinem "Bild von der Welt als Ganzem" beantwortet. "Das Bild der Welt, das die Grundrichtung der 'Konservativen Revolution' mitbestimmt, wird durch die bereits genannten Worte 'Einheit', 'Ganzheit' bezeichnet. Diese Worte wenden sich gegen die Aufspaltung der Welt in zwei Teile, wobei der eine gegenüber dem anderen geringer gewertet wird. Darin, daß sowohl das Christentum wie das Fortschrittsdenken (der materialistischen Weltanschauungen des Liberalismus und Sozialismus, P. K.) eine solche Aufspaltung vornehmen, zeigt sich wiederum ihre Verwandtschaft. Das katholische Christentum errichtet zwar mit dem Bau der Kirche als dem Leib Christi eine Art Verstrebung zwischen beiden Teilen. Im Grundsätzlichen ändert das aber nichts an der Zweiteilung und daran, daß im Christentum das 'Diesseits' zugunsten des 'Jenseits', welches erst der Ort der Erfüllung ist, entwertet wird. Das Fortschrittsdenken hingegen legt, als ungebärdiges Kind des Christentums, allen Wert auf das 'Diesseits'. ... Mit ihrer 'Einheit', ihrer 'Ganzheit' tritt nun die 'Konservative Revolution' mit dem Anspruch auf, außerhalb einer solchen Spaltung zu stehen. Wo jene 'mystischen' Einwirkungen auftreten, scheidet sie sie nicht aus (wie Christentum, Liberalismus und Sozialismus, P. K.), sondern bezieht sie als neu entdeckten Bestandteil der eigenen Welt ein. Oder, um es in den volkstümlichen räumlichen Bildern auszudrücken, die sich wegen ihrer Anschaulichkeit in fast allen Aussagen über die Welt als Ganzes finden: hört für den Fortschrittsgedanken in jener Höhe, wo für den Christen der 'überweltliche' Raum beginnt, die Welt auf, so geht sie dort für die 'Konservative Revolution' weiter (und für den Hightech-Konzern Siemens auch, P. K.). Aber es besteht für sie nirgends eine entscheidende Grenze und jeder Ort steht ihr unter dem gleichen Gesetz. Die einzige mögliche Scheidung ist für sie die in das Ganze und seine Teile. Eine solche Scheidung kann jedoch niemals eine Spaltung sein. ... Die 'Einheit', die 'Ganzheit' schließt jedoch die Gegensätze nicht aus, sie umfaßt sie nur in sich und läßt es nicht zur Spaltung kommen. Sie ist nicht spannungslos, sondern spaltungslos. Die oft verwischte Unterscheidung von Spannung (Polarität) und Spaltung (Dualismus) ist einer der Schlüssel zum Verständnis der 'Konservativen Revolution'". (334)
Mohlers Text von 1950 könnte in jedem New Age-Buch der achtziger Jahre stehen: Er beschreibt das "Yin und Yang", der Einheit in der - auch gegensätzlichen - Vielheit, die an Hunkes und Schleyers organizistische Gesellschaftskonzeption denken läßt. Hunke und Mohler sind beide Gallionsfiguren des "Thule-Seminars". In seinem "Criticon"-Artikel von 1991 nimmt Mohler die organizistische Gesellschaft, in der der "Zwiespalt" (Hunke) des Klassenkampfs "Yin/Yang"-zwangsvereinigt wird, wieder auf: Hier lobt er Hitler für die "Sozialisierung der Herzen" in der "Volksgemeinschaft".
Mohler geht aber hierüber hinaus, indem er unmittelbar an die Einheit der Gegensätze in der Konservativen Revolution das Kapitel "Der 'heroische Realismus'" als Relativierung von Ethik anschließt. Er erklärt diesen Begriff Ernst Jüngers, dessen Privatsekretär Mohler eine Zeitlang war, für "verpflichtend" als Bezeichnung des organizistischen "Yin und Yang". "Dem Christentum und dem Fortschrittsdenken ist ... gemeinsam, daß sie den Menschen sittlich radikal, sittlich absolut bewerten. ... Die 'Konservative Revolution' steht hier dadurch außerhalb, daß sie einer solchen radikalen Bewertung des Menschen nach 'gut' und 'böse' nicht zugänglich ist. Ihre Einstellung ist von vorne herein eine andere: es ist keine sittlich richtende, sondern eine alles Geschehen als sinnvoll hinnehmende Haltung." Diese Affirmation alles Seienden, das dem Menschen nur noch das sich sieghafte Bewähren in seinem Schicksal ermöglicht, wird in der religiösen Anbetung dieses ganzheitlichen Seienden noch gesteigert. Diese Anbetung finden wir in der Konservativen Revolution, vor allem aber im New Age und in den völkischen Sekten. Mohler, der breit auf die völkischen Sekten der zwanziger Jahre als Grundlage und Teil der Konservativen Revolution eingeht, will sich aber offenbar nicht selbst derart deutlich zum spirituellen Verständnis der Ganzheit bekennen. Statt dessen zitiert er Nietzsches "tragische Weltanschauung" des "Amor fati" (Liebe zum Schicksal) "als Liebe zur Welt wie sie ist, mit ihrem ewigen Wechsel von Geburt und Vernichtung." (335)
Dieser Begriff der "Liebe" kann jedoch ohne weiteres als ein neues Synonym des All-Göttlichen betrachtet werden, das genau in dieser Weise bereits von Eduard Spranger am Ende seines Artikels über "Goethes Weltanschauung" von 1932 verwendet wurde. "Liebe" steht bei Spranger für sein Verständnis der pantheistischen Gottesvorstellung. Die Beziehung des Ganzen zu sich selbst und seinen Teilen ist die selbstbejahende "Liebe". Mohler: "Warum eine solche Haltung für den heroischen Realismus mehr ist als bloßes dumpfes Sich-Abfinden mit dem Schicksal, warum sie die Tat nicht lähmt, wird deutlich, wenn Ernst Jünger von einem Menschenschlag als Träger dieser Haltung spricht, 'der sich mit Lust in die Luft zu sprengen vermag, und der in diesem Akte noch eine Bestätigung der Ordnung erblickt'". Dem entspricht z. B. der "Held" Erich Fromms, ob Fromm sich dessen bewußt war oder nicht. Es ist der faustische Mensch, der mit den Worten des Technikfanatikers Jünger "nicht nur Material sondern zugleich Träger des Schicksals" ist, zugleich Subjekt und Objekt im Sinne Weizsäckers, und dabei zur Tat willig. (Bezeichnenderweise hieß eine führende Zeitschrift der Konservativen Revolution "Die Tat", ihr Chef Hans Zehrer wurde später Herausgeber der Tageszeitung "Die Welt", die die konservativ-revolutionäre Tradition vielfältig weiterpflegte.) (336)
Mohler führt eine ganze Reihe von völkischen Sektenstiftern als Ideologen der Konservativen Revolution an, z. B. den Gründer der Deutschgläubigen Gemeinschaft und Direktor eines Elektrizitätswerkes (!) Sigfrid Otto Reuter, Hermann Wirth, den Hunke-Doktorvater Ludwig Ferdinand Clauß, Erich und Mathilde Ludendorff sowie mehrere Ideologen, die bei den "Deutschen Unitariern" zentral sind: Hans F. K. Günther, Gustav Frenssen, Ludwig Fahrenkrog, Hermann Mandel (den Schöpfer des Begriffs "Wirklichkeitsreligion" für die Vergöttlichung des Kosmos), Bernhard Kummer, Herbert Grabert, Friedrich Schöll und Wilhelm Hauer. Auch die Ideologen des "inneren Reiches" wie Lagarde und Langbehn fehlen nicht in Mohlers Aufzählung.
Einer der herausragenden völkisch-religiösen Ideologen der damaligen Zeit ist Wilhelm Hauer, der ursprünglich von der Anthroposophie Steiners herkam, in den zwanziger Jahren zur Jugendbewegung zählte und auf einer Indienreise dilettantische Sanskrit-Forschungen betrieb, wird heute im New Age als "Indologe" verehrt. Hauer spricht von einem "Schaffens- und Gestaltdrang ... im Geheiß strenger Gesetze und Ordnungen", von einer Orientierung zur Tat also, die aus "arischer" Religiösität wachse. Deutlich wird dies bereits im Titel eines seiner Bücher: "Eine indo-arische Metaphysik des Kampfes und der Tat - Die Bhagavadgita in neuer Sicht". (337)
Der ehemalige Siemens-Stiftung-Chef Mohler, der 1989 eine erweiterte Fassung seiner "Konservativen Revolution in Deutschland" herausbrachte, hat längst die Bedeutung der angeblich technikfeindlichen völkischen Religiösität für die damaligen und heutigen Ziele des Kapitals erkannt. Darin ist er sich einig mit dem langjährigen Präsidenten der "Deutschen Unitarier" und MBB/DASA-Topmanager Horst Prem. Dagegen hat die faschismuskritische Forschung und Publizistik jahrzehntelang an der verkürzenden und daher irreführenden Sicht von der völkischen Bewegung als Fluchtströmung aus der krisenhaften Wirklichkeit heraus festgehalten, weil sie die Bedeutung des Heroischen Realismus als Konsequenz des Organizismus nicht wahrnahm. Diese Kritik muß vor allem auch an Georg Lukács geübt werden, ohne seine Verdienste um die Irrationalismuskritik schmälern zu wollen. Ebenso verdienstvolle und einflußreiche Arbeiten wie die von Fritz Stern oder George Mosse über völkische Bewegung und Konservative Revolution als Vorläufer des Faschismus haben ebenso wie Lukács - jedoch aus bürgerlicher Sicht - Antimodernität und Kulturpessimismus in den Vordergrund gestellt. Noch heute wird diese Fehleinschätzung auch im Antifaschismus gepflegt, wo z. B. ein Religionswissenschaftler mit dem Pseudonym Herbert Wilhelm-Rotenburg in der antifaschistischen Zeitschrift "Der Rechte Rand" von "deutsche(n) Sehnsüchte(n) nach diesseitiger Erlösung aus der Gegenwart" und - wie wir gesehen haben, gänzlich falsch - von der "Diesseitsreligion" als "Enttranszendierung (!) zeitgenössischer Erlösungshoffnungen" der zwanziger Jahre schreibt. Wie auch bei den Überlegungen von Wölflingseder zum Zusammenhang zwischen Capras Ideologie und dem Faschismus, wird hier die wesentliche Komponente des pantheistischen Organizismus, das Faustische, ausgeblendet. Deshalb werden die völkisch-naturmystische Religiösität und die sie mit vertretende erste Öko- und "New Age"-Bewegung der zehner und zwanziger Jahre, die deutsche Jugend- und Lebensreformbewegung, wegen der sie begleitenden romantizistischen Zivilisationskritik einseitig und fälschlich als den Kapitalinteressen entgegenstehend beurteilt. Erst neuerdings hat die Diskussion um die Modernisierungstendenzen des Nationalsozialismus eingesetzt. Erst neuerdings auch zwingen die lange totgeschwiegenen Arbeiten von Reinhard Opitz und aus der "Bonner Initiative Gemeinsam gegen Neofaschismus" und ihrem Umfeld zur "Neuen Rechten" und Konservativen Revolution etablierte Rechtsextremismusforscher zu Reaktionen. Nun endlich ist mit einer Änderung im linken Spektrum zu rechnen. (338)
Totale Mobilmachung der Technik
Während das New Age sich aus verständlichen Gründen nicht offen auf faschistische Vordenker beziehen kann, obwohl heutige New Ager mit den Werken Chamberlains bereits gut bedient wären, haben Neofaschismus und New Age einen herausragenden Ideologen des zwanzigsten Jahrhunderts gemeinsam, auf den beide nicht verzichten wollen: Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955), gegen den der ebenfalls gemeinsam ausgeschlachtete Antoine de Saint-Exupéry weit abfällt. Capra findet, daß Teilhard "derjenige" sei, "dessen Gedanken denen der neuen Systembiologie am nächsten kommen. ... Sieht man Gott als universale Dynamik der Selbstorganisation, dann könnte Teilhards Gottesvorstellung, wenn man sie von ihren patriarchalen Begriffsinhalten befreit, unter den vielen Bildern, mit denen Mystiker das Göttliche beschrieben haben, den Vorstellungen der Modernen Naturwissenschaft am nächsten kommen." Hunke - die gegenwärtig herausragendste religiöse Ideologin des Neofaschismus, von der Alain de Benoist einen Großteil seiner Vorstellungen des "Heide Seins" übernimmt - widmet dem französischen Jesuiten Teilhard zig Seiten Lobeshymnen, mehr als manchem altbekannten deutschen Ahnen. Dabei hebt sie vor allem den Aspekt der Tat in Teilhards Arbeiten hervor, weil dies die Zielperspektive des faustischen Menschen, des Heroischen Realismus ist. Seine Einheit in der Vielheit sei vor allem ein "prozeßhaftes 'Vereinigen'" als Tat des Gottmenschen, Teilhard selbst sei "Vollzieher der Einheit", gehe daran, "das heillos Gespaltene wieder zu heilen, die Materie zu heiligen." Hunke zitiert Teilhards Forderung, sich als Christ vom "überholten Orientalismus" abzuwenden und die "christliche Mystik nach einem 'Pantheismus der Einigung' hin (zu) entwickeln." Es ist nicht abstrakt zu verstehen, sondern mit Sicht auf die Technik, auf die angewandte Naturwissenschaft, wenn Hunke Teilhard mit den Sätzen zitiert: "'Bade dich in der Materie, Menschensohn! Tauche in sie ein, dort wo sie am gewaltigsten und am tiefsten ist! Ringe in ihrem Strom und trinke ihre Flut! Sie hat ehedem dein Unbewußtes gewiegt. Sie wird dich bis zu Gott hintragen!'". Und weiter Hunke, dann Teilhard zitierend: "Denn tiefer als durch jede andere Art von Hingabe vereinigen wir uns mit Gott durch unser Tätigsein. 'Im Handeln schließe ich mich der Schöpferkraft Gottes an; ich falle mit ihr zusammen; ich werde nicht bloß ihr Instrument, sondern ihre lebendige Verlängerung. Und da es in einem Wesen nichts Innerlicheres gibt als seinen Willen, so werde ich auf gewisse Weise durch mein Herz mit dem Herzen Gottes eins'". Mehr noch: "'Er (Gott, P. K.) erwartet uns vielmehr jederzeit im Handeln, im Werk des Augenblicks. Er ist gewissermaßen an der Spitze meiner Feder, meiner Hacke, meines Pinsels, meiner Nadel'" - das Gewehr, den Totschläger, die Gaskammer erwähnt Teilhard hier klugerweise nicht, das wäre zu auffällig, auch Hunke verschweigt dies lieber.
Es ist, als läse man Chamberlain, der die Göttlichkeit des "Ariers" in dessen Willen und die Ethik in dessen Pflicht zur Tat aus diesem Willen heraus sah. Der Bezug auf das "Herz" findet sich schon beim mittelalterlichen "deutschen Mystiker" Eckhart. Hunke, die später in ihrem Buch das "Dunkel" und das "Zerstörerische" "heiligen" will, fährt fort, Teilhard interpretierend: "Indem ich mich in meinem Tun - in der niedrigsten Arbeit und um wieviel mehr in der großen schöpferischen Leistung - mit Gott verbinde, werde ich Mitwirker, Mitschöpfer Gottes. ... Denn alle (!) Betätigungen dieser Welt sind Dienst an der fortschreitenden Evolution und Vollendung des Kosmos nach vorn in Richtung auf Gott zu, vorerst auf den Endpunkt, den 'Punkt Omega'". Der "Punkt Omega" ist ein Ausdruck Teilhards, auf den er den "kosmischen Christus" projiziert, "der mit dem Jesus Christus des Christentums", so höhnt Hunke nun, "der vor 2000 Jahren in Palästina als Gottes Sohn wandelte und durch seinen Opfertod am Kreuz die sündige Menschheit erlöste, ebensowenig zu tun hat wie der in allem durchschimmernde Gott mit Jahwe." (339)
Günther Schiwy, der Biograph Teilhards, gibt in seinem Buch "Der kosmische Christus. Spuren Gottes ins neue Zeitalter" eine Erklärung von Teilhards "Kosmischem Christus" und "Punkt Omega"? Es ist ein Allüberall-Christus, der dem Äther-Konzept bei Chamberlain entspricht, eine Religion des "Panchristismus statt Pantheismus", wie Schiwy es nennt. Schiwy sieht nicht nur das ethische Problem, er spricht es auch aus, als Frage nach der Möglichkeit des Kosmischen Christus in den Tätern von Auschwitz: "So wehrt sich auch Christus in uns nicht gegen den Mißbrauch, den wir mit ihm treiben." Wie praktisch, daß diese Weltanschauung den Komplex Auschwitz ihrem "Christus" in die Schuhe schieben kann, und die Gentechnik und die Atombombe noch hinterher. Man kann sich vorstellen, was dieses anti-biblische "Christus"-Konzept anrichten kann, das in keiner Weise mehr Barmherzigkeit als notwendig einfordert, aber jeden "Mißbrauch" mit angeblicher Göttlichkeit entschuldigt. Beim New Age-faschistischen Erzheiligen Teilhard soll das Göttliche nicht mehr soziale Verbesserungen initiieren, sondern die menschliche Tat als solche mobilisieren. So werden ethische Skrupel zurückgedrängt, die den Menschen von der bestimmten verwerflichen Tat abhalten könnten. Teilhard ist im heutigen "christlichen" Organizismus mit seiner Begeisterung für Technik und Fortschritt und für den Heroischen Realismus als religiöse Haltung das, was Ernst Jünger für die Konservative Revolution ist. (340)
"Alles Handeln ist Gottesdienst", schließt Hunke nun direkt an Teilhards "Kosmischen Christus" an und spricht noch von der "Heiligung der Arbeit". Ausdruck dieser Euphorie zum Handeln an Gottes Statt war der Kult der "Heiligung der Arbeit" im Nationalsozialismus. Die "Gotteinigung", schreibt Hunke, strebe nach "Selbstfindung und Seinsfindung. Sie will nicht Selbsterlösung, sondern Selbstverwirklichung durch Tätigkeit mit voller Hingabe aus dem eigenen Grund (Meister Eckharts Gottesverständnis als "mein Grund", P. K.), aus innerer Gottwesenheit und göttlicher Vollmächtigkeit. ... Der Mensch - sagt Eckhart - soll seine Innerlichkeit ausbrechen lassen in die Wirksamkeit und lernen, 'Gott inne zu haben in all seiner Arbeit'". Das ist die New Age-faschistische Alternative zur Aufhebung der Entfremdung und zur Selbstverwirklichung des Menschen, wie wir sie von Karl Marx her kennen. Damit hat Hunke tatsächlich ein "nach-kommunistisches Manifest" geschrieben, wie ein späteres Buch der Neofaschistin heißt. Hier wird menschliche Arbeit auch dann als "Selbstverwirklichung" ausgegeben, wenn ihr Ergebnis "dunkel" und "zerstörerisch" ist, wenn sie nicht schafft - erst recht keinen Wohlstand und kein besseres Leben für die Mehrheit -, sondern wenn sie Elend bringt, von dem nur einige wenige Herrschende und ihre ideologischen Agenten profitieren. Wenn Josef Goebbels vom "totalen Krieg" sprach und davon, Wehrmacht und SS würden in die Schlacht ziehen "wie in einen Gottesdienst", dann war genau dies gemeint, was uns Hunke und Schiwy dankenswerterweise in großer Offenheit präsentieren: der Heroische Realismus als religiöse Haltung, um den Preis des Lebens konkreter Menschen und des Zerstörens konkreter natürlicher Zusammenhänge, zugunsten eines nur noch abstrakt bestehenden "Lebens", mit dem der gesamte Kosmos gemeint ist, aber kein einziges seiner Teile. (341)
Dafür steht auch Pierre Teilhard de Chardin. Er verbindet Naturwissenschaft und Spiritualität im ganzheitlichen "Glauben an die Einheit". (342) Er will nicht Faust, sondern Prometeus sein, allerdings mit demselben Ergebnis. Schiwy schreibt in seiner Teilhard-Biographie von 1981, als er wohl dem "Kosmischen Christus" gegenüber noch skeptischer war, über Teilhards Ansicht: "Der Mensch müsse erkennen, daß es seine Aufgabe ist, 'sich selbst biologisch zu vergrößern und zu verändern'". Diese Position verficht auch Mynarek, der den "ökoreligiösen Menschen" als einen auf der Stufenleiter der Evolution bereits über allen anderen Menschen stehenden neuen Herrenmenschen proklamiert. Teilhard schwärmte in den dreißiger Jahren von der Züchtung des Übermenschen, für die die Wissenschaft bis zu ihren denkbaren Grenzen fortgetrieben werden solle. Religiöse und moralische Bedenken hiergegen hielt dieser Säulenheilige des New Age für unsinnig und reaktionär. In dieser Zeit hielt er sich auf Kosten des US-amerikanischen Viking-Fund in Südafrika auf und suchte in Höhlen nach dem prähistorischen Übermenschen, den es wiederherzustellen gelte. Schiwy wendet ein: "Teilhard begibt sich im Hinblick darauf, was die Nationalsozialisten in Deutschland bereits zu praktizieren beginnen, auf ein gefährliches Terrain." Für den "faustischen" Menschen aber wäre ein solcher Einwand absurd, denn "gefährliches Terrain" ist ja gerade sein Metier, ethisch und technisch. 1937 macht Teilhard sich Gedanken über eine etwaige Energiekrise und über die Schaffung des neuen "Über-Menschen". Schiwy zitiert ihn: "'Was kommt nach der Kohle, dem Wasser, dem Erdöl? ... In diesem Punkt können wir der Physik vertrauen'". Und Schiwy fragt nachträglich besorgt: "Atom?"
Tatsächlich hielt der trotz seines christlichen Bekenntnisses tief im europäischen Heidentum verwurzelte Teilhard das Freisetzen der Atomenergie für "sittlich berechtigt", da die Menschen in ihrer Self-made-Höherentwicklung "bis an die äußerste Grenze" gehen müßten, wie Schiwy ihn zitiert. Doch Teilhard fordert noch Weitergehenderes, für seine Zeit auf der Höhe der Naturwissenschaft: "Modellieren des menschlichen Organismus mittels der Hormone. Kontrolle der Vererbung und der Geschlechtsbestimmung." Der faustische Teilhard, der "Vernunft und Mystik" verbinden will, hat auch sogleich die passende gesellschaftspolitische Perspektive, wenn er - diesmal bei Bahro zitiert, der ihm zustimmt - in seinem Hauptwerk "Der Mensch im Kosmos" von 1959 "angesichts von Nationalsozialismus und Kommunismus die politische Frage so zuspitzt: ... 'Wenn eine Energie toll wird, stellt der Ingenieur keineswegs ihre Kraft in Frage. Nimmt er nicht einfach seine Rechnung nochmals vor, um herauszufinden, wie man sie besser lenken könnte? Ist das moderne Totalitätsprinzip nicht eben deshalb so ungeheuerlich, weil es vermutlich das Zerrbild eines wundervollen Gedankens ist und der Wahrheit ganz nahe kommt?'" Der Wahrheit ganz nahe: Führer befiehl... Teilhard sah den Krieg als Bestandteil der natürlichen Evolution an, "der Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima erfüllte ihn mit Bewunderung für den technischen Fortschritt als Ergebnis des menschlichen Superhirns", wie Ruppert kommentiert. (343)
Rainer Langhans, der nachspüren möchte, was Hitler wirklich wollte, bringt es in seinem oben zitierten "taz"-Interview vom 12. April 1989 auf den Punkt: "Nichts wegnehmen, keine Projekte der Askese, des Verzichts - die Menschen wollen Gott sein, na dann sollen sie." Und vorher: "Wir müssen uns die Mühe machen, uns nirgends schrecken zu lassen, um noch in den fürchterlichsten Verzerrungen das Schöne zu entdecken, das eigentlich intendiert ist. Was will die Gentechnik? Sie will - auf das Materialistische reduziert - weil man das andere nicht kennt - auf der grobstofflichen Ebene einen 'neuen Menschen' realisieren, so schön wie irgend möglich. Das ist sehr verdienstvoll. ... Wenn du weiter oben sitzt, siehst du den größeren Zusammenhang und du siehst: ES IST GUT." Hitler selbst hatte in den "Tischgesprächen" schon seine Interpretation des Übermenschen nach Nietzsche zum besten gegeben: "Der Mensch wird Gott, das ist der Sinn!" Solche Zitate, die in der Tradition Teilhards auf die Gentechnik verweisen - auf den "Arier", der als Subjekt und Objekt seiner Selbst auftritt - lassen sich auch bei Hunke leicht finden: "Weil Gott mit uns wächst, ist es an uns, immer mehr an uns selbst zu arbeiten und uns selbst zu überholen und selber seelisch und geistig zu wachsen und uns, unser Tun und unser Leben zur Vollkommenheit zu leben." Man wäre sogar verpflichtet dazu, denn "der Mensch ist für Gott verantwortlich. ... Erst hier erhebt sich der Mensch über sein kreatürliches Sein." (344)
Kein Wunder, daß die Weltanschauung des New Age, die die religiöse Rechtfertigung für jedes Handeln parat hat, besonders bei Naturwissenschaftlern beliebt ist. Nicht allen New Agern ist dabei wohl. Roman Schweidlenka, ein Anhänger der archaischen indianischen Naturmystik, kritisiert in seinem Buch "Altes blüht aus den Ruinen" die zunehmende Technikgläubigkeit in den eigenen Reihen. Die Versöhnung von "High Spirit" mit "High Tech" in Verbindung mit dem "organischen Bewußtsein" erinnert ihn an den Faschismus. Allerdings erkennt Schweidlenka nicht den unlösbaren Zusammenhang zwischen Organizismus und faustischer Tat, der das New Age fürs Kapital so attraktiv macht. Deshalb bleibt die Attraktivität für ihn erstaunlich und unverständlich. Schweidlenka kann sich nur moralisch darüber entrüsten, daß ein New Age-Ideologe wie David Spangler aus der Findhorn-Kommune seine Hoffnung auf die Atomkraft setzt, statt zu erkennen, daß dies die Konsequenz der Naturmystik und des ganzheitlichen "Neuen Denkens" ist. Roger Niedenführ stellt den Technik-Fanatismus von New Age-Größen dar und nennt George Trevelyan (Weltraumfahrt und Mikrochips), Timothy Leary (Atomenergie und Computer) und David Spangler (der das New Age eine "technologische Vision" nenne). Dies allerdings dürfte nach Teilhard de Chardins Ausführungen schon nicht mehr erstaunen, die Niedenführ freilich nicht kennt. Der wahre, hinterstehende Sinn des New Age wird deutlich, das eigentliche Ziel der pantheistisch-naturreligiösen Selbstvergöttlichung, die so ökotümlich daherkommt: die totale Mobilmachung der Technik. (345)
Gerd Gerken ist einer der führenden New Ager für die Manager der europäischen Großkonzerne. Sein neues Buch "Manager... Die Helden des Chaos. Die neue Elite der Wirtschaft ist da" mit dem Untertitel "Das Tao Projekt" wird von der Zeitschrift "Wirtschafts-Woche" 1993 auf der "Wirtschafts-Bestseller"-Liste geführt. In aller Offenheit stellt Gerken seit Jahren die faustischen Konsequenzen des "Neuen Denkens" als erstrebenswerte Zukunft dar und ist deshalb zum Prügelknaben der New Ager um Schweidlenka geworden, die sich entweder selbst nicht dieser Konsequenzen ihrer eigenen Ideologie bewußt sind oder ihr Bekanntwerden verschleiern möchten. In seinem Buch "Die Geburt einer neuen Kultur. Vom Industrialismus zum Light Age" hat Gerken zahlreiche Ideen zusammengefaßt, die vorher bereits in seiner Manager-Zeitschrift "Trend-Radar" bzw. "Radar für Trends" veröffentlicht worden waren. Bei ihm läuft alles auf die Verbindung von "Esoterik und Elektronik" hinaus, er scheut sich auch nicht, "Menschenzüchtung" mit dem Ziel der "Bewußtseinsprogrammierung" - dem "Bio-Chip" - zu propagieren. Das allerdings ist die Tradition Teilhards. Solche allzu offenen Worte brachten dem erfolgreichen Unternehmensberater Gerken dann allerdings die Kritik aufgeklärter Interessenvertreter des Kapitals ein. Der Chefredakteur der Zeitschrift "Management Wissen", Peter Derschka, kämpft gegen den New Age-Boom in den oberen Konzernetagen an: "Sorglose Übertragung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf das Zusammenleben der Menschen", meint Derschka, "ist sogar gefährlich."
Zu breiter Bekanntheit brachte es Gerkens "Streitschrift für eine zukünftige Ökologie", die er im November 1989 in der Zeitgeist-Zeitschrift "Wiener" veröffentlichte: Alle sogenannten Zukunftstechnologien im biologischen und elektronischen Bereich sollen seiner Meinung nach, spirituell unterstützt, massiv gefördert werden. Denn über diese Technologien führe nicht nur der Zugang zum All-Göttlichen, sie öffneten auch den Weg, dieses mitzugestalten. "Die kosmische Absicht ist völlig offenes Werden. Es ist egal, was dabei herauskommt, denn es ist immer gut. Wichtig ist nur, in diesem offenen Werden unseren eigenen Egoismus als Menschen einzufügen", meinte Gerken im "Wiener". Er predigt unmißverständlich die Ethik der faustischen Tat, wie es ihm die Ideologen des historischen Faschismus vormachten: Die Natur dürfe ruhig zerstört werden, wenn es nur zum Nutzen der Menschen sei - wobei die Menschen, die seine Schriften lesen, die Manager der Konzerne sind. "Wagnis, Zerstörung und Transformationen", notfalls auch "genetische Eingriffe", sollten den Geist mobilisieren, der ja im New Age als das eigentlich Göttliche gilt. Die genetische Höherentwicklung des Menschen ist damit eine von diesem betriebene Höherentwicklung des Göttlichen. (346)
Hier wird die tiefere Bedeutung des Schlagwortes "Religio statt Liberatio" (Bindung an Göttliches statt Befreiung des Menschen) deutlich, die Jost Hermand bereits im Spiritualismus der völkischen Bewegung entdeckt: Kein Mensch, der frei und verantwortlich handelt, wird am menschlichen Genpool herumexperimentieren. Gerken fordert dagegen, mit "mehr Bio Tech, mehr Gen Tech und High Tech ... in die nächste Etappe der Kultur einzudringen, in die Co-Evolution." Hier treibt der Mensch im Bewußtsein, die Verwirklichung des All-Göttlichen zu sein, dieses Bewußtsein mit sich und der Natur "höher". Bei Mynarek ist es der "ökoreligiöse Mensch", der den "Sinn der Erde, der Evolution der Natur" darstelle. Hier liegt die extremste denkbare Versubjektivierung der Eliten im Interesse der Herrschenden vor. Es ist eben falsch - aber symptomatisch für die bisherige New Age-Kritik - wenn Niedenführ einseitig die zivilisationskritische Seite des New Age heraushebt und dessen Haltung kritisch zusammenfaßt: "Die Verhältnisse sind selbst Ausdruck des Göttlichen und werden, so wie sie sind, ethisiert, während die die herrschende Ordnung permanent bedrohende Subjektivität des Menschen disqualifiziert wird." In Wahrheit wird jedoch im New Age die den Herrschenden dienliche Subjektivität keineswegs disqualifiziert, sondern ins Göttliche, ja ins Über-Göttliche gehoben, um solche faustischen Taten zu ermöglichen, die eben weit über die Verhältnisse, "so wie sie sind", hinausführen sollen - allerdings nicht im Interesse der Mehrheit der Menschen. (347)
Mephisto mutiert zu Faschisto: Die "Neue Rechte" setzt Mythos, aus dem "indogermanischen" Heidentum abgeleitetes Gottmenschentum und Technik planmäßig ein. Guillaume Faye, in der französischen "Nouvelle Droite" der bekannteste Ideologe nach Alain de Benoist, hält die Technik für einen wesentlichen Teil der "eigenen" ureuropäischen ("arischen") Identität. Das kennen wir schon von Chamberlain und Hunke. Er spannt den Bogen von der Respiritualisierung durch den Rückgriff auf die Naturmystik des Meister Eckhart zur modernen Technik als der "zweiten Magie", hierbei Goethes Faust aufnehmend. Mit der Technik könne der Europäer endlich zum Herrn der Welt werden, alle anderen Menschen beherrschend. Faye schreibt voller Begeisterung: "Der stets riskierende europäische Mensch fand in seiner Technik die kulturellste aller Kulturen. ... Der faustisch gewordene europäische Mensch überschreitet durch die Wissenschaft und die Technik, was alle Zivilisationen - das Judao-Christentum inbegriffen - nicht zu verletzen wagten, nämlich die offenbare Ordnung der Natur."
Das Ende von Fayes Überlegungen und die Spitze seiner Argumentation muß etwas länger zitiert werden: "Da virtuell nicht die 'Geschichte', sondern die Techno-Wissenschaft die Verlängerung der natürlichen Evolution ist, wäre es dann denkbar, daß die Europäer, sich hierbei von den anderen Völkern unterscheidend, die göttliche Kühnheit zeigen, die Technik - ihre Technik - zu benutzen, um eine steigende Selbstmodifizierung zu vollziehen, was Nietzsche metaphorisch als den Marsch zum Übermenschen bezeichnete?" Und er gibt selbst die Antwort: Es gehe um nichts anders als "um die Tatsache, daß die Völker, die die künftige Techno-Wissenschaft fest in die Hand nehmen, sich vor allem durch die Beherrschung der Genetik und der zugehörigen Wissenschaften die Möglichkeit zu einer Selbstmutation geben werden mit allen Gefahren, aber auch mit allen Möglichkeiten, die diese Wette bzw. Wagnis beinhaltet. (Gemeint ist die Wette des Faust, P. K.) Anstatt vereinheitlichend und einebnend zu sein, wird die Techno-Wissenschaft den Völkern, die sich ihr hinzugeben wagen, als das wichtigste Mittel erscheinen, ihre Verschiedenheit gegenüber den anderen zu behaupten und zu gestalten - wird gewissermaßen die differenzierende Logik der natürlichen Evolution ablösen." Der "Übermensch" war bereits das Ziel des britischen Genetikers J. B. S. Haldane, eines Sohnes des neben Smuts bedeutendsten holistischen Ideologen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrunderts, John Scott Haldane. (348)
Ein anderer Fanatiker des Übermenschentums, Pierre Teilhard de Chardin, sicherte in seinem Buch "Mensch und Kosmos" solch faustische Taten ideologisch ab: "Religion und Wissenschaft: die Verbindung der beiden Seiten oder Phasen eines einzigen vollständigen Erkenntnisaktes - des einzigen, der Vergangenheit und Zukunft zugleich umfaßt, um sie zu betrachten, zu messen und zu vollenden." Pierre Krebs zitiert Nietzsche: "'Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll', er ist 'ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch." Pantheistisch spirituell fundierte Science Fiction, wie wir sich in New Age oder Neofaschismus finden, ist nichts neues. Jost Hermand berichtet davon, daß schon zur Zeit vor dem Faschismus Science Fiction-Romane, deren Handlungen im Weltraum spielten, "im Dienste der deutschen 'Weltmission'" gestanden und ideologisch gegen die USA, die Sowjet-Union und Japan als die kommenden Weltmacht-Konkurrenten gekämpft hätten. Ein kosmischer Imperialismus, in dem die Deutschen schließlich sogar andere Planeten unterwarfen, sei hier propagiert worden, "die Grundlage einer solchen Machtergreifung und Machtbehauptung konnte ... in letzter Instanz nur die Überlegenheit der deutschen Technik sein." Die Position der Macht durch Technik für die "nordischen Völker" hatte bereits Oswald Spengler in seinem Buch "Der Mensch und die Technik" vertreten: Der "größte Schatz" der Arier und "Geheimnis unserer Kraft" sei das "technische Wissen". (349)
Ein nicht-biologischer Weg, um zum "Übermenschen" zu gelangen, wird in der Forschung zur künstlichen Intelligenz (KI) beschritten, die in eigenen KI-Laboratorien der EDV-Multis und - gesponsert im Rahmen des SDI-Programms für den "Krieg der Sterne" - von der Rüstungsindustrie betrieben wird. Im New Age widmet man der EDV-High Tech größte Aufmerksamkeit. Allerlei Hilfsmittel sind schon auf dem Markt, die dem Esoteriker vorgaukeln, er könne sich mit Elektronik in vermeintlich höhere Sphären des Bewußtseins katapultieren und damit Überlegenheit über die Normalmenschen erlangen. Was mit Bio-Feedback-Geräten und "Mind-Machines" begann - elektronischen Drogen zur vermeintlichen Bewußtseinserweiterung -, hat inzwischen das Niveau hoch hierarchisierter Computernetze erreicht. Man schließt sich an in der Hoffnung auf den direkten Draht zum kosmischen Geist. Kein Wunder, daß sich an größeren New Age-Kongressen immer mal wieder Wissenschaftler und Manager z. B. von IBM beteiligen, die neben der Jagd nach den neuesten Trends der Computer-Meditation sicher auch an den Psi-Erfahrungen, Gehirntrainings und Bewußtseinserweiterungen mancher New Ager ein ökonomisches Interesse haben.
Viele Führer des New Age sind die treibenden Kräfte bei der Spiritualisierung der zweiten industriellen Revolution. Peter Russel, der den New Age-Kongreß "Geist und Natur" 1988 in Hannover als Meilenstein für die Bewegung feierte, sagt: "Die Entwicklung zielt darauf ab, mit Kleinstcomputern, die jeder in die Tasche stecken kann, zahlreiche Menschen mit Datenbanken rund um den Globus in Verbindung zu bringen. ... Unser nächster evolutionärer Schritt wird deshalb die Co-Evolution der Menschen mit ihren Erzeugnissen vorsehen. ... Wir werden uns nicht länger als isolierte Individuen erleben, sondern als Teil eines rasch sich integrierenden globalen Netzwerkes, als Nervenzellen eines erwachenden globalen Gehirns." Und Timothy Leary, der in den USA eine ähnliche New Age-Karriere machte wie Rainer Langhans in Deutschland, ergänzt in derselben Weise, aber auf seinem Felde: "Menschen, die Computer-Signale benutzen, um ihre gegenseitigen sexuellen Wünsche zu befriedigen, sind auf die nächste evolutionäre Stufe menschlichen Interagierens gestoßen, auf elektronisches Kopulieren."
An der bekanntesten Denkfabrik des US-amerikanischen Kapitals, dem Massachusetts Institute of Technology, vertrat der früher weltweit führende KI-Forscher Marvin Minsky die Position, der althergebrachte Mensch sei beschränkt, denke zu langsam und zu fehleranfällig. Er sei chancenlos gegen die neuen Rechner-Entwicklungen. Die Super-Computer der Zukunft sollen die Subjekt-Objekt-Trennung auflösen. Ihre Regelkreise simulieren die Ganzheit von Natur und Kosmos. Was diese Rechner ausspucken, erhebt den Anspruch auf Unfehlbarkeit. Computer konstruieren Computer: Es sieht so aus, als herrsche der abstrakte Geist, selbstgöttlich, vom Menschen unabhängig. So soll - exakt durchgerechnet - eine Neuschöpfung der Welt entstehen. Die schöne neue Computer-Welt wird "sanft" angepriesen: Mit KI-Systemen verbundene Roboter würden den Menschen von der Arbeit befreien, er könnte sich wieder dem vermeintlich "eigentlich Menschlichen" zuwenden. In Wahrheit jedoch - die Linke weiß es spätestens seit Karl Marx und Friedrich Engels - ist die bewußte Arbeit an der Welt doch das "eigentlich Menschliche", das uns vom Tier unterscheidet. Die Entsubjektivierung der Massen geschieht hier mit Hilfe der Rechner-Elektronik.
Doch nicht ein abstrakter Geist, sondern die EDV-Konzerne herrschen. Sie gaukeln der Mehrheit der Bevölkerung vor, ihre Maschinen hätten sich sogar von der menschlichen Arbeitskraft emanzipiert. Auch dies ist eine Art, Herrschaft unhinterfragbar zu machen. Doch an IBM, Siemens oder Mitsubishi können dieselben Fragen gestellt werden, die Bertolt Brecht seinem lesenden Arbeiter in den Mund legte. Braucht nicht der angeblich übermenschliche Computer eine Steckdose? Ersticken seine Schaltkreise nicht im Staub, ohne Putzfrau? Muß der abstrakte Geist nicht aufgeben, wenn die Stadtwerke den Strom sperren, weil der EDV-Konzern in der weltweiten Konkurrenz Pleite ging und die Stromrechnung nicht bezahlen kann?
Hans-Peter Michels konnte 1991 in seiner Dissertation "Informationsverarbeitung und Künstliche Intelligenz" - orientiert an der "Kritischen Psychologie" der Schule Klaus Holzkamps - zeigen, daß die Versprechungen Minskys und der KI-Forscher hohl sind. Die Computer-Systeme abstrahieren von der gesellschaftlichen Bedingtheit der Welt und des Menschen, seine Interessen und Motive werden ausgeklammert. Die Simulationsmodelle beanspruchen eine unhistorische Allgemeingültigkeit, deren Ziel offensichtlich ist: Eine errechnete Gesellschaft, die im Interesse der High Tech-Konzerne funktioniert, soll nicht im Interesse der Mehrheit der Menschen veränderbar sein. Michels bestreitet den Anspruch der KI, mit der bisherigen Arbeitsweise "lebensnahe" Modelle der Wirklichkeit bereitstellen zu können - und damit implizit die Möglichkeit eines Computer-Gaia -, weil sie die gesellschaftlich-historische Bedingtheit ihres Gegenstands, des menschlichen Denkens und im Extrem des Kosmos, negiert. Der Anspruch der KI, eine vom Menschen unangreifbare "Hyperrealität" zu schaffen, beruhe lediglich auf der "Verkehrung" der wirklichen Zusammenhänge: Die Computerprogramme und ihr Input würden doch erst von den EDV-Ingenieuren - beschränkt in den Grenzen der Computer-Hardware - hergestellt; deshalb könnten sie nicht als Gesetzmäßigkeiten gelten, die den Gegenständen - Mensch, Gesellschaft, Natur, Kosmos - inhärent seien. Die "Verkehrung" folgt den Interessen der Konzerne, die ihre "Welt am Draht" in derselben Weise als Gesellschaftsmodell verstehen, wie anderweitig die Gesetze der Natur modellhaft präsentiert oder "mystisch erfahren" werden. Für die religiöse Überhöhung der vermeintlichen Computer-Gaia sorgen dann New Age-Ideologen. (350)
Wie die neofaschistische "Neue Rechte", so sieht auch der New Age-Philosoph Walter Zimmerli - neben Hans-Peter Dürr Mitausrichter des Kongresses "Geist und Natur" von 1988 - die "Technik als Natur des westlichen Geistes", wie er seinen Kongreß-Vortrag damals betitelt. In einer undurchsichtigen Darstellung, die aufzuhellen sich lohnt, reserviert hier ein ideologischer Weggefährte konservativer Politik den Wohlstand - der aus der Technik entsteht - implizit für die Region, die im Faschismus die des nordischen oder arischen Menschen genannt wird. Nachdem Zimmerli unter Bezug auf Capra, Weizsäcker und andere die Natur als "das auf höherer Strukturebene sich erneut selbstorganisierende System aus selbstorganisierenden und fremdorganisierten Teilsystemen" definiert hat, gibt er - unter explizitem Hinweis auf die Ahnengalerie der anderswo "Europas eigene Religion" genannten Weltanschauung - es als ein "Charakteristikum der so neu gedachten Natur" aus, daß sie auf eine "Konvergenz mit dem Numinosen" zulaufe. es sieht den Zusammenfall der Natur mit dem Heiligen, Göttlichen, bei dem "Natur selbst zum Wert avanciert und daher aus dem Status eines Begriffs der Beschreibung in den der Vorschrift übergeführt werden kann." "Wert" und "Vorschrift" sind Begriffe aus der menschlichen Gesellschaft. In der Natur sind Gleichheit und Solidarität unbekannt. Solidarität tritt bestenfalls "in biologistischer Absicht" zum Schutz der Nachkommen auf, man denke an das Sozialverhalten der Delphine. Dagegen ist hier das Recht des Stärkeren Gesetz. Die Auswirkungen der "Vorschrift Natur" stellen sich in der menschlichen Gesellschaft als Barbarei ein. (351)
Zimmerlis betont den Tat-Aspekts menschlichen Verhaltens als Teil der Natur und - "Yin und Yang" - gleichzeitig gegenüber der Natur. Indem er das Göttliche als die Natur einführt, bekommt die "Tat" ihre spezifisch heroisch-realistische Ausprägung. Diese hat nichts mehr gemein mit dem marxistischen Konzept der Arbeit, das ja ebenfalls ein Handeln gegenüber der Natur beinhaltet. Bei Zimmerli kann in der Konsequenz nichts anderes herauskommen als die nur religiös und mystisch begründbare Tat, also - wiederum - die in jeder Hinsicht aus der menschlichen Kritik und Hinterfragbarkeit - erst recht der Verfügbarkeit von Mehrheiten - herausgehobene Tat. Sie steht im Gegensatz zum materialistischen "Arbeits"-Konzept des Sozialismus, weil sie als letzte Beurteilungsinstanz das Transzendente vorsieht, dessen wahrer Charakter seit Feuerbach und Marx erkannt ist: als die Willkür der Herrschenden, mindestens aber als das Opium zur Betäubung der Vernunft der Beherrschten.
Zimmerli knüpft an Spinozas und Schellings Pantheismus an und beschwört "das Charakteristikum der Konvergenz von Wissenschaft und Religion/Mystik" als Folge des Zusammenfallens von Natur und Gott. Naturwissenschaft und Technik seien es, die erst das Bedürfnis nach dieser Sicht einer Konvergenz schüfen: "Erst dadurch, daß ich Natur technisch ergreife und durchwalte, und zwar erst von einem gewissen Technisierungsgrad an, drängt sich das Gedankensyndrom, das ich als das 'Neue Denken der Natur' bezeichnet hatte, geradezu auf." Das heißt letztlich nichts anderes, als daß die Spiritualisierung der Natur die adäquat sinnstiftende Weltanschauung des technischen Zeitalters sei, welches via Mindesttechnisierungsgrad wiederum letztlich ein mittel-nordeuropäisches (US-amerikanisches, japanisches) Zeitalter sein soll. Diese Ansicht findet sich bereits in den Schriften der Konservativen Revolution verbreitet. Zimmerli will die technischen Eingriffe des Menschen in die Natur aus der Idee der Einheit der göttlichen Natur heraus ethisch rechtfertigen, nicht von den Bedürfnissen der Menschen her. Die Natur selbst trage technologischen Charakter, der technische Mensch sei im Rahmen der Einheit der Natur ihr Teil. Er steigt hier in den pantheistischen Zirkel ein, in dem die Natur gleich Gott, der Mensch Teil des Naturganzen, sein Handeln daher Ausdruck des Göttlichen und somit ethisch gerechtfertigt ist. Aus dem Zirkel dieser Art des Einheitsdenkens kommt er nicht heraus und endet, wie die Ideologen des New Age und des Faschismus, beim Heroischen Realismus als der göttlichen, schicksalshaften Handlungsorientierung. Allerdings versteckt Zimmerli diesen Zirkel und seine faustische Konsequenz recht gut.
"Die Ethik nun, die uns heute not tut" (hier greift Zimmerli sogar den in der faschistischen und New Age-Literatur verbreiteten germanentümlichen Begriff der spirituell begründeten "Not-Wende" auf, womit vollends klar wird, in welchen Denkzusammenhängen er sich bewegt, P. K.), "hat der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es die Technik ist, die als die Natur des westlichen Geistes erkannt wird." Diese Ethik wird nun - gegen das Konzept Kants von der Vernunft-Ethik - ent-rationalisiert und an Irrationales, Spirituelles gebunden, an die Gott-Natur eben, die als "Vorschrift" daherkommt und deren Teil die Technik ist. Denn der normale Eliten-Mensch ist Zimmerli zu klein, die ethischen Maßstäbe müssen ihm, wie vorher bereits die Technik, aus der Hand genommen und vergöttlicht werden: "Die Ethik des technologischen Zeitalters muß zwar eine Ethik sein, die die Folgen mitbedenkt (Verantwortungsethik), aber sie muß zugleich eine Ethik sein, die in Rechnung stellt, daß unsere Vernunftkapazität zu diesem Zweck zu eng, zu begrenzt, an vielen Stellen sogar irreführend ist und möglicherweise in fatalem Maße selbstverstärkend wirkt. ... Das moralische Gefühl aber, heute in der Gestalt des Verantwortungsgefühls, ist hiervon (von der Verantwortung für die Folgen menschlichen Einwirkens, P. K.) scheinbar restlos überfordert."
Nun endlich sind beide - die Technik selbst und ihre Bewertung - an die zuvor vergöttlichte Natur gebunden. Hier ist der faustische Mensch entstanden, dessen Handeln sich dem Schicksal fügt: Seine Subjektivität, sein Handeln erwächst aus der göttlichen Natur, die gleichzeitig "Vorschrift" für die Bewertung seiner Taten ist. Hier werden nicht mehr die Mißachtung der Verantwortlichen gegenüber ökologischen Zusammenhängen und die meist hinter der Mißachtung stehenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten mit dem Ziel der Veränderung kritisiert, hier wird vielmehr eine angebliche Überforderung konstatiert, um als Mittel gegen sie eine prinzipiell unbegründbare, natur-göttliche "Vorschrift" festschreiben zu können. Diese "Vorschrift" aber steht - nach Lage der Dinge in der Wirklichkeit - im Interesse der Herrschenden. Zimmerli fordert: "In die Verantwortung der gesellschaftlichen Ausbildungsinstitutionen gehört es, gesellschaftlich Handelnde, Ingenieure ebenso wie Nichttechniker, durch eine sozialwissenschaftlich-geisteswissenschaftliche Integration der natur- und technikwissenschaftlichen Ausbildung in die Lage zu versetzen, technisch und gesellschaftlich tendenziell chaotische Lösungen von anderen zu unterscheiden" und die "chaotischen" meiden.
Eine alte linke Forderung, so mag es auf den ersten Blick erscheinen. Doch Zimmerlis Verständnis dieser "Integration" ist nicht dasjenige der Arbeiterbewegung oder der marxistischen "68er"-Studenten, die gesellschaftliches Handeln an die Interessen der Mehrheit binden wollten, statt es der Anarchie der Produktion unter kapitalistischen Verhältnissen zu überlassen. Es fragt sich schon, was denn mit "chaotisch" gemeint sein soll, etwa ein sogenanntes atomistisches Chaos der Gleichheit in der sonst so ordentlich hierarchisch gefügten Struktur der Gestalt? Zimmerli füllt die Floskel von der Natur als "Vorschrift" nirgends mit Konkretem, aber das Schlimmste muß befürchtet werden. Die alte Forderung der Linken wird hier nämlich in der Rollback-Phase der "geistig-moralischen Wende" auf einem CDU-unterstützten New Age-Kongreß erhoben, offenbar also gegen die Linke gewendet. Sie meint jetzt eine "sozialwissenschaftlich-geisteswissenschaftliche Integration" gesellschaftlichen Handelns in die Werte der Gott-Natur, des pantheistischen Organizismus statt des Sozialismus.
Zimmerlis Vortrag über "Technik als Natur des westlichen Geistes" war der Abschluß des New Age-Kongresses "Geist und Natur", zumindest steht er in dem Buch mit den Kongreß-Vorträgen am Ende. Hier wird als Quintessenz dieses New Age-Kongresses die Botschaft ausgegeben: Die zukünftigen Eliten brauchen ein spirituelles Rüstzeug zum faustischen Handeln. Gegen eine "religiöse Kultur", die dies vermittelt, hat Zimmerli nichts einzuwenden: "Nur dort, wo sie die Menschen von diesen Aufgaben abzieht (der Befähigung zur Integration von gesellschaftlichem Handeln und Naturspiritualität z. B., P. K.), indem sie ihnen eine visionäre heile Zukunft vorgaukelt, verstößt sie gegen ihre eigene Verantwortung in der technologischen Zivilisation." Was hiermit konkret gemeint ist, bleibt wieder offen. Doch geht man wohl nach seinem Bezug auf die Ahnengalerie des pantheistischen Organizismus bis hin zu Capra und auf die "Konvergenz der Natur mit dem Numinosen" nicht fehl in der Annahme, daß er einzig eine Wirklichkeitsreligion als die legitime "religiöse Kultur" ansieht, die das Gegebene mit der Konsequenz des Heroischen Realismus - also das unbegrenzt Schöpferische - affirmativ vergöttlicht. Diese "religiöse Kultur" präsentiert als Alternative zum Vorgaukeln einer heilen Welt die Sinnstiftung für das Faustische.
Zusammenfassend betrachtet hat Zimmerli hier den Elite-Menschen zu demselben Übermenschen oder Großmenschen gemacht, den wir oben bei anderen pantheistisch-organizistischen Autoren fanden. Auf Umwegen zwar, aber zum Ziel kommend, geht es hier offenbar um eine Technik und eine sie bewertende Un-Ethik, die der intersubjektiven Vernunft als dem Kontrollinstrument der Massen entzogen ist und sich statt dessen auf Religion stützt. Diese Religion darf aber keine Eschatologie von der zukünftigen Harmonie beinhalten, sondern als Inhalt des Naturmystischen nur die Wirklichkeit der technologischen Zivilisation lehren. Carl Friedrich von Weizsäcker kommt von einem fast pantheistischen Christentum her auf plattestem Wege zur Vergöttlichung der Technik, wenn er fragt, "ob nicht die Wunder der Technik ... ein Teil jener Werke sind, von denen Christus gesprochen hat, als er sagte, wir würden seine Werke auch tun und größere als er." Auch in diesem Sinne war Weizsäcker auf dem von Zimmerli mit ausgerichteten Kongreß "Geist und Natur" zu recht eingeladen. (352)
Wir sehen in all diesen Ansätzen, wie unterschiedlich sie sich auch im Detail geben mögen, die totale Dienstbarmachung der Technik und der Menschen für die Interessen der Herrschenden auf der Basis der naturreligiösen Gaia-Hypothese. Die wirkliche Natur und eine Menge Menschen gehen dabei zugrunde, denn die naturalistische Rhetorik dient hier keineswegs dem Schutz der Natur, sondern der naturmystischen Vergöttlichung und damit "ethischen" Entlastung des faustischen Täters. Diese Ansätze sind der ideologische Überbau, die geistige Mobilmachung für gesellschaftliches Handeln, das direkt gegen die Interessen der Mehrheit der Menschen gerichtet ist. Eingriffe in die Natur, die die Lebensbedingungen zerstören, rechnen wir durchaus diesem Handeln zu. Damit die Eliten und die nachgeordnet Herrschaft ausführenden Mittelschichten zu diesem Handeln bereit sind - das ja auch ihre eigenen Lebensbedingungen zerstören wird -, tritt diese Ideologie als Sinnstifterin an: Handlungen, die im Einklang mit dem Kosmos stehen sollen, können eben niemals falsch sein. Wenn dabei Individuen Schaden erleiden, so widerspricht dies keineswegs den Gesetzen des Kosmos, in deren Mittelpunkt ja gerade die "Yin und Yang"-Einheit von "Werden und Vergehen" steht. Zudem wird die Konkretheit individuellen Lebens von den abstrakten Begriffen "Kosmos" oder "All-Leben" usw. nicht mehr erfaßt. Der Teil dient dem Ganzen, so auch das Absterben des Teils. Diese Ideologie bindet die handelnden Eliten, die in der Illusion des Mitherrschens handelnden Mittelschichten und die entsubjektivierten Massen an den Willen der Herrschenden. Sie ist nichts weiter als die alte - jetzt auf freiwilliges Mittun statt auf Repression gerichtete - faschistische Herrschaftsstrategie. "Der Mensch wird ganzheitlich, der Sprung vom Homo sapiens zum Homo superior wird möglich", dieser Satz stammt von dem Neonazi Michael Kühnen aus seinem Interview mit der Zeitschrift "Wiener".
Vielleicht liegt der schwerste und durchschlagendste Angriff auf die Linke in dieser naturmystischen Vergöttlichung des spezifisch Menschlichen: der Arbeit, Tätigkeit, der Aneignung und Widerspiegelung der Welt. Sie werden dem Menschen wieder abgenommen und nun, der Gott-Natur zugeschlagen, gegen ihn gerichtet. Die emanzipatorische Idee der "Selbstverwirklichung durch Arbeit" wird für alle - Eliten wie Massen - abgebrochen, indem sie ihrer Verfügbarkeit entzogen und ans Schicksal gebunden wird. Der Angriff richtet sich gegen die Souveränität des Menschen, gegen seine Emanzipation; aber er wird ausgeführt gegen die stärkste Waffe der Linken: den Kampf um die Befreiung der Arbeit als Vorstufe zur freien Gestaltung der Welt. Soll heißen: zur rationalen Gestaltung der konkreten Lebensbedingungen des menschlichen Individuums, die die Interessen der anderen Individuen und der Natur als Bedingungen der eigenen Möglichkeit einbezieht.
Fünfte These:
Mit dem faustischen Übermenschen fürs KapitalDie Bereitschaft der Eliten, die "offenbare Ordnung der Natur" (Faye) skrupellos zu überschreiten, muß geschaffen werden, da sich mit den Produkten des faustischen Handelns eine Menge Geld verdienen läßt. Die chemische Industrie verdient an der Gentechnik, die Elektroindustrie an der Atomtechnik und den Basisprodukten der EDV-Technik, die Rüstungs- Luft- und Raumfahrtindustrie an der Überwindung der Schwerkraft - der Verkehrstechnik - oder einfach nur an den Konflikten aus den Konkurrenzverhältnissen des Weltmarktes. Schon das faschistische Modernisierungsprogramm lief nicht gegen die völkisch-neuheidnische Ideologie mit ihrem Rückgriff auf "indoarische" Mythologie ab, wie es nach dem verbreiteten Mißverständnis über den Charakter dieser naturmystischen Ideologie erscheint, sondern wegen ihr, weil sie den Weg zur Selbstvergöttlichung und zum organizistisch verfaßten Staat erst frei machte. Mit dem Gottmenschentum faschistischer Herren beiderlei Geschlechts wurden die ökonomisch verwertbaren Taten der Nazi-Wissenschaftler gerechtfertigt, mit dem "arischen" kosmischen Weltbild wurde eine antidemokratische Organisation der Gesellschaft zugunsten der ökonomischen Verwerter legitimiert. Wie wenig dabei die Feinheiten der Weltanschauung eine Rolle spielten, zeigen die medizinischen Menschenversuche der Nazis, die zwar an angeblich rassisch minderwertigen "Untermenschen" vorgenommen wurden, deren vermarktbare Ergebnisse aber ausschließlich mit Blick auf die potentielle "arische" Kundschaft interessant waren. Der rein ideologische Charakter der faustischen Weltanschauung könnte kaum klarer zu Tage treten.
High Spirit und High Tech sind nicht nur in der Theorie, wie bei Teilhard de Chardin, sondern in der Praxis seit der ersten "New Age"-Bewegung der Jahrhundertwende Brüder. Das zeigen nicht nur Menschenversuche und Menschenzüchtung. Rudolf Steiner wurde durch den Elektroindustriellen Robert Bosch unterstützt, der Gründer "deutschgläubiger" Sekten Sigfrid Otto Reuter war Direktor eines Elektrizitätswerkes. Die Familie der Schrenck-Notzings könnte als Paradebeispiel herhalten. Der BASF-Großaktionär und "Criticon"-Herausgeber Caspar von Schrenck-Notzing ist heute ein führender Kopf der "Neuen Rechten" in Deutschland und ein enger Weggefährte Armin Mohlers. Sein Großvater Albert von Schrenck-Notzing war ein Okkultist und "Parapsychologe", der sich in der faschistisch-okkultistischen Münchner Szene der frühen zwanziger Jahre engagierte, der auch der spätere Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß angehörte. Albert war mit der Tochter des BASF-Gründers Gustav von Siegle verheiratet. Leopold von Schrenck-Notzing war bis 1967 Aufsichtsratsmitglied dieses Chemie-Multis und IG-Farben-Nachfolgers BASF, der sich - wie alle Chemie-Konzerne - heute in der Genforschung engagiert. Albert diente seine Untersuchungen der damals noch wenig bekannten Infrarot-Strahlen seinem engen Freund, dem Elektro-Industriellen Graetz, an - zur ökonomischen Ausbeutung bei "Kontroll- und Registrierzwecken", wie er in seinem "Parapsychologie"-Buch von 1929 schrieb. So handfest kann Okkultismus sein. Zum Kreis der "Münchner psychologischen Gesellschaft", die Albert mitgegründet hatte, gehörten auch die "Lebensphilosophen" Ludwig Klages und Max Scheler. Über Scheler promovierte nun wieder der heutige New Ager Hubertus Mynarek - die Kreise sind klein. Die spätere Sektengründerin und Ehefrau Erich Ludendorffs, Mathilde von Kemnitz, stand damals in München mit Albert von Schrenck-Notzing in kritischem Kontakt. (353)
Daß sich heute eine ministrable Industrieberaterin wie Gertrud Höhler auf dem New Age-Trip befindet und gerade deshalb in den Chefetagen des deutschen Kapitals gern gesehen ist, hat seinen Grund. Man braucht gar nicht lange zu suchen. Platt und offen schreibt Guillaume Faye: "Es ist daher wichtig, zumal sich unsere Götter nun im Kosmos befinden, diese europäische techno-wissenschaftliche Kultur mit der Eroberung des Weltraums fortzusetzen, die für die Europäer ferner den Schlüssel zu ihrer strategischen und militärischen Unabhängigkeit bildet." "Ja, hineinwachsen soll der Mensch in das ihn umgebende Weltall", meinte bereits Chamberlain, "er soll den bestirnten Himmel über ihm als seine Heimat erkennen, voll Vertrauen, daß er ihre Geheimnisse wird enträtseln können - gehört er doch organisch zu ihr und ist ihren gigantischen Verhältnissen gewachsen." Zum Wohle der deutsch geführten europäischen Weltraumtechnologie wurde die Daimler-Benz-MBB-Fusion vorgenommen, heute heißt die Firma DASA. In ganzseitigen Anzeigen wirbt 1992 der Mutterkonzern Daimler-Benz mit einem Ausspruch des Kosmos-Mystikers Antoine de Saint-Exupéry für die Luft- und Raumfahrt-Produkte der DASA: "Es ist der Geist, der die Welt bewegt." Der damalige Programm-Manager der NASA, Jesco von Puttkamer, sprach sich 1987 auf dem Kölner Kongreß "Weltraum als Markt - Die zivile Nutzung des Weltalls" dafür aus, "eine neue Welt zu schaffen" und dies mit einer neuen universellen Ethik abzuschützen, "die gekennzeichnet ist durch eine ganzheitlich orientierte Denkweise, durch Integrationsstreben und Einmütigkeit." (354)
Saint-Exupéry gegen Marx:
Diese Werbeanzeige für die Produkte des Daimler-Benz-Konzerns aus Zeitungen in den 90er Jahren enthält auch eine weltanschauliche Botschaft.
LupeIn der Debatte des Deutschen Bundestages über die Zukunft der Großforschung in Deutschland im Februar 1992 konnte man erkennen, wohin die Reise im nächsten Jahrtausend gehen soll. Die Sprecher aller Parteien waren sich im wesentlichen darin einig, Forschungsgelder für Weltraum-, Bio- und High Tech-Chip-Forschung auszugeben und Finanzmittel hierfür aus der Erforschung der Kernspaltung umzuverlagern, die für ihre faustische Funktionstüchtigkeit bereits ausreichend untersucht ist. Von einer Forschung, um den wachsenden zivilen Atommüll zu beseitigen, war nur am Rande die Rede, Großforschungsprojekte z. B. zu AIDS oder zur Humanisierung des Arbeitslebens brachte kein einziger Redner im Bundestag zur Sprache. Die SPD-Vertreter allerdings kritisierten das Fehlen von "Visionen" in der Forschungspolitik der CDU/CSU-FDP-Koalition und forderten zur "Entwicklung von wirtschaftlich wichtigen Schlüsseltechnologien" für die Wissenschaftler ausgerechnet "mehr Freiraum für eine Zusammenarbeit mit der Industrie" und "einen anderen Freiraum für die Mitfinanzierung durch die Industrie", so der SPD-Sprecher Wolf-Michael Catenhusen. Es stünde der Linken besser an, konkrete Utopien statt Visionen einzufordern. Zudem ging dieser Vorwurf gegen den damaligen Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber ohnehin an die falsche Adresse. Raumfahrt sei "eine Sache, die hat Faszination", ließ er sich schon früher vernehmen, sie verschaffe der Nation "Selbstbewußtsein, Motivation, Glanz." Das deutsche bemannte Weltraumprogramm heißt mit kosmisch-religiösem Unterton "D-Mission", "D" wie "Deutschland".
Es ist wohl kein Zufall, daß der Präsident der Sekte "Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft e. V.", deren Ehrenpräsidentin Sigrid Hunke bis Ende 1988 war und die sich genau auf dem Schnittpunkt von New Age, Faschismus und bundesdeutschem Establishment eingerichtet hat, der Leiter der Forschungsabteilung von MBB/DASA in Ottobrunn ist. Die Firma ist führend in der Weltraumtechnologie engagiert, eine Milliarde Mark an Steuergeldern hätte sie verbrauchen sollen, um den Raumgleiter "Sänger" zu entwickeln. High Tech als die Zukunft Europas: Dies ist die allgemein akzeptierte Perspektive angesichts der Weltmarktlage, in der heute bereits die trikontinentalen Schwellenländer die Produkte kostengünstiger herstellen, von denen Europa vor zwanzig Jahren selbst noch lebte. Für die Möglichkeit, Reinstchemikalien herzustellen, die in der Computertechnologie und damit indirekt in einem wachsenden Bereich der Produkte unverzichtbar sind, wird der Weltraum als Produktionsort angepeilt. Es ist wohl auch kein Zufall, daß ein High Tech-Konzern wie die Siemens AG, die in der Weltraum-, Atom- und Computertechnologie in Europa führend ist, mit der von ihr finanzierten Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung die Ideologie des pantheistischen Organizismus in zahlreichen Kolloquien mitentwickelte und auf ihre Brauchbarkeit als Legitimationsmittel abklopfte. Die geschah unter der Geschäftsführung von Armin Mohler, der die Stiftung bis 1985 leitete. "Im übrigen bleibe ich dabei, daß an der Kernenergie kein Weg vorbeiführt", befand kürzlich der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Heinrich von Pierer. (355)
Daß die Biotechnologie die Zukunft Europas sein soll- vielleicht mehr als die Atomtechnologie - ist von den ökonomischen und politischen EG-Eliten inzwischen breit akzeptiert. Gehandelt wird heute erst noch überwiegend im Agrarbereich, wo sich Wissenschaftler und Kapital Sympathien der Bevölkerung für das Faustische erhoffen: Die lachsfarbenen Petunien sollten der Einstieg in die "Überschreitung der offenbaren Ordnung der Natur" werden, synthetische Hormone für die Rinderzucht weisen aufs ökonomische Kalkül. Die Genomanalyse als letzter unbezweifelbarer Beweis für die Identität und die Herkunft der Gene eines Menschen ist unter dem Begriff "genetischer Fingerabdruck" bekannt. Sie ist bereits für den britischen Pharma- und Chemiegiganten ICI ein lohnendes Geschäft, wie die Zeitschrift "Konkret" berichtete. Auch hier muß nicht alles streng logisch sein: "Immigrantinnen und Immigranten versuchten durch den genetischen 'Fingerabdruck' den unanfechtbaren Nachweis von Verwandtschaftsbeziehungen zu erbringen, die ihren Angehörigen den legalen Zuzug nach Großbritannien ermöglichen sollte. Doch schon bald verweigerten die rassistischen Ausländerbehörden in England die Anerkennung der DNA-Analyse als Beweismittel. Gleichzeitig aber hielt der genetische 'Fingerabdruck' triumphalen Einzug in englische Gerichtssäle." Die Genomanalyse als Kriterium bei der Einstellung von Arbeitnehmern wurde bereits von den Gewerkschaften heftig kritisiert: Statt Geld zur Humanisierung des Arbeitslebens auszugeben, wollen Unternehmer lieber nur solche Personen an gefährliche Arbeitsplätze stellen, die aufgrund ihrer genetischen Anlagen z. B. für bestimmte Chemikalien weniger empfindlich sind.
Die "Brave New World" als Ergebnis der Ideologie derer, die diese doch zu kritisieren vorgeben, ist bereits Wirklichkeit. Der "stern" berichtete im Frühjahr 1992 von der Aussichtslosigkeit der Jobsuche nach erfolgtem Gentest, weil auch irrelevante genetische Besonderheiten, die nach dem Test auf den Personal-Fragebögen der Unternehmen bei der Bewerbung angegeben werden müßten, bereits zur Ablehnung führten. Götter in Weiß wie der Werksarzt der Hoechst AG, Fritz Schuckmann, träumen schon wieder, hier zugunsten eines IG Farben-Nachfolgers, den biologistischen Alptraum: Diesmal geht es darum, "Fähigkeiten und Charaktereigenschaften eines Bewerbers durch eine psycho-genetische Analyse objektiv zu ermitteln." Dies mag wissenschaftlich so haltlos sein wie die bis heute noch verwendete Graphologie, dennoch werden sich ideologische Wissenschaftler finden, die dem Kapital derart zur Hand gehen werden. Eine ganzheitliche "Ethik" des Schicksals legitimiert es, nach den Genen auszusortieren, was wesentlich billiger kommt, als die Umwelt und die Arbeitsplätze gesundheitsschonend zu gestalten.
Wie weit dieses "Neue Denken" bereits vorgedrungen ist, zeigt das genetische EG-Projekt "Prädikative Medizin". Seine Wissenschaftler fordern billige genetische Tests und Reihenuntersuchungen, "da das Kosten-Nutzen-Verhältnis unseres Gesundheitssystems immer schlechter werde. Krankheitsanfällige sollten frühzeitig ermittelt und gentherapeutisch behandelt werden, damit sie ihre Anlagen nicht weitervererben können", so berichtete der "stern". Hier wird nicht mehr nach gesellschaftlichen Ursachen für die wachsenden Kosten des Gesundheitssystems gefragt, wie etwa überhöhte Konzerngewinne und Arzthonorare, eine krank machende Organisation von Gesellschaft oder die wachsende Aufnahme von Giften. Hier wird vielmehr nach dem faustischen Muster, das Faye aussprach, auf den genetisch zu schaffenden Übermenschen gesetzt, den solche Verhältnisse nicht mehr krank machen. Das Recht des Stärkeren, der Kampf ums Dasein - auch international, denn das Wissen der Gentechnologie als die Zukunft Europa wird nicht an Konkurrenten, erst recht nicht an die "Dritte Welt", weitergegeben werden - folgt direkt und auf platteste biologistische Art aus der Genforschung. Dies ist der rationale Kern einer irrational erscheinenden Ideologie wie z. B. der "Ökologischen Religion" Mynareks, die den genetisch über dem "Irrläufer der Evolution" stehenden "ökoreligiösen" Menschen propagiert. "Unmerklich, in kleinen Schritten, sinkt mit dem Fortschritt der Gentechnik das moralische Niveau, und plötzlich befinden wir uns im genetischen Schlachthaus", so zitiert der "stern" den Biochemiker Erwin Chargaff, der offenbar noch nicht von der "ganzheitlichen Ethik" infiziert ist.
Dagegen macht die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 27. Dezember 1991 konkret, was Walther Zimmerli offenbar einer neuen religiösen Kultur abverlangt: Sinnstiftung innerhalb der Wirklichkeit der technologischen Zivilisation. Für die "FAZ" hat "die strikte deutsche Gesetzgebung" bezüglich der Gentechnik "dazu geführt, daß diese Technik praktisch nur im Ausland Gewinne bringt. Fachleute sprechen von einer 'katastrophalen Fehlentwicklung'. Deutschland sei auf diesem Gebiet bereits aus dem Rennen." Hier sind nicht etwa genetische Katastrophen als Folge der Gentechnik gemeint, sondern ökonomische Katastrophen mangelnder Konkurrenzfähigkeit in dieser faustischen Technik. Von einer heroisch-realistischen "Ethik" aus wurde diese Gesetzgebung zugunsten der Chemie-Konzerne inzwischen abgeschwächt. Und wieder einmal sind es die IG Farben-Nachfolger, die - wie in Auschwitz auf dem damals wissenschaftlich höchsten Niveau der Genmanipulation, der Zucht über die "Ausmerze" - von dieser "Ethik" profitieren. "Gewiß wählt jeder Staat die Risiken, die er für sozial adäquat hält", befand die "FAZ", aber die Adäquanz ist eben letztlich eine ethische Frage.
Nicht nur bei den faustischen Produkten bewährt sich der pantheistische Organizismus fürs Kapital, auch in der gesellschaftlichen Organisation, die die Rahmenbedingungen für die Herstellung und Vermarktung dieser Produkte darstellt. "Wenn das atomistische Verfahren Natur und Kosmos, Mensch und Gesellschaft, Geist und Persönlichkeit verfehlt und verfälscht, kann es nicht plötzlich in der Wirtschaft Anspruch auf Wahrheit und Geltung erheben", resümiert der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete Walter Becher die wirtschaftspolitischen Pläne des Konservativen Revolutionärs Othmar Spann. Er führt auch schon wieder den Begriff der "Großraumwirtschaft" an, den die Nazis zur Neuordnung Europas und der Welt nutzten. Organisch soll sie sein, nach innen wie nach außen: Jedem das Seine, nach seinem zugedachten Platz im Ganzen, im Gefüge. "Großraum- und Volkswirtschaften differenzieren sich durch den Menschenschlag und arteigene Zielwelt, die in Europa anders ist als in Südostasien, in Deutschland anders als in Indien, aber auch anders als in Italien, in der Türkei oder in Portugal", meint Becher. Die Techno-Wissenschaft und der materielle Wohlstand als ihr Ergebnis sind hier europäisch "arteigenen" reserviert. Und auch die "indogermanische" Solidarität hört am Geldbeutel auf, wie man sieht. "Bleiben one-world-Kultur und one-world-Wirtschaft ein unausweichliches, ja sogar anstrebbares Ziel für den Eintritt in das dritte Jahrtausend?", fragt Becher. "Eines steht nach dem bisher Geschriebenen fest: den Prinzipien einer ganzheitlichen Wirtschafts-, Gesellschafts- und Weltordnung entsprechen sie nicht. Wenn Dezentralisation, Subsidiarität, wenn traditionsbewußte Gliederung in große und kleine und kleinste Einheiten allgemeingültig sind, läßt sich das Glück der Erdenkinder nicht auf dem Wege weiterer Gleichmacherei, Zentralisierung, Lassez-faire-Politik oder fremdgelenkter Planüberwachung erreichen." (356)
Hier scheint die Perspektive einer "organisch-kosmischen" Europäischen Union als autarkem "Großraum" in Konkurrenz zu den ostasiatischen und amerikanischen "Großräumen" auf. Die Idee einer organischen europäischen Wirtschaftsgemeinschaft war bereits das Kriegsziel des deutschen Kapitals im Ersten Weltkrieg. Der Außenmitarbeiter der "Pressestelle Auslandsdienst" der "Militärischen Stelle im Auswärtigen Amt" des deutschen Kaiserreiches, Ernst Jäckh, schrieb im Juni 1916 über "Mitteleuropa als Organismus" und den "Sinn für das Organische": "Deutschland ist eine Art Mikrokosmos von Mitteleuropa". So wie seine "einzelnen Organe" erst "zur Einheit des Organismus zusammenwachsen" mußten, so müsse es auch das deutsch geführte Europa nach dem deutschen Sieg im Weltkrieg. Von der "organischen Notwendigkeit dieses Zusammenhanges" Mitteleuropas und "der naturgemäßen Bedingtheit der einzelnen Organe" war hier die Rede. Es war die Hohe Zeit Chamberlainschen Denkens, in der der Krieg führende Kaiser einen Chamberlain-Lesekreis eingerichtet hatte und eifrig mit dem Autor korrespondierte. Schon der völkisch-religiöse Lagarde hatte die Kolonisierung Südosteuropas durch das deutsche Kapital für nötig erachtet, die im August 1914 in Angriff genommen wurde. Derartige "organische" Kriegszielschriften finden sich für den Ersten und den Zweiten Weltkrieg zahlreich in dem Dokumentenband "Europastrategien des deutschen Kapitals" von Reinhard Opitz. Der Herausgeber weist darauf hin, daß Jäckhs Schriften zum großen Teil von dem Elekto-Industriellen Robert Bosch finanziert worden waren. Lukács hatte bereits die "Zerstörung der Vernunft" durch den Irrationalismus der Jahrhundertwende mit der damaligen Phase des ökonomischen und militärischen Imperialismus in Zusammenhang gebracht, das erste Phänomen als den geistigen Überbau des zweiten analysiert. (357)
Der Vizepräsident der Kommission der Europäischen Union, Martin Bangemann, versteht etwas von Organizismus. Immerhin steht er an der Spitze der größten antidemokratischen Organisation der Welt. Die EU ist nicht nur ein ganzheitliches Gefüge von Ungleichen, das nach außen hin mehr und mehr die Disparatheit und Autonomie betont - womit die Bestimmungselement des Begriffs der Gestalt genannt wären. Sie wehrt sich auch vehement gegen eine demokratische Kontrolle ihrer Exekutive. So macht es Sinn, den pantheistischen Organizismus als "Europas eigene Religion" zu bezeichnen. Bangemann fand am 22. September 1989 in der Tageszeitung "Die Welt" organizistische Argumente für sein letztes Werk als bundesdeutscher Wirtschaftsminister, die Daimler-Benz/MBB-Fusion: "Das Weltbild atomistischer Konkurrenz ist nicht mehr zeitgemäß, denn auch Großunternehmen stehen unter starkem Wettbewerbsdruck." Also muß in der Hierarchie des ganzheitlichen Gefüges eine höhere Stufe herbeigeführt werden, damit die Gestalt "Europäische Union" - bzw. ihre Untergestalten der Konzerne - gegenüber anderen disparaten Gestalten wie dem US-amerikanischen oder dem japanischen Kapital konkurrenzfähig bleibt.
Allerdings ist man sich im Organizismus nicht einig, welche konkreten Folgerungen für den Wirtschaftsaufbau aus der Ideologie gezogen werden sollen, es kommt wohl auch hier immer auf das an, was gerade legitimiert werden soll. So vertritt z. B. der Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie der Naturwissenschaft an der Universität Gießen, Bernulf Kanitscheider, 1991 auf der Basis des New Age und der neueren Physik einen extremen Wirtschaftsliberalismus. Die Selbstorganisationskraft des Universums wirkt sich bei Kanitscheider folgendermaßen aus: "Die freie Markwirtschaft ist somit eine spontan entstandene komplexe Ordnung, die zwar auf den zielgerichteten Handlungen der Elemente dieser Ordnung beruht, jedoch selbst nicht zielgerichtet ist und deshalb auch gar nicht planmäßig verändert werden kann. Der Markt verknüpft die Handlungen und Ziele zu einem geordneten Ganzen", das "ganz klare normative Handlungsperspektiven" gebe. "Der Markt" ist hier die quasi-göttliche Instanz. "Weil die komplexe Ordnung alles übertrifft, was bewußte Organisation hätte hervorbringen können, ist es verfehlt zu behaupten, daß wir die moderne Gesellschaft bewußt planen müssen, weil sie so komplex geworden ist." Es sei im Gegenteil eine Handlungsnorm, "diese Ordnung nicht durch 'social engineering' (zu) destabilisieren." Die sozialen Ordnung wird als scheinbar naturwüchsig mit den Konzepten des "Neuen Denkens" gerechtfertigt: "Die neuen Theorien der Selbstorganisation bauen ... Brücken, die den gesamten Bereich des Lebendigen mit Einschluß seiner sozialen Aktivitäten umspannen." (358)
In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 4. Januar 1992 schleißt sich der persönlich haftende Gesellschafter der Düsseldorfer Privatbank Trinkaus und Burkhardt, Sieghardt Rometsch, in einem langen Artikel unter dem Titel "Gerechtigkeit ist eine Hülse. Die Ordnung der Wirtschaft" der naturalistischen Selbstorganisations-Ideologie an. Er spiritualisiert die Marktwirtschaft sogar explizit, wenn er meint: "Es grenzt an ein der Marktwirtschaft 'immanentes' Wunder", daß in ihr "eine spontane Ordnung entsteht, die für eine dynamische, fortwährende Verbesserung der Lebensumstände aller Beteiligten kraftvoll Sorge trägt." Als diese "Verbesserung" versteht Rometsch hier offenbar das freiwillige, vielleicht durch kosmisch-spirituelle Einsicht begründete Sicheinfügen in die Gestalt, denn er beschließt seinen Artikel mit der Warnung: "Verteilungsgerechtigkeit ... ignoriert die unzähligen, nicht änderbaren, natürlichen Unterschiede zwischen den Menschen ..., teilweise vielleicht sogar als banal empfundene Unterschiede ... wie groß und klein, Mann und Frau, kräftig und schwach und so weiter und so weiter ..., die von Person zu Person zu scheinbar unvermeidbaren Einkommensunterschieden führen." Es gebe daher ein "Dilemma der ungleichen Verteilung" aufgrund der angeblichen Tatsache, "daß die Hauptursachen, die zur ungleichen Vermögens- und Einkommensverteilung führen, sich dem Einfluß des Staates weitgehend entziehen." Sie unterliegen offenbar nur dem Einfluß des göttlichen Ganzen. Wer Frau ist und dabei auch noch klein, schwach oder krank, vielleicht schwanger, hat eben Pech gehabt - Schicksal, Naturgesetz.
Kapital und New Age ergänzen sich. Das "erste Magazin für ganzheitliches Denken" namens "Das Neue Zeitalter" - ständige Mitarbeit laut Impressum: Hubertus Mynarek - schreibt: "Die Intelligenz ist eine Gabe Gottes, die man nicht mit Gelehrtheit verwechseln sollte." Für den Kapitalisten Rometsch ist es ein "immanentes Wunder", wenn die Reichen immer reicher werden. Doch das Ganze soll seine eigene Gerechtigkeit haben, es sorgt angeblich - allerdings nur relativ und abgestuft - für alle seine (abstrakten) Teile, auch für die ganz unten: Es sei ein "Tatbestand, daß, wie inzwischen überzeugend nachgewiesen, ein marktwirtschaftliches System zwar Ungleichheiten toleriert, weil ihre Hauptursachen nicht eliminierbar sind, ihm auf der anderen Seite aber eine Dynamik innewohnt, die den wirtschaftlichen Kuchen ständig vergrößert. Das Wachstum dieses Kuchens kommt den Armen ebenfalls zugute," meint Rometsch. Zwar sieht man zur Zeit gerade in der Rezession Nordwesteuropas und der ökonomischen Katastrophe Osteuropas das Gegenteil, aber ideologischer Kleister soll nun mal kleben, nicht erhellen.
Konzepte der freien Konkurrenz bilden die Grundlage der Wirtschaftskonzeptionen auch bei den New Age-Ideologen Ferguson und Capra. Während Ferguson die "unternehmerische Haltung, Risikofreudigkeit" und das "Gefühl des Wechsels, Werdens" in ihrem "neuen Wirtschaftsparadigma" beschwört, läßt sich Capra von seiner "Wirtschaftsberaterin" Hazel Henderson erzählen, daß "man es einzelnen Unternehmen einfach erlauben muß unterzugehen", als Teil des Werdens und Vergehens in der "dynamischen Ordnung des Kosmos". Was mit den Beschäftigten solcher Unternehmen geschieht, die als Teile des Ganzen ohnehin austauschbar sind und deshalb keinen Wert als Einzelne besitzen, interessiert diese Ideologen des Neuen Zeitalters nicht. "Bombay, so ging es mir durch den Sinn, ist keine Großstadt. Es ist ein menschliches Ökosystem, in dem die Vielfalt des Lebens unglaublich reich ist", empfand Capra bei einem touristischen Aufenthalt in der Stadt der Prostitution und des öffentlichen (weil auf den Straßen stattfindenden) Geborenwerdens, Lebens und Sterbens. Kampf gegen die Armut bedeutet nach Capra also: Zerstörung der Vielfalt des Lebens. "Reichtum" bezieht sich hier nicht auf konkretes Leben, denn die auf den Straßen der indischen Großstädte vegetierenden Individuen haben in keiner Weise ein irgendwie "reiches" Leben. Vielmehr ist hier abstraktes, kosmisches Leben gemeint; zu seinem abstrakten "Reichtum" gehört die konkrete Armut konkreter Individuen als Einheit in der Vielfalt.
In dieser Weise sieht Capra auch Krankheit und Gesundheit bzw. Heilung als "integrale Teile der Selbstorganisation eines Organismus." Capra wurde vor allem auch durch seine Aussagen über den ganzheitlichen Umgang mit psychosomatischen Krankheiten bekannt. Wo der Organismus seine Krankheit angeblich selbst organisiert, da ist die auch vom Kapital und seinen politischen Vertretern seit langem geforderte "Gesundheitssteuer" naheliegend, die auch Capra für angeblich selbst verschuldete Gesundheitsrisiken einführen will. Die sollen vor allem wieder die Armen bezahlen, denn Capra will "Gesundheitssteuern ... für geringwertige Dosennahrung." Mit den Erträgen aus diesen Steuern läßt sich dann sicher die Genforschung im Agrarbereich finanzieren. (359)
Diese Weltsicht, die auf den pantheistisch-organizistischen Grundpositionen des ganzheitlichen Denkens fußt, legitimiert optimal den im vollen Gange befindlichen Sozialabbau zugunsten von High Tech-Subventionen. Die wachsende Verelendung auch in den hochindustrialisierten Ländern, die in den USA und Großbritannien mit Erscheinungen wie extremer Obdachlosigkeit, zurückgehender Lebenserwartung für die männliche schwarze Bevölkerung, mit Apartheid-ähnlichen Off-Limits-Zonen für Obdachlose in einigen Städten usw. am fortgeschrittensten ist, erscheint als Schicksal. Die gesellschaftliche Ausgrenzung der Verelendeten entspricht den Gesetzen des Gestalt-Aufbaus, die ins Elend Gestoßenen werden mit antidemokratischen Konzepten zur Billigarbeit im Interesse eines abstrakten Ganzen gezwungen. So berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 27. Dezember 1991 über "Armut in Amerika", dort breite sich unter Wissenschaftlern und Politikern - unterstützt vom Ku-Klux-Klan - die Meinung aus, "Chancen, Arbeitsplätze gebe es genug. Vielmehr gelte es, die Armen paternalistisch zu erziehen, sich ins Arbeitsleben einzugliedern", indem man ihnen die Sozialunterstützung streicht. Während die New Age-faschistischen Herren vom Züchten des Übermenschen träumen, bringt die Wirklichkeit der sozialen Verelendung in der "Dritten Welt" körperlich und geistig verkrüppelte Menschen hervor, die in Brasilien "Rattenmenschen" genannt werden. Sie leben auf den Müllhalden von Rio, Kairo oder Bombay. Die Mangelernährung aus dem Abfall und das Eindringen von Schadstoffen in ihre Körper hat nach medizinischen Untersuchungen bereits die Gensubstanz dieser Menschen angegriffen. Ihr Zwergwuchs und ihre organischen Schäden vererben sich auf ihre Nachkommen, die auf Müllhalden gezeugt und dort geboren werden. Die Objekte eines "Rechtes auf Ungleichheit" - wie es die ideologischen Agenten des Kapitals aus der "Neuen Rechten" fordern - werden durch die Welthandelspolitik und die Verelendungspolitik der regionalen Eliten erst geschaffen.
Die Forderung nach unterschiedlichen Tarifverträgen für West- und für Ostdeutschland läßt sich - auf ökonomisch höherer Ebene - nach demselben Muster vermitteln: Deutschland als "Yin und Yang", Einheit in der Vielheit. Das Regionalismus-Konzept der "Neuen Rechten" schlägt in der bundesdeutschen Politik bereits voll ein. Dagegen soll nach dem Modell der Disparatheit der Gestalten für die Ganzheit der Europäischen Union ein einheitliches Asylrecht geschaffen werden, damit die Gestaltfremden nicht länger die Geschlossenheit des Ganzen stören können.
Die Gelder, die in den hochindustrialisierten Gesellschaften an den Sozialleistungen eingespart werden, fließen seit Jahren als staatliche Subventionen in die Entwicklung faustischer High Tech. So ergibt beides zusammen eine Einheit: Die mehr oder weniger verelendeten Massen werden auf das Schicksal verwiesen, heroisch-realistisch - vor allem aber teuer - wird in die "offenbare Ordnung der Natur" eingegriffen.
Nur ein fiktives Ganzes ist hier angesprochen, das selbst Ideologie ist und für niemanden Wirklichkeit. Der konkrete Mensch kommt nicht vor, erst recht nicht die Fließbandarbeiterin X, die für ihr zweites Kind dringend auch ein zweites Kinderzimmer braucht, ein Partikularinteresse, zugegeben. Die Industrieberaterin Gertrud Höhler spricht in ihrem Artikel über "Bäume - Sinnbilder des Lebens: Indianerbäume", den sie in der Zeitschrift "MUT" veröffentlichte, von der freudigen und freiwilligen "Unterwerfung" der Indianer unter "die Gesetze der Natur", von der Bereitschaft, "sich selbst in die Kreisläufe des natürlichen und kosmischen Geschehens einzuordnen." Sie kritisiert den "selbstverständliche(n) Komfort des Zusammenlebens, an den wir uns unter dem Schlagwort des 'Sozialen' gewöhnt haben" und findet, das Soziale Netz tue "ein übriges, unser Wissen über die Unerbittlichkeit und Großartigkeit der Natur in gleicher Weise zu verwischen." "Nicht um Rückwege" geht es ihr beim Rückgriff auf die Weisheiten naturmystischer Indianerhäuptlinge, sondern um diesen faustischen Fortschritt aus Tradition, der für die Massen Rückschritt ist: "um den Versuch der Integration von Eroberergesinnung und Bewunderung" gegenüber der Natur. Einerseits ist dies ein Ausdruck für die heroisch-realistische Haltung. Andererseits ist es gesamtgesellschaftlich organizistisch: Das Erobern ist die Sache derer, die von Höhler beraten werden, das Bewundern die Sache derer, die sich wegen der quasi natürlichen "Unerbittlichkeit" der Verhältnisse mit nur einem Kinderzimmer für mehrere Kinder zufrieden geben müssen. Höhlers neuestes Buch, 1993 ganz oben auf der "Wirtschafts-Bestseller"-Liste der Zeitschrift "Wirtschafts-Woche", heißt bezeichnenderweise "Spielregeln für Sieger".
In dem Buch "Verspielen wir die Zukunft? Gespräche über Technik und Glück" von 1982 läßt Höhler die Katze Kapitalinteresse aus dem Sack New Age: "Die Zustimmungsfähigkeit zum Sinn der wissenschaftlich-technischen Welt muß erhalten bleiben oder wiederhergestellt werden in großen Teilen der Bevölkerung", nicht bei den von Höhler Beratenen, denn: "Es gibt keine Selbstverständlichkeit mehr bei den Wirkungen moralischer Ansprüche, die sich an Gruppen richten." "Wir müssen offenbar eine Zustimmungswilligkeit erzeugen", über Mythos und Respiritualisierung, jedenfalls über Irrationales, das "indianische Bewußtsein", wie es auch in der Linken oft und unbegriffen heißt. Die Parallele zu den New Age-Ideen Zimmerlis, wie wir sie oben dargestellt haben, ist offensichtlich.
Jakob von Uexküll, der Erfinder der ständestaatlichen "Organbäume", kritisierte in seiner "Staatsbiologie" von 1920 die angebliche Unverschämtheit des sozialen Anspruchdenkens der atomistischen Massen: "Solange der Betrieb des Staates geregelt weiterging", hatte dieser "die Möglichkeit, den einzelnen Arbeitsfeindlichen durch einen Arbeitswilligen zu ersetzen, der wohl stets vorhanden war. Sobald aber eine größere Zahl Arbeiter aus der Arbeitskette zurücktrat und streikte, stand das betroffene Staatsorgan vor dem Untergang." "Parasiten", und zwar insbesondere "Fremdrassige", die 1920 zahlreich in der deutschen Linken aktiv waren, "gedeihen besser in einem kranken Staate, der nur noch schwach auf ihre Eingriffe reagiert." "Die Versuche des (bereits "geschwächten", P. K.) Staates, ein Streikverbot zu erlassen, wurden ... vereitelt", statt dessen wird atomistisch ein "contrat social" geschlossen. (360)
Ist es ein Zufall, daß die Deutsche Bundesbank in ihren Informationstexten für die neuen Geldscheine organizistisch argumentierte? Die Naturforscherin Maria Sibylla Merian, die im absolutistischen Barock mit seinem noch althergebrachten Organizismus als Staatsideologie wirkte und heute auf dem Fünfhundertmarkschein abgebildet ist, behielt "trotz aller Liebe zum Detail" den Blick für "das übergeordnete Ganze", meint die Bundesbank 1990 in einer Zeitungsanzeige: "Ein vielschichtiger Organismus ist immer nur dann zu verstehen, wenn es gelingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das gilt sowohl für die botanische Forschung der Merian wie auch für die Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge durch die Bundesbank." Für unwesentliche Teile, z. B. einzelne, für die Funktion des Ganzen austauschbare menschliche Individuen, ist hier kein Platz. "Im Hintergrund ordnen sich die Details zu einem überzeugenden Ganzen", lautet das Zitat der Dame, das die Bundesbank zum Leitspruch ihrer Anzeige machte. So eingestimmt, legte man uns die völkisch-romantischen Gebrüder Grimm vom Tausendmarkschein mit "Yin und Yang" ans Herz: "Was heute oft als Gegensatz erscheint, war für Jacob und Wilhelm Grimm selbstverständliche Einheit: Tradition und Fortschritt." Das Zitat der beiden, das die Anzeige überschreibt, könnte ein Motto der Konservativen Revolution, der "Neuen Rechten" oder von "Europas eigener Religion" sein, sicher auch des New Age: "Tradition ist die Wurzel, aus der unser Fortschritt entspringt." Bei den kleinen Scheinen verhält es sich nicht besser, auch Carl Friedrich Gauß, der nur für zehn Mark gut war, wird New Age-ideologisiert. "Ein eigentümlicher Zauber umgibt das Erkennen von Maß und Harmonie", so ist hier die Zeitungsanzeige mit einem Gauß-Ausspruch betitelt, als wollte man den großen Mathematiker, Astronomen und Physiker auf einen okkultistischen Zahlenmystiker reduzieren. "Seine Fähigkeit, Ordnung und damit Stabilität zu schaffen, ehrt die Bundesbank mit seinem Abbild auf dem neuen Zehnmarkschein." Die neuen Geldscheine liegen nicht nur im New Age-Trend, sie passen auch zu den ökonomischen Zielen des deutschen Kapitals in Europa.
"Fortschritt aus Tradition", das meint einen Fort-Schritt weg von der Linken und ihrer Politik. Die Zeitschrift "Criticon" von Caspar von Schrenck-Notzing, in der Armin Mohler mitarbeitet, berichtete 1977 über einen Europa-Plan der keltogermanisch tümelnden "Nouvelle Droite" um Alain de Benoist. Der Plan hieß in Frankreich "Les racines du Futur. Demain la France", meinte aber die gesamte Europäische Union: "In ihren (der Nouvelle Droite, P. K.) Augen", so schrieb "Criticon", "wurzelt das soziale Modell Europas vorgeschichtlich ... in den Mythologien der indoeuropäischen Völker." Die primären Ziele des Plans waren: die "Verstärkung der eigentlichen politischen Autorität" im Staate, die "Wiederherstellung einer militärischen Elite" sowie "eine präzise Zuweisung von Aufgaben an die Wirtschaft" durch die Staatsorgane. Das Ziel ist die ökonomische Weltherrschaft Europas mit Hilfe der faschistischen Planwirtschaft. Es wird begründet auf "indoeuropäischen" Naturreligionen, die heute - weltanschaulich inzwischen wesentlich weiterentwickelt - "Europas eigene Religion" heißen. 1979 antwortet Alain de Benoist in einem Interview des "Spiegel" auf die Frage "Warum sollen die vorchristlichen Kulturen der Griechen, Römer, Kelten und Germanen humaner gewesen sein und darum der menschlichen Natur eher entsprechen als die Neuzeit?": "Weil dort der alte Grundsatz naturgegebener Ungleichheit Gültigkeit hatte und die hierarchische Gesellschaft mit ihrer elitären Ordnung eine natürliche Rechtfertigung besaß." (361)
Diese "vorgeschichtlich mythisch wurzelnden" Konzepte wurden in Europa in diesem Jahrhundert bereits mehrfach Wirklichkeit. Pläne zu einem "organischen", ständischen, aber staatsdirigistischen Kapitalismus wurden in der Konservativen Revolution ausgearbeitet, aber auch in den Spitzen des Nazi-Staates, der die konservativ-revolutionären Ideologen praktisch beerbte. Der "Blut und Boden"-Ideologe und Chef des SS-Rasse- und Siedlungsamtes Walter Darr‚ wäre hier ebenso zu nennen wie das spätere prominente Mitglied der "Deutschen Unitarier Religionsgemeinschaft e. V.", der Nazi-Minister, Wirtschaftsexperte und Kriegsverbrecher Dietrich Klagges. Auch Othmar Spann, der anfangs wegen seiner ökonomischen Konzepte in enger Verbindung zur NSDAP stand, ordnete in seinem Ständestaat die Wirtschaft den staatlichen Zielsetzungen unter. Eines der ersten Vorbilder dieser faschistischen "ganzheitlichen" Wirtschaftspläne stellt das Buch "Der geschlossene Handelsstaat" des ganzheitlichen Organizisten Johann Gottlieb Fichte dar, auf das sich die extreme Rechte bis heute hin bezieht. (362)
Nicht nur im historischen Faschismus bezog sich das deutsche Kapital auf Mythen: In einem Interview mit dem "Spiegel" im Jahre 1989 sagt der High-Tech-Berater aller Bundesregierungen seit 1969, Ingolf Ruge, über den Konkurrenzkampf Europa-USA-Japan auf dem High-Tech-Weltmarkt: "Die Deutschen - und dann die Europäer - müssen sich mehr um einen Konsens bemühen. Das Wirtschaftssystem des Jahres 2000 muß anders strukturiert sein als unser heutiges System. Jetzt heißt es nur: Die Wirtschaft soll in den Zukunftsindustrien alles selbst machen, der Staat hält sich da mit seinen Subventionen raus. Der Erfolg der Japaner liegt einmal in ihrem Fleiß, in ihrer Sorgfalt, in ihrem Nationalbewußtsein, zum anderen aber in ihrem System der Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft." Wo man sich zugunsten des Sozialabbaus, organizistisch gestützt, gegen staatsinterventionistische Sozialleistungen wandte, weil bei eingesparten Sozialleistungen Geld frei wird, da verlangt man zur europäischen Formierung des Kapitals, organizistisch gestützt, Staatsinterventionen, wenn diese den Konzernen Subventionsgelder bringen. Es werden also staatliche Eingriffe abgelehnt, wenn von oben nach unten verteilt werden soll, dagegen werden sie gefordert, wenn die Verteilung von unten nach oben verläuft. Die Ideologie muß nicht logisch sein - das war sie schon nicht bei den KZ-Menschenversuchen -, der Kleister muß nur kleben.
Die geistig-moralische Wende aufgrund veränderter ökonomischer Bedingungen ist leicht zu erkennen. Beim Benoist-Interview 1979 bezog "Der Spiegel" noch eindeutig gegen die Position Stellung, heutige Politik wurzele in den vorzeitlichen keltogermanischen Mythen: Es gebe "keine Belege für eine humane Ur-Zivilisation in Europa. Die von der Neuen Rechten propagierte 'Wiederverwurzelung' der Menschen scheint eher mit dem Mythos von Volk, Blut und Boden begründbar zu sein", kommentierte das Blatt damals. Seit einigen Jahren aber wird in demselben Blatt auf eine Art gegen die angebliche "japanische Gefahr" vom Leder gezogen, die sehr wohl an die Inhalte dessen anknüpft, was pantheistisch-organizistische "Neurechte" aus "indoarischen" Mythen ableiten wollen: das angeblich kosmische Gesetz des Lebens, das Recht des Stärkeren im Kampf ums Dasein. "Kulturelle Unterschiede in der Art, Handel und Wirtschaft zu betreiben", sind für den "Spiegel" heute der Grund für den Erfolg des japanischen Kapitals: "Für Japaner ist die Wirtschaft ein Kampf, in dem es darum geht, zu siegen und der Beste zu sein."
"Mit herkömmlichen Methoden ist Japans unbändiger Drang an die Spitze längst nicht mehr zu stoppen", und als "herkömmlich" nennt "Der Spiegel": höhere Zölle, Dumpingstrafen und Einfuhrbarrieren. Es müßten vielmehr "visionäre, globale Strategien" her, zitiert das Blatt den Bundesaußenminister. Zu den "Inhalten" der "fernöstlichen Überlegenheit" - die es endlich zu verstehen gelte, um dagegen kämpfen zu können - gehöre auch der betriebliche "Morgenappell" der japanischen Arbeiter. Neidisch wird auf den organizistischen Ameisenstaat geschaut, den schon Capra oder Mynarek explizit als Modell nannten, damit niemand ihre Pläne für die zukünftige Gesellschaft des New Age mißverstehe. "Ein größerer Beitrag des Staates" wird gefordert, "strategisch plazierte öffentliche Aufträge, um neue Technologien und Märkte zu erschließen" und derart "die Schlagkraft der Europäer" zu erhöhen. Gleichzeitig sollen "sterbende Industriezweige wie der Kohlebergbau, die Werften und die Stahlindustrie" nicht länger am Leben erhalten werden, schließlich ist der Kosmos ein dynamisches Ganzes von Vergehen und Entstehen. Die sozialen Konsequenzen deutet "Der Spiegel" bereits an: "Aus der Sicht der Japaner ist der Ausgang des Technologie-Marathons deshalb schon klar: 'Ihr baut Straßen und Häuser', bekam der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi kürzlich von einem Japaner zu hören, 'und wir investieren in Hochtechnologie - im Jahre 2000 sehen wir uns wieder." "Fortschritt aus Tradition" heißt demnach: Umverteilung der Subventionen, High Tech statt sozialer Wohnungsbau. (363)
Auf der alten keltogermanischen Schiene, die von Chamberlain bis Eichberg reicht und in der "Wurzelsuche" des New Age ihre vorerst letzten Blüten treibt, forderte die Nouvelle Droite in "Criticon" 1977 "eine neue europäische Einheit ..., die vom Kampf gegen einen gemeinsamen Feind (die Sowjetunion) ausgehend auf einer deutsch-französischen Achse ruht." Die Feinderklärung innerhalb Europas hat sich inzwischen - seit der Respiritualisierung Polens als dem Startschuß für das Ende des realsozialistischen Ostblocks - weitgehend erübrigt. Nachdem das Gestaltfremde entfernt wurde, konnte die innere Aufgabenverteilung nach der Organismus-Methapher beginnen: High Spirit und High Tech für das Zentralnervensystem in Mitteleuropa, viel Handarbeit für die Peripherie, vor allem im Osten. Mehr noch: Im neuen Europa gilt das deutsche Handelsrecht nicht nur bis zum Ural, wie es Lagarde vor hundert Jahren forderte, sondern faktisch bis zur chinesischen Grenze, wie es der damalige Bundesjustizminister Klaus Kinkel von den neuen osteuropäischen Staaten forderte und durchsetze. Die neue Ganzheit des deutsch geführten Europa formiert sich disparat und autonom gegen die Konkurrenz-Gestalten USA und Japan. Wo "Europas eigene Religion" eine abgrenzende national-chauvinistische Identität höherer Ebene schafft, wo einer der führenden US-amerikanischen New Ager, Fritjof Capra, ein Österreicher ist, wo inzwischen allenthalben archaische Naturreligiösität als die einzig wahre und dem "bunten, amerikanischen Supermarkt-New Age" entgegengesetzte "europäische" Spiritualität ausgegeben wird, da ist das ideologische Rüstzeug für den Kampf zwischen den Kapitalien aus EU, USA und Japan gegeben.
Im März 1993 veröffentlicht die "Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog mbH" - Gesellschafter: Deutsche Bank AG - die kleine Schrift "Schicksal und Technik - Gedanken zur westöstlichen Kommunikation", die man über die "Deutsche Bank AG" beziehen kann. Die Assoziation zu Goethes "West-östlichem Diwan" erscheint als gewollt, einer literarischen Grundlage des organizistischen Pantheismus, mit der Goethe dem persisch-"arischen" Mystiker Hafez nacheiferte und die von Chamberlain über Hunke bis Capra als Referenz für das ganzheitliche Denken dient. Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas bekennt in "Schicksal und Technik", von der westlichen Demokratie enttäuscht zu sein und sich von ihren geistigen Grundlagen abgewandt zu haben. Er fordert, nur solche "menschlichen Übereinkünfte" - gesellschaftliche Regeln, zu denen auch die Demokratie gehört - dürften Geltung erlangen, die den "Primat der Natur sicherstellen". Der Geschäftsführer der "Alfred Herrhausen Gesellschaft", Bernhard Rohe, beklagt anschließend den Siegeszug "intellektueller Kritikasterei", der den europäischen "Schriftstellern, Intellektuellen und auch den Medien" anzurechnen sei. Wie der "Primat der Natur" praktisch aussieht, das sagt dann Hilmar Kopper von der "Deutschen Bank AG": "Wir versuchen, alles vernunftmäßig zu begründen. ... Das heißt, uns fehlt die Emotionalität." "Die heiße Phase des Golfkriegs" sei dafür ein Beispiel gewesen, als die Deutschen sich mit rationalen Argumenten geweigert hätten, in den Krieg einzutreten. Zum Kuratorium der "Alfred Herrhausen Gesellschaft" gehört auch der Biologe Hubert Markl, bis 1991 Präsident der "Deutschen Forschungsgemeinschaft", der bei der "Siemens-Stiftung" unter Armin Mohlers Führung als biologistischer Denker auftrat und mit einer Zweigorganisationen der "Deutschen Unitarier" zusammenarbeitete.
Nicht einmal mehr der Weltkrieg von EU, USA und Japan gegeneinander wird heute noch ausgeschlossen, wie das Strategiepapier der US-Militärs "Anleitung zur Verteidigungsplanung" vom Frühjahr 1992 zeigt. Das ist der eigentliche Sinn, wenn Hunke von der "innerste(n) Notwendigkeit dieser Religiösität für den heutigen Europäer" spricht und ihr Hauptwerk "Europas andere Religion" mit den Sätzen schließt: "Zweifellos ist die Stunde gekommen, da der dualistische Orientalismus an seiner Sündigkeitserklärung des Menschen, an seiner Verelendung der Wirklichkeit und seiner Zerspaltung der Welt zugrunde gehen und die trotz seiner am Leben gebliebene andere Religion Europas - die 'europäische Religion' - in Wiederheiligung der Wirklichkeit und des Menschen und Heilung einer kranken und gespaltenen Welt Europa endlich besitzen und es zu seiner erst jetzt beginnenden 'europäischen' Zukunft bevollmächtigen (!) wird." Diese Stunde wurde allerdings erst zwanzig Jahre später, am 9. November 1989, endgültig eingeläutet. "Das deutsche Volk ist selber jener gelehrte Doktor Faustus", schrieb Heinrich Heine hundertfünfzig Jahre vorher in der "Romantischen Schule". (364)
So ist das kosmische Weltbild, über "Ökoreligiösität" oder Naturreligion in die Köpfe der Menschen gebracht, also im Innern nützlich, um eine autoritären Gesellschaft zu formieren, und nach außen dienstbar, um sich vom angeblich "Fremden" abzugrenzen, das aber dennoch erobert werden soll. In seinem Mittelpunkt stehen die faustischen Produkte, um deren Verkauf sich alles dreht. Die wahre Perspektive des "Neuen Zeitalters" ist die eines materiellen, sehr irdischen neuen Reiches, das mehr gemein hat mit dem spirituellen Mythos des "dritten Reiches" der völkischen Bewegung in Deutschland als mit dem Freiheitstraum kalifornischer Hippies. Das "dritte Reich" und das "New Age" sind zwei Mythen, die sich gleichen, wie ein Ei dem anderen. Ihr gemeinsamer Inhalt ist die organisch-ganzheitliche "Gemeinschaft" des "jede/r an seinem/ihrem Platz", die gegen die atomistische "Gesellschaft" der Gleichen gestellt wird, die als "Un-Reich" gilt. Sie werden beide als eine spirituelle Vision ausgegeben, nicht als "konkrete Utopie". Nicht die tatsächliche Umwälzung der materiellen Verhältnisse soll zu ihnen hinführen, das unterscheidet sie auch vom "Reich der Freiheit" des Kommunistischen Manifestes von Marx und Engels. Beide sollen auf spirituellem Wege erreichbar sein. Beide wollen das endliche Stadium des Glücks sein, der "vollkommenen Harmonie des Ganzen", wie Mynarek schreibt, "die Sinfonie aller Teile im System des Ganzen am Ende der kosmischen Geschichte." Die real stattfindende Umwälzung, in der die Gesellschaft radikal gegen die Interessen der Mehrheit verändert wird, gerät derart aus dem Blick.
Vereint sind Faschismus und New Age im Mythos von Atlantis, der in beiden Ideologien in gleicher Weise anzutreffen ist: als Ort des wiedergefundenen neuen Reiches. Alfred Rosenberg widmet dem sagenhaften Eiland ein paar Seiten in seinem Buch "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts". Atlantis sei "ein nordisches vorgeschichtliches Kulturzentrum", von dem die "uralt arisch-atlantischen Erinnerungen" herrührten. Rosenberg verbindet den Atlantis-Mythos mit dem der Pyramide, die als Sinnbild des New Age heute ebenso benutzt wird wie das "Yin und Yang"-Zeichen. Neben der Cheopspyramide, so der Nazi-Chefideologe Rosenberg, sei 1927 die Abbildung einer Prinzessin mit blonden Haaren ausgegraben worden, die wohl von der vorzeitlichen Insel gestammt habe. Hermann Wirth, als "Schamane" im New Age verehrter Nazi und Mitbegründer des SS-Organisation "Stiftung Ahnenerbe", die germanischen Mythen erforschte, will in Helgoland das versunkene Atlantis gefunden haben. Ein "Magazin für neues Denken und ganzheitliches Leben" nennt sich sogar "Das Atlantis Lichtnetz" und zeigt in seinem Logo einen in der Pyramide eingesperrten Menschen. Und schon gibt es Streit ums "Reich". "Nach Redaktionsschluß" erklärt der "Lichtnetz"-Herausgeber, Dr. med. Klaus Grochocki aus Wiesbaden: "Vor dem Start unseres Magazins haben wir den Zeitschriftenmarkt intensiv auf verwechselbare Titel hin überprüft: ohne Ergebnis. Nun hat sich eine Verlagsgruppe gemeldet, die unmißverständlich den Namen dieses sechsten (!) Kontinents für sich als Eigentum beansprucht. Haben wir nichts mehr zum Träumen? Sind auch im fernen Atlantis die letzten verfügbaren Grundstücke verkauft?" Wie man im Zweifelsfall ein Reich erobert, das sagt dann wieder Rosenberg. (365)
Paul de Lagarde sprach 1875 bereits ebenso vom spirituellen "inneren Reich" als Grundlage eines deutsch beherrschten "Mittel-Europa", so wie Pierre Krebs 1988. Der Verleger Eugen Diederichs, der zahlreiche Autoren der völkischen Bewegung und des "New Age" der zwanziger Jahre herausbrachte - und dessen Nachfolger im Verlag Eugen Diederichs heute wieder mit New Age ihr Geld verdienen -, sah 1918 in seiner Zeitschrift "Die Tat" bereits "Das Kommen des Dritten Reiches". Im deutschen Faschismus erschien eine Zeitschrift "Das innere Reich", in der 1937 auch der ursprünglich vom Deutschkatholizismus zum Neuheidentum bekehrte Martin Heidegger über Friedrich Hölderlin publizierte, den neben Goethe zweiten Lieblingsdichter des gesamten pantheistischen Organizismus. "Reichsbeseelung" war ein zentraler Begriff der völkischen Bewegung im so rational erscheinenden Kaiserreich der Hohenzollern, der Krupp und Borsig, der im Jahre 1913 zweitstärksten Industrienation der Welt, die Expansion und eine "organische" Neuordnung Europas anstrebte. Der Begriff des "dritten Reiches" als dem kommenden Reich des Heiligen Geistes, den die völkische Bewegung übernahm und den heute wieder Bahro explizit aufnimmt, stammt von dem gotischen Mystiker Joachim von Fiore, der zur Zeit Eckharts wirkte, der Zeit der deutschen Herrschaft über fast die gesamte bekannte Welt. Der Mythos der "Wiedergeburt" des Reiches wird heute auch vom "Thule-Seminar" gepflegt. Mit den Worten Hunkes heißt dies "Aufgangs Europas", gerichtet gegen die angeblich jüdisch-christliche Überfremdung, gegen die Fremdherrschaft eines falschen Reiches. Dieser Mythos findet sich durchgehend schon in den "deutschgläubig"-neuheidnischen Sekten seit der letzten Jahrhundertwende, wo das Reich selbst Heilscharakter bekommt und zum Heilsgut wird: "Es ist vom All gepflanzter Lebensbaum", so schreibt ein Reichstümler der zwanziger Jahre. (366)
Kurt Sontheimer analysierte "die Vision des Reiches" im antidemokratischen Denken der Weimarer Republik als eine religiöse. Nachdem diese Vision in der bürgerlichen Literatur weit verbreitet worden war, sah das Bürgertum im "Dritten Reich" der Nazis eine Erfüllung seiner Hoffnungen. Sontheimer führt unter der Überschrift "Gottes-Reich der Deutschen" den völkisch-protestantischen Ideologen Wilhelm Stapel an, der den Unterschied zwischen weltlicher und geistlicher Herrschaft in der Person eines christlichen Kaisers aufgelöst sah - das erinnert doch sehr an den spirituell gestützten "Fürsten der ökologischen Wende" bei Bahro, den Sontheimer noch nicht kennen konnte. Stapel mache die Rechnung zwischen "französisch" und "deutsch" auf - der alte Mythos des Kampfes zwischen "Lutetia" und "Germania", zwischen den "Ideen von 1789" und den "Ideen von 1914", letztlich zwischen Liberalismus/Sozialismus und dem organisch-ganzheitlichen Weltbild/Gesellschaftsaufbau, den wir so anschaulich auf der Berliner Siegessäule dargestellt sehen.
Sontheimer betont den imperialistischen Aspekt des vermeintlich rein geistigen "Reiches": "Dieser Kampf gehe um die Herrschaft in Europa. Europa müsse übernational werden, aber eine solche Ordnung müsse auf der natürlichen Rangordnung der Nationen beruhen." (Derartiges hört man heute aus der CSU mit Bezug auf die Europäische Union.) Das "Reich" war hier, ganz im Sinne des heutigen "New Age", universell, kosmisch geplant, nicht etwa "kleindeutsch". "Das Reich ist die endgültige Ordnung der Welt", zitiert Sontheimer einen weiteren "Reichs"-Ideologen, Franz Schauwecker, der von der "Identität von Deutschem Reich und Gottesreich" ausging. Dieses Zitat könnte das "Neue Zeitalter" bei Capra oder Mynarek beschreiben. Sontheimer kommentiert die spirituelle Reichs-Idee: "Dieses Reich ist nicht von Menschenhand erklügelt, es kommt von Gott selber her und empfängt von ihm den Glanz seiner Majestät. ... Diese Reichsschwärmerei korrespondiert, wie bei vielen anderen Reichsideologen, einer militanten Aggressivität gegen das demokratische System von Weimar." Sie entspricht auch - noch ohne Militanz - dem "New Age", wie es sich Mynarek in seiner "Ökologischen Religion" explizit vorstellt: als der politischen Durchsetzung der göttlichen Naturprinzipien im Gottesstaat der "ökoreligiösen Menschen".
Der New Age-faschistische Gottmensch ist in Friedrich Hielschers Buch "Das Reich" gemeint, aus dem Sontheimer zitiert: "Auf das Reich, als den Täter und Wissenden Gottes, ist die Geschichte aller anderen Seelentümer angelegt." Sontheimer kommentiert: "Das Reich lebt also von innen heraus; die es in sich tragen, sind Berufene, die unabhängig voneinander zu wirken beginnen, bis sie sich erkennen. ... Die Hielschersche Reichsidee ist esoterisch, ganz vom Schleier des Geheimnisses umwoben. ... Hielschers 'Reich' ist das Buch eines politischen Gläubigen, verfaßt für Gläubige, ein Buch großer Worte, geschrieben mit der Gebärde des Tiefwissenden." - Charakterisierungen, wie sie auf Capras "Wendezeit", Fergusons "Sanfte Verschwörung", Bahros "Rettung" und "Rückkehr" oder Mynareks "Ökologische Religion" ebensogut paßten. (367)
Die Vorstellungen des konservativ-revolutionären Juni-Clubs der frühen zwanziger Jahre über das Reich und Mitteleuropa lassen sich durchaus mit Sigrid Hunkes Ideen verbinden, die sie 1965 in dem provokativen Buch zusammenfaßte: "Das Reich ist tot - es lebe Europa". Hier wird das veraltete Heilige Römische Reich Deutscher Nation zeitgemäß zu einem deutsch geführten, in indogermanischen Mythen wurzelnden "Europa" weiterentwickelt. Zur historischen Niederlage des Germanischen - so sehen es die Faschisten - gegen das Römisch-Jüdische in Canossa im Jahre 1077, wo der Kaiser sich dem Papst unterwarf, schreibt Hunke: "Sünde war, was vordem Grundlage des Seienden gewesen: das Vertrauen auf den weltlich-geistlichen Zusammenhang der Dinge, der Glaube an das Einssein von Welt und Gott, von Mensch und Gott, die Einheit königlich-priesterlicher Kräfte im Träger des Reiches. Sünde und schlimmste Ketzerei war der germanische 'Zusammenfall der Gegensätze'". Das germanische "all-eine, göttliche Wirken in allem Naturgeschehen" sei damals vom imperialen Geltungsanspruch der römisch-jüdischen Priesterhierarchie weggefegt worden und müsse jetzt in einem ganzheitlich-religiös gestützten, aber nach Stämmen regionalistisch gegliederten Europa wiedererstehen, als Gestalt mit Untergestalten, fußend auf dem "inneren Reichs" des pantheistischen Organizismus, so Hunke. (368)
Dieses neue Reich ist für die Konservative Revolution mit Europa identisch, das zeigt bereits Jost Hermand an der völkischen Literatur der damaligen Zeit. Der Rückgriff der "Neuen Rechten" und der historischen Faschisten auf das "Erste Reich", das dann im imperialistischen Staufer-Kaiser Friedrich II. seinen Höhepunkt fand, gibt in doppelter Hinsicht Sinn: Es war die Zeit der deutschen Hegemonie über die bekannte Welt vom Baltikum bis zum ägyptischen Alexandria; es war die Zeit der wiedergewonnenen Macht des exkommunizierten Kaisers gegen den Papst, der den ökonomisch lukrativen Kreuzzug Friedrichs II. verbieten wollte, sich aber trotz der Exkommunikation gegen die weltlichen Herrschaftspläne des Kaisers nicht durchsetzen konnte; es war die Zeit der "Deutschen Mystik", die gegen die römische Kirche das "arische" Gottmenschentum vertrat. Die größte Macht Europas war das gotische Reich Friedrich II., Europa war die Welt und dieses Europa war deutsch dominiert. Sigrid Hunke - und mit ihr zahlreiche Alt- und Neofaschisten - benutzt siebenhundert Jahre später genau dieses Reich Friedrichs II. als Unterbau für ihre keltogermanischen Europa-Vision.
Schweidlenka verweist auf die Bemühungen, das New Age zur Weltanschauung der Europäischen Union zu machen, was kaum noch überraschen kann. Clevere Ideologen würden allerdings an den pantheistischen Brücken zwischen New Age und "Deutscher Mystik" ansetzen, damit die Idee des "christlichen Abendlandes", die ohne Zweifel immer noch tiefer im europäischen Bewußtsein verankert ist als die einer nichtchristlichen "europäisch eigenen Religion", eingebunden werden kann. Der vielfältige Bezug auf die schließlich wieder katholisch gewordenen Romantiker ist hilfreich, um diesen ideologischen Brei anzurühren. Die Zeitschrift "MUT" bringt für dieses Vorgehen immer wieder Beispiele, einige haben wir angeführt.
Über Moeller van den Brucks Schrift "Das dritte Reich" von 1923, die "die ungeheure mythische Kraft dieser Formel für die antidemokratische Massenbewegung" ausgedrückt habe, urteilt Sontheimer: "Es ist sowohl das Reich (gemeint), das der deutsche Nationalismus in nächster Zukunft errichten wird, wie jene besondere, nie voll einlösbare Verheißung für das deutsche Volk, das Endreich. Den Gedanken des Dritten Reiches als 'höchster und letzter Weltanschauungsgedanke', von dem er nicht lassen könne, empfindet Moeller selbst als problematisch: er sei 'seltsam wolkig' und ganz und gar jenseits. Er führe über die Wirklichkeit hinaus, doch müsse er gerade zu einem Wirklichkeitsgedanken gemacht werden." Dies entspricht der Idee einer Wirklichkeitsreligion, die - auch historisch-politisch - das Transzendente im Realen sieht. Sontheimer zitiert den ganzheitlichen "New Ager" Moeller van den Bruck, der den politischen Charakter dieser ganzheitlichen Weltanschauung begriffen hat und einsetzt: "Das Dritte Reich wird ein Reich der Zusammenfassung sein, die in den europäischen Erschütterungen und politisch gelingen muß." (369)
Wer nun einwenden möchte, der Dezentralisierungsgedanke im New Age stünde all dem entgegen, wird enttäuscht sein, denn auch die geistigen Wegbereiter des Faschismus waren Dezentralisten in der Theorie: Chamberlain z. B., mit seiner Kritik am römisch-antiken Imperiums-Gedanken, der seiner Meinung nach vom religiös fundierten Weltherrschaftsanspruch des Judentums nach Rom gedrungen sei, und den die Päpste - urbi et orbi - beerbt hätten. Oder wieder Moeller, über den Hans-Joachim Schwierskott schreibt: "Sich gegen den Zentralismus im Reichsvolk und den Imperialismus des Reiches abgrenzend, setzte Moeller als Motto über das Kapitel vom Reich die Forderung: 'Wir müssen die Kraft haben, in Gegensätzen zu leben'. Das bedeutet ein unzweideutiges Bekenntnis zum Föderalismus, der im Reiche nicht in uniformer Gleichmacherei erstickt werden, sondern im Gegenteil, den schöpferischen Reichtum dieses Reiches ausmachen soll." Hunke bringt Reich und Regionalismus zusammen: "Wenn im Inneren Einordnung in das Ganze verlangt ist und verlangt sein muß und, ohne in das Stammesleben und Stammesrecht einzugreifen, Aufgabe des Eigen- und Einzelwillens der Stämme zugunsten der geschlossenen Kraft des Reiches, so wahrt das Reich dem ihn in verschiedener Festigkeit angegliederten Räumen - ihren jeweiligen natürlichen Gegebenheiten entsprechend und nach Maßgabe ihrer Stellung und Aufgabe im Gesamtorganismus - die innere Selbständigkeit und die Freiheit ihres völkischen und staatlichen Eigenwuchses." Hier wird Gestalt-Theorie auf das Konzept des Reichs angewandt. Neben der Anerkennung der Hierarchie, der Führung durch ein Reichsvolk, tritt bei Hunke wie vorher bei Moeller van den Bruck die "coincidentia oppositorum" des spätmittelalterlichen "New Agers" Nikolaus Cusanus, das "Yin und Yang" Capras, die Zusammenfassung heterogener Kräfte durch diese Hierarchie. Damit beansprucht das Reich als Überstaat und Ordnungsprinzip einen nur ideell zu umreißenden Raum. "Die Gültigkeit seiner Idee schafft den Raum des Reiches", so ein Moeller-Zitat bei Schwierskott, das genuin New Age-Ideologie beinhaltet. (370)
Auf die spirituelle Seite des Reichsgedankens der Nazis verweist Josef Ackermann in seinem Buch "Heinrich Himmler als Ideologe". "Dieses Reich wird geradezu ein heiliger Mythos sein", zitiert er Himmler. Walther Wüst, beim SS-"Ahnenerbe" aktiv, Autor von "Das Reich. Gedanke und Wirklichkeit bei den alten Ariern", befand das Nazi-Reich laut Ackermann als "heilig, weil es in fugenloser Übereinstimmung eine Schöpfung der göttlichen Welt- und Zeitordnung sei, weil Gott es selber eingerichtet habe." So leitet auch Mynarek den "ökoreligiösen" Gottesstaat her, der Heil, Heilen und göttliche Natur politisch werden läßt. Auch bei Alfred Rosenberg erscheint das Reich als göttlicher Auftrag: In seinem "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" leitet er nach viel Brimborium mit der "Deutschen Mystik" im dritten Teil unter dem Titel "Das kommende Reich" dieses als ein organisches von Lagarde und Meister Eckhart her. Gerd-Klaus Kaltenbrunner hatte im März 1989 in "MUT" Eckhart "eine geistesgeschichtliche Großmacht" genannt, das paßt ja nun gut. (371)
Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Mythos des "Reiches" damals und dem des "Neuen Zeitalters" heute: Der imperiale Anspruch des "Reiches", der trotz aller gegenstehenden Rhetorik dann doch real existierte, bezog sich zuerst nur auf Europa, zuletzt - als Vision Alfred Rosenbergs - in der "Kolonisation der neuen Zeit" auf den gesamten Erdball. Der imperiale Anspruch des Aquarius richtet sich dagegen auf den Kosmos.
Naturreligionen sind "in", auch auf der Linken. Die "Einheit des Menschen mit der Natur" wird nicht mehr als eine Einheit in der "Industrie" und im "Kampf mit der Natur" verstanden, sondern wieder naturreligiös mit faustischer Konsequenz. Vergessen ist die Kritik von Karl Marx und Friedrich Engels aus der "Deutschen Ideologie" hieran. (372) Auch demokratische Sozialisten finden immer wieder gute Worte für das "indianische Bewußtsein" oder den angeblich nicht herrschaftlichen Umgang der Naturreligiösen mit der Natur, im angeblichen Gegensatz zum biblischen "Machet Euch die Erde untertan." Teile der verwirrten Linken, erst recht in Ostdeutschland, greifen romantisch zur Naturreligion, ohne sie zu kennen, ohne sie reflektiert zu haben. Oft sind es sogar nur opportunistische Floskeln, um sich den "neuen sozialen Bewegungen" anzubiedern. Von der Indianer-Rezeption der Nazis, die die nordamerikanischen Ureinwohner als Brüder im Geiste und manchmal sogar in der Rasse ansahen - die mittel- und südamerikanischen Indianer waren diesen Nazi-Ideologen dagegen nicht heldisch genug - wissen sie nichts, über den Grund faschistischer Ideologen, so zu handeln, machen sie sich allenfalls den dürftigen "Mißbrauch"-Gedanken. (373)
Gertrud Höhler und ihre kapitalfreundliche Interpretation indianischer Weltanschauung lesen sie nicht. Wenn Henning Eichberg den Crow-Häupling Curley von 1912 als Kronzeugen für die naturspirituell begründete Rechtmäßigkeit deutscher Ansprüche auf Hinterpommern und Schlesien (mindestens!) verwendet, mißverstehen sie dies möglicherweise gar noch - wie viele der ideologischen Winkelzüge Eichbergs - als antiimperialistisch. (374) Daß der verstorbene Häuptling Seattle - ungefragt - inzwischen bei so ziemlich jeder politischen Richtung seine Rede hat halten müssen, haben sie nicht bemerkt, weil sie nur ihre eigene Richtung kennen. Es ist schier unbegreiflich, wie Linke in vorzivilisatorischen Weltanschauungen eine Perspektive für ein sozialistisches Morgen erkennen können: in der irrationalen Herrschaft von Medizinmännern, die in Wahrheit kein einziges Mal Regen herbeigetanzt haben; in den patriarchalen Verhältnissen archaischer Gesellschaften (wie viele weibliche Häuptlinge gab es denn?); in ihrer brutalsten Barbarei anderen Menschen gegenüber, bis hin zu den nächsten Verwandten, die in manch indianischem Stamm bei Eintreten der Altersschwäche - und selbstverständlich naturreligiös legitimiert - erschlagen wurden, damit sie nicht als "unnütze Esser" zur Last fielen, auch in ihrer Praxis der Sklaverei usw. Solche "Vorbilder" braucht eine Bourgeoisie, die schon wieder ihre eigenen Fahnen verbrennt - die Linke braucht sie nicht.
Ein paar Zehntausende nordamerikanischer Ureinwohner benötigten einen ganzen Kontinent zu ihrer Ernährung, heute ernährt ein Bruchteil ihres Landes andere Kontinente mit. Agrarische Gesellschaften, teilweise auf dem Jäger- und Sammler-Niveau der Steinzeit - mit extrem hoher Sterblichkeit, Kindersterblichkeit und geringster Lebenserwartung, mit psychischen Verkrüppelungen aus Angst vor Dämonen -, hätten aufgrund gänzlich zurückgebliebener Nahrungsmittelproduktion auch nicht mehr Menschen hätten ernähren können als die wenigen überlebenden Starken. Das Recht des Stärkeren bedeutete für sie konkret: mangels Überflüssen den Schwachen keine Fürsorge angedeihen lassen zu können, sondern sie viehischen Verhältnissen, dem Kampf ums Dasein nämlich, anheim fallen lassen zu müssen. Trotz all der Mühsal und - aus heutigem Blick - Entbehrungen, die die Menschen in den vorzivilisatorischen Gesellschaften erleiden mußten, konnten sie nicht einmal in Frieden leben. Ob ihre Kriege um Jagdgründe und Sammelgebiete, um Wasserstellen, Höhlen und Rohstoffe zur Werkzeugherstellung, deshalb für die von Speeren Durchbohrten und von Steinäxten Zertrümmerten angenehmer waren, weil sie mit anderen Waffen geführt wurden als heute, ist kaum anzunehmen. Im New Age wird dieser Eindruck bisweilen erweckt, so z. B. bei Mynarek oder Fromm, die den Krieg zurückführen möchten auf den "tapferen Held" und "Abenteurer", der von ihnen heroisiert wird. Jedenfalls dürfte klar sein, daß nicht ein Zurück zu den unzulänglichen Produktionsweisen der Vorzeit Verteilungskriege verhindern wird - weil sie damals eben auch und erst recht stattfanden -, sondern nur eine ausreichende industrielle Produktion, die für die Überlebensmöglichkeiten z. B. von schwach geborenen Kindern, Behinderten oder Alten usw. einen genügend großen Überfluß erwirtschaftet, der solidarisch verteilt wird. Auch ist es sicher nicht jedermanns und -fraus Sache, im Winter zu frieren und bei schwacher Konstitution an Lungenentzündung zu sterben, selbst wenn dies innerhalb des "kosmischen Reigens" eines Fritjof Capra geschehen mag.
Schließlich hätten die naturmystischen New Ager die Frage zu beantworten, wie eine sechs oder acht Milliarden-Bevölkerung mit den Mitteln vorzivilisatorischer Gesellschaften überhaupt nur zu ernähren wäre, von Lebensqualität ganz zu schweigen. Offenbar muß doch dann die Bevölkerungszahl auf archaisches Niveau zurückgestutzt werden: Mit Hilfe einer Neuauflage des Komplexes Auschwitz? Indem Seuchen frei wüten dürfen? Durch die atomare Katastrophe? Und immer naturreligiös legitimiert? Und das soll friedlich ablaufen, ohne daß sich die Mehrheit der Menschen wehrt?
Fortschritt in der Menschheitsentwicklung kam überall und auf jeder Kulturstufe vor allem durch den praktischen Kampf gegen das massenhafte Sterben zustande. Keine Kultur, auch keine naturreligiöse, hat sich in Wahrheit mit dem Massensterben ihrer Träger als angeblichen Ausdrucks der Harmonie von Natur und Kosmos zufrieden gegeben. Allenfalls wurde den Massen das Sterben anheim gelegt. Medizinmänner und Schamanen, auch die "Hexen", wurden - wie Päpste, Patriarchen - meistens sehr alt. Ihr medizinisches Wissen war Herrschaftswissen, ihr Reichtum ermöglichte ein längeres Leben gegenüber denen, die auf dem Feld, in den Bergwerken, Werkstätten und Manufakturen diesen Reichtum erwirtschafteten. Das ist heute nicht anders, wenn auch durch soziale Revolutionen und Reformen entschärft: Die Eliten leisten sich Frischzellenkuren und machen auch im Alter von siebzig Jahren noch Politik, den Massen wird die Gesundheitsversorgung gekürzt, sie gehen in die Frühinvalidität. Diese Mißverhältnisse wieder zu verschärfen, statt sie weiter abzubauen, ist eine Vergangenheits-, aber keine Zukunftsperspektive für die Mehrheit der Menschen. Die Rückkehr zu einer naturreligiösen Todeskultur wäre nur diktatorisch durchsetzbar, weil sie - das bedarf keiner weiteren Erklärung - gegen die Interessen der Menschen gerichtet ist.
New Ager mögen das Spirituelle so sehr als primär und grundlegend ausgeben wie sie wollen, gerade die Revolutionen in Osteuropa haben wieder einmal den Wahrheitsgehalt des Satzes von Bertolt Brecht bewiesen: "Erst kommt das Fressen und dann die Moral." Ganz offensichtlich ist der Hinweis auf indianische, indische oder keltogermanische Naturreligionen als Lösungsanbieter unserer heutigen Probleme nichts weiter als ein blanker Unsinn, wenn er an der Öko-Basis ernst gemeint ist, nichts weiter als ideologischer Kleister zum Schutz der Privilegien der Herrschenden, wenn er von den Intellektuellen des New Age und des (Neo-) Faschismus vorgebracht wird.
Die New Age-Naturmystiker landen allenthalben auf ihrer Wurzelsuche bei den alten Germanen und ihren nazistischen Apologeten der Zeitgeschichte und Gegenwart. Gugenberger und Schweidlenka haben dies mit zahlreichen selbst erlebten Beispielen dargestellt. Es ist erstaunlich, daß Schweidlenka dennoch an völkischen Naturreligionen festhalten und sie als die Alternative zum "amerikanisierten" New Age aufbauen will. Offenbar sieht er die strukturellen Identitäten nicht. Er ist damit - wohl ungewollt - auf der neuen Linie der "Neuen Rechten", die das Feindbild USA aus euro-ökonomischen statt aus euro-religiösen Gründen nicht aufgeben kann. Die weltanschaulichen Inhalte von "Europas eigener Religion" hat es allerdings ungeachtet des ökonomisch begründeten Ideologie-Chauvinismus als geistigen Überbau archaischer Gesellschaftsorganisation überall auf der Erde gegeben.
Sigrid Hunke glaubt - wie übrigens auch Erich Fromm -, für ihr "arisches" Projekt des "Aufgangs Europas" den "bunt schillernden Supermarkt des New Age" nicht zu brauchen. Die inzwischen fast achtzigjährige Hunke wirft 1989 auf nur einer Seite alles über Bord, was in der von ihr bisher propagierten "indogermanischen" Geschichte der Spiritualität von außerhalb des eng begrenzen "Deutschland" gesammelt wurde, insbesondere jeden Anklang an "östliche Spiritualität". Und dies nur, weil das "Indoarische" als New Age neuerdings aus dem Land der verhaßten Sieger über den Faschismus zu uns kam, gewissermaßen als eine "Reeducation verkehrt", die Hunke aber nicht mehr aufnehmen kann. Sie sieht darin lediglich einen "Gemischtwarenmarkt, zu weitläufig, zu kommerziell und für Europäer grundfalsch assortiert", etwas Fremdes also, "neue Entfremdungen", die deshalb den Keim eines neuen Unterganges des Abendlandes bereits in sich trügen. Da waren die faschistischen und vorfaschistischen Ideologen früher klüger, auch Hunke selbst, da ist die "Neue Rechte" insgesamt heute immer noch klüger. Denn es liegt ja auf der Hand, auch und gerade im "ganzheitlichen" Denken: Nicht jede(r) ist mit Einem zu ködern, Vielfalt muß her. (375)
Die politische Rechte könnte eigentlich doch gerade mit den "Buntschillernden" recht zufrieden sein, wie die Beispiele zeigen. "Oneness", Ganzheit, heißt ein im übrigen deutschsprachiges Informationsblatt des Sri Chinmoy aus Indien, eines der bedeutenderen und (einfluß-) reicheren Gurus. Die Ausgabe dieser Zeitschrift vom November/Dezember 1989 mit dem Untertitel "Peace-News - Spiritualität: die Quelle des Weltfriedens" trägt auf dem Titel die Schlagzeile "Mit aktuellem Sonderteil über die neuesten Ereignisse in Deutschland." Innen ist eine "Seelenkarte Deutschlands seit dem 9. November 1989" abgedruckt: Ganzheitlich vorweggenommen werden die erst noch kommenden neuen deutschen Grenzen. Die prophetische Karte - in Wirklichkeit eine Land(nahme)-Karte statt "Seelen"-Karte des neuen "Deutschland als Ganzem" (376) - will Sri Chinmoy durch "eine Beobachtung, die er in der inneren Welt gemacht hatte", bereits vor dem November 1989 erschaut haben. Seine Anhänger belehren uns: "Er betonte jedoch, daß er von einem rein spirituellen Standpunkt aus gesprochen habe und sich jeder politischen Stellungnahme enthalte. Es freut uns, diese Neuigkeit veröffentlichen zu dürfen; es ist eine wirkliche Oneness-Peace-News, und wir hoffen, daß sie mit Reife und Weisheit aufgenommen wird."
Gemeinsamkeit der Indo-Arier:
Deutsches Seelchen im prophetischen indischen Guru.
Aus der Zeitschrift "Oneness - Peace-News" des Sri Chinmoy, Nr. 3 November/Dezember 1989.9. November 1989, die Trümmer des verbrannten Judentums sind weggeräumt. Jetzt, endlich frei von vorderasiatisch-semitischer Überfremdung und jüdischer Streitsucht, spricht der "indoarische" Mystiker Sri Chinmoy zu den Deutschen: "Die Seele Deutschlands feiert einen großen Sieg über die dunkelste Nacht der Unwissenheit. Dieser göttliche Sieg Deutschlands ist ein echter Sieg der ganzen friedliebenden Einsseins-Weltfamilie." Nein, es wundert nicht mehr, daß sich schließlich Sri Chinmoy und Gorbatschow im Mai 1990 trafen, das mußte ja so kommen. Berichtet hat hierüber das UFO-"Magazin 2000", dessen "ständige Mitarbeiter" laut Impressum sind: Rudolf Bahro und Roman Schweidlenka. "Zum Tag der deutschen Wiedervereinigung, 3. Oktober 1990" bringt das "Magazin 2000" einen langen Bericht über Sri Chinmoys Bemühungen um die deutsche Einheit: "Gott singt niemals das Lied der Spaltung." Der deutschfreundliche Guru hatte aus Anlaß der Wiedervereinigung eigens "Deutsche Einsseins-Heimat-Lieder" komponiert, die er nun als "Höhepunkt" seiner Konzerte darbietet. Bereits 1986 hatte er sich in Berlin für Deutschlands Einheit stark gemacht, Originalzitat des "Meisters": "Es wird eine Zeit kommen, in der es nicht zwei Berlin geben wird, sondern nur noch eines, eins, eins. Zu dieser Zeit werden die innere Kraft und die äußere Stärke Deutschlands unbegrenzt zunehmen." Anfang 1990 bereits verlieh das "Magazin 2000" an Sri Chinmoy aus Dankbarkeit "für das, was er für die spirituelle Neugeburt" Deutschlands getan habe, eine "Trophäe" des Berliner Bären, der auf einer Weltkugel (!) triumphiert, und als Beigabe erhielt der Guru "auch noch ein Stückchen Berliner Mauer." Die Zeitschrift will "im nächsten Heft noch einmal auf die Vision des Meisters von der spirituellen Zukunft Deutschlands zurückkommen", das ist 1990 ein Dauerbrenner.
Sri Chinmoys "indoarische" Konkurrenten von der "Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewußtsein" - die sogenannte Hare Krishna-Sekte - hatten bereits 1981 in deutscher Sprache das "Varnasrama-Manifest der sozialen Vernunft" veröffentlicht, das seine Erkenntnisse aus den altindischen Veden haben will. Diese Epen dienten schon der völkischen Bewegung als Quelle "indoarischer" Weltanschauung. Das "Manifest" enthält das bekannte Konzept: "Die Brahmanas: Der Kopf des sozialen Körpers", das ist die Priesterkaste des Neuen Zeitalters, Mynareks biologisch angeblich höherstehenden "ökoreligiösen Menschen" vergleichbar; "die Ksatriyas: Die Arme des sozialen Körpers", hier werden die Beamten, die Polizei und die Streitkräfte genannt; "die Vaisyas: Der Magen des sozialen Körpers", damit sind Uexkülls "Organbäume" der (Ernährungs-) Wirtschaft gemeint. Schließlich kommen "die Sudras: Die Beine des sozialen Körpers": Dieses Kapitel des "Manifestes der sozialen Vernunft" ist ganz kurz und steht unter der Überschrift "Wirkliches Glück für die Arbeiterklasse." Im Text heißt es dann: "In jeder Gesellschaft bildet die Sudra-Klasse den größten und die Brahmana-Klasse den kleinsten Teil der Bevölkerung. ... Hochqualifizierte Menschen sind selten, unqualifizierte Menschen gibt es viele. ... Der beruflichen Neigung der Sudras entspricht es, körperlich zu arbeiten und zu dienen. ... Weil der Sudra nicht über die vier Tätigkeiten von Essen, Schlafen, Sexualität und Verteidigung hinaussehen will, sind seine Gedankengänge dieselben wie die der Tiere. ... Das Varnasrama-System läßt die Sudras hart arbeiten, damit sie ihre groben Verlangen austoben können. ... Wenn der Sudra seine Pflicht, den höheren Schichten der Gesellschaft treu zu dienen, ausführt, macht er trotz seiner tief verwurzelten materiellen Anhaftungen allmählich spirituellen Fortschritt. Dies ist das Geheimnis des Varnasrama-Systems. Wenn die Menschen einfach ihrer Natur folgen und sich an die Varnasrama-Richtlinien halten, werden sie allmählich gereinigt werden."
Die angebliche "Jugendsekte" der siebziger Jahre zeigt sich hier als Propagandaorganisation für antidemokratische Ideologie, deren Gesellschaftsperspektive die der sozialen Unterdrückung ist. Wenn im New Age unkritisch auf Veden und Krishna Bezug genommen wird, wie in Capras "Tao der Physik", so wird dem indirekt Vorschub geleistet. Nemitz weist in seiner Kritik an Capra bereits darauf hin, daß das kosmische Gesetz des chinesischen Tao die Herrschaftsverhältnisse des feudalen China legitimieren sollte: "Die patriarchalisch strukturierten ländlichen Gemeinschaften werden überformt durch den Staat, der sie zu tributpflichtigen Untertanen macht." (377)
"Die Naturgesetz Partei" macht indische Philosophie zu deutscher Politik. Dieser in Bremen ansässige Ableger der "Transzendentalen Meditation" "strebt eine Gesellschaft an, die ihre Entwicklung an dem für alle Menschen als Individuen und soziale Wesen geltenden Naturgesetz orientiert", so heißt es im Parteiprogramm. "Grundlegend für unseren wissenschaftlichen Ansatz ist die bahnbrechende Erkenntnis, daß das Feld des Naturgesetzes der Quantenphysik auch subjektiv von jedem Menschen erfahren werden kann. Diese Möglichkeit der subjektiven Erfahrung des Feldes des Naturgesetzes ist dokumentiert in der uralten Vedischen Wissenschaft (Veda: Sanskrit, bedeutet Wissen), wie sie von dem Philosophen Maharishi Mahesh Yogi wieder ans Licht gebracht wurde." Erstaunlich einfach sind die "wirtschaftspolitischen Ziele" des Parteiprogramms: "Wachstum und Wohlstand für Alle auf der Grundlage von Kreativität im Rahmen der freien/sozialen Marktwirtschaft. ... Die Naturgesetz-Partei unterstützt die Ideale der freien/sozialen Marktwirtschaft." Zum Merksatz "Gesunde Wirtschaft in einem freien Markt" heißt es weiter: Das erstrebte schrankenlose Wirtschaftswachstum "können wir durch die wissenschaftliche Anwendung der Prinzipien des natürlichen Evolutionsprozesses erreichen, auf denen der Haushalt der Natur basiert." Die konkurrierenden Krishna-Jünger hatten aus denselben Veden doch gerade erst die agrarische Autarkie herausgelesen. "Gleichzeitig wollen wir das kollektive nationale Bewußtsein verbessern", schreibt die "Naturgesetz-Partei". Auch hier kennt man also das "kollektive Unbewußte" Carl Gustav Jungs, der zum deutschen Psycho-Guru aufgestiegen ist.
Es ist wahr: Alles hängt mit allem zusammen, aber anders, als das New Age glauben machen will. Marcus Bauer ist Autor in der Zeitung "Junge Freiheit" und in dem Henning-Eichberg-Blatt "wir selbst", war Funktionär der REPs und Leiter der neonazistischen Gruppe "Politische Offensive", die in den achtziger Jahren mit dem "Initiativkreis Linke Deutschland-Diskussion" (LDD) des "MUT"-Autors Rolf Stolz in Lahnstein am Rhein ein gemeinsames Postfach hatte. Der Gründungsaufruf der LDD wurde auch von Hubertus Mynarek unterschrieben. In dem Buch "Gedanken zu Großdeutschland" des "Junge Freiheit"-Redakteurs Stefan Ulbrich schrieb - neben Alain de Benoist und dem LDD-Unterstützer Theodor Schweisfurth - Marcus Bauer: "Ökologischer Fundamentalismus, Erhalt der kulturellen Eigenart, Schaffung einer nationalen Identität, ein 'organischer' Staat und 'Patriotismus' als selbstüberwindende, auf das 'Ganze', den Staat, die Nation als Endzweck bezogene Haltung, bilden ... die Inhalte eines Nationalismus für die Zeit nach der 'Wiedervereinigung'".
In dem rassistischen "Heidelberger Manifest" von 1981 - das auch von Werner Georg Haverbeck unterzeichnet worden war, auf dessen Schriften wiederum Hubertus Mynarek seine "Ökologische Religion" stützt - hieß es in Anlehnung an die "Gestalt"-Prinzipien: "Völker sind (biologisch und kybernetisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch und durch Traditionen weitergegeben werden. Die Integration großer Massen nicht-deutscher Ausländer ist dabei bei gleichzeitiger Erhaltung unseres Volkes nicht möglich und führt zu den bekannten ethnischen Katastrophen multikultureller Gesellschaften." (378)
Das "Sri Lanka Foundation Institute" beschäftigte sich im August 1993 in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem "hinduistischen Fundamentalismus". Robert E. Frykenberg kam zu dem Schluß, daß der "hinduistische Fundamentalismus" eine nationalistisch-religiöse Bewegung sei, die totalitär und aggressiv die indische Demokratie und imperialistisch die gesamte indoasiatische Region bedrohe. Die sanskritischen Normen reflektierten die kosmischen Prinzipien der Vedischen Gesetze. Nach Frykenbergs Erläuterung entsprechen diese "Gesetze" den "Gestalt"-Prinzipien von Chamberlain bis Capra. Frykenberg findet den Ausgangspunkt des "hinduistischen Fundamentalismus" bei Mahatma Gandhi, der in Europa und den USA nur als Friedenskämpfer bekannt sei, in Wahrheit aber ein völkisch-religiöser Nationalist gewesen sei. Gandhi sei kein Freund der Demokratie und der politischen und sozialen Gleichheit gewesen, sondern habe die Unterprivilegierten auf ihren vermeintlich göttlich zugedachten Platz am unteren Rand der Gesellschaft verwiesen. In seinem "geschlossenen Hindu-Weltbild" habe er niemals die Hegemonie der obersten Klasse im religiösen, sozialen und politischen Bereich in Frage gestellt. (379)
Die Krishna-Zeitschrift "Back to Godhead", die sich selbst in den Dienst der "Respiritualisierung der menschlichen Gesellschaft" gestellt hat, brachte im Januar 1991 eine Zeichnung auf ihrem Titelblatt, die mehr zeigt als nur den Traum von einer angeblich heilen Welt. Da kommt unter der Parole "Getting free" ein Arbeiter aus der Welt der qualmenden Fabrikschlote, Tanklastzüge, Öltonnen und Kriegsschiffe, die im Strudel alles in die schwarze Tiefe reißt. Der Arbeiter zieht den Blaumann aus, wirft Schutzhelm und Schraubenschlüssel weg und wendet sich der vermeintlichen agrarischen Idylle zu, in der ein Ochse den Pflug zieht, ein Bauer mit der Sense das Korn schneidet und im Hintergrund Fähnchen auf einem indischen Hare Krishna-Tempel flattern. Kahlköpfige Krishna-Jünger mit der Trommel begrüßen ihn freudig. Dies ist das Sinnbild der naturreligiös gestützten Subsistenzwirtschaft, das auch in der Ökologiebewegung durch die Köpfe vieler geistert. Daß diese Gesellschaftsvorstellung nirgendwo, erst recht nicht in Indien, jemals zum Nutzen der Mehrheit funktioniert hat, spielt für ihre ideologische Funktion keine Rolle, denn es geht darum, die Grundprinzipen des Organizismus in den Köpfen der Menschen zu verankern. Naturspirituelle Ökofreaks sind hier die "nützlichen Idioten" der Herrschenden. Wenn sie an ihren naturromantischen Ideen festhalten und sie tatsächlich realisieren wollen - statt zu begreifen, daß der pantheistische Organizismus die autoritäre Verfassung einer faustischen Industriegesellschaft legitimieren soll - werden sie, wie in den dreißiger Jahren die völkischen Ideologen, in die Wüste geschickt bzw. direkt politisch verfolgt.
Daß die Bevölkerung in einer solchen Gesellschaft zur mühseligen Handarbeit zurückkehren müßte, wird oft sogar als erstrebenswertes Ziel ausgegeben. So steht z. B. im "ÖkoKalender '92", der von der Umweltorganisation "Robin Wood e. V." herausgegeben wird, in einem Text über "Frauen und Ökologie": "Die Übertragung aller 'lästigen' Arbeiten an Maschinen schafft Kälte und Einsamkeit statt menschliche, gesellschaftliche Beziehungen in der Gesellschaft - dies kann kein Ziel sein. ... Wenn Arbeit wieder als Freude erlebt wird, kann Arbeitszeitverkürzung kein Ziel sein." Es wird "der vermehrte Einsatz menschlicher und tierischer Energien" gefordert und schließlich sogar indirekt die Ideologie des Mutterkreuzes wiederbelebt: "Durch die Bewertung der Arbeit nach ihrem Beitrag zum Leben-schaffen und -erhalten entfällt das breite Feld der Ideologisierung und Verachtung der Frauen als Mütter." Fragt man die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft, so sind sie allerdings kaum bereit, zur alten Handarbeit zurückzukehren und diese Mühen - auch noch bei verlängerter Arbeitszeit - wieder auf sich zu nehmen und dabei gleichzeitig auch noch Mütter und Väter zu sein. Zur Frage nach der Möglichkeit, eine Milliardenbevölkerung mit dem Ochsenpflug zu ernähren, äußert sich die Autorin im Robin-Wood-"ÖkoKalender" nur indirekt: Es müßten "neue soziale Formen der Regelung der Fortpflanzung entstehen." Sie läßt auch offen, wie denn nun die acht Milliarden Menschen auf ein paar Millionen reduziert werden sollen. Entgegen allen Tatsachen über eine längere Lebenserwartung der Menschen durch bessere Ernährung, Gesundheitsvorsorge, Hygiene und Schutz vor Naturgewalten - durch Zivilisation also - wird hier behauptet: "Bevölkerungswachstum nicht als Ursache, sondern infolge von Kolonisierung, Missionierung, Patriarchat und Naturausbeutung können das Ökosystem der Erde gefährden." (380)
Entbehrungen jeder Art - vor allem auch, um Krieg führen zu können - mutet Erich Fromm überall in seinem Buch "Haben oder Sein" den Menschen zu, ergänzt um Haßtiraden auf die Gewerkschaften, die ein Zurück zur Handarbeit und eine längere Arbeitszeit wohl kaum auf ihre Fahnen schreiben werden. In ähnlicher Weise äußert sich Rudolf Bahro in seiner hektographierten Schrift "Über kommunitäre Subsistenzwirtschaft und ihre Startbedingungen in den neuen Bundesländern", die ein gänzlich wirklichkeitsfremdes und autoritäres Gesellschaftskonzept mit der Konsequenz des materiellen und psychischen Massenelends beinhaltet. Ihm schwebt vor, daß auserwählte Elitemenschen, "von einer spirituellen Motivation zusammengehalten", Kommunen von weniger als fünfzig Mitgliedern bilden, in denen auf vorzivilisatorische Art gewirtschaftet werden soll. Dabei stelle sich "tendenziell von selbst das (in der bisherigen Zivilisation so grundlegend gestörte) Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern wieder her", offenbar naturwüchsig, denn das "Gemeinwesen" soll neben "der spirituellen Praxis" vom "Naturverhältnis" getragen sein. Das heißt dann für die Frauen wohl wieder: Kinder, Küche, Kirche statt Kinderkrippen und der Möglichkeit zur selbstbestimmten statt Mutter-Natur-bestimmten Lebensführung.
"Bei dieser Lebensweise liegt die Priorität auf den ursprünglichen Zyklen und Rhythmen des Lebens", so Bahro, "die Differenzierung der Bedürfnisse und Fähigkeiten" sei "rückgebunden an die kosmische Einordnung und besondere Bestimmung der menschlichen Existenz." Die Menschen erneut an "ursprüngliche Lebensrhythmen" zu binden - die allerdings niemand mehr kennt: Was heißt denn "ursprünglich"? -, das schwebte auch Jakob von Uexküll in seiner "Staatsbiologie" vor, in der die ständischen "Organbäume" des Staatsaufbaus dies organisatorisch leisten sollten: etwa der "Nährstand" vom Bauern über den Müller, Bäcker, usw. zum Endverbraucher. Was in der menschlichen Geschichte "ursprünglich" heißt, geben die spirituellen Seher im Auftrag der Herrschenden kund. Und "das, worauf es ankommt" im Leben, gibt Bahro den Menschen vor, die sich damit abzufinden haben: "Schönheit und Ordnung eines Milieus, Weisheit und Kultur im Umgang mit Konflikten." Menschliche Freiheit und Emanzipation von Mühsal, Krankheit, Unterdrückung und Dämonen sind hier keine Werte mehr, ebensowenig Demokratie und gleiche Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen; statt dessen wird gefordert, sich den naturreligiös legitimierten Vorgaben unterzuordnen. Schon Gerd-Klaus Kaltenbrunner fragte 1984 in "MUT": "Müssen Demokratien häßlich sein?" und befand, daß vor allem der Adel "Anmut, Pracht, Festlichkeit" aufzuweisen habe. Er nennt die Pharaonen und römischen Kaiser, Ludwig XIV. von Frankreich (Versailles) und Ludwig II. von Bayern (Neuschwanstein !) und befindet, sie "waren zwar keine Demokraten. Doch sie haben ihren Völkern immerhin bewiesen, daß Macht und Schönheit, Politik und Kultur einander nicht ausschließen müssen", vor allem, wenn es Sklaven und Bauern sind, die diese Schönheit in Handarbeit schaffen, ohne an ihr teilhaben zu dürfen.
Bahro lehnt in seiner Schrift zur Subsistenzwirtschaft ausdrücklich die Demokratie ab und fordert - ohne dies so zu benennen - den spirituellen Guru-Psycho-Terror gegen Andersdenkende, die innerhalb der Kommune solange mit angeblichen kosmischen Notwendigkeiten traktiert werden sollen, bis sie von selbst aufgeben: "Das Wohin, die allgemeinen Angelegenheiten und die Regeln des Zusammenlebens können nur in einem konsensualen, nicht auf Köpfe zählende Abstimmung gegründeten Prozeß entschieden werden." Wie der "Konsens" in spirituellen Gemeinschaften - Sekten - hergestellt wird, ist ja allgemein bekannt. Bei diesem Verfahren der konsensualen Einheitsstiftung mit dem Kosmos wird den unterlegenen Minderheiten nicht einmal mehr die Möglichkeit des Bewußtseins der Niederlage gelassen, aus dem heraus sie die Kraft zu Protest, zu neuem Kampf für neue Mehrheiten gewinnen könnten. In Bahros Ideologie garantiert das Prinzip des spirituell begründeten Konsenses die angestrebte gesellschaftliche Stagnation auf vorzivilisatorischem Niveau. Tatsächlich aber entmündigt es die Massen zugunsten der Herrschenden und Eliten. Diese Weltanschauung kann nur totalitär sein, weil sie auf der einen Totalität der Welt aufbaut, von den Planetenbahnen bis zur Entscheidung über einen Kanaldeckel in der Straße, ungeachtet der realen qualitativen Unterschiede.
Der rechtsextreme ehemalige Bankdirektor und Unternehmensberater Arthur Korsenz entwirft in dem Buch "Mut zur Identität" des "Thule-Seminars" einen Autarkie- und Dezentralisierungsplan für Nordwesteuropa, den er ausdrücklich als Ausarbeitung entsprechender Ideen der Ökologiebewegung verstanden wissen will. Er beruht u. a. auf Arbeiten Henning Eichbergs und steht in der langen Tradition der Autarkie-Bestrebungen des Faschismus. Der Plan soll - im Sinne des inneren "Yin und Yang" von Autarkie und Imperialismus - "Europa wieder die Machtstellung in der Welt zurückgeben, die ihm gebührt", sein Ziel ist die "Herstellung eines solchen handlungsfähigen Europa." Er führt als scheinbar antiimperialistisches Argument für die Autarkie den schädlichen Einfluß Europas in der "Dritten Welt" an, der zur Überbevölkerung geführt habe, weil "unter europäischer Herrschaft bzw. durch sonstigen europäischen Einfluß die natürlichen Bevölkerungsregulative in diesen Ländern - Hunger , Seuchen, Krieg - weitgehend ausgeschaltet wurden." Welche Perspektive also für die "Dritte Welt" bleibt, wenn die Politik wieder aus den Naturmythen schöpft, läßt sich leicht ersehen. Im Gegensatz zu vielen New Agern spricht Korsenz es aus: "Man soll, von gewissen, nicht (!) humanitär begründeten Ausnahmen abgesehen (hier ist wohl die Ausbeutung der Rohstoffe gemeint, P. K.), die Entwicklungsländer sich selbst überlassen und in Kauf nehmen, daß sie sich auf die Menschenzahlen, die sich selbst ernähren können, zurückhungern." (381)
An den konkreten Folgen von Naturreligiösität ist zu erkennen, daß sie niemals eine Grundlage oder auch nur ein Teil linker Weltanschauung sein kann, weil sie niemals den Bedürfnissen der Mehrheit gerecht werden wird, weil sie im Gegenteil zur Rechtfertigung der Privilegien der vorzivilisatorischen Herrschenden erdacht wurde und - reformiert und den veränderten Bedingungen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts angepaßt - von den Ideologen der heute Herrschenden propagiert wird. Das Bestreben nach Subsistenzwirtschaft, nach Autarkie, nach Selbstversorgung und Abgeschlossenheit gegen andere, ist die logische Folge des Gestalt-Konzeptes. Schon Johann Gottlieb Fichte predigte im Jahre 1800 die Autarkie als Konsequenz seines pantheistisch-ganzheitlichen Denkens in seinem Buch "Der geschlossene Handelsstaat". Die neuheidnischen Nazi-Organizisten, allen voran der Ernährungsminister und Reichsbauernführer Walter Darr‚, scheiterten mit ihren Versuchen kläglich, auch nur kurzfristige Selbstversorgungspläne durchzusetzen. Entbehrungen für die Massen sind die durchgreifendste Folge der Autarkie und das eigentliche Ziel des organizistischen S